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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Flying

Eine Kurzgeschichte von Martina Romero


Elf Uhr morgens - ein sonniger, aber frischer Morgen im August. Sie fröstelt in ihrem dünnen weissen Kleid, holt sich zur Sicherheit noch die Lederjacke - man weiss ja nie. Ihr lieber Freund winkt ihr zum Abschied, doch sie sieht in fast nicht mehr - befindet sich schon in einer anderen Welt. Heute wird sie ihn wiedertreffen, ihn, den Mann ihrer Träume, ihren früheren Arbeitskollegen, Flugkapitän, gutaussehend und vor allem: gutküssend!
Einmal waren sie im Juni zusammen aus, wenn sie an seine Küsse denkt, bekommt sie noch immer weiche Knie - dann hörte sie vierzehn Tage nichts von ihm, war verletzt, versuchte ihn zu streichen, zu vergessen, bösartig freute sie sich, dass er im Juli an den Persischen Golf muss, dort kann er ja wenigstens nichts anstellen, ha, und dann die Überraschung, als sie per Email aus Bahrain Lebenszeichen von ihm bekam, welche seine Einsamkeit und Sehnsucht ausdrückten:
<ich freue mich auf eine tiefere Umarmung mit Dir im August - in meinen Träumen stellte ich mir Dich nackt vor - Love Hans Peter>
...und so weiter, und so fort... ein traumhafter Juli, mit viel Phantasie und vielen Träumen. Dann kommt er zurück, schickt ihr noch ein Mail ins Büro, er ist ja sooo beschäftigt und würde sich melden, sobald er seinen Papierkram erledigt habe. Das Wochenende rief er bei ihr zu Hause an - sie war nicht da, sah es auf dem Display, er mailte ihr auf den Rechner daheim, sie rief die eMails zu spät ab - ärgerte sich auch darüber, dass er meint, wenn er pfeift müsse sie springen, rief ihn dann montags wieder an - ärgerte sich wieder über seine impertinente Art, sich nicht festlegen zu wollen, es ging so weit, dass sie ihn komplett aus ihrem Timer gestrichen hat, mit dem Tintenkiller ausgekillert, weg und fort - ich vergesse Dich!
Doch er geht ihr nicht aus dem Kopf, und seine Natel-Nummer hat sie nie vergessen, genau so wenig wie die Email-Adresse.
Und nun, nun soll es tatsächlich stattfinden. Sie wird zu ihm fahren, an den Oberen Zürichsee, nach Üetliburg - prima Ortsname, schweizerischer geht's gar nicht mehr, sie grinst. Sie dachte, der Obere Zürichsee sei bei Zürich und nur eine Stunde zu fahren, aber es ist am anderen Ende. Sie wird mindestens eine Stunde und fünfundvierzig brauchen, so hat er ihr gesagt. Und dann wollen sie fliegen gehen. Sie will überhaupt nicht fliegen, sie will ihn wieder küssen, diesmal aber mit ihm schlafen, sie will ihn süchtig machen und verrückt, aber das Fliegen ist ein prima Alibi, so kam sie auch bei ihrem Freund durch....
Sie ist ihrer Meinung nach perfekt ausgerüstet. Das weisse Kleid, soll an Sharon Stone in "Basic Instinct" erinnern. Darunter einen Baumwoll-Liebestöter, erstens, damit ihr Freund keinen Verdacht kriegt, zweitens, weil sie weiss, dass sie schwitzen wird, in der Handtasche im Reissverschlussfach aber den Spitzen-String-Tanga, ebenfalls in weiss.
