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Lang ist's her

Eine Kurzgeschichte von Oliver Baumgart


Mario Gonzales hatte sich schon lange darauf gefreut. Heute endlich war es soweit. Er durfte seinen 25. Geburtstag erleben. Und zu diesem runden Ereignis hatte er sich etwas ganz besonderes geschenkt, einen Besuch in seiner ehemaligen Heimat. Geboren war er 1978 in einem kleinen Dorf bei Rio de Janeiro, hatte seine Heimat aber kaum kennen lernen können, da er schon im Alter von 6 Jahren mit seinen neuen Eltern gemeinsam Brasilien verlassen hatte. Nun endlich sollte es soweit sein, dass er endlich den Ort wiedersehen würde, an dem er das Licht der Welt erblickt hatte und eigentlich seine Jugendjahre hätte erleben sollen.
Samantha und Lorenzo Torres hatten sich in dieser Zeit ein Kind gewünscht, konnten selbst aber leider keine Kinder bekommen. Als sie gerade in dieser Zeit ihren Urlaub in Rio verbracht hatten, war ihnen die Meldung in der Zeitung aufgefallen, dass ein bei einem schweren Unfall tödlich verunglücktes Ehepaar 2 Kinder hinterlassen hatte. So waren sie auf den kleinen Mario aufmerksam geworden, der auf solch grausame Weise seine leiblichen Eltern verloren hatte.
Kurz entschlossen hatten sie sich an die Polizei gewandt und sich darum bemüht, Mario zu adoptieren. Etwas erleichtert wurden die Bemühungen dadurch, dass sie bereits zuvor schon einmal mit Erfolg ein Kind adoptiert und großgezogen hatten. Zusätzlich beschleunigt durch den Leidensdruck der Kinder konnten sie den kleinen Mario bereits einen Monat später bei einem weiteren Besuch in Rio in ihre Heimat Spanien mitnehmen. So hatte Mario die letzten 19 Jahre in Barcelona verbracht. Umso größer waren seine Erwartungen in den Besuch seines Geburtsortes gesteckt.
Am Flughafen in Rio angekommen ließ er sich gleich mit dem Taxi zu seinem Hotel am Stadtrand in der Nähe seines Geburtsortes fahren. Ortszeit war 14 Uhr mittags, und im Grunde war er vom Flug sehr müde. Aber er war innerlich dermaßen aufgedreht, dass er ohnehin nicht hätte schlafen können. So entschloss er sich gleich nach einem Imbiss noch zu seinem Dorf zu fahren und um das Haus seiner leiblichen Eltern herum etwas spazieren zu gehen. Der strahlende Sonnenschein tat trotz der Hitze sein übriges, um seine Lebensgeister wiederzuerwecken.
Er hatte sich zuvor eingehend über die Ortslage informiert. Nach diesen Informationen musste das Haus seiner Eltern in der 2. Querstrasse vom Ortseingang gesehen liegen. So hatte er das Taxi gleich am Ortseingang anhalten lassen. Als er das Taxi verließ, war sämtliche Müdigkeit von ihm abgefallen. Zu aufgeregt war er angesichts der Erwartung, sogleich den Ort zu sehen, an dem er eigentlich seine Kindheit hätte erleben sollen. Auch noch zu dieser Stunde brannte die Sonne noch unerbittlich vom Himmel. Schon immer war ihm extreme Hitze nicht angenehm gewesen. Aber in diesem Teil der Erde waren Temperaturen um 40 Grad Celsius nicht ungewöhnlich. Trotzdem beobachtete er aufmerksam die Gegend um sich herum.
Die Hauptstrasse, auf der er sich befand, war zwar asphaltiert, wies aber zahlreiche Löcher auf und hinterließ insgesamt einen ärmlichen Eindruck. Auch die Häuser links und rechts der Strasse waren in einem schlechten Zustand und ließen vermuten, dass das erste stärkere Unwetter zu deren Zerfall führen könnte.
Er war erst 6 Jahre alt gewesen, als er diesen Ort verlassen hatte, aber er konnte sich noch erinnern, dass der augenblickliche Zustand dem damaligen in hohem Maße entsprach. Schon damals hatte Mario mit anderen Kindern aus dem Ort auf den halb zerfallenen Straßen gespielt. Und nicht selten war er in den Straßenlöchern umgeknickt und hatte sich Beine, Arme und Hände aufgeschlagen. Das der Vergangenheit ähnliche Erscheinungsbild ließ eine innige Vertrautheit in ihm aufkommen, als wäre es noch nicht lange her gewesen, dass er hier gespielt hatte.
