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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Das Ritual

Eine Kurzgeschichte von Katharina Schwarz


Prolog
Eigentlich war es ein ganz normaler Freitag Abend. Ungewöhnlich war nur, dass es der 31.10., also Halloween, war und draußen das Grollen von einem herannahendem Gewitter zu hören war. Die fünf Kinder hatten es sich im Keller gemütlich gemacht. Na ja, gemütlich war sehr schmeichelhaft ausgedrückt, sie hatten eher eine unheimliche Atmosphäre geschaffen: es brannten nur 5 Kerzen, die, durch das umherstehende Gerümpel, geisterhafte Schatten an die Wände warfen, auf dem staubigen Boden war mit schwarzer Kreide ein Pentagramm gemalt, um das noch ein Kreis gezogen war. Innerhalb des Kreises waren alle 26 Buchstaben des Alphabetes und die Ziffern 0 - 9 gemalt. Den Kindern war etwas mulmig zumute, es war der 7. Todestag ihres Vaters, er wollte damals eine Flasche Wein aus dem Keller holen und war so unglücklich die Treppe herunter gestürzt, dass er sich das Genick brach und sofort tot war. All das ging den älteren vier Kindern in diesem Augenblick durch den Kopf und das machte die Situation nicht gerade angenehmer. Die jüngste, Nina, wusste es nicht. Es war nämlich ihr siebter Geburtstag und niemand hatte ihr bis jetzt gesagt, dass ihr Vater den Wein auf ihre Geburt trinken wollte. Irgendwann würde sie alt genug sein, dass ihr jemand die Geschichte erzählen würde. Bisher glaubte sie noch, dass er bei einem Autounfall tödlich verunglückt war. Wäre heute nicht ihr Geburtstag, hätten ihre vier älteren Geschwister sie niemals mit in den Keller genommen, aber sie konnten sie ja nicht alleine in ihrem Zimmer lassen. Ihre Mutter war an diesem Abend bei einer Freundin, sie wollte am Todestag ihres Mannes nicht im Haus sein. Tagsüber hatte sie sich zusammen genommen, um dem Kind den Geburtstag nicht zu verderben, dann war sie regelrecht aus dem Haus geflohen. So kam es, dass Nina an ihrem siebten Geburtstag mit ihren Geschwistern im Keller saß und ein gruseliges Spiel spielte. Chris, der älteste, schaute etwas besorgt zu seiner kleinen Schwester und hoffte, dass sie keine Alpträume von diesem Spiel davontragen würde. Er war elf, als ihr Vater starb und hatte somit die Vaterrolle für Nina übernommen. Sie war sein ein und alles, er würde für sie sterben, soviel stand für ihn fest. Seine Schwester Doreen, legte stirnrunzelnd das dicke alte Buch zur Seite, sie hatte es auf dem Dachboden hinter einer alten Kommode gefunden, und erklärte den Anderen: "Also, laut des keltischem Glaubens ist heute Samhain, das Fest, an dem die toten Verwandten die Lebenden besuchen, oder so ähnlich. Ich kann diese alte Schrift nicht so gut lesen, aber wenn wir alles richtig machen, dürften wir tatsächlich einen Kontakt ins Jenseits herstellen können." Sie runzelte erneut die Stirn und schaute fragend auf ihre Geschwister. "Na, dann los!" John war okkulten Dingen sehr skeptisch gegenüber eingestellt. Er war zwar erst 16 Jahre alt, aber ein Genie in Wissenschaftlichen Dingen. Für ihn gab es immer eine natürliche oder logische Erklärung. Seiner Meinung nach würde gleich gar nichts passieren, aber trotzdem lief ihm ein leichter Schauer über den Rücken. Sarah stellte das alte Kristallglas, auch ein Relikt des Dachbodens, verkehrt herum in die Mitte des Pentagramms, und legte ihren linken Zeigefinger auf den Rand des Glasbodens. Sie war vollkommen fasziniert, von allem was Übernatürlich war. Seit sie vor kurzem zwölf geworden war, zog sie nur noch schwarze Kleidung an und weigerte sich in die Kirche zu gehen, da es ihr angeblich Schmerzen bereiten würde. Ihre Mutter tat es als ersten pubertären Ausbruch ab und kümmerte sich nicht weiter darum. Alle anderen legten jetzt auch ihren Finger auf den Glasboden und Doreen las, so gut es ging, eine keltische Beschwörungsformel aus dem Buch vor. Erst passierte gar nichts. John wollte gerade seinen Finger vom Glas nehmen, als es sich plötzlich bewegte. Die fünf Kinder sahen sich verblüfft an und Chris wollte schon etwas sagen, als sich das Glas heftiger bewegte und auf einen Buchstaben zusteuerte. "W" Das Glas bewegte sich weiter, noch ein Buchstabe, "E" und schon ging es zum Nächsten. Das Glas bewegte sich immer schneller und die Kinder hatten Mühe den Buchstaben zu folgen und Worte herauszulesen. Nina war damit völlig überfordert. Sie war vor 10 Wochen erst in die Schule gekommen und war mit Buchstaben noch nicht besonders gut vertraut. Sie wollte den Finger vom Glas ziehen, da es ihr ziemlich Angst machte, aber er schien wie festgeklebt. Schließlich bewegte sich das Glas immer schneller und begann von innen heraus immer heller zu leuchten, bis es schließlich glühte. Sarah gelang es als erste ihren Finger vom Glas zu ziehen, sie musste so eine Kraft aufwenden, dass sie rückwärts purzelte und ihren Pullover ganz staubig machte. Jetzt konnten auch die anderen ihren Finger wegnehmen. Außer der kleine Nina, sie war mittlerweile wie hypnotisiert und starrte weiterhin auf das Glas, wie es sich bewegte. Chris riss ihren Arm zur Seite und in dem Moment hörten sie ein Surren und das Glas zersprang in viele kleine Stücke. Nina schrie und warf sich in Chris´ Arme. Dann blitzte und donnerte es gleichzeitig, ein Kellerfenster sprang auf, Wind brauste in den Kellerraum und die Kerzen gingen aus. Alle waren wie gelähmt. Keiner Sprach ein Wort. Sie hörten lediglich einen heftigen Regen, der mit dem Gewitter heraufgezogen war und Ninas Schluchzen. Chris fasste sich als Erster. "John, mach bitte das Licht an. Doreen, räum bitte mit Sarah die Scherben weg und putze den Boden. Ich bringe Nina nach oben und lege sie in ihr Bett. Kommt ihr dann bitte nach?" Alle nickten. Als John das Licht angeschaltet hatte, hob Chris seine kleine Schwester hoch und trug sie nach oben. Er blieb die ganze Zeit an ihrem Bett sitzen und wartete darauf, dass sie etwas sagte. Aber sie lag nur schluchzend unter ihrer Bettdecke und rührte sich nicht. "Nina, soll ich Dich alleine lassen?" "Nein, bleib da. Ich will nicht alleine Schlafen." Doreen kam mit einem Tablett herein, auf dem fünf Tassen waren aus denen es dampfte. "Ich habe heiße Milch mit Honig gemacht." Sie deutete auf eine der Tassen und auf Nina und deutete lautlos das Wort Baldrian. Chris verstand. "Nina, hier ist Deine Lieblingstasse, Doreen hat uns allen Milch mit ganz viel Honig gemacht. Trink das!" Nina wurschtelte sich aus ihrer Bettdecke heraus, nahm die Tasse und trank ihre Milch mit einem Zug leer. "Das war gut." sagte sie. Chris wischte ihr den Milchbart von der Oberlippe, deckte sie gut zu und es dauerte nicht lange, da atmete sie ruhig und gleichmäßig. "Sie ist eingeschlafen. Ich bleibe heute Nacht hier." Mittlerweile waren auch die anderen Geschwister hereingekommen, setzten sich dazu und tranken ihre Milch. Lange Zeit sprach keiner ein Wort. Weiterhin trommelte der Regen gegen das Fenster, aber es wirkte nicht mehr bedrohlich, sondern beruhigend. Sarah zog ihre Kleidung aus, ging an den Schrank und holte eines ihrer älteren Nachthemden, eine weißes, heraus. John fragte sie verblüfft, ob mit ihr alles in Ordnung sei. Sarah schaute in die Runde und sagte nur: "Mum hatte Recht, es war nur ein pubertärer Spleen. Ab Morgen ziehe ich mich wieder normal an. Chris Du schläfst ja heute Nacht hier, ich lege mich zu John ins Zimmer, er hat ja eine Schlafcouch. Ich mag nicht alleine in Deinem Zimmer schlafen." Doreen nickte und sagte: "Johns Couch ist groß genug für uns zwei. Ich schlafe auch dort." John grinste nur. "Schön, dann habe ich ja heute Nacht gleich zwei Frauen in meinem Zimmer, da kann ich ja gar nicht onanieren." Dieser Spruch löste die Spannung, die Mädchen kicherten und Chris fragte, wie er denn nach dieser ganze Geschichte überhaupt an solche Dinge denken konnte. Doreen sammelte die Tassen ein und brachte sie in die Küche. Auch die anderen Zwei verabschiedeten sich und gingen in Johns Zimmer, um das geschwisterliche Schlaflager herzurichten. Chris streichelte noch einmal über Ninas Kopf, dann legte er sich in Sarahs Bett. Schläfrig dachte er noch, dass Nina hoffentlich keinen Schaden durch diese Geschichte genommen hatte, dann schlief auch er endlich ein. Am nächsten Tag war alles wie gewohnt und keiner der Fünf sprach je wieder über das Erlebnis im Keller.

