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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Tag der Wahrheit

Eine Kurzgeschichte von Marcus Kerschbaum


Der Termin bei meinem Leibfriseur verlief einigermaßen zufriedenstellend. Genauso, wie die anderen Male zuvor, konnte er sich auch dieses Mal nur darin üben, den Schaden so gut wie möglich zu vertuschen. Meine Haare sind nämlich, um es präzise auszudrücken, der Schrecken eines jeden Haarstylisten. Sei's drum, ich hatte mich damit schon längst abgefunden und konzentrierte mich voll auf diesen wichtigen Tag.
Der Anzug war frisch gereinigt, die Schuhe auf Hochglanz poliert und selbst die verhasste Krawatte lag schon bereit. Mein Gott, eine Krawatte, wie lange war es her, dass sich solch ein Ding um meinen zarten Hals geschlungen hatte? Ich konnte mich nicht erinnern, selbst die Technik, mit der man dieses Ding verknotet, war mir entfallen.
Seit Stunden hatte ich nichts mehr gegessen, eine Folge meiner beträchtlichen Nervosität. Man soll mir denjenigen zeigen, der in dieser Situation völlig cool bleibt. Keine Angst, man wird ihn nicht finden.
Der Tag schritt voran und der Abend rückte immer näher. Dieser Abend, der wichtigste aller Abende. In letzter Minute nahm ich noch eine belebende Dusche, dann rein in die Klamotten. Fast gelähmt lies ich mich in einen Sessel fallen. Der Angstschweiß stand mir bereits wieder auf der Stirn, als es klingelte. Mit letzter Kraft schleppte ich mich zur Tür und öffnete. Es war Diana. Sie musterte mich mit kritischem Blick von oben bis unten, musste ein wenig grinsen, gab dann aber ihr okay zu meinem Outfit. "Wenn du lachst, oder irgend etwas an mir auszusetzen hast, ziehe ich alles wieder aus und bleibe hier!" "Stell' dich nicht so an, wird schon nicht so schlimm werden", meinte sie besänftigend. Dann band sie meine Krawatte und packte mich in ihren Wagen, denn in diesem Zustand war ich nicht in der Lage, selbst zu fahren.
Am Ort des Geschehens angekommen, nahm sie meine Hand und zog mich hinter sich her. Schließlich standen wir vor der Haustür. An der Klingel prangte in riesigen Lettern der Name Hermann. Wir standen vor Dianas Elternhaus. Mir schlotterten die Knie, denn es war das erste Treffen mit meinen möglichen Schwiegereltern. Vielleicht versteht der Leser jetzt meine Nervosität. Von diesem Abend hing einiges ab. Würde es mir gelingen, ihre Herzen zu erobern? Würde mein natürlicher Charme bei ihnen ankommen? Fragen über Fragen, die in den nächsten Stunden beantwortet werden mussten.
Diana wollte schon die Klingel drücken, doch ich konnte sie im letzten Moment noch zurückhalten. Ich stand mit leeren Händen da. Wenigstens ein paar Blümchen für die Dame des Hauses mussten drin sein. Jetzt hellwach, schaute ich mich blitzschnell um. Gottlob war Dianas Vater Hobbygärtner und allseits bewunderter Rosenzüchter. Trotz Dianas Bedenken zückte ich mein Taschenmesser und ein Strauß war mein. Nun strotzte ich geradezu vor Selbstvertrauen und betätigte höchstpersönlich zweimal kurz und dynamisch die Klingel. Dianas Mutter öffnete die Tür. Mit den Worten: "Guten Abend, gnädige Frau", hielt ich ihr die Rosen hin. Sie schaute sie etwas komisch an und stotterte: "Wie nett, danke. Kommen Sie doch herein." Drinnen begrüßte ich auch noch Dianas Vater und setzte mich zu ihm ins Wohnzimmer. Während die Damen in der Küche verschwanden, führten wir ein lockeres Gespräch. Bis jetzt schien alles ganz ausgezeichnet zu laufen. Er erzählte mir von seinen preisgekrönten Rosen und dem bevorstehenden Wettbewerb: "Soll ich Ihnen mal eine Sensation anvertrauen?" "Ich bin ganz Ohr."
"Mir ist es gelungen, die ersten Rosen zu züchten, die indigoblau gefärbt sind." Ich zuckte zusammen und bekam Schweißausbrüche. Dabei kam mir ein ungläubiges: "Ist nicht wahr", über die Lippen. Dann fuhr er fort: "Außerdem sind sie besonders geruchsintensiv. Mir ist, als ob ich ihren Duft noch in der Nase habe." Ich wusste, dass er sich nicht irrte, denn sie standen draußen auf dem Flur und verbreiteten ihren fast schon betäubenden Geruch im ganzen Haus. Das war wohl mein Ende in dieser Familie. Als er dann auch noch nach dem Essen Ausschau halten wollte und im Flur verschwand, sah ich schon einen Galgen vor meinem geistigen Auge. Wenig später kam er zurück. Er hatte das Aussehen einer drei Tage alten Leiche angenommen. Ohne auch nur ein Wort zu sagen, setzte er sich und starrte mich mit offenem Mund an. Entschuldigend zuckte ich mit den Schultern und lächelte verlegen.
