www.online-roman.de       www.ronald-henss-verlag.de
Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der Aktenkoffer

Eine Kurzgeschichte von Mia Camara


Der Airbus ging in den Landeanflug auf den Flughafen München und Jessy rutschte unruhig auf ihrem Sitz hin und her. Bilder tauchten vor ihrem geistigen Auge auf: 20 Jahre war es her gewesen, da war sie schwanger geworden. Sie wusste nicht einmal von wem. Damals stand sie am Beginn einer erfolgversprechenden Karriere. Ein Kind wäre das Letzte gewesen, das sie hätte gebrauchen können. Für eine Abtreibung war es zu spät, und so entschloss sie sich zu einer Freigabe zur Adoption. Es war ein beklemmendes Gefühl gewesen, das kleine Bündel, das sie geboren hatte, in der Obhut der Krankenschwestern zurückzulassen. Mit vollem Elan wollte sie sich in ihre Karriereplanung stürzen, doch es verging kein Tag, an dem sie nicht an ihr kleines Mädchen dachte. Ob es ihm gut ging dort, wo es jetzt war? Abends lag sie wach im Bett und malte sich aus, wie das Kleine sein erstes Lächeln an die Adoptivmutter verschenkte, wie es sein erstes "Mama" aussprach... und sie weinte bitterlich. Und so kam es, dass sie begann, Briefe zu schreiben, fast täglich - Briefe an ihr Kind, in denen sie all ihren Gedanken und Gefühlen Ausdruck verlieh. Briefe, die niemals abgeschickt wurden. Briefe, die sie aufhob - jahrelang. Sie halfen ihr, gegen ihre Depressionen anzukämpfen und Nähe zu ihrem Kind zu verspüren.
So viele Jahre waren nun vergangen, und Jessy blickte zurück auf ein einsames Leben. Ihre vermeintliche Karriere war blockiert durch ihre heftigen Depressionsschübe. Vor vier Wochen erhielt sie ein erschreckendes Untersuchungsergebnis von ihrem Arzt: sie war an Darmkrebs erkrankt.
Die Krankheit war bereits so weit fortgeschritten, dass man ihr nicht mehr helfen konnte. Ein einziger Wunsch baute sich in ihr auf: Sie wollte ihre Tochter ausfindig machen und noch ein einziges Mal sehen und ihr bei dieser Gelegenheit die Briefe übergeben. "Danach kann ich sterben - es ist mir egal".
Nachdem sie zusammen mit den anderen Passagieren von Bord gegangen war, wendete sie sich zu einem Kiosk, um einen Stadtplan von München zu kaufen. Während sie sich gedankenverloren nach dem Aktenkoffer bückte und dann rasch weiterging, bemerkte sie nicht, dass sie einen fast identischen Koffer mitnahm, dessen Besitzer sich neben ihr am Zigarrettenständer zu schaffen machte.
Jessy klingelte an der Tür des betreffenden Hauses und wartete zitternd, bis diese sich öffnete und eine junge Frau im Türrahmen erschien.
"Ich bin deine Mutter, und ich möchte.....", "Meine Mutter?" fiel ihr Sabrina Gärtner ins Wort, "meine Mutter ist tot! Ich habe keine Mutter! Sie hat mich verstoßen! Sie wollte mich nicht haben! Und ich habe mir geschworen, ihr das niemals zu verzeihen!" Jessy sagte leise: "Bitte, nimm diesen Koffer! Er enthält alle Briefe, die ich dir in den ganzen Jahren geschrieben habe. Sie werden dir beweisen, dass kein Tag in meinem Leben vergangen ist, an dem ich nicht an dich ...!" Jessy konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten und ließ den Koffer vor der Tür stehen und machte auf dem Absatz kehrt. Hinter sich hörte sie eine Tür ins Schloss fallen. Ihr einziger Trost war der Koffer. Sabrinas Neugier würde größer sein als ihre Wut, sie würde die Briefe finden und lesen. Mehr hatte Jessy ja gar nicht gewollt.
Sabrina schleuderte den Koffer wütend in die nächste Ecke und dachte gar nicht daran, ihn zu öffnen. Sie hasste ihre Mutter aus tiefstem Herzen und fühlte sich von ihr verraten und verkauft. Am liebsten hätte sie diesen schwarzen Aktenkoffer in die Mülltonne geworfen, aber irgend etwas trieb sie dazu, es nicht zu tun. Stattdessen brachte sie ihn auf den Dachboden und verstaute ihn dort in den hintersten Winkel.
Der Besuch ihrer Mutter hatte sie sehr aufgewühlt. Ihr Freund Tim war gerade dabei, sich eine eigene Werbefirma aufzubauen, und sie stand ihm als Assistentin zur Seite - das kostete sie ihre ganze Energie und Aufmerksamkeit.
Einige Monate später blieb Sabrinas Periode aus. Ein Besuch beim Frauenarzt bestätigte ihre Vermutung, und überglücklich ging sie nach Hause, um Tim diese Freudenbotschaft mitzuteilen. Während Sabrinas Augen leuchteten - verfinsterte sich Tims Blick.
"Wie konnte das nur passieren? Wir haben doch immer aufgepasst? Wie weit bist du? 7. Woche? Lass es wegmachen!" Es war Sabrina, als würde sie den Boden unter den Füßen verlieren. "Schatz, wir können uns momentan kein Kind leisten - ich brauche dich für die Firma, und finanziell würden wir das auch nicht hinkriegen, das wirst du doch wohl einsehen!"