Kapitel 1: Wiedersehen
Chris hörte das schrille Klingeln des Weckers und war froh, dass es ihn aus seinem merkwürdigen Alptraum riss. Er griff nach dem Urheber des fiesen Klingeln und stellte es ab. Er stellte fest, dass er mal wieder nassgeschwitzt war. Das konnte an dem australischen Klima liegen, oder an diesem Traum. Er griff neben sein Bett, da hatte er immer eine Flasche Wasser drapiert, trank gierig und versuchte die Gespenster der Nacht aus seinem Bewusstsein zu vertreiben. Es war wieder dieser Traum. Seit knapp 14 Jahren verfolgte ihn diese blöde Geschichte. Es war doch nur ein Spiel gewesen, damals im Keller seines Elternhauses. Er gähnte noch einmal, dann schwang er sich aus dem Bett, schlappte müde in sein Bad und stellte sich unter die Dusche. Hierbei vergaß er seinen Traum erst einmal für eine Weile. Sein Chef und ehemaliger Klassenkamerad Ralf rief ihn an und gab seine Termine für den heutigen Tag durch. Bäh, er musste mal wieder in Richtung des australischen Outback, da ein Farmer mit seinem neuen PC nicht zurecht kam. Er würde wahrscheinlich den halben Vormittag und einen Teil des Nachmittags damit verbringen, dorthin zu fahren, den PC wieder flott zu machen und zurückzufahren. Dann hatte er noch zwei Kunden in der Nähe von Sidney. Das war sein Job. Sein Chef verkaufte PCs und andere Elektronikartikel und wenn etwas nicht mehr richtig ging, machte er Hausbesuche und versuchte die Fehler vor Ort zu beheben. Er fuhr mit seinem Firmenwagen über die schnurgerade Straße, hörte laut Musik und sang mit. Plötzlich sah er den Mann, der mitten in dieser Einöde an der Straße stand und sich keinen Millimeter rührte. Erst hielt er ihn für einen Baum, dann für einen Penner und schließlich für einen Tramper. Beim Vorbeifahren sah er, dass es ein Aborigini, ein Ureinwohner Australiens war. Er kümmerte sich nicht weiter darum, fuhr weiter und Minuten später war er bei der Farm angelangt und der Mann war vergessen. Er hatte die Onlineverbindung des Farmers schnell wieder hergestellt, hatte ein schönes Trinkgeld kassiert und steuerte den Wagen gut gelaunt wieder in Richtung Sidney, als er den Mann schon wieder sah. Er hatte sich nicht bewegt und stand an der gleichen Stelle. Normalerweise hielt er nie unterwegs an, es sei denn seine Blase meldete sich, aber irgendetwas in ihm befahl ihm anzuhalten. Er wollte gerade aus seinem Wagen aussteigen, da kam der Mann auf ihn zu. Chris konnte das Alter des Mannes nicht richtig einschätzen, da er kleiner als er war und ziemlich bemalt. Außer einem Lendenschurz trug er nichts. Seine Haare waren komplett abgeschoren und auch seine Kopfhaut war mit seltsamen Zeichen bemalt. "Kann ich Ihnen helfen? Brauchen Sie Hilfe?" Der Mann zog seine Oberlippe hoch, so dass Chris seine etwas unsauberen Zähne und eine Zahnlücke erkennen konnte. "Ist Ihnen etwas passiert? Sprechen Sie Englisch?" Der Mann deutete auf die Rückbank. Chris drehte sich um und betrachtete die Dinge, die auf seiner Rückbank herumlagen: eine verkrumpelte Chipstüte, eine leere Schachtel Kippen und sein Aktenkoffer. Verständnislos schaute er wieder auf den Mann, dieser nickte und deutete wieder auf seine Rückbank. Chris stieg aus dem Wagen aus, öffnete die hintere Wagentür, damit der Mann das herausholen konnte, was er von ihm wollte. Der Mann grinste und entblößte wieder seine merkwürdigen Zähne. Er deutete jetzt auf Chris´ Aktenkoffer und sprach einen merkwürdigen Kauderwelsch in leichtem Singsang. Chris schüttelte den Kopf, er verstand immer noch nicht. Der Mann deutete wieder auf seinen Koffer, diesmal etwas ausdrücklicher. Chris überlegte kurz, entweder fuhr er jetzt einfach weg und ließ den Mann hier stehen, oder er öffnete seinen Koffer, ließ den Mann reinschauen und hoffte, dass er dann Ruhe geben würde. Er hatte noch viel zu tun und wollte eigentlich nichts wie weg, aber er entschied dann, dass er doch lieber seine Koffer öffnen wollte. Der Mann zeigte auf ein kleines Nebenfach des Koffers, Chris griff hinein und fand seine Kette. Es war eine silberne Halskette an die er den Ring von Nina gehängt hatte. Sie hatte diesen Ring von ihrem Finger gezogen und ihm als Talisman gegeben, kurz bevor er für immer aus seiner Heimat "floh", da er das Angebot von Ralf annahm, ihm beim Aufbau seiner Firma zu helfen. Es war das Einzigste, was ihn an seine Heimat, bzw. an seine Schwester, erinnerte. Da der Ring zu klein für seine Finger war, hatte er sich eine Kette gekauft und ihr anfangs um den Hals getragen, aber durch die Australische Hitze hatte er einen Ausschlag bekommen und so trug er sein Andenken in seinem Aktenkoffer mit sich. Der Mann nahm ihm den Ring aus der Hand, die Kette interessierte ihn nicht, schaute ihn sich näher an und nickte zufrieden. Wieder redete er in seiner Sing-Sang Sprache auf ihn ein. "Nein, das ist mein Ring! Das ist das Einzige, was ich von meiner Schwester habe!" Der Mann tippte mit einem Finger auf seine Brust und sprach endlich ein Wort, das Chris verstand: "Mut", dann griff er an seinen Lendenschurzes und gab Chris einen Gegenstand, den er an dem Bund des Schurzes befestigt hatte. Es war ein Boomerang. Wieder gab der Mann seltsame Laute von sich, steckte den Ring in einen Beutel und wollte gehen. Chris konnte es nicht fassen. Das war SEIN Ring. "Hey, gib mir meinen Ring wieder her!" Der Mann drehte sich noch einmal zu ihm um und sprach Worte mit so einem komischen Akzent, dass Chris Probleme hatte sie zu verstehen: "Mut, Geist, Liebe, Macht, Nischnjia" Noch während Chris über das letzte Wort grübelte, lief der Mann auf ein Gebüsch zu, hob seinen dort liegengelassenen Speer auf und ging in einem hüpfelnden Gang durch die Prärie. Chris schaute ihm verdutzt nach. Da stand er, mit einem Boomerang in der Hand. Der Mann hatte ihm seine einzige Erinnerung an seine geliebte Schwester genommen. Noch während er das dachte, wusste er plötzlich, was das letzte Wort bedeutete: NINA! Woher kannte er den Namen seiner Schwester? Warum wollte er den Ring haben? Und was soll er mit diesem blöden Boomerang? Chris wollte ihn schon wütend wegschleudern, da fiel ihm eine Szene aus einem Cartoon ein, wo irgendein Vieh einen Boomerang wegwarf und das Ding im hohen Bogen zurückkam und das Vieh am Hinterkopf traf. Nee, das wollte er nicht, er warf das Ding ins Auto, schloss den Aktenkoffer, warf die hintere Tür zu, setzte sich wieder ins Auto und fuhr wütend an.
Als er gegen Abend an der Firma von Ralf ankam, wollte er ihm gleich von dem merkwürdigen Vorfall erzählen, aber bevor er nur einen Satz sagen konnte, erklärte ihm Ralf, dass ein Telegram aus Deutschland gekommen sei. Chris wich die Farbe aus dem Gesicht. Das konnte nur eine Nachricht von seiner Schwester sein. Und tatsächlich, es war von ihr. Leider hatte sie keine gute Nachricht geschickt, ihre Mutter war gestorben und Nina bat ihn zur Beerdigung am 25. Oktober zu kommen, wenn es möglich wäre. Uff, das war ein harter Schlag. Schnell klärte er mit Ralf, dass er seinen Urlaub nehmen müsste, da seine Mutter verstorben war. Ralf machte keine Probleme und zwei Tage später war er auf dem Weg nach Hause.
Autsch! Chris Knochen schmerzten wahnsinnig. Er versuchte eine bessere Sitzposition einzunehmen. Er hatte noch ungefähr zehn Stunden Flug vor sich, zur Zeit machten sie Zwischenstop in Bangkok und einige Leute stiegen aus, aber es stiegen auch viele ein. Mist, dann kann ich mich wahrscheinlich doch nicht auf mehreren Sitzen ausbreiten, dachte er. Ein Mann mit längeren Haaren verstaute sein Handgepäck in der Klappe über den Sitzen. Schließlich setzte er sich neben Chris. Chris schaute demonstrativ aus dem Fenster, er wollte jetzt ganz bestimmt keinen Smalltalk machen. Das Flugzeug bewegte sich in Richtung der Startbahn und Chris dachte an das, was ihn zu Hause erwartete. Er hatte den Boomerang eingepackt, damit er ihn Nina mitbringen konnte, schließlich war ihr Ring ja mittlerweile irgendwo im Australischen Busch. Irgendwie freute er sich auf seine Geschwister, obwohl ihn ein komisches Kribbeln überkam, wenn er daran dachte. Wieder fielen ihm die Worte des Buschmannes ein und dass er den Namen seiner Schwester wusste. Das verstand er nicht. Um sich abzulenken, dachte er an seine anderen Geschwister. Sarah, Doreen und John. Hi, Hi, ob John immer noch eine schiefe Nase von der Balgerei hatte? Er und John hatten sich im Spaß gebalgt bis John unglücklich stürzte und seine Nase am Wohnzimmerschrank angeschlagen hatte. Er hatte sich das Nasenbein gebrochen und musste ins Krankenhaus. Das war vor zehn Jahren gewesen. Sicher hatte er sich die Nase richten lassen, damals war sie nämlich etwas schief zusammen gewachsen. Plötzlich wurde Chris stutzig, er schaute auf seinen Nebenmann und stellte fest, dass dessen Nase die gleiche Wölbung und Schieflage wie die seines Bruders hatte. Es war sieben Jahre her, seit er seinen Bruder das letzte mal gesehen hatte, aber diese Nase war so einmalig, das konnte kein Zufall sein. Der Mann neben ihm bemerkte seinen Blick und erklärte: "Das war mein großer Bruder, wir haben uns gebalgt und ich habe mir dabei die Nase gebrochen." Chris konnte sich nicht beherrschen: "Hallo John! Ich dachte, Du hättest Deine Nase mittlerweile mal richten lassen." John schaute verdutzt, dann begriff er. "Chris, schön Dich zu sehen!" Beide umarmten sich herzlich. Nachdem beide verstohlen ein paar Tränen aus den Augenwinkeln gewischt hatten, fragte Chris neugierig: "Na, was machst Du denn in diesem Flugzeug?" "Hm, ich würde sagen, ich fliege von Bangkok nach Frankfurt, um aus traurigem Anlass meine Geschwister wiederzusehen." Ein kurzer Schatten zog über sein Gesicht. "Ja, es ist schlimm.", antwortete Chris auf eine Frage, die John nicht gestellt hatte, "aber weißt Du näheres?" "Als Du damals gingst, ging es Mum noch ganz gut, aber so nach einem Jahr fingen diese bösen Hustenanfälle an. Erst hat es wohl keiner Ernst genommen, dann hat Nina sie zum Arzt geschleift. Lungenkrebs. Damals hieß es, es wäre noch nicht so schlimm, Mum könnte den Krebs besiegen. Dann ging ich nach Thai-Land und war so in Arbeit vertieft, dass ich nicht mehr mitbekam, was zu Hause los war." "Erzähl mir von Dir, was machst Du in Thai-Land? Ich dachte, Du wärst mittlerweile Atomphysiker oder ähnliches." "Das wollte ich ja auch, aber