Achseln frisch rasiert, das goldene Schamhaar auf ein Minimum zurückgestutzt. Ihr Parfum ist logischerweise "Paloma Picasso" - keine Frage, sinnlich, umwerfend und nicht zu süss, die Flasche selbstverständlich in der Handtasche, welche ausserdem noch Toilettentüchlein, Tempos, Lippenstift, ihre obligatorischen Zigaretten und den Riesengeldbeutel enthält. Zur Not, oder was immer auch noch passiert: Ihre Sporttasche steht hinten im Auto, sie wäre auch übernachtungstauglich! Auf Kondome verzichtet sie, erstens weil es ihr peinlich ist, welche zu kaufen, zweitens weil sie ihm vertraut, dass er sauber ist, und vielleicht hat er ja sogar welche...
Ihre Haut ist perfekt, keine nervös-verkratzten Stellen, schön gebräunt. Ihre Figur ist umwerfend, gross und schlank, trainiert durch Schwimmen und Ballett, und sie möchte ihn wieder mit ihren, wie er damals sagte, traumhaft schönen Beinen verführen. Selbst ihre Schwachstelle, der gestresste Bauch verhält sich friedlich. Ihr kleiner Busen ist etwas voller als sonst, wahrscheinlich bekommt sie bald mal ihre Tage, aber heute mit Sicherheit noch nicht!
Ihre blonden Haare schimmern in der Sonne, mittlerweile fast kinnlang, ja, er mag lange Haare, aber so schnell wachsen die ja nicht, und das Make-up ist dezent, allerdings hat sie ihre grünen Katzenaugen betont. Sie sieht klasse aus, sie ist zwar selbst immer so unsicher, glaubt es manchmal einfach nicht, aber die Blicke der Männer in den letzten Monaten waren einfach zu eindeutig. Sie ist schön, sie ist perfekt und sie ist intelligent und scharfsinnig und hat schlussendlich auch Erfolg und Spass in ihrem Beruf, was vieles vereinfacht und das Leben lebenswerter macht - vielleicht ist das alles ein bisschen zuviel, manchmal traut sie ihrem Glück einfach nicht.... aber sie hat beschlossen, es zu geniessen und daran zu arbeiten. Ihr Kopf ist noch ein bisschen benebelt, sie hat gestern vor Aufregung einfach wieder mal viel zuviel getrunken, aber es wird vorübergehen.
"I wish I could fly" von Roxette dudelt im Autoradio. Begeistert singt sie mit, welch passendes Lied. Noch 50 Kilometer bis Zürich, das kriegen wir ja in einer halben Stunde hin. Sie rast mit 140 auf der Schweizer Autobahn, welch Leichtsinn, ist guter Laune, die Sonne scheint.
Dann in Zürich: Stau ohne Ende, eine halbe Stunde Stop and Go durch die Innenstadt - sie schwitzt, Paloma verabschiedet sich, sie raucht nervös, es schmeckt ihr nicht, das Radio steigt aus, kein gescheiter Sender, es ist zum Verrücktwerden.
Dann wieder Autobahn, der Zürichsee ist 26km lang, das weiss sie aus ihrem Prospekt des Schweizer Schwimmverbandes, das kann ja nicht so lange gehen, es zieht sich, wo ist der See???
Dann auf der Anhöhe: erster Blick auf den Zürichsee. Sie ist beeindruckt, wunderschön liegt der blaue See zu ihrer Linken.
Ausfahrt Autobahn, Mist zu spät, komische Käffer, St. Gallenkappel, Ricken, eine Kuh zur Linken, sie hält an, packt das Handy, wählt, bange Frage, ob er überhaupt da ist und sie nicht ganz bitterböse verarscht, gottseidank, er nimmt ab: "Ich bin in Ricken, das ist zu weit?" Er gibt ihr Anweisungen, wie sie zu fahren hat, sie ärgert sich, dass er nicht sagt "Moment ich hole Dich", aber sie wird es finden.
13.45 Uhr: Sie hat es geschafft, parkt vor seiner Garage. Er kommt die Treppe herunter. Erster Eindruck, o Gott, er sieht gar nicht soo toll aus, ziemlich blass und dicke Augen und dazu Birkenstocklatschen, schwarzes Hemd, beige Hose, und mit ihm soll ich jetzt ins Bett gehen, denkt sie.
