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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Nur die Liebe lässt uns überleben

Eine Kurzgeschichte von Mia Camara


Ich sitze im weihnachtlich geschmückten Wohnzimmer unterm Tannenbaum. Familienidylle. Vater und Mutter teilen die Geschenke aus - auch für mich ist etwas dabei, denn sie lieben mich ja. Wer geliebt wird, bekommt auch ein Geschenk.
Jetzt sitze ich im Knast, trister düsterer Raum, kahle Wände, Einsamkeit. Keiner kommt und bringt mir ein Geschenk. Ich werde nicht geliebt. Bin ich je geliebt worden? Vater, Mutter.... woran macht ihr die Liebe fest, die ihr austeilt? An Traditionen? An Gewohnheiten? An meinem Tun und Lassen? Als ihr sagtet ihr würdet mich lieben - wen oder was liebtet ihr da? Mich, euren Sohn? Wer bin ich? Womit kann ich mir eure Liebe verdienen? Indem ich so bin, wie ihr es euch vorstellt, dass ich sein soll? Indem ich mich so verhalte, wie ihr es von mir erwartet? Was erwartet ihr? Es sind Verhaltensmuster, die euch gefallen, die ihr für gut definiert habt. Und wenn ich das für euer Empfinden Böse tue? Dann ist sie zuende, die Liebe. Ich will ich sein - ich will das tun, was mich ausmacht - mich! - warum durfte ich niemals ich sein, ohne dabei eure Liebe einzubüßen?
Habe Menschen getroffen, etwas älter als ich. Kumpels. Ihr achtet mich hoch, weil ich so viel Mut habe. Zuerst durfte ich nur Schmiere stehen, aber dann habe ich es euch recht gezeigt, wie viel Mut ich habe.... habe dem Juwelier eins mit dem Wagenheber übergezogen und mit euch zusammen einen klasse Raub gemacht. Hei das war schön - ich war groß, ich war anerkannt unter euch, weil ich so viel Mut hatte. Ich dachte, diese Anerkennung, die ist Liebe. Ich durfte ich sein und ihr liebtet mich dafür. Wer bin ich? Bin ich mein Mut? Ich muss fürchten eure Liebe zu verlieren, wenn ich euch nicht immer neu beweise, was ich alles drauf habe und dass mich auch das riskanteste Räubermanöver nicht abschreckt. Doch beim Überfall auf die Tankstelle haben sie uns geschnappt. Ihr habt mich verleugnet: "Den da? Den kennen wir nicht! Wir haben mit dem nichts zu tun!" Liebe? Achtung? Wer bin ich?
"Du bist ein Verbrecher! Du bist nicht mehr unser Sohn!" sagen meine Eltern. Ein Verbrecher. Ich bin ein Knasti. Meine Knastbrüder behandeln mich abfällig, brutal..... für meine Wärter bin ich Abschaum. Es gibt keine Liebe auf der Welt. Ich bin schlecht. Ich habe es nicht verdient zu leben. Warum hat mir nie jemand die Chance gegeben zu sein, wie ich bin? Ich schaffe es, an eine Flasche Sprudel zu kommen, zerschlage sie an der Knastwand, schneide mir mit einer Scherbe tief die Pulsader auf. Ich will verbluten. Ich will nicht leben in einer Welt ohne Liebe. Der Wärter findet mich, schleppt mich ab ins Gefängnishospital. "Feigling!" "Versager!" "Schafft nicht mal, sich gescheit die Pulsadern aufzuschneiden!" Wo sind meine Eltern? Nicht da. Wo sind meine Kumpels? Mich kennt keiner mehr. Mich will keiner mehr kennen. Eine junge Krankenschwester kommt und wechselt mir regelmäßig den Verband und versorgt mich mit stärkenden Mitteln wegen des hohen Blutverlustes. Sie sagt: "Du hast schöne Augen!" Was? Ich schäme mich in Grund und Boden dafür, dass ich ein Versager und ein Feigling bin. Sie kommt wieder. Sieht mich immer wieder an mit ihren lieben Augen, lächelt. Warum lächelt sie? Lacht sie mich aus, weil ich ein jämmerlicher Versager bin? Nein, da kommt kein Spott und kein Hohn rüber. Aus ihren Augen strahlt Ehrlichkeit, und so was wie Zuneigung. Liebe? Zuneigung zu mir, dem Knasti? Nein, das kann nicht sein, niemals. Mich haben alle verlassen, weil ich ihren Erwartungen nicht entsprach. Und jetzt bin ich vollkommen passiv und kraftlos... ich liege einfach nur da..... unfähig, irgendwelchen Erwartungen zu entsprechen, unfähig, irgendetwas zu tun, unfähig, geliebt zu werden. Ich bin ein Nichts. Aber sie kommt wieder. Immer wieder, bleibt lange an meinem Bett sitzen, streichelt meine Hände ganz sanft, schaut mir tief in die Augen. Wer bin ich? Ich nehme all meinen Mut zusammen und stelle ihr diese Frage: "Wer bin ich?" - "Du bist der Mann mit den schönsten Augen, die ich jemals gesehen habe!" Sie schaut mich dabei direkt an und ich fühle, sie meint, was sie sagt. Sie meint es wirklich ernst. Am Abend vor meiner Entlassung aus dem Hospital und meiner Wiederverlegung in den Knast beugt sie sich runter zu mir und ihre weichen Lippen berühren meine, und sie streichelt mir liebevoll mein Gesicht und meinen Kopf.
