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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Unverhofft kommt oft?

Eine Kurzgeschichte von Oliver Baumgart


Als Karl zum Fenster hinausschaute, begann gerade die Turmuhr zu schlagen. Siebenmal schlug sie. Jeden Morgen um 7 Uhr stand Karl am Fenster und sog mit tiefen Zügen die frische Morgenluft in seine Lungen, um die letzten Schlafgeister zu vertreiben. Der Himmel zeigte sich verhangen. Dieses trübe Wetter drückte stets auf Karls Stimmung. Da Karl beruflich als Pharmaberater unterwegs war, bedeutete eine schlechte Stimmung meist eine negative Ausstrahlung und damit auch ein ungünstiges Verkaufsergebnis. Der Morgen ließ nichts Gutes für den Tag erwarten. Wie jeden Morgen ließ Karl den Blick über die umliegenden Häuser und Straßenschluchten schweifen. Da er im 9. Stock eines Hochhauses wohnte, hatte er eine hervorragende Aussicht. Karl hatte stets darauf geachtet, nicht in einer Plattenbausiedlung zu wohnen. So gab es in diesem Bereich der Stadt nur vereinzelte Hochhäuser, und die Umgebung hinterließ genau wie das Haus, in dem er wohnte, einen gepflegten Eindruck. Die Straßen waren sauber, und das Stadtbild war von 6-8-Familienhäusern geprägt. Mit seinen Nachbarn im Hochhaus pflegte er sogar regelmäßig morgens und abends einen Smalltalk. Meist traf er morgens beim Bäcker einen seiner Mitbewohner, stets Anlass zum Austausch der neuesten Informationen aus den Radionachrichten.
Langsam wurde es Zeit, sein Tagwerk in Angriff zu nehmen. Nach dem allmorgendlichen Rundblick am Fenster, den er in der Regel mehrere Minuten zu genießen pflegte, war umso mehr Eile bei den übrigen Pflichten geboten. Denn aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit musste er peinlich genau auf ein seriöses gepflegtes und akkurates Erscheinungsbild achten. Leider stand ihm keine Lebensgefährtin zur Seite, die in diesem Punkt ein aufmerksames Auge auf ihn hatte. So nahm die Morgenpflege mit Rasieren, Waschen und Anziehen meist 20 Minuten in Anspruch, so dass er gegen 7:30 Uhr beim Bäcker war. Heute traf er nicht einmal jemanden seiner Nachbarn, was seiner Stimmung auch nicht gerade zuträglich war. Denn da er alleine lebte, hatte er an dem zwanglosen Plausch am Morgen seine Freude. Und er hatte sich so daran gewöhnt, dass er ihn nicht mehr missen mochte. So zwang er recht missmutig sein mit Honig beschmiertes Brötchen hinunter, ohne dieses richtig zu genießen. Zügig ließ er auch noch 2 Tassen Kaffee die Kehle hinabrinnen, um danach das Frühstücksgeschirr in die Spüle zu stellen. Morgens war ihm nie nach Geschirrspülen zumute, so dass er diese unerfreuliche Tätigkeit in die Abendstunden verlegte.
Die Autoschlüssel von der Kommode in die linke, den Aktenkoffer mit Unterlagen und Warenproben in die rechte Hand nehmend verließ Karl seine Wohnung und fuhr mit dem Fahrstuhl die 9 Stockwerke hinunter. Für seine Fahrtroute hatte er heute einen ungefähr 20 km entfernten Ort ausgewählt. Da er zum Teil auf Provisionsbasis arbeitete, war es wichtig, die Besuche von Ärzten und Apothekern auch ökonomisch zu planen, also möglichst viele Termine in möglichst kurzer Zeit wahrzunehmen. Da durfte die reine Fahrtzeit nicht allzu viel Zeit in Anspruch nehmen. Zwar arbeitete Karl schon 6 Monate für seinen Arbeitgeber, aber der für den heutigen Tag geplante Ort stand zum ersten Mal auf seinem Programm. Die ihm von seinem Arbeitgeber zur Verfügung gestellte Adressenliste hatte ihm 5 Apotheken und 16 Fachärzte geliefert, welche es zu besuchen lohnte.