Sie steigt aus, er begrüsst sie auf Schweizer Art, Bussi links, rechts, links, sie nimmt wieder sein Wahnsinnsrasierwasser wahr, und dann meckert er sie erst mal an, dass sie doch einen Stift und ein Blatt Papier hätte nehmen sollen, er hätte doch alles genau beschrieben. Ja, hat er, aber wusste sie, ob sie jemals ankommen würde, ob er denn zu Hause ist, was nützen ihr seitenweise Wegbeschreibungen, wenn sie dann schlussendlich doch nichts abmachen. Ist doch Nebensache, sie ist ja jetzt da.
Er zeigt ihr sein Haus, führt sie auf die Terrasse - ein Wahnsinnsausblick auf den See. Das Haus liegt auf einer Anhöhe, und es ist alles so, wie er es beschrieben hat. Ein bisschen wild, aber schön. Auf dem Balkon wuchern die Kräuter in Kübeln, Pfefferminz, Thymian, Majoran, Rosmarin - er kocht gerne. Sie hat ihm eine Zucchini aus ihrem Garten mitgebracht. Kleine Küche, ländlich in Holz, sauber aufgeräumt, schön. Einen Blick auf das Schlafzimmer meint sie zu erhaschen, geht aber nicht näher darauf ein. Sie fragt ihn, ob sie mal die Toilette benutzen kann, ja, natürlich, vorne links, sie geht hinein, schaut sich um, alles sauber und ordentlich. Schnell wird der Slip ausgetauscht, das verschwitzte Baumwollding verschwindet in der Handtasche, Reissverschluss zu, noch ein paar Spritzer Paloma, fertig, auf zum Angriff - ready for take-off!!!!
"Möchtest Du was trinken? Ich kann aber keinen Wein trinken, wenn wir fliegen."
Sie glaubt sowieso noch nicht ans Fliegen.
"Ja, gerne, vielleicht einen Saft."
Obwohl ihr ein Schnaps wesentlich gelegener käme, dann würde sie vielleicht mal etwas lockerer werden und nicht so verkrampft rumstehen.
"Ich habe keinen Saft, nur Wasser, warte Du kannst auch eine Fee Verte haben, ist so ähnlich wie Pastis!"
Gottseidank, Schnaps her oder ich falle um, denkt sie. Sie setzen sich auf die Terrasse, aber der Schnaps wirkt nicht. Sie kommt sich unendlich unbeholfen vor...
"Darf ich rauchen, hast Du einen Aschenbecher?"
Sie findet selbst einen, nimmt ihn mit auf den Balkon, raucht nervös. Er raucht nicht.
"Ich habe heute Abend aber in Appenzell mit einem Kollegen abgemacht, um 19.00 - da muss ich so um 18.00 losfahren."
"So, Appenzell, da wo die Frauen bis vor kurzem noch nicht wählen durften?"
"Nix mit Frauen, nur Männer und Saufen."
...aha, er trinkt Wasser, also scheint es ja ernst zu sein mit dem Fliegen.
"Möchtest Du mit Deinem Auto hinterherfahren, damit Du nachher nicht noch mal mit hierher musst?" Natürlich will ich noch mit hierher, ich will ja schliesslich mit Dir ins Bett, denkt sie und sagt: "Nö, mir ist gerade nicht nach Fahren, ausserdem will ich Deinen neuen Porsche sehen."
Sie fängt schon wieder an zu rechnen, vierzehn Uhr, viertel Stunde zum Flugplatz Wangen-Lachen, halbe Stunde fliegen, viertel Stunde zurück, eine Stunde sonstiges - dann wären sie um 16.00 wieder hier, also zwei Stunden Zeit für...... Müsste reichen, wird aber knapp... naja.
