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Beinahe wäre ich dabei gewesen

Eine Kurzgeschichte von Manfred Osterfeld


Bereits als kleiner Junge besaß ich eine rege Phantasie. Das war in meiner Kindheit besonders dann von Vorteil, wenn ich mal wieder zu spät zum Abendessen kam oder unbedingt der Rasen gemäht werden sollte. Mein Gewissen stand meiner Phantasie dabei nie im Wege. Das hat sich im Laufe der Jahre auch nie geändert und mein Jahrmarktbesuch am letzten Wochenende lässt mir noch jetzt, beim Blick in die Tiefen meiner eigenen Sensationslust, eine Gänsehaut den Rücken herunterlaufen.
Ich schlenderte mit einigen Freunden über den Jahrmarkt, als wir ein Karussell erblickten, dass scheinbar Mitten in der Fahrt angehalten hatte, sodass die Fahrgäste praktisch in der Luft hingen. Zunächst hielt ich dieses Karussell für eine neue Attraktion, die wieder einmal etwas gemeiner ist, als sie eigentlich hätte sein müssen, um den Fahrgästen auf besonders intensive Art ihre unbequeme Lage zu verdeutlichen.
Einfache Drehbewegungen reichen seit Jahren nicht mehr aus. Ein gutes Karussell muss sich mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit um die eigene Achse drehen, ruckartig vor- und zurückschleudern und sich dabei im freien Fall aus dreihundert Meter Höhe befinden. Ich gehe jede Wette ein, das die Karussellkonstrukteure einschlägige Drogenerfahrungen haben. Denn wie sonst kommt man darauf eine Maschine zu bauen, nach deren Benutzung einem speiübel ist?
Ein stark betrunkener Mann, der sich hinter einem Zuckerwattenstand übergab lenkte mich kurz ab, doch als ich wieder zum Karussell sah, stand es immer noch still. Langsam bildete sich eine größere Menschenansammlung. Dass die angeschnallten Mitfahrer in ihren einzelnen Kabinen in seltsamen Positionen in der Luft hingen, verstärkte zusätzlich den Eindruck, dass es sich um eine Funktionsstörung handeln musste.
In etwa vier Meter Höhe hing ein Paar in der Rückenlage, mit den Gesichtern nach oben. Weiter oben, in etwa zehn Meter Höhe hing eine junge Frau mit langen blonden Haaren mit dem Gesicht nach unten. Sie wurde nur von ihrem Anschnallgurt gehalten, der sich deutlich spannte. Das Paar in der anderen Kabinen konnte sich wenigstens noch gegenseitig Mut zusprechen, aber die junge Frau schien mir eine aussichtsreiche Kandidatin für die bevorstehende Tragödie zu sein.
Die Menschenmenge wurde immer größer und wenn die drei- bis vierhundert anderen Menschen nur halbwegs so veranlagt waren wie ich, dann starrten sie auf die junge Frau und überlegten, wie sie diese Horrorgeschichte am besten ihren Freunden erzählen würden.
In absehbarer Zukunft würde ich, nachdem die anderen Partygäste ihre langweiligen Gesprächsthemen vorgebracht hätten, im richtigen Moment, wie nebenbei sagen: "Als ich auf dem Jahrmarkt war, ist eine Frau aus einem Karussell in den Tod gestürzt." Ein Moment der absoluten Stille würde folgen. Sie würden mir Fragen stellen, die ich genüsslich beantworte und mit meinen ausführlichen Erklärungen würde ich ihnen eisige Schauer über den Rücken jagen. Ich bin mir sicher, dass ich der Mittelpunkt jeder Party sein werde und endlich die Aufmerksamkeit erhalte, die mir schon lange zusteht.
Und so drängte ich mich zwischen den anderen Menschen näher an das Karussell heran, die wie ich mit einem Ausdruck in den Abendhimmel starrten, der normalerweise für das nächtliche Feuerwerk reserviert war. Ein Schuh der jungen Frau löste sich und fiel auf den Boden.
"Und dann fiel der Schuh der jungen, blonden Frau zu Boden.", höre ich mich sagen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so gemein und unmenschlich gedacht zu haben. Ich rechtfertigte mich sofort damit, dass die Fahrgäste nicht durch mein Verhalten in diese missliche Lage geraten waren. Sie hatten schließlich aus freien Stücken das Karussell bestiegen.
Der Betreiber des Fahrgeschäfts gestikuliert wild mit seinen Armen und hatte offensichtlich keine Idee, wie er die Menschen aus ihrer Lage befreien sollte, aber auch dafür konnte ich nichts. Ich weiß nicht wie es bei den anderen Zuschauern aussah, aber ich wurde eindeutig gebraucht, um den Fahrgästen moralische Unterstützung zu geben.
Als die Polizei uns zurückdrängte, um für die Feuerwehrwagen Platz zu schaffen, ärgerte ich mich. Schließlich war ich schon viel länger da als sie. Ich hielt unter größten Anstrengungen in der Menschenmenge meine Stellung. Aber als noch mehr Polizisten eintrafen, wurden wir schließlich doch zurückgedrängt.
Ich war den Tränen nahe, während alle Anderen offensichtlich leichter mit der Enttäuschung umgehen konnten und sich wieder den anderen Karussells des Jahrmarkts zuwandten, um ihren eigenen zu frühen Tod herauszufordern.
Beinahe wäre ich dabei gewesen, wie eine junge Frau tödlich verunglückte. Aber wen interessiert schon ein Beinaheunfall? Ich gab der Polizei die Schuld für den verpatzten Abend. Aber letzten Endes war es die Horrorgeschichte der jungen Frau und was noch viel schlimmer war: Sie hatte uns dabei beobachten müssen. Beim Anblick unserer hässlichen, gierigen Gesichter gab es für sie vermutlich keinen Grund, zur Erde zurückzukehren und ihr Leben unter diesem Abschaum fortzusetzen. Ich halte es für gut möglich, dass sie immer noch im Himmel über dem Jahrmarkt schwebt und sich mit Händen und Füßen gegen jeden wehrt, der ihr zu nahe kommt.




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Eingereicht am 22. September 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
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