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Auf Wiedersehen, Mami!

Eine Kurzgeschichte von Eva Markert


Leise ging die Tür auf und der Vater kam auf Zehenspitzen aus dem Schlafzimmer herausgeschlichen. Im Raum hinter ihm war es stockdunkel und totenstill. Das kleine Mädchen im Nachthemd sah ihm fast ängstlich zu, wie er die Tür ganz langsam und fast geräuschlos hinter sich zuzog.
"Ist Mami tot?" wisperte Marie.
Der Vater stockte kurz. Dann schüttelte er den Kopf. "Nein, Marie. Sie schläft endlich - ganz tief und fest."
"Hat sie keine Schmerzen?"
"Im Augenblick nicht."
"Und wenn die Schmerzen wieder kommen?"
"Die Schwester wird bald da sein. Sie gibt Mami ihre Spritze."
"Aber Spritzen tun doch auch weh!"
"Nicht sehr. Spritzen sind doch nicht so schlimm!"
"Ich finde Spritzen aber schlimm. Ganz schrecklich finde ich die!"
"Mami nicht. Und jetzt komm schnell in die Küche, frühstücken. Aber zieh dir vorher noch deinen Bademantel über. Du zitterst ja."
"Darf ich nicht erst noch zu Mami gehen?"
"Jetzt nicht."
"Aber ich will Mami sehen. Ich sage ihr doch jeden Tag guten Morgen!"
"Später vielleicht."
"Mami wartet sicher schon auf mich!"
"Du hast doch gehört, dass Mami schläft. Tu jetzt, was ich dir sage!"
Marie duckte sich unter der Ungeduld ihres Vaters hinweg und lief schnell die ersten Stufen hinauf. Mitten auf der Treppe blieb sie plötzlich stehen. Sie hatte es schon wieder vergessen! Sie durfte doch nicht poltern! Hoffentlich war Mami jetzt nicht aufgewacht! Sie lauschte. Zum Glück hatte Papa den Krach wenigstens nicht gehört. Er war schon in der Küche verschwunden, wo er mit Geschirr klapperte. Papa war auch nicht immer ganz leise!
Marie schlich sich nach oben in ihr Kinderzimmer und setzte sich auf das Bett. Ihr war so kalt. Eine Gänsehaut überzog ihren ganzen Körper. Gedankenverloren sah sie zu, wie die kleinen Erhebungen nach und nach in ihrer Haut verschwanden. Aber sie brachen immer wieder hervor und liefen über ihre Arme und Beine.
Marie ließ sich nach hinten fallen und starrte an die Decke. Auch ihre Füße waren eisig kalt. Die Zehen wurden ganz steif. Fühlte es sich so an, wenn man tot war?
Nein, wenn man tot war, fühlte man gar nichts mehr. Keine Kälte. Und auch keine Schmerzen. Marie schloss die Augen.
Wenn man starb, das wusste sie, hörte man auf zu atmen. Und das Herz schlug nicht mehr. Marie hielt den Atem an. Vielleicht war es ganz leicht zu sterben.
Aber es war nicht leicht. Ihr Herz schlug immer weiter, und sie konnte nicht anders. Sie musste weiter atmen. Nein, so ging es nicht.
"Marie! Beeil dich! Es ist schon sieben."
Erschrocken riss Marie die Augen auf. Der Vater stand vor ihr. Sie hatte gar nicht gehört, wie er hereingekommen war. Schnell setzte sie sich auf und schwang die Beine aus dem Bett.
"Zieh dich jetzt an. Dein Frühstück ist fertig."
Hastig sprang Marie auf. Gleich würde Lara kommen, um sie abzuholen. Sie gingen schon seit der ersten Klasse immer zusammen zur Schule. Seit den großen Ferien waren sie im zweiten Schuljahr.