Jetzt sitze ich wieder in meinem Knastraum. Irgendwie wirkt er nicht mehr so düster wie vorher. Wer bin ich? Bin ich wirklich ich? Und kann es sein, dass ich liebenswert bin so, wie ich bin? Zweifel kriechen in mir hoch, packen mich an der Gurgel, drohen mich zu ersticken, kriegen mich voll in ihren eiskalten Griff.
Da öffnet sich die Tür und der Wärter kündigt Besuch für mich an. Das ist mir noch nie passiert. Ich stutze, ich denke, er erlaubt sich einen bösen Scherz mit mir, werde ärgerlich. Er führt mich zum Besuchsraum - und da wartet SIE auf mich. SIE besucht MICH. Ich fasse es nicht. Mich, den Versager, den Feigling, den Verbrecher.
Sie kommt, so oft sie die Erlaubnis dazu bekommt. Und lehrt mich, wer ich bin - einfach nur ICH. Ich brauche es niemandem zu beweisen. Ich kann es gar nicht beweisen. Ich begegne der Liebe, und sie durchströmt mich mit einem warmen Gefühl.
Sie durchströmt mich mit einem warmen Gefühl - die Liebe. Sie kommt mitten in mein Herz wie ein heller Lichtstrahl in die dunkelste Dunkelheit. Habe ich die Liebe jemals gekannt?
So weit ich zurückdenken kann, habe ich immer nur gegenteilige Formen von Liebe erfahren. Mein Leben war ein - Überlebenskampf. Ein Überlebenskampf, um einigermaßen anerkannt zu sein. Ein Kampf, den ich meistens als verloren empfand. Ein oft brutaler Kampf, den Erwartungen und Ansprüchen, den Anforderungen und Vorstellungen derjenigen Menschen zu genügen, von denen ich mir so sehr Liebe gewünscht habe. Die mir oft aber nur blanken Hass entgegenbrachten, mir jedoch meistens mit einer schier grenzenlosen Gleichgültigkeit begegnet sind.
Dein Herz schreit nach Liebe.
Du bekommst eine neue Hose, damit die Nachbarn nicht darüber tuscheln, deine Eltern würden dich vernachlässigen, weil du in einer eingerissenen Hose herumläufst.
Dein Herz sehnt sich nach einer Umarmung.
Du wirst aus dem Zimmer gewiesen, weil deine Mutter keine Zeit für dich hat.
Du sehnst dich nach einem liebevollen Blick, der DICH meint.
Es starren nur Augen buchstäblich durch dich hindurch, als wärest du gar nicht existent.
Du gibst dir besonders viel Mühe, dein Zimmer ganz ordentlich aufzuräumen.
Niemand nimmt Notiz davon.
Du tust etwas Verbotenes, mit voller Absicht.
Und kassierst Prügel. Immerhin. Die Prügel zwingen deine Eltern, dich zu beachten und sich mit dir zu beschäftigen.
Aber Liebe lässt sich auch nicht hineinprügeln, es ist ein sinnloses Unterfangen.
Wo war jemals Liebe in meinem Leben?
Meine sogenannten Freunde umschmeicheln und umgarnen mich - immer dann, wenn sie etwas von mir wollen. Sobald sie es bekommen haben, lassen sie mich wieder fallen, und ich komme mir einsamer und elender vor denn je.
Gibt es nur fehlende Liebe und Liebe aus Berechnung?
Woher kommt sie dann aber, diese tiefe Sehnsucht nach Liebe in meinem Herzen, wenn ich doch noch nie wahre, ehrliche Liebe empfangen habe. Liebe, die MICH meint?
Ein eigenartiges Phänomen, etwas zu bedürfen, das man nie real kennen gelernt hat.
Oder doch nicht? Mir scheint, ich habe durch all die erfahrene Lieblosigkeit erst wirklich erkannt, was Liebe ist.... wie unendlich wertvoll die Liebe ist - unbezahlbar und unverkäuflich. Ich habe gelernt, zwischen echter und falscher Liebe zu unterscheiden.
Ich erfahre es durch dich - du schenkst mir diese Liebe, für die ich nichts getan habe, weil ich gar nicht in der Lage und Verfassung dazu bin irgendetwas dafür zu tun. Du weißt, ich bin ein Verbrecher, ein Versager, ein Knasti. Aber das alles zählt nicht für dich, es spielt keine Rolle. Deine Liebe ist nicht berechnend. Du sitzt einfach nur vor mir und strahlst. Du bist glücklich, weil du die kostbaren Minuten mit mir zusammen verbringen darfst, die uns der Wärter erlaubt. Deine Liebe gibt mir Mut zum Weitermachen. Deine Liebe gibt mir Mut zum Festhalten an meinem Leben. Deine Liebe gibt mir Mut zum Aushalten und zum Durchhalten. Deine Liebe gibt mir Kraft.
Sie durchströmt mich - aber sie ist viel mehr als ein warmes Gefühl. Sie hat mich gelehrt, dass ich selber in der Lage bin zu lieben. Sie ändert meinen Blick auf mich selbst. Ich bin etwas wert. Ich bin kein Abschaum. Ich bin kein Kehricht. Ich bin etwas wert so, wie ich bin, weil ich bin. Wie immer es weitergehen wird - ich habe nicht umsonst gelebt, denn ich durfte die Liebe kennen lernen und ich durfte erfahren: Ich bin etwas wert.




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Eingereicht am 11. Juli 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.

Webseite der Autorin: http://www.miacamara.de