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Engelsqual

Eine Kurzgeschichte von V. Groß


Seit ein paar Jahren also war er nun ein Engel. Doch er hatte sich das Engel-Sein anders vorgestellt. Erhabener, gesünder. Aber nichts von alledem war so eingetreten. Er fühlte sich weder erhaben, noch sonders gesund. Im Gegenteil, er fühlte sich krank und in den Schmutz getreten. Engel-Sein hieß, wie er inzwischen wusste, wie er zuvor nicht hatte ahnen können, leiden. Ja, Engel-Sein bedeutete, das Leid anderer auf sich zu nehmen, es quasi auszutragen wie ein Kind, das zur Welt kommen soll. Damit verbunden existierten vielerlei anderer Bedingungen, die es zu beachten, die es zu erfüllen galt. Engel-Sein stellte eine große Verantwortung, eine gewaltige Verpflichtung dar. Engel hatten darauf zu achten was sie sagten, hatten ihre Worte peinlichst genau zu kontrollieren. Längst war es nicht gleichgültig, was man so vor sich hin plapperte den ganzen Tag, was man wo, zu wem, aus welchem Grund, oder in welchem Ton zu irgendjemandem sagte. Jeder Fehler diesbezüglich konnte das Austragen des Kindes, konnte die Schwangerschaft und die nachfolgende Geburt beeinträchtigen, ja, unmöglich machen. Dann musste man womöglich noch einmal von vorne anfangen, also ganz am Anfang neu ansetzen, also mit der Zeugung. Doch auch Engel sind nur Menschen, und sie sind abhängig von ihrem Nervensystem. Auch Engel haben Nerven.
Engelsqual.
Nach und nach, während er auf dieser Bank in dieser unterirdischen Metrostation saß, wurde ihm sein Leben immer bewusster. Engel sind fanatische Anhänger der Realität, der Realität und der Vernunft. Engel sind Rationalisten. Engel sind Kämpfer gegen den Aberglauben, Kämpfer gegen die Unterdrückung eines Menschen durch einen anderen. Engel sind Blöcke des harten Widerstandes gegen Intoleranz, gegen Selbstsucht und Egoismus, gegen jeden Versuch auf andere Menschen überzugreifen, sie zu bloßen Objekten eines niederträchtigen Spiels zu degradieren. Engel sind gegen Missbrauch, gegen Erniedrigung, gegen Verleumdung, gegen Heuchelei und Lüge. Sie kämpfen einen oberflächlich aussichtslosen Kampf gegen eine millionenfache Übermacht. Sie kämpfen gegen die vermeintliche Natur des Menschen, welche sie trotz allem zu respektieren, zu tolerieren und anzuerkennen haben. Ja, sie wandeln auf einem äußerst schmalen Grad zwischen Recht und Unrecht, zwischen Ideal und Wirklichkeit. Engel erhalten keinen Dank für das, was sie tun, und sie sind gut beraten keinen Dank zu erwarten. Engel sollten jedoch nicht verzweifeln in ihrem Leid, genauso wie kein anderer verzweifeln sollte in den Unbequemlichkeiten seines Lebens, seiner Existenz. Engel setzen alles ein, und alles aufs Spiel. Ihr Werkzeug ist ihr Verstand, ihr Körper, ihr Geist. Engel arbeiten an dem Ort, zu dem sie bestellt werden. Engel hören auf ihre innere Stimme, und am Ende sind sie oft genug der Bösewicht, der Schuldige, der Angeklagte, gemieden, ausgegrenzt, verspottet und verleumdet von eben jenen, zu deren Hilfe sie eigentlich erschienen waren.
Engelsqual.
Er erhob sich, und lenkte seine Schritte in Richtung Ausgang der Station. Niemand war zu dieser späten Stunde noch hier. Fetzen alter Zeitungsblätter trieben über den schmutzigen Boden.