Während Marie sich die Zähne putzte, musste sie wieder an Linus denken. Linus war Laras kleiner Bruder. Er hatte es gut! Marie beneidete ihn richtig. Er war nämlich schon tot. Er war überfahren worden damals von einem Auto. Marie erinnerte sich noch genau an die Beerdigung. Fast alle hatten geweint. Auch Mami. Sie hatte Linus sehr gemocht. Damals war sie noch gesund gewesen. Das heißt, eigentlich hatten sie nur gedacht, sie wäre gesund. Dass sie krank war, wussten sie damals noch nicht.
Marie griff nach ihrer Jeanshose, die über dem Stuhl hing.
Und nun würde Mami auch bald tot sein. Wenn es stimmte, dass man dann in den Himmel kam, würden Linus und Mami sich wiedersehen. Marie seufzte. Linus hatte wirklich Glück!
Papa saß am Küchentisch und trank seinen Tee. Er war ganz weiß im Gesicht, nur nicht unter den Augen. Da waren dunkle Ringe. Er starrte vor sich hin, aber als sie hereinkam, sah er hoch.
"Wenn ich mich beeile mit dem Frühstück, darf ich dann noch eben zu Mami gehen und ihr einen Kuss geben?"
Papa setzte seine Tasse ab, an der er sich die Hände gewärmt hatte.
"Na gut. Aber nur ganz kurz."
Marie hatte eigentlich gar keinen Hunger, und Papas Teller war auch unbenutzt.
"Papa, du isst ja gar nichts!"
"Doch, Marie, später."
Eine Weile war es still in der Küche.
"Was sollen wir bloß machen, Papa?" fragte Marie schließlich zaghaft. Fragend sah der Vater sie an.
"Was sollen wir bloß machen, wenn Mami tot ist?"
Der Vater sah in seine Teetasse. Er räusperte sich mehrmals.
"Ohne Mami geht es doch gar nicht. Findest du nicht auch?"
Der Vater wandte sich ab. "Wir reden ein anderes Mal darüber." Seine Stimme klang ganz heiser, wie die Stimme eines ganz fremden Mannes. Er stand auf, trat ans Fenster und sah hinaus. Wahrscheinlich merkte er gar nicht, dass Marie kurz darauf zum Schlafzimmer hinüberlief.
Vorsichtig öffnete sie die Tür. Ein merkwürdiger Geruch schlug ihr entgegen. Marie hielt sich die Hand vor die Nase und trat in die dumpfe Luft des düsteren Zimmers.
"Mami? Mami? Bist du wach?"
Vom Bett her kamen unregelmäßige ziehende und pfeifende Geräusche. Es war Mami, die diese Geräusche machte. Wenn sie einatmete, klang es fast wie ein Stöhnen.
Je näher Marie dem Bett kam, desto schlimmer wurde der merkwürdige Geruch. Ein Schreck durchzuckte sie. Das war auch Mami. Mami stank.
Marie wurde plötzlich übel. Unschlüssig blieb sie einen Augenblick stehen, doch dann ging sie mutig weiter. Ihre Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt. Als sie neben dem Bett kniete, konnte sie Mami im Bett erahnen. Ihr Kopf war so klein geworden und ihre Nase ganz spitz. Vorsichtig streckte Marie ihre Hand aus. Ihre Finger berührten etwas Hartes. Da wo früher Mamis Schulter gewesen war, fühlte sie jetzt nur noch Knochen. Leicht strichen ihre Finger den Arm hinunter bis zu Mamis Hand. Marie legte ihren Kopf auf die Bettdecke und drückte ganz leicht Mamis Hand. Das hatte sie früher auch immer gemacht. Nur dass Mamis Hand sich jetzt ganz kalt und leblos anfühlte.
An der Haustür klingelte es.
"Das ist Lara", flüsterte Marie.
"Marie!" hörte sie den Vater leise rufen. Sie küsste Mamis Hand.
"Ich muss jetzt gehen. Bis bald, Mami."