Die Fahrt verlief ohne besondere Vorkommnisse. Zwar war es trübe, aber es regnete nicht, so dass sich das Verkehrsaufkommen in Grenzen hielt und der Verkehrsfluss weitgehend reibungslos vonstatten ging.
Um die Fahrtroute optimiert planen und die maßgeblichen Adressen auch finden zu können, hatte er sich einen Großraumatlas zugelegt. Dort waren auch Stadtpläne kleinerer Orte verzeichnet, und die Arbeit wurde ihm immens erleichtert. Er hatte sich entschlossen, zunächst sämtliche Adressen an der Hauptstraße zu besuchen und sich danach die Nebenstraßen, erst rechts und danach links der Hauptstraße, vorzunehmen.
Karl stoppte sein Fahrzeug und hatte beschlossen, die ersten drei Adressen, eine Arztpraxis und zwei Apotheken, zu Fuß zu erreichen, ohne dafür das Auto zu beanspruchen. Nachdem er die Praxis betreten hatte, begrüßte er wie stets die Damen am Empfang und stellte sich vor. Meist dauerte es nur maximal 10 Minuten, bis er auf diese Weise zum Arzt vorgelassen wurde. Aber scheinbar blieb ihm das Pech heute treu, wie er es schon beim Blick aus dem Fenster befürchtet hatte. Der Arzt war nämlich wegen eines akuten Notfalls zu einem Hausbesuch unterwegs und stand heute für ihn nicht mehr zur Verfügung.
So führte ihn der Weg unverrichteter Dinge zur ersten Apotheke. Da sie an der Hauptstraße lag, hatte er mit einem relativ großen Geschäft mit vielen Angestellten gerechnet. Wider Erwarten stand er jedoch vor einer kleinen an einen Tante Emma Laden erinnernden Apotheke. Wieder wurde er an seinen morgendlichen Blick aus dem Fenster erinnert, denn je kleiner das Kundenpotential seiner Kunden wäre, desto geringer würden auch seine eigenen Umsatzchancen sein. Nichtsdestotrotz musste er auch seine kleinen Chancen wahren. Also öffnete er die Tür und betrat den Geschäftsraum der Apotheke, der nur von wenigen Lichtquellen erhellt wurde und damit relativ dunkel und nicht sehr einladend wirkte. Die dunkel gehaltenen Eichenmöbel, welche die Auslagen beherbergten, verstärkten noch diesen Eindruck. So stand er ungefähr eine Minute in der Tür und schaute interessiert in den Raum. Aber so dunkel der Raum mit den unzureichenden Lichtverhältnissen auch wirkte, so musste Karl zugeben, dass das Mobiliar bei genauerem Hinsehen eine angenehm warme Ausstrahlung besaß. Schließlich hörte er doch Schritte, welche das Näherkommen einer Mitarbeiterin der Apotheke ankündigten. Das Geräusch der Absätze ließ nämlich zweifelsfrei das Erscheinen einer Frau erwarten.
