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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Ein neuer Tag beginnt!

Eine Kurzgeschichte von Loepe


Als er das Zimmer betritt, schlägt ihm kalter Rauch und abgestandener Fusel entgegen. Die Vorhänge sind zugezogen.
Die Nachmittagssonne schimmert durch die Vorhänge. Und von der Straße her sind Stimmen zu vernehmen, wie aus der Ferne.
Ebenso wie die trappelnden Schritte verkünden sie, dass der Verkehr bereits begonnen hat.
Seine Mutter hatte ihn am frühen Morgen ermahnt, dass sie zeitig geweckt werden wollte.
Mit einem Handstreich macht er einen Sessel frei von bereits getragenen Kleidungsstücken und fällt vorsichtig hinein. Da sitzt er nun und beobachtet das Bett, auf dem eine Frau liegt, die einen irgendwie verspannten Eindruck macht. Sie schläft.
Einen Augenblick denkt er darüber nach, ob er diese Frau wirklich kennt. Klar weiß er ganz genau, dass diese Frau seine Mutter ist. Gelegentlich hat er jedoch Schwierigkeiten, diese Tatsache zu realisieren.
Als ihn nach einigen Sekunden die Realität wieder einholt, spürt er, wie sein Herz begonnen hat, schnell und kräftig zu schlagen.
Er weiß genau, was passiert, wenn er diese Frau weckt. Das Muster ist immer das gleiche:
Sie wird sich aus ihrem Bett quälen und zuerst eine Flasche Dornkaat suchen. Sie wird die Flasche nicht finden, einen Anfall bekommen, ja geradezu tobsüchtig werden.
Dann wird sie ihn in die Lebensmittelabteilung des nahe gelegenen Supermarktes befehligen, um dort eine neue Flasche zu besorgen.
Bei der Gelegenheit wird sie eine Art Einkaufsliste kritzeln. Dann wird sie völlig aufgedreht nach Geld suchen und ihm ein paar Mark in die Hand drücken, damit er endlich in den Supermarkt eilt. Sie wird dies jedoch nicht tun, ohne ihn vorher wild gestikulierend anzuherrschen, dass er die Hölle erlebt, falls er wieder herumtrödeln sollte.
Schon bald wird er dann mit einer noch höheren Herzfrequenz an der Kasse der Lebensmittelabteilung stehen und vergeblich hoffen, dass er nichts wieder ins Regal zurücklegen muss, weil er nicht genügend Geld dabei hat. Schon vorher aber wird er das Gefühl nicht ertragen, dass alle Menschen um ihn herum ihn anstarren und es wird ihm sehr peinlich sein. Anschließend wird er die Einkäufe in den vierten Stock schleppen.
Seine Mutter wird dann aus einer der Tüten die Flasche Dornkaat herauswühlen und erst ein mal kräftig daran arbeiten, zur Besinnung zu kommen. Sobald ihr dies einigermaßen geglückt sein sollte, wird sie die restlichen Einkäufe auspacken und ihn anschreien, weil er angeblich so ungefähr die Hälfte vergessen hat.
Sie wird dann auch seinen Einwand, er habe nicht genügend Geld dabei gehabt, nicht gelten lassen und ihn verbal geradezu zerstören. Sie wird dann ihr zweites Dornkaat-Frühstück zu sich nehmen und anschließend ein wenig aufräumen, nachdem vorher alle möglichen Gegenstände durch die Wohnung geflogen sind, ihn aber hoffentlich auch diesmal wieder nicht getroffen haben.
Er wird dann irgendwann auf sein Zimmer gehen, das einen Stockwerk über der Wohnung liegt und dort mit sich allein gelassen sein, mit sich und einer ungesunden Mischung aus Angstzuständen und jeder Menge wütender Gefühle.
Dann wird er aber auf einen angenehmen Abend hoffen, an dem er mit ein wenig Glück ein paar Mark ausgeben kann, die seine Mutter kurz zuvor bei einem Freier verdient hat. Das wiederum wird aber davon abhängen, ob die Frau, die dort auf dem Bett liegt, schon wieder besoffen genug ist, sich bei ihm für ihr Verhalten zu entschuldigen, ihm zu sagen, wie leid es ihr tut, wie sehr sie ihn liebt und wie sehr sie es bedauert, dass sie ihm nicht mehr bieten kann, als dieses Leben voller Chaos, um ihm kurz darauf ein paar Mark in die Hand zu drücken. Ja, sie wird ihm beteuern, dass schon bald alles besser wird. Wenn sie erst einmal genug Geld verdient hatte, wird sie so gut für ihn sorgen, wie er es selbstverständlich verdiente und es würde ihm dann wirklich an nichts mangeln.
Anschließend wird er in den Leierkasten gehen, um einige Zeit später im Café Berlin versacken. Dann wird er kein Geld mehr haben. Er wird dann versuchen einen Deckel zu machen. Wenn das nicht funktioniert, wird er ins Bordell gehen, um dort bei der Frau, die seine Mutter ist, abermals ein paar Mark loszueisen. Dafür wird er dann auch in Kauf nehmen, dass sie ihn bei allen möglichen Nutten, Zuhältern und Freiern stolzen Brusttons als Ihren Sohn vorstellt. Dabei wird sie dann wieder das Sprichwort "Aus den Augen, aus dem Sinn" völlig falsch verwenden und damit meinen, dass er ihr wie aus dem Gesicht geschnitten ist.
Irgendwann am frühen Morgen wird er dann mehr oder weniger abgefüllt in seinem Zimmer aufschlagen und ihm wird bitter bewusst werden, dass er außer seiner Mutter, ein paar Nutten, Zuhältern und flüchtigen Straßenbekanntschaften niemanden kennt, ja gar keine Freunde hat.
Also wird er sehr einsam sein.
Er wird dann noch versuchen, sich Gedanken darüber zu machen, wie er aus diesem Dilemma am besten wieder heraus kommt. Dann, ja dann wird er heulen, weil nichts scheißer ist als das ganze Leben.
Letztlich wird er sich aber damit trösten, dass die Sommerferien bald zu Ende sind und er zurückkehren kann in die katholische Anstalt, wo er zwar auch nicht geliebt, aber doch gut behandelt wird.
Ja, nun sitzt er also da und lässt seine Gedanken von der Kette, denkt noch darüber nach, wem er in der letzten Nacht irgend welche Versprechungen gemacht hat, die er nicht einzuhalten vermag, wo überall ein unbezahlter Deckel auf ihn warten könnte und wer ihn also alles ermorden will….
Während er dies tut, schält sich seine Mutter aus ihrem Bett! Sie sucht ihre Flasche Dornkaat und findet sie nicht......
Es ist Nachmittag und ein neuer Tag beginnt.




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Eingereicht am 11. Juli 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
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