Auf dem Schulweg war Marie sehr schweigsam. Lara wurde schließlich richtiggehend böse, denn ihre Freundin hörte ihr überhaupt nicht zu. Aber Marie musste die ganze Zeit an Linus denken. Ob es schlimm war, von einem Auto überfahren zu werden? Sie beobachtete die Straße. Ein Auto nach dem anderen sauste vorbei. Aber Linus war nicht sofort tot gewesen. Er hatte noch einige Tage im Krankenhaus gelegen, bevor er gestorben war. Das war sicher schlimm. Vielleicht wäre ein Lastwagen besser? Oder ein Bus?
"Marie! Pass auf!" schrie Lara und riss sie am Ärmel. Marie war ganz in Gedanken auf die Straße getreten und wäre beinahe in einen Bus hineingelaufen. Schnell sprang sie wieder auf den Bürgersteig. Ihr Herz klopfte heftig vor Schreck.
In der Pause hatte Marie überhaupt keine Lust, mit den anderen Kindern zu spielen. Sie stand am Zaun und sah ihnen zu. Frau Hammes stellte sich neben sie. Sie lächelte Marie freundlich an.
"Na, Marie, wie geht's euch?"
Marie dachte kurz nach. "Ist es wirklich wahr, was Sie neulich in Reli gesagt haben?", fragte sie dann
"Was meinst du denn?"
"Dass nur der Körper stirbt und die Seele weiter lebt und in den Himmel fliegt zum lieben Gott?"
"Ja, das hast du ganz richtig verstanden."
"Und im Himmel trifft man dann alle wieder, die schon vor einem gestorben sind?"
"So ist es!"
Marie schluckte. Ihre Stimme war ganz leise.
"Auch Mami? Ich meine, wenn sie tot ist, kommt sie dann auch in den Himmel?"
"Bestimmt kommt sie in den Himmel!"
"Und geht es ihr dann wieder gut?"
"Natürlich!"
Maries Stimme wurde noch leiser.
"Und wenn ich tot bin, sehe ich sie dann wieder?"
"Ja, da bin ich ganz sicher! Und denke immer daran: wenn deine Mami stirbt, ist es kein Abschied für immer. Du wirst sie ganz bestimmt eines Tages wiedersehen. Es ist nur ein Abschied auf Zeit. Vergiss das nicht!"
An dieses Gespräch musste Marie wieder denken, als sie mit Papa beim Mittagessen saß. Sie waren beide still und traurig, denn Mami war nicht mehr da. Der Arzt, der morgens gekommen war, hatte gemeint, Mami wäre im Krankenhaus besser aufgehoben. Ein Krankenwagen hatte sie abgeholt.
Marie legte ihr Besteck nieder.
"Darf ich mitkommen, wenn du Mami heute Nachmittag besuchst?"
"Besser nicht."
"Bitte, bitte, bitte, Papa!"
Der Vater griff nach seinem Glas. "Ein anderes Mal vielleicht."
"Ich will Mami aber heute sehen!" Maries Stimme klang weinerlich.
"Ich habe es dir doch schon einmal gesagt. Es geht nicht! Du musst warten, bis es Mami etwas besser geht."
"Aber Mami wird es doch nie mehr besser gehen!"
Hart setzte der Vater das Glas auf den Tisch ab "Hör jetzt sofort auf zu betteln! Ich will nichts mehr davon hören!"
Erschrocken versuchte Marie, weiter zu essen. Das Schlucken fiel ihr schwer. Eine Weile hörte man nur das Klirren ihres Bestecks, denn Papa hatte seinen Teller weit von sich weg geschoben, obwohl er auch noch nicht aufgegessen hatte.
Schließlich wagte Marie es doch.
"Papa!", sagte sie ganz leise. Der Vater sah zu ihr herüber.
"Mami wird doch bald im Himmel sein, oder?"
Der Vater wandte sich wieder ab. Marie hörte so etwas wie "Mmh!"
"Warum gehst du nicht einfach mit?"
"Wie meinst du das?"