Bevor er sich intensiver mit der Analyse der Schrittgeräusche auseinandersetzen konnte, kam eine junge Frau im Alter von ungefähr 30 Jahren um die Ecke. Sogleich erkannte er sie als seine ehemalige Jugendliebe Nicola. Stets hatte er sie angehimmelt, jedoch ohne ihr gegenüber je seine Gefühle ausdrücken zu können. Immer, wenn er ihr seine Sympathien gestehen wollte, versagte ihm die Stimme oder es ereigneten sich andere Zwischenfälle, welche ihre Ungestörtheit unterbrachen. Das Adrenalin spielte ihm leider immer dann einen Streich, wenn die Schmetterlinge in seinem Bauch Purzelbäume schlugen, so auch jetzt wieder. Auch wenn sie sich nun über 10 Jahre lang nicht gesehen hatten, waren seine Gefühle ihr gegenüber noch immer ungebrochen. "Hallo Nicola!" entrang er sich gerade zwei Worte mit heiserer Stimme. Sein Verhalten ließ allerdings keine Zweifel über seine Erregung aufkommen. Wie weggeblasen war sein professionell verkäuferisches Auftreten. Er merkte, wie ihm das Herz bis zum Hals schlug und seine Stimme ihm den Dienst zu verweigern drohte. Er hatte nicht mehr damit gerechnet, dass ihm in seinem Alter diese Begegnung noch so zusetzen würde. Schließlich war er ja auch schon über 10 Jahre fort von der Schule. Aber gegen seine Hormone konnte er sich nicht wehren. Nicola war auch heute noch so bezaubernd, dass ihm klare Gedanken in diesem Moment versagt blieben. "Grüß Dich, Karl!", hörte er Nicolas Worte wie durch einen dichten Nebel. Da er sich dieser Situation nicht gewachsen fühlte, suchte er sein Heil in der Flucht. "Sorry, Nicola! Ich habe mich wohl in der Adresse geirrt. Ich wollte zu jemand anderem. Mach´s gut!", gab Karl zurück. Auch wenn seine Stimme etwas fester war als zuvor, merkte sicher auch Nicola ihm seine äußerste Nervosität an, was ihm im höchsten Maße unangenehm war. Umso schneller wollte er das Weite suchen und an der frischen Luft wieder versuchen, klare Gedanken zu fassen.
"Karl! Bleib bitte! Du brauchst nicht wegzulaufen.", hörte er Nicola hinter sich rufen, nachdem er sich schon umgewendet hatte und sich gerade begonnen hatte, in Richtung Tür zu bewegen. "Ich weiß, dass Du schon immer Gefühle für mich gehegt hast. Und es hatte bisher auch nicht sein sollen, dass wir uns hätten näherkommen können. Aber ich freue mich sehr, Dich wiederzusehen. Und ich würde auch gern etwas länger mit Dir plaudern. Ich fände es schade, wenn Du jetzt einfach so gehen würdest." Nicolas Worte drangen nur zögerlich zu ihm, aber sie klangen sehr intensiv nach. Innerlich freute er sich, dass sie solch nette Worte zu ihm gesprochen hatte. Aber ihm blieb die Angst, dass er nicht in der Lage war, eine entsprechend freundliche Unterhaltung mit Nicola zustande zu bringen. Das wäre für ihn noch schlimmer zu ertragen. Immerhin war er bei ihren Worten stehen geblieben, so dass er auf halbem Weg zur Tür stand. "Karl, magst Du nicht heute Nachmittag einen Kaffee mit mir trinken? Ich schließe in der Mittagszeit die Apotheke und würde mich freuen, wenn wir etwas mehr Zeit hätten, miteinander zu reden." So unsicher er sich auch damit fühlte, die letzten Worte Nicolas waren dann doch entscheidend. "Ich gebe ja zu, dass ich mich im Grunde auch sehr freue, Dich zu sehen. Aber angesichts der Situation zwischen uns war ich bis eben sehr bange, dass wir nur wieder Stress miteinander haben würden. Wo Du aber anscheinend so positiv einem Gespräch zwischen uns gegenüberstehst, denke ich doch, dass wir es vielleicht doch probieren sollten. In der Tat wäre es doch sehr schade, wenn wir uns diese Gelegenheit entgehen lassen würden. Dann lass uns heute Mittag in ein Cafe gehen. Wäre ja schön, wenn wir die negativen Erlebnisse vergessen können." "Schön, sehen wir uns dann um 13 Uhr hier vor meiner Tür?" "Ok, Nicola. Dann also bis nachher." Erfreut stellte Karl fest, dass trotz der positiven Erregung die letzten Worte mit fester Stimme über seine Lippen kamen. Sollte es doch noch ein Happy End mit Nicola geben? Unverhofft kommt oft?




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Eingereicht am 23. September 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
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