da Mum krank wurde, konnte ich nicht mehr weiterstudieren. Ich habe mich dann durch diverse Praktika und Abendschulen geschleppt, bis ich an eine Firma kam, die mich auf Brückenbau schulte; Statik ausrechnen und so, vor fünf Jahren kam das Angebot, dass ich nach Thai-Land gehen sollte. Um dem Stress zu Hause zu entfliehen, habe ich das Angebot angenommen. Na ja, und irgendwie wollte ich mich zu Hause gar nicht melden. Ich wollte nicht mitbekommen, was dort ablief. Ich bin genau wie Du geflohen." "Bist Du verheiratet?" "Nein, bis jetzt nicht, ich habe zwar viele Frauen getroffen, die mich sofort geheiratet hätten, aber das ist in Thai-Land mehr so eine Verzweiflungstat. Die Armut ist verdammt hoch und Frauen habe entweder die Möglichkeit auf den Strich zu gehen oder einen Ausländer zu heiraten, sonst bleiben sie in der Gosse. Was ist mit Dir? Wie vielen Frauen hast Du schon das Herz gebrochen?" Chris schüttelte den Kopf. "Ich brauche keine Frau, klar hier und da habe ich schon mal meinen Spaß gehabt, aber es war nie eine dabei, die mir etwas bedeutet hätte." Fast hätte er hinzugefügt, dass es keine wie SIE gab. Aber er ließ es. John wusste es auch so. "Hast Du mal was von den anderen gehört? Ist eine von den Mädchen verheiratet?" Chris traute sich kaum diese Frage auszusprechen. "Nein, nicht dass ich wüsste. Aber wenn eine geheiratet hätte, hätten wir das bestimmt mitgeteilt bekommen. So wie das Telegram, dass ich vor zwei Tagen bekommen habe. Ach so, eines weißt Du noch nicht: Sarah ist einem Konvent beigetreten, ca. ein halbes Jahr, nachdem Du gegangen bist." Das überraschte Chris nicht. Sarah hatte sich während ihrer Pubertät immer mehr zurückgezogen und ging auf einmal jede Woche in die Kirche. Als sie 18 war, hatte sie sich erneut taufen lassen, diesmal katholisch. Keiner sprach offen aus, warum das so war, aber alle vier wussten es. Nur ihre Mutter hatte keine Ahnung, sie tat es wieder als Spleen ab. Vielleicht wollte sie es auch gar nicht wissen. Chris erzählte John von seinem Leben in Australien, John erzählte von Thai-Land und noch bevor die Zwei es so richtig merkten, war der Flug auch schon rum. Chris war nervös. Er hatte Nina seine Flugdaten per Telegram mitgeteilt und hoffte irgendwie, dass sie am Flughafen auf ihn wartete. Als Chris und John ihr Gepäck geholt hatten und durch den Zoll gelaufen waren, hielt Chris die Luft an. Er schaute auf die Menschen die vor dem Terminalausgang warteten, aber soweit er sehen konnte, war kein Mensch dabei, der seiner Schwester irgendwie ähnelte. Enttäuscht seuftze er. Da zog John ihm am Ärmel seiner Jacke und deutete auf eine junge Frau. Chris´ Herz klopfte, aber nein es war eine andere Frau in Ninas Alter. Sie hielt ein Schild mit ihren Namen in der Hand. John und er gingen auf sie zu. "Hallo, ich bin Nicole, eine Freundin von Nina. Sie hatte leider einen Termin.." hastig sprach sie weiter, "wegen der Beerdigung und so. Ich soll Euch abholen und nach Hause bringen." Chris sah sich Nicole näher an. Sie war sehr hübsch: blonde Haare, braune Augen und eine ziemlich schmale Figur. Eigentlich gar nicht mein Typ, dachte Chris und war im nächsten Moment über seine Gedanken erschrocken. John bemerkte irgendwie seine Gedanken und da Chris gar nichts sagte, sprach er: "Hallo, ich bin John, das ist Chris. Wir sind etwas müde, da wir im Flugzeug nicht richtig schlafen konnten, wir haben uns seit sieben Jahren nicht mehr gesehen und da hatten wir viel nachzuholen, außerdem lief ein ziemlich guter Film und in der Quantas-Maschine wird man ständig mit Essen versorgt, so dass man gar nicht zum Schlafen kommt. Ich glaube, ich habe während dieses Fluges soviel gegessen, wie normalerweise in einer Woche oder so." "Kein Problem. Wir habe Eure Betten frisch bezogen, ihr könnt Euch gleich ausruhen." "Wie spät ist es eigentlich hier?" "16 Uhr" John stellte sofort seine Armbanduhr um. "Normalerweise würde ich so in einer Stunde aufstehen, puh der Jetleg ist echt mist." Nicole führte sie an einen kleinen klapprigen Opel Corsa. "Es ist keine Limosine, aber es fährt." entschuldigte sie sich für ihr Auto. Chris setzte sich auf die Rückbank und machte es sich bequem. "Besser als ein Flugzeugsitz!" John stimmte ihm zu, und so fuhren sie in Richtung des Heimatortes, der die beiden zurück in ihre Vergangenheit katapultierte.
Doreen stand in der Küche und kochte erst einmal einen starken Kaffee. Den würden sie alle brauchen. Die Jungs waren tags zuvor heimgekommen und nach einer kurzen Begrüßung ins Bett gefallen. Morgen früh war die Beerdigung, heute konnten sie ja noch alle ausschlafen, aber Doreen konnte und wollte nicht mehr schlafen, also machte sie sich daran ein Frühstück zu machen. Viel fand sie in der Küche nicht, es hatte sich zwar nichts geändert, aber Nina hatte in den letzten Wochen nur noch ihre Mutter gepflegt und kam kaum dazu etwas zu essen, bzw. Lebensmittel einzukaufen. Doreen fand, dass ihre Schwester sehr abgemagert aussah. Sie suchte gerade Tassen im Küchenschrank, als sie kurz stutzte, im mittleren Fach lagen so viele Medikamente, dass hier gar keine Tassen mehr standen. Die Tassen waren auf die anderen Fächer verteilt worden. Klar, dachte sie, Mum musste ja sau viele Medikamente nehmen bis sie endlich Erlösung im Tod fand. Brr, dieses Arzneilager verursachte bei ihr kein gutes Gefühl. Zum Glück konnte Nina jetzt diese halbe Apotheke entsorgen. Doreen deckte den großen Frühstückstisch, der noch immer in der großen Küche stand. Hier hatten sie als Kinder oft gesessen. Am Kopfende saß immer Dad, rechts daneben Mum, daneben saß erst immer Sarah und als Nina geboren war, wurde dort das Kinderstühlchen aufgestellt. Nach Dads Tod, hatte Chris immer am Kopfende gesessen, ihm gegenüber John, Sarah war neben Chris gerutscht und sie selbst saß zwischen John und Sarah. Aus alter Gewohnheit deckte sie genau die Plätze ihrer Geschwister ein. Der Platz von ihrer Mutter sah so leer aus. Doreen unterdrückte den Drang zu weinen, statt dessen legte sie auch dort ein Frühstücksgedeck auf. Vielleicht würde Nicole, die Freundin von Nina zum Frühstück kommen. Doreen hatte erfahren, dass Nicole eine Krankenpflegerin war, die Nina zur Unterstützung der Pflege angefordert hatte. Sie hatten sich angefreundet und Doreen war insgeheim froh, dass Nina jemanden hatte, an dem sie sich festhalten konnte. Ihre kleine Schwester. Sie machte sich solche Gedanken um sie, was würde jetzt aus ihr werden? Sie konnte doch nicht so alleine im Haus bleiben. Seufzend stellte Doreen fest, dass sie einkaufen gehen musste, damit etwas zu essen im Haus war. Nina hatte ihr gestern gesagt, dass sie gerne ihr Auto nehmen durfte, wenn etwas wäre. Also tat sie das auch. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass die Läden schon offen hatten und dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis Sarah kommen würde, sie war die Einzige, die noch unterwegs war. Doreen schrieb sich eine Einkaufsliste, schnappte ihre Kreditkarte und zog los.
Sarah sah das rote Auto aus der Straße kommen und wusste sofort, dass eines ihrer Geschwister wegfuhr. Es gab kein anderes Haus in dieser Straße, die Straße führte sanft den Hügel hinauf bis zu ihrem Haus. Sarah bekam Herzklopfen, wenn sie an das Haus dachte. Still betete sie ein Vater unser, dann ging sie langsam die Straße hinauf. Sie schaute nur auf den Asphalt unter ihren Schuhen, erst als sie kurz vorm Haus war, wagte sie aufzublicken. Majestätisch stand es im Sonnenlicht da. Genauso wie sie es vor knapp einem Jahr das letzte mal gesehen hatte. Es war ein hübsches Haus, klar etwas heruntergekommen, ein Außenputz wäre sicher mal wieder nötig, aber trotz allem hatte es nicht an Charme verloren. Sarah sah die große schwere Eingangstür mit der langen Steintreppe, die dem Haus etwas Villenähnliches verlieh. An den Fensterläden, die früher ganz in tiefblau gestrichen waren, blätterte die Farbe mittlerweile ab. Das Dach leuchtete aber immer noch so rot, wie sie es in Erinnerung hatte. Langsam ging sie um das Haus herum, zur Hintertür, die direkt in die Küche führte. Die Eingangstür wurde noch nie viel von ihnen benutzt. Sie war unheimlich schwer und erweckte den Eindruck einer Festung. Die Hintertür war irgendwann nachträglich eingebaut worden und stand eigentlich immer offen, Sommer wie Winter. Aus diesem Grund war Sarah verwunderte, dass die Tür nicht nur geschlossen, sondern auch noch abgeschlossen war, aber das war noch nie ein Problem gewesen. Ihre Mum hatte ein Schlüsselnotversteck in einem Blumenkasten eingerichtet, da bei fünf Kindern immer einer seinen Schlüssel vergessen hatte. Ein Griff in den Blumenkasten bestätigte ihr, dass es das Versteck noch immer gab. Sie schloss die Tür auf, drapierte den Schlüssel wieder im Kasten, hob ihre kleine Reisetasche wieder hoch und trat ein. Hm, frischer Kaffeeduft. Nachdem sie von Kenia aus nur einen Flug nach Stuttgart bekommen hatte und mit dem Zug zur City gefahren war, hatte sie den Bus genommen und war die letzten Meter zum Haus gelaufen. Jetzt sehnte sie sich nach ein wenig Geborgenheit und einer frischen Tasse Kaffee. Ihre Kutte hatte sie während der Fahrt nicht an, sie wollte kein Aufsehen erregen. Normalerweise versteckte sie ihren Glauben nicht, aber es war so praktischer Gewesen, wer weiß, wie ihre Kutte nach den Reisestrapazen ausgesehen hätte. Nina kam gerade die Treppe herunter, als Sarah sich in der Küche umsah. Sie fielen sich in die Arme und Sarah fiel auf, dass Nina ziemlich abgenommen hatte. Klar, dachte sie, die Strapazen der Pflege hätten aus jedem einen Strich in der Landschaft gemacht. Nina erklärte ihr, dass sie ihr ein Bett in ihrem alten Zimmer hergerichtet hatte, eigentlich war es mittlerweile Ninas Zimmer, aber sie habe sich woanders einquartiert, damit sich alle wieder zu Hause fühlten. Sarah ging nach oben, duschte sich erst einmal den Reisestaub ab, zog ihre Kutte an und als sie wieder in die Küche kam, waren John und Nina schon in einem Gespräch vertieft. Auch John umarmte sie herzlich und sagte ihr, dass sie in ihrer Kutte phantastisch aussah. Nina ging dann nach oben um Chris zu wecken. John erzählte außerdem, dass er Doreen hatte wegfahren sehen, vermutlich um Frühstück zu holen, Nina war in letzter Zeit nicht mehr zum Einkaufen gekommen.