War das hier derselbe Mann, der ihrem eigenen Schicksal immer so verständnisvoll und bedauernd begegnet war? Der immer beteuert hatte, wie sehr er Kinder liebte?
"Ich denke gar nicht daran, das Kind wegmachen zu lassen! Ich habe mir immer ein Kind gewünscht, das weißt du, ich werde dieses Kind bekommen!"
"Das habe ich kommen sehen!" rief Tim wütend. "Mich hier vor vollendete und beschlossene Tatsachen stellen zu wollen - das kannst du machen mit wem du willst, meine Liebe, aber nicht mit mir!"
Es kam zu einem bösen Streit zwischen den beiden Partnern und schließlich zum Eklat.
Tim wies ihr die Tür seines Hauses und warf ihr Egoismus und bösartige Berechnung vor. "Und spekuliere bloß nicht auf Unterhaltszahlungen. Ich habe einen guten Anwalt, so einfach werde ich es dir ganz gewiss nicht machen, gerade jetzt, wo ich jeden Cent in meine Firma stecken muss!" Sabrina war am Boden zerstört. Was war das für ein Mensch? Wie hatte sie sich jemals in ihn verlieben können? Er hatte sie und ihre Arbeitskraft die ganze Zeit über schamlos ausgenutzt und ihr dabei seine vermeintliche Liebe vorgeheuchelt. Wie sollte es nun weitergehen? Der Kontakt zu ihren Adoptiveltern war nach einer Auseinandersetzung abgerissen. Sie besorgte sich ein Zimmer in der Stadt und holte ihre Sachen bei Tim ab. Als sie gehen wollte, fiel Tim noch etwas ein - er ging auf den Dachboden und holte den schwarzen Aktenkoffer herunter. "Hier, der gehört dir auch noch."
Sabrina nahm ihn wortlos mit.
Die nun folgenden Monate waren sehr schwer für sie, denn sie litt unter der Einsamkeit. Es kostete sie viel Mühe, alle Formalitäten mit dem Sozialamt hinter sich zu bringen, aber irgendwoher musste schließlich Geld zum Leben kommen.
Je mehr sie das wachsende Leben in sich spürte, desto öfter dachte sie an ihre Mutter. Ihr fiel auch der schwarze Aktenkoffer wieder ein. Ihre Mutter hatte von Briefen gesprochen, die sich darin befänden. Plötzlich dachte sie an ihren traurigen Blick, an ihre Tränen, als sie sich umwandte und ging. Warum hatte ihre Mutter sie weggegeben und was waren ihre Empfindungen dabei und danach gewesen? Diese Fragen und Gedanken ließen sie nicht mehr los - sie ahnte, die Briefe ihrer Mutter würden ihr Antwort auf alle diese Fragen geben. Mit klopfendem Herzen holte sie den Aktenkoffer und öffnete ihn zitternd. Sie fand darin zu ihrem großen Erstaunen jede Menge Geld. Sie verstand die Welt nicht mehr. Sollte ihre Mutter die Geschichte mit den Briefen erfunden haben, um ihr stattdessen zur eigenen Gewissens-Beruhigung diesen Batzen Geld zu geben? Irgendwie konnte sie sich das jedoch nicht vorstellen - das hier, das schienen rund 300.000 EUR zu sein! Plötzlich fiel ihr eine Visitenkarte mit dem Namen Peter Brecht auf, die am inneren Rand des Aktenkoffers eingeklemmt war. Sabrinas Neugier war geweckt und sie rief die angegebene Nummer in Hamburg an. Sie brachte in Erfahrung, dass Peter Brecht hinter Gittern saß. Ihre Gedanken liefen kreuz und quer..... War ihre Mutter damals aus Hamburg gekommen? Konnte es sein, dass die Koffer am Flughafen verwechselt worden waren? Sie recherchierte im Internet - und tatsächlich, sie fand einen Artikel, der ungefähr aus der Zeit stammte, in der ihre Mutter bei ihr aufgetaucht war. Da stand etwas von einem Bankraub, und dass die Täter gefasst worden, jedoch ein Teil der Beute bislang unauffindbar geblieben und wahrscheinlich ins Ausland geschafft worden war. Jetzt wusste sie, was zu tun war: sie wollte endlich Kontakt zu ihrer Mutter aufnehmen. Am Telefon nahm sie das Ergebnis ihrer Bemühungen mit Schrecken entgegen:
"Frau Jessica Stahl ist am 25.5. diesen Jahres verstorben."
Wortlos legte sie den Hörer auf. Tränen liefen über ihr Gesicht. Sie sah zu dem Aktenkoffer. Alles hätte sie darum gegeben, wenn dieses der richtige gewesen wäre, der die Briefe ihrer Mutter enthielt. Sie strich sich sanft über den Bauch, spürte die Tritte ihres Kindes und überlegte. In diesem Augenblick traf Sabrina eine Entscheidung.




Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unsere Autorin ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.



»»» Weitere Kurzgeschichten «««

»»» HOME PAGE «««



Eingereicht am 02. August 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.

Webseite der Autorin: http://www.miacamara.de