"Warum stirbst du nicht einfach auch?"
"Wie stellst du dir das vor?"
"Du brauchst dich doch nur überfahren zu lassen, wie damals Linus, und schon bist du wieder mit Mami zusammen."
"Du hast vielleicht merkwürdige Einfälle! Ich kann mich doch nicht einfach umbringen! Und was sollte dann aus dir werden? Ich muss mich doch schließlich um dich kümmern!"
Marie überlegte kurz. So war das also.
"Ich kann doch auch mitkommen! Dann sterben wir alle zusammen."
Jetzt wurde der Vater energisch. "Hör sofort auf mit diesem Unsinn! Ich will nichts mehr davon hören! Ich fahre jetzt ins Krankenhaus. Und du machst deine Hausaufgaben!"
Marie war verwirrt. Papa hatte mit ihr geschimpft. Warum nur?
Sie saß an ihrem Schreibtisch im Kinderzimmer. Vor ihr lag ein aufgeschlagenes Heft, und sie hielt einen Stift in der Hand. Aber sie schrieb nicht, sondern sah zum geöffneten Fenster hinaus mitten in den sonnigen Himmel hinein. Es war ganz still draußen. Nur einmal hörte man von Ferne das Kreischen eines Schnellzuges, der die Gleise entlang raste.
Die Wolken im Himmel waren wie riesige Wattebäusche. Sie sahen so weich aus, so warm, als ob man sich richtig in sie hineinkuscheln könnte. Marie legte ihren Stift hin. Frau Hammes hatte sicher Recht. Im Himmel musste es wunderbar sein. Linus hatte es wirklich gut. Und Mami würde es auch bald gut haben.
Marie stand auf. Sie lächelte.
Sie spazierte zur Wohnungstür hinaus und schlenderte die Straße entlang. Es wehte ein ziemlich kühler Wind, aber Marie hatte vergessen, eine Jacke überzuziehen. Sie lief weiter bis zum Bahnübergang. Gerade waren die Schranken herunter gegangen. Marie wartete. Der heftige Luftzug, den der vorbeirasende ICE mit sich riss, ließ sie frösteln.
Gedankenverloren blickte Marie dem Zug nach, der sich um die nächste Wegbiegung wand. Er sah aus wie ein gefährliches Ungeheuer, viel größer und viel schneller als ein Lastwagen oder ein Bus.
Die Schranken öffneten sich wieder, aber Marie überquerte die Gleise nicht. Niemand sah, wie sie nach rechts ging und dem Bahndamm folgte. Es war schwierig, vorwärts zu kommen. Ihre Füße stolperten auf dem steinigen, unebenen Weg. Die dichten, dornigen Büsche versuchten immer wieder, sie festzuhalten.
Maries Atem ging schneller. Würde sie sich wirklich trauen?
Sie drehte sich um. Die Schranken waren nicht mehr zu sehen. Sie kletterte den Bahndamm hinauf. Hier konnte sie ein bisschen besser laufen.
Sie versuchte, nicht an das Ungeheuer zu denken. Sie dachte an ihre Mami. Marie wollte unbedingt etwas für sie tun. Sie wollte sie überraschen. Wie würde sie sich freuen, wenn sie im Himmel ankam und ihr Kind war schon da! Und Marie würde sich auch freuen, Mami wiederzusehen.
Marie dachte auch an Papa. Wie erleichtert würde er sein, wenn er nicht mehr für sie sorgen musste! Dann konnte er auch sterben, und sie würden alle drei wieder zusammensein, so wie früher, als Mami noch gesund war.
Die Gleise begannen fast unmerklich zu vibrieren. In der Ferne hörte man ein dumpfes Grollen. Das leichte Vibrieren ging in ein leise singendes Geräusch über. Das ferne Grollen wurde nach und nach zu einem Donnern.
Marie schloss die Augen. Sie ging weiter und immer weiter.




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Eingereicht am 14. September 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung die Autorin.