Nina spürte eine freudige Erregung in sich, jetzt würde sie Chris das erste Mal seit sieben Jahren wiedersehen. Leise öffnete sie die Tür, er schlief noch tief und fest. Vorsichtig zog sie ihm die Bettdecke vom Kopf und küsste ihn auf seine Stirn. Chris brabbelte vor sich hin und öffnete die Augen. Da war sie. Seine kleine geliebte Schwester. Er schlang seine Arme um ihren Hals und zog sie zu sich ins Bett. "Hallo Kleines." "Hallo Großer, lange nicht gesehen." Dann hielten sie sich erst einmal nur fest. Sie kuschelten, so als ob es die sieben Jahre dazwischen nicht gegeben hätte. Schließlich löste sich Nina ein wenig von ihm, um ihn näher zu betrachten. "Du siehst gut aus. Ich wette, Du hast schon ein duzend Heiratsanträge von australischen Mädchen abgelehnt." "Ja, so ähnlich. Aber ich konnte es nicht übers Herz bringen eine andere..." Nina legte ihren Zeigefinger auf seinen Mund. "Pst. Nicht jetzt. Die anderen warten unten." Also standen beide auf und Chris schämte sich ein wenig, da er immer nackt schlief und Nina mit einem süffisanten Lächeln auf sein bestes Stück zeigte: "Deine MoPraLa!" Schnell ging er ins Bad. Er konnte ja auch nichts dafür, dass er morgens immer eine Erektion hatte, das war bei Männern nun mal so. Nachdem auch er geduscht hatte und in die Küche kam, waren alle anwesend. Doreen hatte reichlich Wurst, Käse und Marmelade gekauft, außerdem hatte sie beim Bäcker ofenfrische Brötchen besorgt. Nachdem alle endlich ihren größten Hunger gestillt hatten, traute sich keiner das Schweigen zu durchbrechen. Schließlich fragte Chris in die Runde, was denn so alles vorgefallen war, nachdem er weg war. Doreen protestierte, er wäre ja schließlich als erster gegangen, also müsste er jetzt auch anfangen zu erzählen. Chris grinste und erzählte von Australien, seinem Job und seinem Leben. Die Geschichte mit dem Buschmann ließ er auch diesmal weg. Die wollte er nur Nina unter vier Augen erzählen. Dann war John an der Reihe. Auch er ließ etwas weg. Er wusste nicht, wie er den anderen von der Buddha Figur erzählen sollte. "... ja und dann haben Chris und ich uns im Flugzeug getroffen. Nun sind wir da." Auf seine Erzählung folgte zunächst ein Schweigen. Doreen räusperte sich. "Tja, dann bin ich jetzt wohl dran. Wie ihr ja wisst, war mein Größter Traum eines Tages auf einer Bühne zu stehen und berühmt zu werden. Sobald ich mit der Schule fertig war, nutzte ich das Geld, das jeder von uns mit 18 ausbezahlt bekommen hatte, meldete mich in der Gesang- und Tanzschule in Frankfurt an. Ich war auf einmal total froh, dass Mum mich als Kind ins Ballet geprügelt hat, so hatte ich einen Vorteil und konnte mich mehr meiner Stimmausbildung widmen. Die Abschlussprüfung bestand ich mit Bravour. Daher bekam ich sofort eine Anstellung in der Frankfurter Oper. Viel Geld verdiente ich nicht, also jobbte ich nach der Vorstellung in der Kneipe, die neben der Oper lag. Eines Tages, so vor ziemlich genau drei Jahren, kam ein Talentsucher in die Kneipe. Er hatte mich in der Vorstellung gesehen und wollte sich mit mir unterhalten. Ganz ehrlich: unsere Unterhaltung bestand darin, dass wir in seinem Hotelbett landeten. Es war seine private Eignungsprüfung." hier stoppte Doreen kurz, schüttelte sich und trank einen großen Schluck Kaffe, "er hielt allerdings sein Versprechen, dass ich in Amerika bei einem Musicalproduzent vorsprechen konnte. Na ja, zunächst spielte ich in einem sehr kleinen Theater bei die schöne und das Biest eine kleine Nebenrolle, eine von den drei Weibern, die den Gaston so anhimmeln. Dann konnte ich mich immer mehr behaupten, bekam größere Rollen und schließlich wurde ich für Cats engagiert. Zur Zeit bin ich die Erstbesetzung der Sillabub, falls Euch das etwas sagt, direkt am Sunset Boulevard. L.A. ist ein sehr teures Pflaster, aber ich komme so ziemlich gut über die Runden. Wenn wir Spielpausen haben, arbeite ich in einem Mc Donalds, da trifft man echt die abgefahrensten Leute. Zum Beispiel war neulich ein echter Medizinmann aus einem Reservat bei mir, er wollte unbedingt an meine Kasse, obwohl an meiner die längste Schlage war." Doreen stoppte hier ihren Bericht. Nina sah sie fragend an, aber Doreen sagte nichts mehr. Chris fragte ungeduldig nach: "Was passierte hier zu Hause in der Zeit?" Sarah ergriff das Wort: "Mum ging es eigentlich die ganze Zeit ganz gut. Sie ging weiterhin arbeiten, war aber trotz allem in ärztlicher Behandlung." Sarah schwieg kurz betroffen, dann fuhr sie fort: "jedenfalls wisst ihr ja alle, dass ich mich umtaufen ließ. Ich machte meinen Schulabschluss und ging direkt in einen Konvent. Hier habe ich mich wohlgefühlt. Ich hatte das Glück oft nach Hause fahren zu dürfen, da Mum krank war. Vor ungefähr einem Jahr, Mum hatte gerade einen gesundheitlichen Höhenflug, ließ ich mich auf eine Mission in Afrika ein. Es ging hierbei um Kinder, die medizinische Hilfe und seelische Betreuung benötigen. Ich fuhr regelmäßig in diverse Dörfer, teilweise ziemlich Tief in den Busch, aber es war herrlich. Endlich konnte ich etwas in der Welt verbessern, selbst wenn es nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, ich kann etwas tun. Dann kam das Telegram. Hätte ich gewusst, wie schlimm es um Mum steht, wäre ich früher gekommen." Nina atmete tief durch: "Auch wenn Du mir nicht glaubst, es lief sehr gut mit Mum. Vor neuen Monaten wurde sie Frühpensioniert, weil ihre Anfälle schlimmer wurden. Ich habe dann ja auch noch Unterstützung bekommen, Nicole. In diesem Jahr habe ich dann endlich mein Abitur gemacht, es hat zwar ein Jahr länger gedauert, da ich etwas Probleme in der elften Klasse hatte, aber egal ich habe es mit 2,0 geschafft! Nicole und Mum haben mir zum Abi eine Reise nach England geschenkt, drei herrliche Wochen. Als ich wiederkam, konnte Mum kaum noch aufstehen. Von da an, habe ich sie nur noch gepflegt, arbeiten konnte ich zwar nicht gehen, aber die Pflegeversicherung hat mich ein wenig über Wasser gehalten. Was jetzt aus mir wird, weiß ich noch nicht. Vielleicht hat ja einer von Euch eine Idee. Ihr seid alle Euren Weg gegangen, ganz alleine. Das hat Mum stolz gemacht." Sie sprach nicht weiter. Doreen ergriff wieder das Wort: "Müssen wir für morgen noch etwas vorbereiten? Es gibt doch dieses absurden Brauch, dass nach einer Beerdigung immer was gegessen werden muss." John und Chris wollten die Besorgungen für die Häppchen machen, Sarah und Doreen putzten das ganze Haus und Nina entschuldigte sich, da sie einen Termin wegen der Beerdigung hatte, wie sie sagte. Chris wunderte sich etwas, aber er dachte nicht länger darüber nach.
Am Nachmittag waren alle fünf mit der Herstellung von Häppchen beschäftigt. Es wurde viel gelacht, obwohl über allem der Schatten der Beerdigung stand. Nachdem endlich alle Häppchen belegt, verziert und im Kühlschrank lagen, wollten alle nur noch schlafen gehen. Chris lag in seinem Bett, wälzte sich umher und konnte trotz Müdigkeit nicht schlafen. Endlich ging seine Tür leise auf, Nina kam zu ihm, um nach ihm zu sehen. Er hatte es sich nicht eingestehen wollen, aber irgendwie hatte er es gehofft. "Kannst Du auch nicht schlafen?" fragte er. Nina nickte nur. "Leg Dich zu mir, ich habe Dich so vermisst." Nina schlüpfte, wie in alten Zeiten, unter seine Decke und kuschelte sich an ihn. "Warum hast Du Dich nie gemeldet? Ich habe Dich auch vermisst." Chris gab keine Antwort. "Ist es so schlimm?" fragte sie jetzt sanfter. "Es war schlimm, es ist schlimm und es wird immer schlimm sein. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, wieder nach Australien zu gehen. Damals ging ich, damit Du mich vergessen konntest. Du standest kurz vor Deiner Pubertät, ich wollte, dass Du Dich frei entwickeln kannst. Es ist doch schon schlimm genug, dass ich meine Gefühle nicht überwinden kann. Ich habe es wirklich versucht, mehr als einmal, aber jede Frau, die ich treffe, ist nicht Du. Aber was ist mit Dir? Rennen Dir keine Jungs nach?" "Mir geht es wie Dir. Ich brauche keinen anderen. Hätte ich jemand anderen, würde es Dich umbringen, also habe ich es gelassen." Vorsichtig strich er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Was ist eigentlich mit Dir los? Du bist so dünn, war die Pflege von Mum so anstrengend?" Nina schaute ihm nicht in die Augen, als sie dies bejahte. "Ich glaube es Dir nicht. Irgendetwas ist mit Dir, wem willst Du Dich denn sonst anvertrauen, wenn nicht mir?" Tränen kullerten aus ihren blauen Augen. "Ich kann es Dir nicht sagen, noch nicht. Lass mir bitte Zeit." Vorsichtig küsste er ihre Tränen weg. Dann hielt er sie nur noch fest und jetzt konnten sie einschlafen.

Kapitel 2 Enthüllung
25.10.