Er holt seinen Porsche, tatsächlich, es gibt ihn, funkelnagelneu, das neueste Carrera-Modell, aus der Garage. Sie steigt ein und sie fahren los. Irgendwie kommt sie sich doof vor, die Nachbarn winken, und sie denkt sich, was sich wohl diese Leute denken. Aha, neuer Porsche und sofort ein dummes blondes Betthäschen dabei.
Mittlerweile trägt er seine Sonnenbrille und sieht wieder richtig cool aus. Sie kommen am Flugplatz an. Er parkt das rote Gefährt und sie gehen hinein. Er trägt sein Headset und das "Carnet de Vol" unter dem Arm, wirkt und verhält sich richtig souverän, und sie kommt sich blond und blöd vor, in ihrem Minikleidchen. Er begrüsst diesen und jenen, ihr geht langsam ein Licht auf, dass es doch länger dauern könnte.
"Mal schauen, ob er überhaupt da ist."
Aha, Trick siebzehn mit Anschleichen, das Flugzeug ist unterwegs.. hahahaha, verarscht. Nein, sie staunt, er geht in den Hangar und zeigt es ihr:
Immatrikulation HB-DGM, Marke Mooney, was auch immer das sei, Viersitzer, schön, glänzend mit roten Sitzen, à CHF 800000, gehört einem Kollegen von ihm, einem älteren, steinreichen aber Unzufriedenen, wie er sich ausdrückte - sie teilen es sich, der Reiche, dessen Tochter und er. Sie überlegt sich, ob die Tochter des Millionärs wohl hübsch ist, ist eifersüchtig - vor allem weil die Dame auch fliegt. Das Flugzeug steht hinten im Hangar; also erst anderes Flugzeug raus, eigenes Flugzeug raus, anderes Flugzeug wieder rein, Hangar zu. Sie steht herum, während er die Flieger rumschiebt, kommt sich blond, blöd und nutzlos vor, ist aber gleichzeitig fasziniert, so dass sie ihr ursprüngliches Ziel der Reise vergisst. Ein Fotoapparat, das wäre es, aber dann würde sie ja zu blond, blöd und nutzlos ausserdem noch touristisch aussehen, nein es ist schon gut, dass sie keinen dabei hat. Er prüft dieses und jenes, sie versteht nichts davon, ist froh, als sie endlich einsteigen kann. Leute stehen herum und schauen und staunen. Sie sitzt und macht ein wichtiges Gesicht: Seht her, das bin ich, mit meinem Lover, dem Captain, Streifenhörnchen kommt ihr in den Sinn, sie weiss, dass sie fast eines sein könnte, peinlich, aber ihr imponiert es einfach, wenn ein Mann diesen Beruf ausübt, diesen Beruf der Halbgötter mit Streifen, die einen auf Urlaubsreisen als armen Pax schon einmal gar nicht wahrnehmen. Und sie ist stolz, dass er es ist, ihr geliebter Hans Peter, der so toll küssen kann. Es kann nicht nur an den Streifen liegen, nein, nein, nein - es liegt einzig und allein an ihm!!! Sonst hätte sie ja auch mit L. abmachen können, der wäre sicherlich nicht abgeneigt, aber bei L. bekommt sie keine Gänsehaut und kein Ziehen im Bauch und schon gar kein aufgeregtes Kribbeln. Und ausserdem schwätzt der immer so viel.... Nein, es ist HP, und ihm kann keiner das Wasser reichen!!!
"Die Türe lassen wir noch auf, sonst wird es zu heiss hier drin - ich werfe mal den Motor an, der muss warmlaufen!"
"Wann weißt Du, wenn er warm ist?"
"Wenn der Zeiger hier im grünen Bereich ist."
Es macht einen Höllenlärm, er hat den Kopfhörer auf, ihr fallen fast die Ohren ab. Dann ist der Motor warm.
"So, jetzt können wir."
"He, meine Tür ist noch auf."