Engel waren angehalten ihre Gedanken zu kontrollieren. Sie waren ausgestattet mit einem hervorragenden Gedächtnis. Sie nahmen alles Wichtige auf und verarbeiteten es, kategorisierten es, legten es an passender Stelle ihres Gedächtnisses ab. Dieses Gedächtnis jedoch konnte zur Qual werden. Engelsqual, nannte man das. Denn ab und zu, gefangen in Rückschau, bedrohte den Engel die Frage der Gerechtigkeit, die Frage nach dem Sinn. Dies war die Frage, die er nicht stellen durfte. Ein Engel hatte zu gehorchen, hatte zu tun, was zu tun war. Doch Engel sind eben auch nur Menschen.
Engelsqual.
Wo, so fragte er sich gerade als er den ersten Atemzug der nächtlichen Stadtluft in seine Lungen sog, wo ist der Sinn, wenn man einen Auftrag erhält, wenn man diesen Auftrag nach bestem Wissen und Gewissen erfüllt, um dann am Ende über die üblichen Verleumdungen hinaus festzustellen, dass der Mensch, zu dessen Hilfe man angetreten war, durch und durch ein schlechter, ein egozentrischer, ein grausamer Mensch war? Das waren die Dinge, die der Engel zu akzeptieren hatte, die ihn aber nichts desto trotz von Zeit zu Zeit in bedenkliche Reflexionen zu stürzen vermochten.
Im Endeffekt jedoch war alles klar: Selbst die Kraft des "Bösen" bedarf des "Guten", und ein Mensch wird zu sich selbst geführt unter Außer-Acht-Lassung solcher simpler moralischer Kategorien des "Gut" und des "Böse". Alles, so wurde es den Engeln eingeimpft, alles hat seinen Sinn, und jeder geht seinen Weg, und selbst wenn er ein Vertreter des "Bösen" sein sollte, so ist er doch ein Teil des großen Gleichgewichts, des großen Weltenplans. Engel sollten nicht in die Fänge eines Psychologen geraten. Engel sollten Engel bleiben. Der Tod sollte sie nicht schrecken (und tut es zuweilen doch).
Engelsqual.
Engel sind Teil einer Hierarchie. Sie haben Vorgesetzte, und zuweilen auch ihnen zur Seite gestellte Hilfsgeister. In wirklich gefährliches Terrain begibt sich der Engel wenn er, umschlossen von den Kräften des irdischen Widersachers, droht den Kontakt zu seinen Vorgesetzten zu verlieren. Jedem Engel wurde das beigebracht als eine der grundlegenden Techniken des Widersachers. Der Widersacher strebt danach, und es ist ihm die allergrößte Freude, dich von deinen Wurzeln abzuschneiden, dich deiner Unterstützung, deiner Sicherheit, deines Wissens zu berauben. Und jeder Engel hoffte in diesen dunklen Stunden vergeblich auf Hilfe.
Engelsqual.
Er schlenderte an den dösenden Taxis vorbei in Richtung Stadtzentrum. Er würde sich einen Kaffee gönnen von seinem letzten Geld das er noch besaß. Heute war eine gute Nacht, das konnte er spüren. Heute war keine dieser Nächte, in denen er das Opfer irgendwelcher betrunkener Glatzköpfe werden würde, die ihn zu bespucken, zu treten, zu töten versuchen würden.