Als Chris am nächsten Morgen erwachte, war Nina weg. So war es schon immer. Früher, als sie sich noch nachts fürchtete, beschützte er sie vor bösen Träumen. Als sie älter wurde, verbot ihre Mum, dass sie bei ihm schlief, also tat sie es heimlich. Abends kam sie zu ihm und morgens schlich sie sich in ihr Zimmer. Anfangs war er ihr Beschützer, dann ganz plötzlich wusste er, dass er sie liebte. Er machte sich Vorwürfe, wollte sie nicht erschrecken, aber da war es schon zu spät. Auch sie gestand ihm seine Liebe. Sie weinten beide bittere Tränen, aber es half nichts. Gefühle kann man nicht abstellen. Er war froh, dass sie nie bis zum Äußersten gegangen waren. Sie hatten gekuschelt, geknutscht und irgendwann gegenseitig ihren Körper neu entdeckt. Eines Abends waren sie fast soweit, sie lagen nackt in seinem Bett, bereit "es" endlich zu tun. Bevor es dazu kam, klingelte das Telefon und sein Freund Ralf bat ihn mit nach Australien zu gehen. Chris wurde sich plötzlich bewusst, dass Nina seine Schwester war, die ja noch nicht einmal 14 war. Ihr Körper war zwar schon weit entwickelt, aber trotzdem war sie Minderjährig. Er hätte sich doppelt Strafbar gemacht. Daher sagte er sofort zu, fuhr zu seinem Kumpel Ralf nach Köln und eine Woche später war er auf dem Weg nach Australien, in der Hoffnung endlich von seinen Gefühlen geheilt zu werden. All das hatte er seinen Geschwistern verschwiegen. Chris ging unter die Dusche und machte sich für die Beerdigung fertig. In der Küche warteten schon die anderen auf ihn. Nina hatte ein schlichtes schwarzes Kleid an, das ihre Magerkeit noch mehr betonte. Sarah trug natürlich ihre Nonnenkutte, Doreen hatte sich für schwarze Hosen und einen schwarzen Pulli entschieden, John ebenso. Chris hatte sich in einen edlen schwarzen Anzug gepellt, er hätte mit Nina eher in ein fünf Sterne Restaurant gepasst. Statt dessen gingen alle fünf in Richtung Friedhof. Verwandte hatten sie keine. Ihr Vater war Vollwaise und ihr Mutter ein Einzelkind, als die Großeltern starben, zogen sie in das Haus. Vorher wohnten sie in der nahegelegenen Stadt in einer Mietwohnung. Betreten standen die fünf Kinder vor dem Grab ihrer Mutter, die zu ihrem Vater, den Nina nicht einmal kannte, beigesetzt wurde. Der Ortspfarrer, der die Kinder noch aus dem Konfirmationsunterricht kannte, hielt eine rührende Rede. Viele Bekannte waren gekommen, alte Schulfreunde, ehemalige Arbeitskollegen der Eltern und einige Schaulustige, die auf jede Beerdigung gehen. Auch Nina hielt eine kleine Rede, die sie aber abbrechen musste, da sie auf einmal unter Tränen zusammenbrach. Chris hielt sie und der Pfarrer fuhr mit der Zeremonie fort. Nachdem der Sarg im Boden versenkt war, ging die Trauergemeinde in das Haus. Entgegen der Stimmung schien die Sonne und es war fast warm. Zu Hause angekommen, brachte Chris seine Schwester ins Bett, damit sie sich ausruhen konnte. Gegen Nachmittag waren alle Häppchen gegessen und die Besucher endlich alle gegangen. Da es Nina noch immer nicht besser ging, riefen sie Nicole herbei. Ganz offen lächelte sie Chris an, der sich eigentlich nur nach Nina erkundigen wollte. Schließlich ließ er sich von ihr zu einem Spaziergang einladen. Die anderen drei feixten ein wenig, ließen ihn aber gehen, das Aufräumen schafften sie auch ohne ihn. Chris ging mit Nicole über das angrenzende Feld bis zum Waldrand, wo sie sich auf einer Bank niederließen. Jetzt wollte Chris es wissen: "Sag mir bitte, was mit Nina los ist. Sie versucht uns etwas zu verheimlichen, aber ich merke, dass etwas nicht stimmt." Nicole schwieg erst einmal, dann sagte sie: "Nina hat Leukämie. Schon seit einem halben Jahr. Sie hält sich tapfer, aber es geht rapide Bergab. Die Ärzte habe die Hoffnung komplett aufgegeben. Eine Knochenmarksspende geht jetzt auch nicht mehr, es wäre sowieso schwierig gewesen. Sie ist die Einigste von Euch, die die Blutgruppe AB negativ hat. Ihr habt alle A positiv, das haben wir schon überprüft, sonst hätten wir uns schon bei einem von Euch gemeldet. Chemotherapie lehnt sie komplett ab, ich kann sie verstehen. Die Chemo wirkt ohne Knochenmarksspende eh nicht richtig. Ich denke, wenn alles gut geht, hat sie noch 6 Monate." Chris schluckte hart, dann wurde ihm schwindelig. Er war nicht für sie da gewesen, als sie ihn vielleicht gebraucht hätte. Jetzt war es vielleicht schon zu spät, nur noch 6 Monate. Als ihm das so richtig bewusst wurde, fing er bitterlich an zu weinen. Nicole hielt ihn fest und ließ ihn einfach gewähren.
Als sie zurück zum Haus gingen, hatte er sich weitgehend gefasst. Nicole verabschiedete sich von ihm, schaute noch einmal nach Nina und fuhr dann weg. Chris kämpfte mit sich, ob er den anderen davon erzählen sollte oder ob er es Nina überlassen sollte. Schließlich entschloss er sich, ihnen alles zu erzählen. John, Doreen und Sarah nahmen diese Neuigkeit sehr bedrückt auf. Alle beschlossen ihren Urlaub zu verlängern, um Ninas 21. Geburtstag zu feiern, es war ja wahrscheinlich ihr letzter. Bedrückt gingen alle ins Bett. Diesmal wusste Chris, dass Nina nicht zu ihm ins Bett kommen würde.
26.10.
Tags drauf ging es Nina besser und sie konnte wieder mit ihren Geschwistern frühstücken. Alle versuchten es sich nicht anmerken zu lassen, aber sie waren alle irgendwie gedrückt. Schließlich platzte Nina der Kragen und sie stauchte ihre Geschwister zusammen: "OK, ja ich bin krank und werde sterben, aber jeder von Euch könnte mit einem Flieger abstürzen oder jederzeit überfahren werden. Was soll also das Getue? Wir haben Wichtigeres zu tun!" Alle waren verdutzt. John fragte schließlich: "Was ist wichtiger?" Nina machte eine dramatische Pause, dann: "Wir müssen endlich den Fluch dieses Hauses brechen." Schweigen. "Es wird Zeit, dass wir den Tatsachen ins Auge sehen. Ihr seid alle nacheinander hier ausgezogen, keiner hatte je den Mut sich den wahren Grund dafür einzugestehen. Ihr wolltet hier weg, weil etwas ganz merkwürdiges vorgeht. Vor ihrem Tod hatte Mum mir einiges anvertraut. Wir müssen darüber reden. Jetzt!" Keiner sagte ein Wort. Also erzählte Nina was sie von ihrer Mutter wusste und was sie über das Haus herausgefunden hatte. Das Haus wurde von den Ur-Großeltern ihrer Mutter gebaut. Diese hatten eine Tochter, Elena, die im heiratsfähigen Alter war. Es gab viele Bewerber, aber es gab keinen der in den Augen der Eltern gut genug für sie war. Elena hatte sich aber in einen Zimmermann verliebt, der beim Hausbau geholfen hatte. Heimlich hatte sie sich mit ihm getroffen, aber ihr Vater hatte es herausgefunden und ihm den Umgang mit seiner Tochter strengstens untersagt. Die Mutter des Zimmermannes verstand angeblich etwas von Hexenkräften und verfluchte das Haus. Sie wurde anschließend aus dem Dorf verjagt und mit ihr der Zimmermann. Elena wurde mit dem Sohn eines Gutsbesitzers zwangsverheiratet. Sobald das Haus fertig war und die Eltern darin wohnten, gab es einen Brand im unteren Stockwerk und die Eltern verbrannten. Elena´s Mann renovierte das Haus wieder und sie zogen ein. Nach ein paar Jahren, sie hatten mittlerweile eine Tochter, Beatrice, die in diesem Haus aufwuchs. Während dieser Jahre ereigneten sich im Haus viele merkwürdige Vorfälle. Es waren immer kleinere Unfälle, die zum Glück fast alle glimpflich abliefen. Bis auf einmal, Beatrice war noch nicht lange verheiratet, fiel der Mann von Elena beim reparieren des Daches herunter und starb. Elena selbst hatte nie einen Unfall und starb erst viel später an Altersschwäche. Beatrice und ihr Mann, Konrad, wohnten nach dem Tod des Vaters bei ihrer Mutter im Haus. Irgendwann bekamen auch sie eine Tochter, die Mutter der fünf Kinder, Anna. Anna heiratete irgendwann den Vater der Kinder, Werner. Mit ihm zog sie in die Stadt, weg vom Haus. Sie waren die ersten in dieser Familie, die mehr als ein Kind bekamen, nämlich 4 und davon auch noch 2 Jungs. Es könnte daran liegen, dass sie eben nicht im Haus wohnten. Schließlich kam der Tag an dem Konrad eine defekte Leitung reparieren wollte, keiner weiß es wirklich, aber Konrad war immer gewissenhaft gewesen und hätte bestimmt die Sicherung herausgedreht. Plötzlich war die Sicherung wieder drin, Konrad bekam einen Elektroschlag und Beatrice, die ihm helfen wollte, indem sie ihn von der Leitung wegziehen wollte, bekam den Schlag auch ab und starb mit ihm. Anna wollte ursprünglich nicht mit Werner und den Kindern in das Haus ziehen, aber Werner lachte sie wegen des Fluches aus, setzte sich durch und sie zogen ein. An dem Tag an dem bei Anna die Wehen einsetzten, war ein fürchterliches Unwetter und es war Werner nicht möglich Anna sofort in die Klinik zu fahren. Nina kam im Haus auf die Welt und Anna wäre fast gestorben. Sobald das Wetter besser war, rief Werner einen Krankenwagen und Mutter und Kind wurden in die Klinik gefahren. Werner war so glücklich darüber, dass er es geschafft hatte den Familienfluch zu überlisten, dass er beschwingt in den Keller gehen wollte, damit er auf die Geburt seines Kindes einen trinken konnte. Da passierte es. Warum auch immer, er fiel die Treppe hinunter und brach sich das Genick. Niemand brachte es übers Herz Nina zu gestehen, dass ihr Vater im Haus und nicht auf der Straße verunglückt war. Erst als Anna kurz vor ihrem Tod stand, erzählte sie Nina die Geschichte. "...und es wird Zeit, dass wir etwas unternehmen. Ich werde bald nicht mehr da sein, um den Fluch auszubaden. Es wird einen von Euch treffen." Nina hatte ihren Bericht geendet. Chris, Doreen und John waren wie vom Donner gerührt, lediglich Sarah blieb ruhig. Sie war auch die erste, die daraufhin das Wort ergriff: "Ja, so etwas habe ich mir schon gedacht. Doreen, wo hast Du das Buch hingetan, das wir damals im Keller hatten?" "Ja, es liegt wieder auf dem Dachboden, aber ich glaube nicht, dass ich es noch lesen kann, es fiel mir damals schon schwer, wegen der alten Schrift." "Macht nichts, im Konvent haben wir viele Bücher in der alten Schrift. Ich habe mittlerweile gelernt diese Schrift zu lesen." "Moment, das ist