Er verschliesst die Türe und los geht's. 15.00 Uhr. Er rollt zur Startbahn, wendet, rollt los, beschleunigt und: hebt ab. Bumm, fertig, sie wartet, dass etwas mit ihr passiert, kleine Sterne, ein Urknall, aber es ist alles ganz normal. Wie im Urlaubsflieger, nur, dass sie vorne sitzt.
Zürichsee, Segelschiffchen, Häuslein.... Swimmingpools. Er fliegt rechts eine Schleife über den See, das Flugzeug neigt sich zur Seite, sie sieht schöne grüne Wiesen.
Er fliegt eine Linkskurve, sie lässt sich an ihn sinken, atmet sein Rasierwasser "Roma Uomo" von Biagotti, teilt er ihr später mit, und drückt wie zufällig ihre Brust an seine Schulter.
"So, jetzt sind wir oben, jetzt können wir den Autopilot anschalten und machen was wir wollen."
Sie freut sich schon, aber sie ist weit davon entfernt hier oben in der Luft irgend etwas anzustellen, dafür haben sie später noch Zeit.
Er erklärt ihr die Thermik, die Hopser sind aber noch erträglich, schaltet den Autopiloten wieder aus. Es macht einen tierischen Krach... piep, piep, wie ein blöder Wecker.
"Möchtest Du fliegen?"
"Nein, ich kann das nicht."
"Probier - sieh zu, dass Du die Nase immer einen Handbreit unter dem Horizont hast."
Sie probiert, es tut sich nichts - er lehnt sich zurück, aus diesem Grund denkt sie, dass sie vermutlich nichts Tragisches falsch machen kann - sie versucht weiter, reisst am Steuer, das Flugzeug hopst, Nase nach unten, sie bekommt es aber wieder relativ schnell in den Griff. Sie kreischt und quietscht wie in der Achterbahn, und irgendwann wird es ihr wirklich zu riskant. Das Flugzeug macht wieder einen Satz, sie lässt das Steuer los.
"Bitte mach' Du wieder."
"Typisch Frau."
Er übernimmt wieder. Sie ärgert sich über ihr dämliches Verhalten, so wie sich vermutlich schon hunderttausend Tussis verhalten haben...."
150 Knoten, Höhe 5200 Ft. Grüne Auen, Kühe auf der Weide, blauer Himmel, Wolken über den Bergen, Gleitschirmflieger.
"Das dahinten ist der Säntis"
Graue Schneeflecken, Wolkenfetzen, weisse und graue, Segelflugzeuge, Wolken über ihnen, Wolken unter ihnen, zwischendrin immer wieder blauer Himmel, sie fliegen über den Kamm, und dann - ein atemberaubender Anblick, der Walensee! Dunkelblau schimmernd, grün umrandet vorne, steile Felswand seitlich. Etwas weniger Segelschiffe als auf dem Zürichsee... die blaue Farbe des tiefen Sees brennt sich in ihr Gedächtnis. Weiter, Linkskurve, wieder grün und Häuser - sie fliegen über Appenzell.
"Dort gehe ich heute abend hin, siehst Du, da unten das Festzelt!"
Sie sieht es überhaupt nicht, es ist ihr auch egal, überlegt aber wieder, ob sie hinterher noch genügend Zeit haben. Sie möchte ihn doch noch mehr spüren und ihm von ihrer Liebe abgeben. Weiter hinten sieht man St. Gallen, dann wird der Rückflug angetreten, über grüne Wiesen zurück an den Zürichsee.
"So, das war jetzt das Fahrwerk."
Er fummelt vor ihr an irgendwelchen Knöpfen herum - Sie staunt, schweigt, freut sich aber über jede zufällige Berührung - Landeklappen, sie selbst als technischer Tiefflieger.
"Ich muss noch eine Schleife fliegen, da möchte einer vor uns landen".