Endlich erreichte er die Querstrasse, in der er sein Elternhaus wiederzusehen hoffte. Samantha und Lorenzo hatten ihm einmal ein Fotoalbum geschenkt, in dem er seine frühe Kindheit entdecken konnte. Vor allem Bilder seiner Jahre in Brasilien hatte er darin gefunden. Unter anderem auch einige Bilder, die das Haus seiner Eltern zeigten. So war er guter Hoffnung, dass er das Haus wiedererkennen würde, sofern es noch in gleicher Form existierte. Mit aufmerksamem Blick ging er die Strasse hinunter.
Da es nur ein kleines Dorf war, begannen bereits am Ende der Strasse die Felder. Er glaubte auch, sich daran zu erinnern, dass er von seinem Fenster aus auf die umliegenden Felder sehen konnte. So musste das Haus also am Rand dieser Felder liegen. Einige Minuten war er nun ruhigen Schrittes gegangen, als er tatsächlich das Haus erblickte, das er sich so intensiv beim wiederholten Durchblättern des Fotoalbums eingeprägt hatte. Genau wie auf dem Foto stand es noch dort. Im Grunde machte das Haus einen guten Eindruck im Vergleich zu den meisten der umliegenden. Trotzdem waren auch hier die Zeichen des Verfalls deutlich sichtbar.
Mario war so gefesselt von dem Anblick des Hauses, dass er den ca. 20 m entfernt stehenden, ebenfalls das Haus beobachtenden jungen Mann zunächst nicht bemerkte. Erst als dieser sich langsam näherte, fiel ihm auf, dass dieser seine Aufmerksamkeit auch auf sein ehemaliges Elternhaus gelenkt hatte. Schließlich blieb der junge Mann kurz vor ihm stehen. Auf diese kurze Entfernung befiel Mario auf einmal der Eindruck, dass er die Person schon einmal gesehen hatte. So standen sich die beiden eine Zeitlang schweigend gegenüber. Je länger Mario die Gesichtszüge des Mannes betrachtete, desto vertrauter schienen sie ihm.
"Guten Morgen!", sprach Mario den jungen Mann auf Spanisch an. "Sie interessieren sich für das Haus dort drüben?" "Ja! Ich suche hier meine Vergangenheit. Das Haus war einmal mein Zuhause." Voll Verwunderung schaute Mario den jungen Mann. Das Haus war nicht nur sein eigenes Zuhause gewesen, sondern auch das dieses jungen Mannes. Und immer stärker wurde ihm seine Vertrautheit bewusst. So sprach er ihn direkt an: "Dieses Haus war auch einmal mein Zuhause, vor vielen Jahren. Heute habe ich mich an meinem Geburtstag entschlossen, mein Elternhaus nach langer Zeit zu besuchen. Es kommt mir so vor, als wäre ich Ihnen schon früher einmal begegnet. Darf ich Sie nach Ihrem Namen fragen?" "Mein Name ist Lucio Gonzales. Auch ich habe heute Geburtstag und wollte mich heute meiner Vergangenheit erinnern." Einen Moment lang schauten sie sich schweigend an. Nach endlosen Sekunden fielen sie sich in die Arme. "Mein Bruder!" sagten beide gleichzeitig. So standen sie minutenlang umschlungen vor dem Haus ihrer Eltern, als ob sie gerade die langen Jahre, in denen sie einander fehlten, aufholen wollten. "Lang ist´s her, dass wir hier zusammen gespielt haben", unterbrach Mario das Schweigen. "Aber umso schöner ist es, Dich heute hier wiederzusehen. Das ist mein schönstes Geburtstagsgeschenk. Ab jetzt werden wir uns nie wieder aus den Augen verlieren." "Ja, wir haben noch viel nachzuholen", gab Lucio mit einem strahlenden Lächeln zurück.




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Eingereicht am 13. September 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
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