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Das Lesezeichen

Eine Kurzgeschichte von Loepe


Eines ganz normalen Tages kam Chris auf mich zu. Mit einem schelmischen Lächeln im Gesicht drückte sie mir ein kleines Etwas in die Hand. "Ich hab' hier was für dich", sagte sie.
Nein, Kein Zweifel. Das war ein Lesezeichen. Ein kleines, unscheinbares Lesezeichen.
Aber so ein ganz normales Lesezeichen? "Wie popelig", dachte ich. Das kann doch gar nicht sein. Ich kenne Chris ziemlich gut. Sie würde mir niemals nur einfach so ein ganz normales, kleines Lesezeichen schenken. Es sei denn... Nein, das konnte nicht sein, ein ganz normales, kleines Lesezeichen? Ohne eine ganz bestimmte Absicht?
Ich betrachtete das Lesezeichen nun genauer und stellte fest, dass es nicht nur ein hübsches Kordelriemchen hatte, sondern auch eine Beschriftung, die da lautete: "Nur Träumer erreichen die Sterne!"
"Aha", dachte ich, "also eine Botschaft, oder zumindest so etwas ähnliches." Aber was sollte das? Was für eine Botschaft?
Wollte Chris mir durch diese Botschaft vielleicht nur bedeuten, ich müsse mal ein bißchen mehr lesen, um so gegebenenfalls meinen müden Geist ein wenig auf Trapp zu bringen?
Nein, das war völlig ausgeschlossen Schließlich kannte ich meine Chris. Sie würde mir niemals nur so einfach etwas bedeuten.
Oder war das Zitat auf dem Lesezeichen derart bedeutungsschwanger, dass Chris mir sozusagen und mit einem Augenzwinkern mitteilen wollte, ich sei ein hoffnungsloser Träumer, was einem Spinner gleichkäme?
Nein, auch das war vollkommen unmöglich. Ich kannte meine Chris. Das paßte einfach nicht mit ihrer Grundeinstellung gegenüber Träumern zusammen! Und immerhin hatte sie mich ja mal irgendwann geheiratet und es bis heute mit mir ausgehalten.
Irgendwann hörte ich dann natürlich mal auf, darüber nachzudenken, was es mit diesem Lesezeichen und seiner imaginären Botschaft letztlich auf sich haben könnte.
...und der Alltag säugte mich und saugte mich, nahm mich mit in den Strom der Realitäten.
Eines Tages, ich hatte das Lesezeichen längst vergessen, hatte meinen ersten Infarkt hinter mir, hatte das Rauchen aufgegeben, hatte angefangen aufzuhören, Dinge zu tun , die andere für wichtig halten, hatte angefangen anzufangen, die Dinge zu tun, die ich selbst für wichtig halte..., las ich in einem Buch, vielleicht auch in einer Illustrierten, wie jemand gerade alles verloren hatte, nur nicht die Liebe und das Vertrauen seiner geliebten Ehefrau.
Und während ich diesen nach süßer Seife riechenden Absatz las, schoß es mir plötzlich und unvermittelt wie ein Blitz durch den Kopf! ... und es wärmte mein Herz, und es war, als wenn ich eine von diesen selten vorkommenden Erleuchtungen hätte!
Heute kenne ich Chris übrigens immer noch nicht. Immer noch ist sie voller kleiner und großer Überraschungen und voller kleiner und großer Geheimnisse, die es zu entlocken gilt.
Aber ich weiß ob dieses Umstandes! Und dass sie mich liebt und Vertrauen zu mir hat, macht mich sehr froh!




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Eingereicht am 11. Juli 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
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