Sie kreisen über dem See, dann die Landebahn vor sich - weit entfernt und klein sieht sie das gelbe andere Flugzeug aufsetzen. Sie sinken, Landebahn frontal, noch über dem See schaltet er den Motor ab, dann plötzlich "Scheisse", sagt er - sie erschrickt, versteht erst nicht, dann sieht sie das Segelboot, welches von rechts kommt. Er weicht geschickt aus, der Mast des Bootes kaum eine Handbreit von ihrer rechten Tragfläche entfernt.
"Diese verdammten Boote, schauen weder rechts noch links, als ob ich eine Bremse hätte."
Er regt sich auf, sie ist beeindruckt, es ist nichts passiert. Das Rollfeld direkt vor ihnen, noch ein kurzes Sinken, die Räder berühren den Boden, sanfte Landung - es rollt aus - und steht. Bewundernd sieht sie ihn an:
"Und jetzt? Muss ich jetzt klatschen" - erinnert sich an alberne Charter-Paxe -"Und jetzt? Jetzt sind wir froh, dass wir wieder unten sind", grinst er.
"Danke", und spontan drückt sie ihm einen Schmatz auf die rechte Wange.
Sie rollen vor den Hangar, der Motor muss noch ein Weilchen auslaufen. Dann stellt er ab, öffnet ihr die Türe, und sie steigt aus. Albern, das Kleidchen rutscht hoch, falsch gekleidet, Beine voraus - ist froh als sie von der Tragfläche hopst.
Dann wieder das gleiche Spiel - sie steht herum, Hangar auf, anderes Flugzeug raus, eigenes Flugzeug rein, anderes Flugzeug wieder rein. Ihm läuft der Schweiss den Nacken herunter, sie überlegt, ob sie ihn mit einem Tempo abtrocknen soll, traut sich aber nicht, zu intim, sie ist verschüchtert. Andere Leute polieren ihre Flugzeuge, wie Autowaschen - das muss sicher auch noch sein - O Gott, die Zeit, die Zeit...
"Müssen wir es auch noch putzen?"
"Ja, die Seiten ein bisschen, die ganzen Fliegen weg".
Er geht an einen Schrank und holt einen Eimer - läuft heraus, holt Wasser.
"Gib mir endlich auch einen Lappen, damit ich hier nicht so tatenlos herumstehe"
"O.K., ich mache mit dem Schwamm, Du mit dem Leder hinter mir her", er fängt an zu wischen, sie ist glücklich, dass sie auch was tun kann.
Noch nie hat Putzen so viel Spass gemacht. Hingebungsvoll wird das Flugzeug poliert, der Propeller ist noch ganz heiss. Dann sind sie fertig, er schüttet den Eimer aus und versorgt alles im Schrank. Schlüssel abziehen, fertig, wieder ins Büro - Bürokratisches schnell erledigen, Flugstunden eintragen, und wieder raus.
"Wollen wir hier etwas trinken?" fragt er, gibt aber dann selbst die Antwort "Nö, zu viele Leute hier". Sie laufen zum Auto, steigen ein und fahren wieder zurück. In einem Örtchen fahren sie an einer Bäckerei vorbei "Oh, hast Du Hunger? Ob die noch aufhaben? Es ist kurz nach 16.00, aber die Tür war noch auf - und ich habe nichts da, weil ich doch nächste Woche in Genf bin."
Sie hat seit dem Frühstück nichts mehr gegessen, hat vergessen, dass sie Hunger hat, will aber die kostbare Zeit auch nicht mit Essen verschwenden. Er ist aber gefrässigerer Meinung, wendet wieder und hält vor dem Bäckerladen. Es kommt ihr eine Ewigkeit vor, bis er wieder mit Päckchen und Tüten herauskommt.
Dann sind sie wieder zu Hause, sie läuft vor ihm die Treppe hoch, bewusst aber nicht übertrieben bewegt sie ihre Hüften und hofft, dass er wenigstens etwas wahrnimmt.
"Was möchtest Du trinken? Kaffee, Tee??" - Hilfe, ich brauche was Anständiges, denkt sie.