Mittlerweile hatten die Damen das Essen angerichtet und riefen uns zu Tisch. Sprachlos saßen wir uns gegenüber. Dianas Mutter versuchte, die Situation etwas aufzulockern, doch leider ohne Erfolg. Niemand kann behaupten, dass ich skrupellos bin, ganz im Gegenteil, aber trotz dieses Vorfalls war mein Hunger zurückgekehrt. Beim zweiten Nachschlag war es mir fast schon peinlich, doch Frau Hermann schien es sichtlich Freude zu bereiten, wie ich den Fisch fast im Alleingang wegputzte. Aber die Freude verflog schnell. Beim letzten Bissen stellte sich eine Gräte in meiner Kehle quer und bestrafte mich mit einem bösen Hustenanfall. Keuchend rang ich nach Luft. Wahrscheinlich war dies die Rache des Blumengottes, denn nun kam alles zusammen. Panikartig sprang ich auf, warf dabei so ziemlich alles auf dem Tisch um und kippte sogleich mit dem Stuhl nach hinten. Irgend jemand hob mich auf, ich riss mich los und bewegte mich wankenden Schrittes in Richtung Flur. Mittlerweile war ich bestimmt schon ganz blau im Gesicht und hatte nur noch einen Gedanken: Luft, Luft und nochmals Luft! Stolpernd und wild um mich schlagend traf ich einen harten Gegenstand und vernahm kurz darauf ein scheußliches Klirren. Aus der Ferne hörte ich eine Frauenstimme: "Meine chinesische Vase, dreizehntes Jahrhundert!" Unbeirrt von alledem ging ich meinen Weg, gelangte schließlich vors Haus, trampelte tollpatschig durch stachlige Gewächse und fiel kurz vor der Gartentür wie ein Sack Kartoffeln zu Boden.
Der Schleier vor meinen Augen lichtete sich eine ganze Weile später, wobei ich mich auf dem Sofa liegend wieder fand. Diana hielt meine Hand. Ich fühlte mich wie neu geboren. Aber da war doch noch etwas. Ach ja, in Gedanken sah ich ein Fischskelett, eine Vase und einen Strauß Rosen. Das beste wäre wohl gewesen, einfach wieder die Augen zu schließen und liegen zu bleiben. Doch dazu kam es nicht, denn Frau Hermann kam in diesem Augenblick ins Wohnzimmer gestürzt. Ihrem entsetzten Gesichtsausdruck fügte sie eine schreckliche Botschaft hinzu: "Giovanni hat sich auf den Baum verirrt!" Damit konnte ich nun wirklich nichts anfangen und fragte verduzt: "Wer bitte ist Giovanni?" "Das ist Mutters Kater", klärte mich Diana auf. "Er hat die Angewohnheit, von Zeit zu Zeit auf Bäume zu klettern. Ist er aber erst mal oben, traut er sich nicht mehr herunter." "Aha", bemerkte ich ganz nebenbei. Völlig cool, fast schon gelangweilt, erhob ich mich von meinem Lager und fügte hinzu: "Dann wollen wir mal nach der Mieze schauen."
Frau Hermann leuchtete mir mit der Taschenlampe den Weg, denn die Sonne warf ihre Strahlen mittlerweile auf die andere Seite der Erdkugel. Da stand ich nun, unten - und schaute nach oben. Giovanni saß oben - und schaute nach unten. Herrje, welch verflixte Situation, aber ehrlich gesagt, kam sie mir wie gerufen. Ich bat Frau Hermann, wieder ins Haus zu gehen und abzuwarten. Sie verschwand. Dann legte ich meine großen, kräftigen Hände um den Baumstamm und begann zu schütteln, dass es nur so im Geäst krachte. Giovanni lies sich dies nicht lange gefallen und sprang mit einem riesigen Satz direkt in meine Arme.
Triumphierend trug ich ihn ins Haus und überreichte ihn feierlich an Frau Hermann. Zuerst drückte sie den Kater und dann mich. "Seht nur, wie er Herzklopfen hat, mein kleiner Liebling." Dass dieses aber durch meine Schüttelaktion hervorgerufen worden war, verschwieg ich dezent. Schließlich war der Kater und somit auch der Abend gerettet. Ich stand unverhofft als Held da. Von diesem Tag an, war ich im Hause Hermann jederzeit ein gern gesehener Gast.




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Eingereicht am 19. November 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
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