noch nicht alles." Nina hatte sich wieder zu Wort gemeldet. "Wie ihr wisst, ist in diesem Haus schon sehr viel passiert. Ich habe mal etwas nachgeforscht, der Unfall von Dad passierte am 31.10., meinem Geburtstag. Der Unfall unserer Großeltern passierte auch am 31.10., Zufall? Der Mann von Elena, unserer Urgroßmutter, starb, wie sollte es auch anders sein, ebenfalls an einem 31.10. Nach intensiver Forschung im Gemeindearchiv fand ich heraus, dass der Brand, bei dem unsere Ur-Ur-Großeltern starben, die unser Haus gebaut hatten, na, ratet mal, in der Nacht vom 31. auf den 1. ausgebrochen war. Sind das alles Zufälle? Meiner Meinung nach, steckt da mehr dahinter. Könnt ihr Euch noch an das Erlebnis im Keller erinnern? Es war an meinem siebten Geburtstag." Etwas betreten und ungläubig schauten die anderen sie an. Chris räusperte sich, und brach das Schweigen: "Wenn ich genau zurück überlege, fällt mir ein komisches Ereignis ein, das sich ein Jahr nach Dads Tod ereignet hat: ich hatte Nina gerade ins Bett gebracht, als ich im Treppenhaus ein Gerumpel hörte. Erst dachte ich, es wäre einer von Euch, aber als ich nachsah, war niemand zu sehen. Ich ging zurück ins Kinderzimmer und war geschockt. Nina schwebte etwa 40 cm über ihrer Matratze und krähte fröhlich vor sich hin. Ich wusste erst nicht, was ich tun sollte, dann ging ich ans Bett und wollte sie schnell in den Arm nehmen, damit ihr nichts passiert, aber kaum trat ich zu dem Bett, schwebte sie langsam wieder herunter und lag wieder ganz friedlich da. Ich habe in dieser Nacht dann in ihrem Zimmer geschlafen, vergessen habe ich dieses Erlebnis nicht, aber erzählt habe ich es heute zum ersten Mal." Jetzt wollte John noch etwas erzählen: "Kannst Du Dich noch daran erinnern, dass ich als Kind so gerne Modellflugzeuge gebaut habe? Wir wohnten noch nicht lange hier und ich hatte gerade ein neues Flugzeug gebaut. Ich hatte die ganzen Farben ordentlich auf meinem Schreibtisch aufgereiht und war mir 100 %ig sicher, dass ich alle Döschen verschlossen hatte. Ich ging ins Bett, es war schon recht spät am Abend. Auf einmal wurde ich von einem merkwürdigen Geräusch geweckt, ich schaltete das Licht ein, und da sah ich es. Die rote Farbdose war geöffnet, umgekippt und die rote Farbe lief quer über meinen Schreibtisch, es sah aus wie Blut. Jahrelang habe ich darüber nachgedacht, ob ich das Döschen wirklich verschlossen hatte. Jetzt weiß ich, dass es so war." Nach und nach erinnerten sich die Kinder an verschiedene Vorfälle, die sich im Haus abgespielt hatten und immer wieder stießen sie auf das gleiche Datum, 31.10. Zuerst redeten sie über die relativ harmlosen Vorfälle, aber so nach und nach rückte jeder mit einer Geschichte heraus, die zum Glück immer harmlos ausgegangen war. Chris erzählte die Geschichte, als unter der Dusche plötzlich das kalte Wasser streikte und er fast verbrüht worden wäre, wenn Nina nicht auf einmal angefangen hätte zu weinen. Er stürzte aus der Dusche, um nach ihr zu sehen, als er hinter sich ein Zischen hörte und Dampfwolken aus der Dusche stiegen. John hatte ein anderes gefährliches Erlebnis. Er stand in der schweren Eingangstür des Hauses und wollte gerade gehen, als er bemerkte, dass sein rechter Schnürsenkel offen war. Er lehnte sich gegen den Türrahmen, damit er sich nicht bücken musste, als die Tür blitzartig zufiel, obwohl es gar nicht windig war. Rechtzeitig konnte er sich retten, sonst wäre er entweder in der Tür zerquetscht worden oder die Steinstufen der Treppe heruntergefallen. Doreen berichtete, dass sie einmal sah, wie ein Messer aus der Küchenschublade "flog" und direkt in Richtung Chris steuerte. Sie konnte es noch rechtzeitig am Griff packen, um das schlimmste zu verhindern. Die Kinder schauten sich betreten an, als sie noch mehr dieser merkwürdigen Geschichten ausgepackt hatten. Nina ergriff wieder als Erste das Wort. "Es ist eigentlich egal, wie viele Dinge hier bisher passiert sind. Es ist unsere Aufgabe, dass es beendet wird. Ich habe Euch noch gar nicht erzählt, dass ich eine Hypnosetherapie wegen meiner Krankheit gemacht habe. Hierbei wurde auch das Erlebnis im Keller wieder in meine Erinnerung gebracht. Kann sich einer von Euch noch an das erinnern, was die Buchstabefolge war?" Alle schüttelten den Kopf. Nina holte schnell einen Stift und ein Blatt Papier, dann schrieb sie folgende Buchstaben: W E R K A N N E S B E E N D E N T R O S T O H N E L E B E John schaute ihr interessiert über die Schulter. "Wenn ich es richtig lese kommt so in etwa "wer kann es beenden, Trost ohne Leben" dabei heraus." Nina nickte: "Ja, aber zwischen dem L und dem E gab es einen kleinen Schlenker des Glases. Es war genau die Stelle, an der Sarah ihren Finger vom Glas gerissen hat. Eigentlich wäre das Glas hier auf das I gegangen. Dann würde es nicht Leben sondern Liebe heißen. Aber es ergibt eigentlich keinen Sinn, ich habe dann noch etwas gegrübelt und auf dem Speicher herumgeschnüffelt. Dabei habe ich eines von den ganz alten Büchern, die unserer Ur-Großmutter gehört haben, herausgeholt und ein Gedicht gefunden:
Wer kann es beenden,
es ist trostlos ohne Liebe zu sein,
wer kann mir nur helfen,
mein Leben ist nur Schein.
Sie hatte es geschrieben, einen Tag vor ihrer Hochzeit. Ich dachte im ersten Augenblick, ob es möglich wäre, dass wir damals den Geist unserer Ur-Großmutter gerufen hätten, aber dann erschien es mir zu abwegig, da Elena uns niemals bedroht hätte. Es gab also nur eine Lösung, wir haben einen Dämon im Haus. Einen Dämon, der sich wegen irgendetwas gegen unsere Familie richtet. Möglich wäre, dass die Mutter des Zimmermannes eine Hexe war und uns einen Dämon auf den Hals gehext hat. Weiter bin ich mit meinen Nachforschungen nicht gekommen. Nicole und Mum hatten mir zu meinem Abitur eine Reise nach England geschenkt. Mum ging es soweit ganz gut und Nicole versprach mir, dass sie sich rund um die Uhr um Mum kümmern würde. Also konnte ich mit relativ gutem Gewissen fahren. In England passierte mir etwas, dass ich bis heute noch nicht richtig verstanden habe." Nina schwieg einen Augenblick. Alle sahen sie erwartungsvoll an. "Nachdem ich eine Woche in London war, hatte ich eine Rundreise per Pferd für die zweite Woche geplant. Zuerst ritten wir zu Stonehenge, aber da waren so viele Touristen, dass ich gar keine Ruhe hatte, die Steine näher anzusehen. Am nächsten Abend schlugen wir unser Lager westlich von Stonehenge auf, am nächsten Tag wollten wir nämlich nach Wales reiten. In der Nacht wurde ich plötzlich wach, ich nahm an, dass es mit dem Vollmond zu tun hatte, und ging aus meinem Zelt heraus. Ich sah die Landschaft nicht richtig, da ein heftiger Nebel aufgekommen war, nur der Vollmond leuchtete über mir. Nachdem ich ein paar Schritte gelaufen war, ich dachte, dass ich davon wieder müde werden würde, stellte ich fest, dass ich mich verlaufen hatte. Durch den Neben hindurch sah ich in einiger Entfernung eine Flackern und hielt es für das Lagerfeuer unserer Zeltstelle. Ich ging darauf zu und stand aber auf einmal vor einem Haus, was heißt Haus, es war eine kleine Hütte, die zu einer Ansammlung von Hütten gehörte. Eine Frau kam heraus und begrüßte mich schweigend mit einer Verbeugung. Ich war mir nicht sicher, ob ich vielleicht gerade am Träumen war, da kam noch eine Frau dazu. Mit einer Geste schickte sie die Frau wieder weg. Diese Frau stellte sich mir als Morgana vor. Ich war verblüfft, da diese Frau kein Englisch sprach, sondern eine ganz andere Sprache, aber trotzdem verstand ich, was sie mir sagte. Sie sei eine Nachfahrin des großen Zauberers Merlin. In diesem Moment kniff ich mir ganz gewaltig in meinen Arm, den blauen Fleck hatte ich noch mindestens einen Monat lang, aber ich wachte immer noch nicht auf. Morgana erklärte mir etwas von einem Familienfluch, und dass ich diejenige wäre, die ihn brechen müsse. Aber ich bräuchte Unterstützung von den anderen, die meiner Sippe entsprängen. Dann nahm sie mir mein silbernes Armband ab, erklärte mir, dass ich es tauschen müsste, und gab mir ein Stück eines Steines. Erst war ich ziemlich verblüfft, dass ich für mein Armband lediglich einen Stein bekam, dann sah ich dass in diesen Stein verschiedene Zeichen eingeritzt waren, unter anderem auch ein Pentagramm. Dieser Stein war kein gewöhnlicher Stein, er war eher ein Stück Metall. Ich wollte Morgana schon fragen, welches Metall das sei, als ich es schon in meinem Kopf wusste, so als ob sie meine Gedanken steuern könne. Es war ein Stück eines Meteors, der vor vielen tausend Jahren vom Himmel fiel und aus dem auch das sagenhafte Schwert Exkalibur geschmiedet wurde. In diesem Moment wurde mir auch bewusst, wo ich war. Ich war tatsächlich auf Avalon gelangt, wie auch immer ich das geschafft hatte, aber ich war genau dort. Es gibt Avalon wirklich, man muss es nur finden. Aber man findet es nur, wenn man es nicht sucht. Ich bedankte mich bei der Frau, sie wünschte mir noch ein zufriedenes Leben, dann verabschiedete ich mich und plötzlich stand ich wieder vor meinem Zelt. Merkwürdigerweise waren seitdem 5 Tage vergangen und die Reisegruppe war aus Wales zurück und zeltete an der gleichen Stelle, aber niemand hatte mich vermisst. Es war so, als ob ich die ganze Zeit mit der Gruppe unterwegs gewesen wäre, aber auch gleichzeitig in Avalon war. Verstanden habe ich es bis heute nicht." Nina gähnt an dieser Stelle und automatisch schauten alle auf die Uhr. "Huch, es ist ja schon 17 Uhr! Wir sitzen immer noch beim Frühstück." Doreen stand auf und räumte den Tisch ab. Nina war mittlerweile von ihren Erzählungen ziemlich ausgelaugt, Sarah brachte sie in ihr Zimmer, damit sie sich hinlegen konnte. Danach wussten die Anderen nicht so recht, was sie machen sollten, sie wollten nicht mehr über das Thema sprechen. Dazu war es zu brisant und unheimlich. Und wie in alten Zeiten schlief Chris in Ninas Zimmer und Sarah machte es sich mit Doreen auf Johns Schlafcouch bequem. Da sie noch nicht schlafen konnten, zappten sie sich durch das Fernsehprogramm.