"Hattest Du nicht noch was von einer Flasche Sekt erzählt?" - "Ja, aber Du musst noch Auto fahren."
"Macht nichts, deswegen besser jetzt anfangen, dann ist's nachher wieder verflogen". Er holt die Sektgläser, öffnet die Pulle und meint: "Jetzt stossen wir auf Deinen Flug an! Prost!"
Dann wird das Päckchen geöffnet "Oh, ich nehme das Fruchttörtchen" freut sie sich und er meint "Gut, ich wollte eh das mit den Himbeeren."
Sie gehen wieder auf die Terrasse, mittlerweile ist es warm und die Sonne scheint grell, der See liegt vor ihnen, in goldenes Licht getaucht, und fangen an zu mampfen. Sekt und Törtchen, was will frau mehr, normalerweise das höchste der Gefühle für sie.
Er trägt die ganze Zeit seine Sonnenbrille, sie hat ihn im Verdacht, dass er sich dann wohl cooler vorkommt, ärgert sich aber, dass sie seine Augen nicht sehen kann. Er schlägt zu wie ein Weltmeister, sie hat noch die Hälfte von ihrem Törtchen, bemüht nicht zu schlingen, nicht zu kleckern und möglichst keine Spuren in den Zähnen zu bekommen. Er rennt wieder rum, holt den nächsten Kuchen, haut wieder ein Stück herein.
Eine Wespe summt herum. Sie schlägt danach.
"Sie tut Dir nichts, aber wenn sie unter Deinen Rock fliegt, dann ist's passiert."
Er schnippt die Wespe im hohen Bogen über den Tisch. Crash, Absturz der Wespe hinter der Brüstung.
"So, und jetzt brauche ich noch ein Stück Zopf, nach dem Fliegen könnte ich immer fressen...."
Sie ist amüsiert, weil Futtern im Moment das Letzte ist, was ihr noch so im Sinn steht.
Dann springt er plötzlich auf "Komm her, das musst Du sehen!"
Am Himmel brummt ein schwarzer Militärflieger, sie springt ebenfalls auf, läuft zu ihm an die Balkonbrüstung, lehnt sich wie zufällig an ihn und schaut mit zum Himmel.
"Das ist der absolute Superflieger, den möchte ich auch fliegen, siehst Du meine Gänsehaut."
Sie versteht es nicht ganz, spürt aber seine Ergriffenheit und geniesst ihrerseits die Nähe zu ihm.
Sie setzen sich wieder und sie überlegt, wie sie nun zum Angriff übergehen soll. Noch ein Schluck Sekt, er füllt ihr Glas nochmals auf, erst mal eine rauchen. Ihr fällt kein Gesprächsthema mehr ein, sie stockt, versucht ihn anzusehen, nervt sich über die dunkle Sonnenbrille. Ja, seine 50 Jahre, die er im November vollenden wird, hätte sie ihm auf den ersten Blick nicht angesehen, sie war erstaunt, als sie das Geburtsdatum damals, in ihrer früheren Firma, auf der Personalliste nachgesehen hat. Aber an den Schläfen ist sein volles blondes Haar doch etwas grau, wenn man so genau hinschaut. Ausserdem hat er sich beim Rasieren geschnitten, es ist noch ein bisschen blutig an der Wange. Hmm, was tun?? Das letzte Mal hat sie auch den Anfang machen müssen. Sie hat ihn damals geküsst, aber er hatte regelrecht nach ihr geschnappt und schwupps, war da seine Zunge in ihrem Mund. Wenn sie heute daran denkt, dann ist es immer noch, als wenn ein heisskalter Blitz durch ihren Körper fährt, ein ganz seltenes Gefühl. Sie hat es noch nicht oft erlebt.
Bescheuert, so wie Oma und Opa nebeneinander zu sitzen, irgendwie gar keine Landebahn in Sicht - jetzt oder nie, denkt sie, steht auf und setzt sich auf seinen Schoss und gibt ihm einen Kuss. Er erwidert den Kuss, trocken, kurz. Mist.
