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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Durst

Eine Kurzgeschichte von Evelyn Reiter


Surber stand an der Klippe. Er überlegte was er tun sollte. Sollte er es gar riskieren und einen freien Flug tun? Er hatte genug von so vielem. Er fühlte sich müde und einsam. Genüsslich nahm er einen Schluck aus seiner Schnapsflasche im Mantelsack. Der kalte Wind wehte ihm um die Ohren. Wie gut, dass weit und breit niemand da war, nur der hereinbrechende Abend und die Kälte die langsam über die Klippen und das Meer zog. Er stand auf noch grünem Rasen und schaute aufs Meer hinunter, das schier unermüdlich ans Ufer anbrandete. Sch, Sch, Schhhhhhh. Kieselrollen und Brandungsdonnern der Wellen, dazwischen wie zärtlich sanftes Wellenrauschen.
Es war Herbst und Surber war allein. Er war hier am arbeiten. Er hatte unglaubliches Glück gehabt, dass er diese Stelle überhaupt erhalten hatte. Oh, verdammt. Dieser Durst, der ihn innerlich ausbrennen ließ. Er konnte kaum noch klar denken. Dabei hatte er doch schon eine halbe Flasche Wodka getrunken. Es half kaum, jetzt hatte er noch eine halbe. Höllisch, diese Schmerzen, die in seinem Körper rumorten. Es zog und zerrte und schrie nach noch mehr Alkohol. Still du blödes Ungeheuer, herrschte der Surber es an. Wie hatte er es bloß herangezüchtet und jetzt schien es schier die Oberhand über ihn zu gewinnen. Es fraß seine Sinne und Gefühle auf. Mit großer Konzentration begann er seine Rationen einzuteilen. OK, diese halbe Flasche musste reichen. Reichen, bis er wieder die nächste kaufen konnte. Wie war es ihm zuwider, in einen Einkaufsladen zu gehen. Die Gesichter, die Menschen, seine Sprachlosigkeit. Dieses Ausgeschlossensein. Dieses nicht dazugehören, dieses sinntötende Dasein. Das Ungeheuer fraß an seinen Gedanken und was übrig blieb, war nicht gerade viel. Es ließ ihn nur noch zweifeln an den Menschen und an sich selbst, wollte allem und jedem aus dem Weg gehen. Bitte, flehte er jetzt, lass mich doch glücklich sein! Bitte, lass mich diese andere Arbeitsstelle erhalten, auch wenn ich wenig Lohn haben werde. Noch etwas glücklich sein. Surber nahm einen weiteren Schluck aus seiner Flasche. Das Gesöff. Es schmeckte scheußlich, aber egal, Hauptsache Alkohol. Das Ungeheuer beruhigte sich wieder für einen Augenblick. Ruhe! Er atmete wieder tief ein und aus. Wieso ließ er sich so verunsichern? Wieso begann er nicht, seine schönen Träume zu verwirklichen, oder war er denn am Ende? Im Moment fühlte er sich fast wirklich so. Dabei, er war ziemlich gesund. Das einigste Ding, das er hatte, war das Ungeheuer in ihm, das ihn unleidig werden ließ. Er horchte in die Nacht hinein.
Nein, er konnte schreien und toben wie er wollte, es blieb ruhig, da in der Stille. Na, dann mal los. Er begann laut zu schreien, das Meer antwortete ihm mit einem milden Rauschen.
Wirklich, er war alleine. Von ganz weitem sah er Lichtlein aus den Hütten auf den Klippen. Die Fischer und Leute, die hier seit langem wohnten. Er wohnte in der Stadt und war mit seinem Auto hinausgefahren, um etwas Ruhe zu haben.
Auch wenn er noch so meckerte, würde sich sein Leben nicht ändern. Das Leben warf wieder und wieder seine Wellen auf Surber selbst zurück. Er schluckte schwer und es machte ihm zu schaffen. Wegen seiner Arbeit war er gezwungen, viel nachzudenken, wegen viel Freizeit daneben. Es machte ihm wirklich zu schaffen. Nichts da, mit ablenken.
Was für eine Qual. Hatte er nicht schon immer Zeit für sich haben wollen? .... Es war ganz anders, als er es sich vorgestellt hatte.
Wiederum nahm er einen Schluck aus seiner Flasche, sie war fast leer. Ein Unglück!
Er seufzte tief. Etwas Schmerzen und Unbehangen, dann würde er es wieder überwunden haben. Traum und Schmerz waren nahe beieinander. Berauschende Glückseligkeit und rasendes schmerzendes Ungeheuer.
Er ließ sich etwas Zeit, atmete tief die beruhigende Meeresluft ein und aus, und legte sich in den kalten Rasen. Es war Nacht und es war ihm ganz egal, ob er sich erkälten würde.
Kein Alkohol und auch keine Wärme. Keine Stimmen, die ihn trösteten. Er fühlte sich so verloren und alleine. Doch, im Auto war sein Notizblock, dort schrieb er seine Eindrücke rein. Er las sein Geschriebenes gerne, denn es war seins und sein Leben, das, was er von sich gab.
Da erkannte er sich wieder. Es tat ihm gut, sein eignes Geschriebnes zu lesen. Er besah sich auch gerne in den Spiegeln der Stadt, wenn er durch die Straßen ging, er konnte dadurch sein Bild in seinem Kopf wieder herstellen.
Es war Nacht und die Sterne begannen ihm zuzuzwinkern. Er beruhigte sich etwas. Das Ungeheuer verletzte ihn, da innen. Doch er schaute die Sterne an. Was kümmerte ihn das Ungeheuer, soll es doch. Er konnte eh nichts dagegen tun im Moment, und musste wohl oder übel durch.
Nach zwei Stunden stieg er in sein Auto und fuhr heim, in seine Wohnung, fiel in einen unruhigen Schlaf.




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Eingereicht am 05. November 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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