27.10.
Tags darauf, konnte Nina nicht viel tun, da sie mal wieder ins Krankenhaus musste. Sie gab Sarah die Anweisung, in der Bibliothek des Bezirkskonventes nach Dämonenaustreibung zu suchen. Also fuhr Sarah zum Bezirkskonvent. Doreen wollte sich mit einer alten Schulfreundin treffen und ließ sich von Sarah mitnehmen. John musste kurz der Deutsche Niederlassung seiner Firma vorbeischauen und Chris ging, auf Geheiß von Nina, mit Nicole zum Gemeindearchiv, sie sollten dort Nachforschungen über den Zimmermann und seine Voodoo-Mutter betrieben. Vorher brachten sie Nina noch zur Klinik. Diese blöden Therapien, dachte sie, ich würde viel lieber weiter auf dem Dachboden nach Hinweisen suchen. In dieser Nacht traute sich keiner von ihnen nach Hause. Chris saß die ganze Nacht bei Nina am Krankenbett, sie war so geschwächt, dass sie die ganze Zeit schlief. John schlief in einem Hotel, damit er am nächsten Tag früh noch einmal in seine Firma gehen konnte, Doreen schlief bei ihrer Freundin und Sarah blieb im Bezirkskonvent.
28.10.
Als Nina endlich wieder soweit aufgebaut war, dass sie nach Hause kommen konnte, kamen auch die Anderen zurück. Wieder wurde "Kriegsrat" in der Küche abgehalten. Sarah hatte eine Beschwörungsformel gegen Dämonen gefunden. Chris erzählte den Anderen, was er mit Nicole herausgefunden hatte: "Die Mutter des Zimmermannes wurde aus dem Dorf verjagt, nachdem sie das Haus angeblich verflucht hatte. Sie zog in ein anderes Dorf, aber ohne ihren Sohn. Dort wurde sie eines Nachts heimtückisch erstochen, vermutlich hatten die dortigen Dorfbewohner von dem Vorfall hier gehört und Angst bekommen. Der Zimmermann, Anton hieß er, wurde nie wieder irgendwo gesehen und es wird vermutet, dass er sich aus Kummer selbst das Leben genommen hat." Doreen hatte das alte Buch aus dem Versteck des Dachbodens geholt und blätterte darin. "Dieses Buch hatte gar nicht einem unserer Familie gehört, es gehörte der Mutter von Anton, sie hat es Elena heimlich geschenkt, bevor sie verjagt wurde." Plötzlich stutzte sie und wurde käseweiß. "Hier ist ein Bild von Elena drin." Dann drehte sie das Buch so um, dass alle das Bild sehen konnte. Es war eine sehr alte Schwarz-Weiß Fotografie, die in das Buch geklebt war. Es zeigte Elena im ungefähren Alter von 20 und einen sehr attraktiven Mann, der vermutlich Anton war. Das war aber nicht das ungewöhnliche daran. Schlimmer war, dass dieses Foto genauso gut ein Foto von Nina hätte sein können. Die Ähnlichkeit zwischen Elena und Nina war geradezu lächerlich ähnlich, wenn es nicht so ernst gewesen wäre. Alle waren sehr geschockt. Die gleichen Haare, die gleichen Augen, überhaupt das ganze Gesicht war identisch, sogar die Körperhaltung und die magere Gestalt. Wieder war es Nina, die sich als erste gefasst hatte. "Egal, wie es ist. Wir haben noch 3 Tage Zeit, dann müssen wir ein neues Ritual durchführen. Fragt mich nicht woher ich das weiß, seitdem ich in England war, habe ich ständig das Gefühl, dass ich geleitet werde. Morgen muss einer von Euch in einen Esoterischen Laden gehen und einige Dinge besorgen, die wir noch brauchen." Sarah und Doreen erklärten sich bereit, die nötigen Sachen zu besorgen. John und Chris hatte die ehrenvolle Aufgabe den Keller zu entrümpeln. Hierzu bestellten sie einen Container. Es war eine sehr mühevolle Aufgabe, da der Keller komplett zugerümpelt war. Nach einem Tag hatten sie gerade mal die größeren Teile herausgeschmissen.
29.10. - 30.10.
Die Mädchen halfen am nächsten Tag auch fleißig mit. Außerdem sahen sie die Sachen der Mutter durch, um auch hier etwas mehr Ordnung ins Haus zu bringen. Am Abend vor dem 31. hatten sie es endlich geschafft. Der Kellerraum, indem das Ritual stattfinden sollte, war leergeräumt. Doreen hatte sogar den Fußboden mit dem Staubsauger gereinigt. Merkwürdigerweise fanden die Kinder an der Stelle, an der damals das Glas zersprang, lauter Glassplitter. Keiner wunderte sich mehr darüber. In diesem Haus war schließlich alles möglich. Wieder gingen alle gemeinsam schlafen. Seitdem sie über den Fluch gesprochen hatten, war allen etwas mulmig zumute.

Kapitel 3 Das Ritual
Nina war an diesem Tag sehr früh wach und es ging ihr soweit gut, dass sie aufstehen konnte, um für ihre Geschwister ein Frühstück zu bereiten. Heute war ihr 21. Geburtstag. Gleichzeitig war es der 21. Todestag ihres Vaters und der 14. Jahrestag des Gläserrückens. Geschenke wollte sie von ihren Geschwistern nicht haben, es war Geschenk genug, dass sie hier bei ihr waren. Nach und nach kamen die vier zu ihr in die Küche, alle gratulierten ihr herzlich, trotzdem war allen irgendwie klar, dass es wahrscheinlich ihr letzter Geburtstag sein würde. Als alle am Tisch saßen, schnitt Nina das Thema an, das Chris bisher völlig vergessen hatte. "Chris, hast Du den Ring von mir eigentlich noch?" Chris schaute etwas verlegen drein, dann erzählte er die Geschichte mit dem Australischen Buschmann und dem Boomerrang. Nina nickte, als ob sie damit gerechnet hätte. Schließlich fragte sie John, ob er noch die silberne Brosche hätte, die sie ihm vor seiner Abreise gegeben hatte. John wurde kurz rot, dann erzählte er seine Geschichte: "Ich war kaum in Thai-Land gelandet, da wollte ich mich ein wenig in Bangkok umsehen. Ich sah mir den herrlichen Buddhatempel an, als mir auffiel, dass ich Deine Brosche irgendwie verloren hatte, oder sie mir irgendwie gestohlen worden war. Ich versuchte verzweifelt zu sehen, ob sie irgendwo lag oder ob mir jemand verdächtig vorkam. Nichts! Am Souvenirstand des Tempels standen mehrere Buddhistische Mönche. Einer von ihnen sah mir in die Augen und noch bevor ich etwas sagen konnte, gab er mir einen kleinen Jadebuddha. Ich wollte mich bedanken, aber der Mönch lächelte nur und hielt sich den Zeigefinger auf die Lippen, da er wohl nicht sprechen durfte oder konnte. Ich hatte diese Geschichte eigentlich schon irgendwie vergessen, erst als Dein Telegram kam, fiel es mir wieder ein und ich habe den Jadebuddha eingepackt. Sozusagen als Entschädigung." Wieder nickte Nina und sie sah Doreen erwartungsvoll an. Doreen räusperte sich und begann nun ihre Geschichte zu erzählen: "Du weißt, dass ich Deine Ohrringe schon immer bewundert habe. Wie dankbar war ich, als Du sie mir zum Abschied geschenkt hast. Ich traute mich anfangs gar nicht sie anzuziehen, aber irgendwann zog ich sie doch an. Ich hatte schon irgendwie vergessen, dass ich sie anhatte, als der alte Indianer, ich glaube er war ein Medizinmann, zu mir ins Mc Donalds kam. Erst bestellte er bei mir einen BigMac, dann lud er mich auf einen Kaffe ein. Ich hatte sowieso bald Pause und nichts zu tun, also ging ich mit dem Mann in ein Cafe. Wir sprachen über viele Dinge und ich war erstaunt, wie viel er über mich wusste, obwohl ich ihm gar nicht viel erzählt hatte. Irgendwann wollte er mal meine Ohrringe näher ansehen, also zog ich sie aus und gab sie ihm. Er fragte mich, ob er sie kaufen könne, und ich verneinte, da es ja ein Erinnerungsstück an meine Schwester sei. Schließlich, ich weiß nicht warum, einigten wir uns darauf, dass wir ein Tauschgeschäft machen würden. Er bekam meine Ohrringe, dafür gab er mir einen Dreamcatcher. Das ist ein Teil, das die Indianer selbst basteln, aus Federn, Steinen und sonstigem. Es soll böse Träume abhalten, und mich bei einer Mission beschützen, so sagte es der Indianer. Wenn diese Mission beendet sei, würde ich die Ohrringe wieder bekommen. Na ja, jetzt habe ich das Ding halt mal mitgebracht." Noch bevor jemand etwas sagen konnte, meldete sich Sarah zu Wort: "Nina, Du hattest mir die Kette mit dem Kreuz gegeben, bevor ich nach Afrika ging. Lange Rede kurzer Sinn, ich habe die Kette nicht mehr. Dafür habe ich von einem Afrikanischem Buschmann, der auch Medizinmann ist, ein merkwürdiges Gebilde bekommen, es besteht aus Perlen und Holzstücken, außerdem ist es mit einigen Schutzzaubern belegt. Eigentlich passt es ja nicht zu meinem Glauben, aber ich weiß, dass es auf dieser Welt Dinge gibt, die man nicht erklären kann oder die man nicht dem christlichen zuschreiben kann." Mehr sagte sie nicht. Nina ging in den Keller, damit sie alles für das Ritual vorbereiten konnte, die anderen holten ihre mitgebrachten Gegenstände. Nachmittags gingen sie gemeinsam auf den Friedhof, damit sie ihrem Vater zu seinem Todestag Blumen auf das Grab legen konnten. Heimlich nahm Nina etwas Erde aus dem Grab ihrer Eltern mit. Anschließend gingen sie gemeinsam in eine Kirche und jeder betete still vor sich hin, alle hatten ein wenig Angst vor dem, was auch immer heute Abend passieren würde.
