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Bergwanderung II

Eine Kurzgeschichte von Loepe


Ich war tief gesunken.
Ein bisschen so, wie man in einen tiefen Sessel sinkt.
In einen solchen wie den, in den ich mich gerade sinken lasse und den ich zuvor von benutzten Kleidungsstücken befreit habe, die nach kaltem Rauch und Dornkaat miefen.
Ich überlege nur kurz, ob ich eine Paracetamol nehmen soll. Nachdem ich sicher bin, dass ich diese wieder erbrechen werde, entscheide ich mich die Kopfschmerzen zu ertragen.
Vor mir auf einem Doppelbett liegt so eine Art Frau. Hab' ich mit ihr die letzte Nacht verbracht? Hoffend, dass dies nicht der Fall ist, befürchte ich jedoch das äußerste.
Im wieder einigermaßen nüchternen aber doch noch ziemlich verkaterten Zustand ist es eigentlich Zeit, mich auf den Socken nach draußen zu schleichen, um diese merkwürdig unangenehme Situation schnell hinter mich zu bringen.
Wegen meines desolaten Zustandes entscheide ich mich aber den eingenommenen Platz erst einmal als die momentan bessere Alternative zu betrachten.
Irgendwie um meinen Körper aus der Verspanntheit herauszuholen, falte ich meine Hände hinter dem Kopf zusammen, strecke mich ein wenig, lehne mich dann zurück und lasse von dem drehbaren Sessel aus meinen Blick durch das Zimmer gleiten, der dann unvermittelt stehen bleibt, als er ein Bild einfängt, das mich an der Wand gleich rechts neben mir gefangen nimmt.
Ein Junge erinnert mich sehr nachdrücklich und unvermittelt an meine Kindheit.
Ein Junge, der bei sommerlichem Wetter eine Bergwanderung zelebriert, mit dem gewissen Lächeln im Gesicht, den mit einer Feder geschmückten Tirolerhut auf dem Kopf, den Wanderstab in der linken Hand, und den Verschluss eines auf dem Rücken befindlichen Trinksackes in der rechten Hand, mit der üppigen Bergwiese unter seinen nackten Füßen, die ihn wohlig warm mit positiver Energie zu durchströmen scheint.
Nicht, dass ich je eine Bergwanderung gemacht hätte, oder bewusst mit einen Tirolerhut herum gelaufen wäre. So etwas kenne ich nur aus alten Heimatfilmen. Und einen Wanderstab besitze ich allenfalls in Form eines orthopädischen Hilfsmittels.
Aber ich habe mir einen Vater gewünscht. Und zwar konkret einen solchen, der mit mir wenigstens einmal im Leben eine Bergwanderung macht.
Ich weiß auch gar nicht mehr, warum es unbedingt eine Bergwanderung sein musste, aber es war so. Da ich meinen Vater jedoch nie kennen lernen durfte, wurde auch aus dieser Bergwanderung nichts.
Plötzlich kommt jedoch so eine Art Leben in das Doppelbett. Ich sehe, wie sich ein Körper aus der völlig verdrehten Bettwäsche herauswindet und ein irgendwie schwarzhaariger Kopf sich mir zuwendet, ganz langsam.
Als das Gesicht von der Seite her immer konkretere Formen annimmt, erkenne ich mit einem Entsetzen, das mir das Blut in den Adern gefrieren lässt, eine Fratze auf mich zukommen, die der Teufel nicht perfekter hätte kreieren können.
Trotzdem ist das Gesicht, bis auf die roten, stechenden Augen, kaum zu erkennen, ist das, was man gemeinhin für das Antlitz halten würde, von riesigen Aknenarben durchdrungen.
Ich versuche mich aus dem Sessel zu erheben, mein Körper will mir jedoch nicht gehorchen, gerade so als ob das Entsetzen noch zu steigern wäre. Ich klebe wie gelähmt im Sessel, während die Ekelerregende ganz langsam auf mich zukommt und mich zu verschlingen droht. Völlig nackt versucht sie mich zum Erbrechen zu verleiten.
Irgendwo zwischen Panik und Ohnmacht, die Hitze des stinkenden Atems im Nacken wie einen heißen Luftzug spürend, mehr in Zeitlupe und völlig kraftlos gelingt es mir irgendwie, die Wohnungstür zu erreichen.
Ich bekomme die Tür geöffnet und finde mich wenig später auf der Straße wieder. Wie ich die vier Stockwerke herunter gekommen bin bleibt mir ein Rätsel.
Warmer Sommerregen klatscht auf dampfenden Asphalt. Und mitten in der von Leere und diffusem Straßenlicht durchdrungenen Nacht kann ich mich endlich erbrechen.




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Eingereicht am 07. Juli 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
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