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Der Tringer

Eine Kurzgeschichte von Sebastian Kiss


Verraucht fielen wir in sein ungemachtes Bett. Er röchelte noch ein wenig, bevor er in eine vorüber gehende, länger anhaltende Starre verfiel, um seinem Bewusstsein die Möglichkeit auf Rehabilitation zu geben oder um einfach alles vergessen zu können. Hinter ihm lag eine lange Nacht mit vielen Stationen.
Hier war nun Endstation, gerade noch rechtzeitig, bevor es wieder hell wurde, bevor dieses unangenehme Gefühl über die Schulter kroch und ihn erkennen ließ, dass er kein Mensch mehr war. Er hasst sich dann selber. Gerade noch rechtzeitig, bevor ihn die Anderen sehen könnten, was für ein elender Haufen da über den Bordstein stolpert. Wieder noch einmal gerade rechtzeitig fiel ihm auf, dass er eigentlich überhaupt nicht ausgehen wollte. Es war 3.55 Uhr.
Die ersten Straßenbahnen gehen wieder gegen 4.00 in Betrieb. Zwischen 1.00 und 4.00 kann man die Nachtbusse nehmen, in denen man für gewöhnlich nur vorne einsteigen kann, dass heißt, man muss dem Busfahrer einen gültigen Fahrausweis vorlegen. Darauf habe ich keine Lust, und er übrigens auch nicht. Deswegen nimmt er auch immer die erste Bahn um 4.00 Uhr. In der ersten Bahn sitzen noch nicht so viele Menschen. Lediglich ein paar Omis oder Nachtschichtler. Während andere Leute auf Arbeit fahren, fährt er ins Bett, verraucht und versoffen. Mein Name ist Jakob Tringer und seiner übrigens auch. Ich bin im Paradies gestartet und gerade noch rechtzeitig wieder gelandet - sozusagen ein Rundflug. Die Wendezeit betrug mehrere Monate.
Auf dem Bahnsteig der Straßenbahnlinie 11 lag ein Betrunkener bewusstlos für quer. Sein Kumpel saß auf der Bank im Wartehäuschen und trank den Rest vom Rest. Die Wartenden glotzten in die Richtung aus der die Bahn kommt, obwohl sie noch längst nicht in Sicht war. Der Tag hatte begonnen. Eine Frau, die noch Fahrkarten brauchte stieg über den Bewusstlosen drüber um zum Fahrkartenautomaten zu gelangen. Die Luft wirkte noch frisch, die Straßen noch sauber.
Verraucht fielen wir zwei Tage später in ein ungemachtes Bett.




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Eingereicht am 07. November 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
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