Nein, das Engel-Sein war in keinster Weise erhaben oder gesund. Es war krank und erbärmlich. Aber, es war nun einmal so. Engel waren Vertreter des passiven Widerstandes, sie vertraten die Position des Nicht-Anteilnehmens an dem ekelerregenden Spiel der Gesellschaft, der Politik, der Medien. Das Spiel der Manipulation, das Spiel der Herren und Knechte, der Schafe und des Schlächters. Ein obszönes, grausames Spiel, das immer wieder seine Opfer forderte. Menschen, die zerbrachen, deren Psyche die Doppelmoral der Gesellschaft nicht in sich begreifen konnte. Menschen deren Seelen von erkrankten Egozentrikern befallen und vernichtet wurden. Menschen, die in tiefe Depression versanken da sie die Grausamkeit, die Bosheit der Realität nicht zu verarbeiten im Stande waren. Menschen, die einfach abschalteten, nichts mehr sagten, nichts mehr dachten, nichts mehr wahrnehmen wollten von all der Unmenschlichkeit die herrschte, und die sorgsam durch Lügen und lächelnde Gut-Mensch-Attitüden übertüncht wurde. Lüge, Lüge, Unmenschlichkeit, Heuchelei, Verrat, grenzenlose Selbstsucht, Eltern gingen über die Leichen ihrer Kinder, Kinder gingen über die Leichen ihrer Eltern, der Mensch ist des Menschen Wolf, und keine Rettung ist in Sicht.
Engelsqual.
Manchmal in den Stunden des Leids, in den Stunden, in denen er also das menschliche Leid eines anderen, welches im Prinzip immer von gleicher Art war, auf sich nahm, und es zu tilgen suchte, da trieb er bis an den Rand des Suizids. Es hing davon ab, wie groß die Qual war, die er einem anderen abzunehmen im Begriff war. Doch Engel konnten sich nicht töten. Dieser Weg war ihnen versperrt. Engel hatten ihren Dienst zu verrichten bis zum letzten Atemzug in irgendeiner verdreckten, kalten und nassen Gosse irgendeines Bahnhofsviertels irgendeiner Stadt. Das war eine der ersten und grundlegendsten Lehren, die man ihnen mit auf den Weg gab. Engel litten unter Widersprüchlichkeit, litten unter der Spaltung zwischen ihrem Bewusstsein des ewigen und absoluten "Guten" und der offensichtlichen, weltlichen Herrschaft des "Bösen", die so sinnlos war wie der Mord an einem Neugeborenen, wie die Vergewaltigung eines Kindes.
Engelsqual.
Während er stumm in den Wirbel des soeben umgerührten Kaffees starrte, betrat jemand hinter ihm den Raum und gesellte sich zu ihm. Er brauchte den Kopf nicht zu heben, er brauchte diesen Menschen, der da neben ihm Platz genommen hatte, nicht anzusehen. Er wusste bereits, dass Arbeit auf ihn wartete. Der Mensch neben ihm, der sich gerade auch einen Kaffee bestellte, schluchzte leise vor sich hin. Es war eine Frau, und nach wenigen Minuten kamen sie ins Gespräch miteinander. Er erfuhr von ihrer gescheiterten Ehe. Er erfuhr von dem Tod ihres Kindes, das von seinem Vater erdrosselt worden war. Er erfuhr von den unglaublichen Reaktionen der Menschen, die es tatsächlich gewagt hatten sie für den Tod ihrer Tochter verantwortlich zu machen. Er erfuhr von der Ungerechtigkeit der Menschen, von ihren hasserfüllten Gesichtern, von ihren Vorurteilen, ihren Lügen und Verleumdungen, von den Beleidigungen und den Grausamkeiten, die sie an der jungen Frau zelebriert hatten. Er wusste wovon sie sprach, und obwohl es ihn in seinem Innersten zu zerreisen drohte, lächelte er sie an, versuchte mit all seiner ihm noch verbliebenen Kraft ein Feld der Wärme um sie zu erzeugen, ein Feld des Vertrauens, der Zuversicht und der Hoffnung. Nach einer Stunde des Redens verabschiedeten sie sich im Nieselregen vor der Tür des Bahnhofskaffees. Morgen würden sie sich wieder sehen.
Als er alleine war, ging er in den Stadtpark um sich eine Weile auszuruhen auf irgendeiner Bank während die Vögel erwachten und die Sonne sich über den Horizont schob.
Er tat seine Pflicht.
Die Qual begann.
Engelsqual.




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Eingereicht am 01. September 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
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