"He, was gibt das? Du bist zum Fliegen hergekommen, nicht zum Flirten."
"Ach, warum, nicht gut? Es kitzelt.." Sie ist irgendwie verwirrt, weiss nicht weiter.
"Ja", meint er "der Schnauz kann auch noch woanders kitzeln", grinst er und schränkt gleich ein:
"Wir haben aber nur noch eine halbe Stunde und ich muss noch duschen. Wenn wir jetzt anfangen, könnte das unter Umständen länger dauern...."
"Bin ich Dir zu schwer?"
"Nein, überhaupt nicht, aber bei mir regt sich was."
Er versucht ihren Rock zu heben "Oh, zeig mal", lacht. Sie springt von seinem Schoss, lacht auch, versucht es anders, lehnt sich von hinten über ihn. Es klappt nicht. Sie versucht, ihn von oben zu küssen.
Er erwidert ihren Kuss, schiebt sie aber dann schnell zurück- nicht ohne vorher in ihren Ausschnitt zu schauen.
Sie setzt sich wieder neben ihn, resigniert.
"Du hast doch gesagt, dass Du ganz ausgehungert nach Zärtlichkeit bist?"
"Ja, schon, aber ich möchte mich einfach nicht binden, ich möchte frei sein, machen was ich will, auch wegen dem Job. Das mit dem Küssen ist zwar sehr schön, aber ich kenne mich, sobald das Kribbeln anfängt, dann habe ich keine Kontrolle mehr über Gefühle und fange an, mich gefühlsmässig zu binden."
Der Zug für heute ist abgefahren. Sie merkt es, die Zeit vorbei, die Chance verstrichen.
"Dann werde ich mich langsam mal wieder vom Acker machen, aber ich möchte noch einen Ableger von Deiner Bergpfefferminze für meine Oma mitnehmen."
Sie steht auf und läuft zum Kräuterkübel.
"He, Du kannst da doch nicht ziehen, da kommt das ganze Dings mit raus".
"Nein, ich will nur einen, schau' mal, ich ziehe, es geht."
Er läuft zu ihr "Na gut, wenn Du meinst".
Es gelingt ihr, die Pflanze mit vollständiger Wurzel herauszuziehen.
"So, dann werde ich nachher noch bei meiner Oma vorbeifahren und das Teil bei ihr einpflanzen." Er geht in die Küche, holt ein Tempo, wickelt die Wurzel der Pflanze mit einer Sorgsamkeit, die sie ihm in Bezug auf Pflanzen niemals zugetraut hätte ein, geht wieder in die Küche, feuchtet alles an "Hauptsache die Wurzel ist feucht" und packt den Ballen in eine kleine Plastiktüte. Sie nimmt das Gebilde und parkt es in ihrer Handtasche. Dann gehen sie hinaus, Treppe runter, Abschied. Sie krabbelt in ihr Auto, letztes Aufbäumen, streckt ihm den Hintern entgegen, versorgt die Tasche vor dem Beifahrersitz, steigt aus, Verabschiedung.
"Danke schön, viel Spass heute Abend und Alles Gute für Genf."
Bussi rechts, links, rechts...und tschüss!!! Sie steigt ins Auto.
Sie steigt nochmals aus ihrem Auto, drückt ihn an sich.
"Du weißt, dass ich Dich sehr gerne mag."
"Ich weiss, aber es ist nicht gut."
Sie steigt ein, schnallt sich an, wendet, sieht ihn noch im Rückspiegel und fährt los.
Eine dicke Träne rollt ihr die Wange herunter. Irgendwann werden wir es schaffen, irgendwann einmal werden wir zusammen sein. Sie weiss nicht wie, sie weiss nicht wo.. aber sie ist sich ganz sicher.
"I believe I can fly, I believe I can touch the sky!"




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Eingereicht am 14. August 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.