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Eltern

Eine Kurzgeschichte von Manfred Osterfeld


"Anja? Hier ist Dein Vater. Wir haben gehört, du hast jetzt eine Stelle bei der Stadtverwaltung." Erstaunt schaust du den Telefonhörer an wie die Gewinner in der Lottowerbung ihre Millionen. Woher wissen meine Eltern das jetzt schon wieder? Habe ich es vielleicht Mama erzählt? Nein, bestimmt nicht! Das hatte ich mir doch für Samstag vorgenommen.
Dein Vater hatte das letzte Mal vor einem Jahr angerufen. Du versuchst dich zu erinnern. Das ist doch dieser Anzug, der morgens früh aus dem Haus ging und spät abends wieder da war. Dessen Wortschatz aus "nein", "um 23 Uhr bist du wieder zu Hause", "so lange du deine Füße unter diesen Tisch stellst..." bestand.
Nach dem Studium hast du dir gesagt, nach der Abschaffung der Hexenverbrennung und der Gottesurteile wären Väter völlig überflüssig. Du hast dir gedacht, wie eine Grippe oder ein Pickel würden Väter sich langsam aus deinem Leben zurückbilden.
Nachdem du dich gefangen hast, sagst du: "Ja, ab dem ersten März habe ich den Job. Eigentlich bin ich sehr glücklich und die Bezahlung ist auch gut."
Eine Woche später ein erneuter Anruf deines Vaters: "Anja, warum kommst du nicht heute zum Abendessen und wir reden mal über deine Altersversorgung?" Dein Vater leidet unter Artikulationsschwächen. Das ist seine Art, dir zu sagen: "Ich vermisse dich." Dir fällt auf, dass du deinen Vater eigentlich magst, aber dir fehlen im Moment die Worte.
Du besuchst deine Eltern am Wochenende. Ihr redet über Dispokredite, Bausparverträge, vermögenswirksame Leistungen, stellt Vermutungen über den zukünftigen Verlauf des DAX an. Es ist der Grand Prix der Konversation. Ein wohliges Gefühl der Zufriedenheit macht sich in der Gegend deines Bauches breit.
Zu Weihnachten der verbale Zusammenstoß. Der Totalschaden in Worten. Was dich aus der Kurve haut, sind seine Kommentare zu Zeitungsberichten über Arbeitslose, Verlängerungen der Schonzeiten des Schwarzwildes und Feministinnen, die von der Polizei verprügelt werden, weil sie bei einer Demo gegen die Beschneidung der Frauen in Äthiopien ein Fenster der Botschaft eingeworfen haben.
"Die hat überhaupt keinen Busen", sagt dein Vater und trinkt aus seinem Bierglas.
"Na und?" Du kommst vom Hauptweg ab. Darauf wolltest du dich gar nicht einlassen. "Das kommt von der antiautoritären Erziehung!" Erneutes Trinken aus dem Bierglas.
"Du meinst also, alle Frauen ohne Busen sind Feministinnen, alle Feministinnen sind lesbisch und alle Lesben müssen nur mal einen richtigen Mann im Bett haben, damit sie wieder normale Frauen werden? Das ist doch totaler Unsinn!"
Ihr starrt euch beide an. Das Funkeln in euren Augen gleicht dem aufgeblendeten Fernlicht eines entgegenkommenden Autos in der Nacht. Hartnäckiges Schweigen macht sich breit. Ratlos sitzt ihr euch in der Stille gegenüber. Deine Mutter schaut sich die Weihnachtsgrußkarten auf dem Kamin an. Hunderte von Nikoläusen werden von zwanzig und mehr Rentieren in unheimlicher Geschwindigkeit durchs Land gezogen. Die Raumtemperatur nähert sich dem Siedepunkt. Die Schokoladenweihnachtsmänner stehen schon in ihren eigenen Schokoladenpfützen.
"Sag mal Anja", bricht dein Vater plötzlich das Schweigen. "Was für eine Verzinsung bringt eigentlich der Sparvertrag, den du abgeschlossen hast?" Seine Stimme klingt herzlich. Er hat den Streckenverlauf wieder gefunden.




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Eingereicht am 22. September 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
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