Gegen Abend trafen sie sich im Kellerraum des Hauses. Wieder hatten sie mit schwarzer Kreide ein Pentagramm auf den Fußboden gezeichnet. Es war größer, als beim ersten Mal und diesmal hatten sie keinen Kreis und keine Buchstaben dazugemalt. Sie hatten Räucherstäbchen und Räucherschalen aufgestellt, außerdem noch einige Kerzen. Im Keller sah es jetzt eher wie in einer Kirche aus. Jeder stellte sich in eine Spitze des Pentagrammes und legte den Gegenstand vor sich. Nun fassten sich alle an den Händen und begannen die Beschwörungsformel, die Sarah aus dem Bezirkskonvent mitgebracht hatte, gemeinsam zu sprechen. Erst passierte mal wieder nichts. Noch einmal sprachen sie die Formel und noch ein drittes Mal. Auf einmal bildete sich im Inneren des Pentagrammes Nebel, der zunächst den Boden einhüllte und immer höher stieg. Wieder sprachen sie die Formal, diesmal lauter, und noch einmal. Ein Donnern war zu hören und der Nebel lichtete sich soweit, dass die Kinder sehen konnten, dass sie nicht mehr im Keller standen, sondern auf einem Hügel, den sie noch nie zuvor gesehen hatten. Ein Schatten bildete sich vor ihnen, genau in der Mitte. Der Schatten nahm die Gestalt eines Mannes an und schließlich stand eine Gestalt vor ihnen. "Es wird Zeit, das Unrecht zu sühnen." sagte er mit einer tiefen unwirklichen Stimme. Nina sah ihn offen an und antwortete: "Welches Unrecht? Von was sprichst Du?" Ein dämonisches Lachen war die Antwort, dann: "Ich spreche von meiner unrechten Verurteilung und Vollstreckung. Jetzt seid ihr hier in meiner Welt, von hier kommt ihr nicht mehr weg. Jetzt kann ich endlich frei sein." Chris überlegte fieberhaft, dann sprach er plötzlich Worte, die er zwar schon gehört hatte, aber nie verstanden hatte. Er sprach im Sing-Sang des Buschmannes aus Australien. Die Schattengestallt schwankte einen Moment, dann schien er sich wieder zu erholen und lachte erneut. Jetzt begann John in der Sprache der Buddha-Mönche zu sprechen. Er wusste auch nicht was er sagte, es war so, als ob jemand durch ihn sprechen würde. Doreen begann plötzlich zu zucken und der Medizinmann sprach durch sie. Auch Sarah zuckte und die Stimme des Afrikanischen Medizinmannes war zu hören. Alle sprachen jetzt eine Sprache, die sie vorher in ihrem Leben noch nie gesprochen hatten. Insgesamt ergab sich daraus ein Singsang, der keltisches, Buddhistisches, Afrikanisches, Australisches und Indianisches vereinte zu einem gemeinsamen Lied. Der Boomerang, der Jadebuddha, der Dream-catcher, das Perlengebilde und der Stein aus Avalon begannen zu leuchten. Der Schatten in der Mitte wand sich, flackerte und schrie. Doch er konnte den Mächten der fünf Kontinente nicht entgehen. Er löste sich auf und ein Mann stand vor ihnen. Er schaute sich erstaunt um und entdeckte Nina. Er fiel vor ihr auf die Knie und sagte nur ein Wort: "Elena!" Nina schüttelte den Kopf: "Nein, ich bin nicht Elena, ich bin ihre Nachfahrin Nina. Wer bist Du?" "Ich bin Anton. Elena und ich wollten eigentlich heiraten, aber ihr Vater hatte ihr den Umgang mit mir verboten. Daraufhin wollten wir es heimlich tun. Ich wartete vor dem Haus auf sie, aber ihr Vater war schneller. Er erschlug mich mit einem Balken und vergrub mich im Keller des Hauses. Elena wartete und wartete auf mich, aber sie wusste nicht was geschehen war. Meine Mutter wusste, dass ich Elena holen wollte und als ich nicht kam, ging sie zum Haus. Elenas Vater jagte sie davon, aber sie schaute durch das Kellerfenster und sah meine Leiche. Daraufhin verfluchte sie die ganze Familie und deren Nachfahren. Leider war es meine Seele, die den Fluch ausführen musste, da sie nicht eher ruhen könne, bis das Unrecht gesühnt werden würde." "Wie kann das Unrecht gesühnt werden?" "Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich jedes Jahr an meinem Todestag die Chance bekam, das Unrecht zu begradigen. Anfangs dachte ich, ich müsste gleiches mit gleichem vergelten, doch das war es nicht. Ganz im Gegenteil, meine Seele mutierte immer weiter zu einem bösartigen Dämon. Bis eben, ihr habt mir ein wenig geholfen, aber ich weiß, dass ich weiter machen muss. Irgendwann werde ich wieder mutieren und nur noch Unheil aneichten." Anton schwieg jetzt, er kniete noch immer vor Nina, sah sie aber nicht mehr an, sondern hatte den Kopf gesenkt. Die Kinder waren verwirrt. Dafür hatten sie keine Beschwörungsformel. Diesmal war es Sarah, die eine Idee hatte: "Ich habe etwas gelesen, aber ich glaube nicht, dass es funktionieren könnte. Um eine Seele zu retten, muss sich immer jemand opfern. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz, das es in jeder Religion gibt." Nina holte tief Luft und sah jedem ihrer Geschwister kurz ins Gesicht, so als ob sie sich alle noch einmal einprägen wollte. Sehr intensiv sah sie Chris in die Augen. Sofort verstand er: "Nein, Nina, nicht Du, ich brauche Dich doch noch." Nina schüttelte den Kopf. "Chris, Du weißt, dass ich nicht mehr viel Zeit habe, irgendwann müssen wir uns trennen. Denk immer daran, ich liebe Dich, aber in diesem Leben ist es uns nicht gegönnt mehr zu erleben." Sie löste sich aus dem Kreis, den die Kinder gebildet hatten, umarmte Sarah, dankte ihr für alles, dann Doreen, dankte auch ihr für alles, dann John, auch ihm dankte sie für alles. Schließlich umarmte sie Chris, er wollte sie nicht loslassen, hielt sie fest und küsste sie. Nina löste sich aus seiner Umarmung, küsste ihm noch mal auf die Stirn, dann drehte sie sich zu Anton um. "Anton, ich bin zwar nicht Elena, aber eine ihrer Nachfahrinnen. Ihr Blut fließt auch in meinen Adern, ich bleibe bei Dir." Anton stand auf, seine Augen leuchteten. Schließlich umarmten sich die zwei und schienen zu verschmelzen. Sie lösten sich in einen leuchtenden Nebel auf, der immer heller zu glühen schien. Die vier konnten bald nicht mehr hinsehen, da es zu hell war. Schnell griffen sie sich an den Händen und bildeten einen kleinen Kreis. Sarah fiel eine alte Lateinische Formel ein, die sie immer wieder sprach, bis auch die anderen einfielen und sie gemeinsam die Formel sprechen konnten. Wieder gab es einen lauten Donnerschlag und sie waren wieder im Keller. Die Kerzen waren ziemlich herunter gebrannt und es war dunkel. An den Stellen, an den vorher die verschiedenen Gegenstände gelegen hatten, lag jetzt wieder der Silberschmuck von Nina. Den Silberschmuck hatte sie von ihrer Mutter bekommen, die ihn von Elena vererbt bekommen hatte. Jetzt war er wieder da. John schaltete das Licht ein, da sahen sie Ninas Körper auf dem Fußboden liegen. Blass und leblos. Chris fasste sich als erster, schrie ein lautes Nein und nahm den Körper in den Arm. Hemmungslos weinte er und hielt seine kleine Schwester fest. "Nina, meine Kleine, komm zurück zu mir, bitte, ich liebe Dich, ich brauche Dich, verlass mich nicht....." Sanft legte Doreen ihre Hände auf seine Schultern. "Komm, Chris, es ist zu spät. Wir können nichts mehr tun. Sie wollte es so, glaube mir." Vorsichtig hob er ihren Körper hoch, trug ihn nach oben in ihr Zimmer und legte sie ins Bett. Sarah rief einen Rettungswagen an, und sagte, dass ihre Schwester im Bett wahrscheinlich gestorben war. Doreen nahm Chris in die Arme und führte ihn in den Garten. Er sollte nicht sehen, wie sie Nina abholten.

Epilog
Nicole hatte Chris untergeharkt, damit er nicht zusammen brach. Es nieselte. Außer Chris, John, Doreen, Sarah und Nicole war niemand zu der Beerdigung gekommen. Die Obduktion von Nina hatte ergeben, dass sie einen Herzschlag erlitten hatte, der auf ihre Krankheit zurückzuführen war. Die Kinder wussten es besser. Sie hatten Nina das schwarze Kleid angezogen und ihr den Silberschmuck angelegt. Der Schmuck war schon immer ihr bestimmt gewesen. Keiner der anderen wollte ihn haben. Seit dem 31.10. war Ruhe in das Haus eingekehrt. Es gab zwar keine Anzeichen, ob Antons Geist noch im Haus war, oder auch nicht, aber sie wussten es einfach. Er war nicht mehr da und hatte Nina mitgenommen. Chris war noch immer in der Trauerphase, aber Nicole schaffte es ihm ab und zu ein Lächeln zu entlocken. Chris hatte sich vorgenommen, seinen Job in Australien zu kündigen und das Haus zu übernehmen. John würde bald wieder nach Thai-Land gehen, vorher sprach er noch einmal in seiner Firma vor und bat darum, dass sein Bruder einen Job bekommen könnte. Doreen und Sarah wollten ihren Job im Ausland noch eine Zeitlang machen, dann würden sie wieder nach Deutschland zurückkehren. Anfangs ging Chris jeden Abend in den Keller, da er hoffte ein Zeichen von ihr zu erhalten. Aber es passierte nichts. Nach einiger Zeit war er dann so mit Nicole beschäftigt, dass er seinen Kellerwahn so langsam abbaute. Nicole zog irgendwann zu ihm und hoffte, dass er ihre Blicken irgendwann einmal richtig deuten würde und mit ihr zusammen kommen würde. Als es mal wieder Halloween war, ging er gemeinsam mit Nicole in den Keller und zündete eine Kerze an. Erst passierte nichts, doch dann flackerte die Flamme und Chris spürte einen Lufthauch auf seiner Haut. Es fühlte sich an, als ob jemand ihm über den Kopf gestrichen hatte. Auch Nicole schaute etwas argwöhnisch um sich, als ob auch sie etwas gespürt hätte. Chris wusste auf einmal, was sie ihm damit sagen wollte: er sollte sich jetzt endlich von ihr lösen und eine Beziehung mit Nicole eingehen. Chris holte tief Luft, nahm Nicole an die Hand und ging mir ihr wieder die Treppe hinauf. Jetzt konnte die Vergangenheit endlich ruhen und die Zukunft konnte beginnen.




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Eingereicht am 23. November 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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