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Jenseits der Vorstellungskraft

Von Petra Sandor


Die Beerdigung fiel aus dem Rahmen. Sie war anders als alles, was unser Dorf jemals gesehen hatte. Deswegen ist kein einziger Dorfbewohner zuhause geblieben. Sie alle wollten es sehen. Vielleicht lag es an der Toten, dass es anders war, obwohl diese Frau nie aufgefallen war.
Die Frau lag in dem Sarg. So heimisch, als wäre sie niemals anderswo zu Hause gewesen. Wunderschön und unbewegt, doch lebendiger als sie je im Leben war. Ich kannte sie genau so gut oder so wenig gut, wie jeden anderen auch.
Doch ich war fasziniert... Niemals zuvor durften wir einen so wunderschönen und erhabenen Toten sehen. Die Angst vor dem Tod ging verloren und die Faszination nahm ihren Platz ein. Wie kann man so etwas beschreiben? Es war nicht der Körper, es war das was wir sahen, das was wir wussten, das es nicht geben kann, und das doch da war. Wir sahen, spürten und fühlten Gefühle.. Farbige, leuchtende, sprühende, laserähnliche Gefühle. Und wir erfuhren die Wahrheit..
Doch ich schweife ab.. Fangen wir mit dem Anfang an.
Als Tochter des Bürgermeisters hat mir das Leben einen guten Start ermöglicht. Ich studiere zurzeit Medizin, um später die Praxis meines Onkels übernehmen zu können. Das war ein ehrgeiziges Ziel, denn mein Onkel hatte sehr hohe Ansprüche. Nur weil es in unserer Familie keine männliche Nachkommenschaft gab, ermöglichte man mir das Studium und den eigenen Traum von einer beruflichen Zukunft. Für unsere Zeit sowieso eine Zumutung.. Jeder fragte sich, was stimme wohl mit mir nicht, dass ich mir nicht wie jede normale Frau, einen Mann wünschte, um ihn glücklich zu machen. Den wünschte ich mir. Doch niemand konnte in mich hineinsehen.
Ich war mit meinem Studium weit genug, um über den Tod Bescheid zu wissen, als der Mord geschah. Dass es sich um Mord handelte, stand außer Frage.
Allerdings hat niemand verstanden, was passiert ist. Die Frau lebte, wie schon erwähnt, zurückgezogen und sehr ruhig. Man munkelte in unserem Dorf, sie wäre eine Hexe, und wurde in Ruhe gelassen. Sie lebte erst 6 Jahre in unserer Gemeinschaft, und das ist eine kurze Zeit für manche Dorfbewohner.
An dem Abend, an dem sie verstarb, ging der Dorfpriester zu ihr, um sie zum Sonntagsgottesdienst einzuladen. Sie sang wunderschön, und immer, wenn sie dabei war, war die Kirche voll. Sie war nicht religiös, doch auch das sah man ihr nach. Der Pfarrer redete mit der Frau und sie sagte dem Sonntagsdienst zu. Dann tranken sie miteinander einen Kräutertee und der Pfarrer ging weiter seiner Wege. Am nächsten Tag war die Frau tot. Ich schürfte gerade genüsslich meinen Kaffee, als mich mein Onkel zu sich rief.
Unverrichteter Dinge ging ich zu ihm. Das Gesicht meines Onkels war dunkel vor Aufregung:
"Nichte, wir haben einen Mord!"
Verdutzt fragte ich zurück: "Einen Mord? Bei uns? Wie kommst Du denn darauf?"
"Ich weiß es! Es musste so kommen! Außerdem war hier die Polizei und bat um eine Autopsie."
"Polizei? Autopsie? Onkel, ich will nicht schwer von Begriff sein, doch überlege es mal.. Wir sind eine kleine Gemeinschaft, jeder kennt jeden.. So schnell ein Urteil zu fällen, ist nicht von Nöten. Wollen wir nicht erstmal abwarten?"
"Sei still, Mädchen, und lass uns an die Arbeit gehen. Die Leiche kann jeden Moment rein kommen."
Ich wollte nicht locker lassen.
"Aber Onkel, es geht mir alles zu schnell. Jemand ist gestorben - übrigens, wer ist es? - und schon ist es ein Mord. Ich würde sagen, man soll Untersuchungen anstellen, bevor man sich ein Urteil erlaubt!"
Mein Onkel hielt inne und schaute mich spöttisch an.
"Schau an, schau an... Nicht mal fertig studiert, und schon weiß sie es besser. Es ist die fremde Frau, Andin, die tot gefunden wurde."
Mein Herz blieb für eine Sekunde stehen. Ich kannte die Frau nicht sehr gut, doch ich fühlte mich immer gut in Ihrer Nähe. Warm und wohlwollend war ihre Umgebung und ich hatte eine besondere Antenne dafür.
"Oh, Andin... Aber warum?"
"Das, mein Fräulein, müssen wir herausfinden."
Während er mit mir sprach, bereitete mein Onkel die Autopsie vor. Alle Instrumente wurden herausgezogen und in Reih und Glied aufgestellt. Ein lautes Klopfen an der Tür unterbrach unsere Debatte. Bevor wir überhaupt etwas sagen konnten, ging die Türe auf und der Dorfpolizist kam herein. Er schwitze und schnaufte als hätte er die ganze Last der Welt auf seinen Schultern getragen.
"Grüß Sie Gott, allerseits! Was für ein Schlamassel! Seid ihr so weit, denn wir haben die Leiche draußen."
Schweigend nickte mein Onkel ihm zu und ich ahmte, wie gehirnamputiert, seine Geste nach.
"Leute" schrie der Polizist, "bringt die Leiche rein" und wiederholte, sich zu uns umdrehend, den vorherigen Satz:
"Was für ein Schlamassel!"
Die Leiche wurde von zwei Männern getragen. Sie schien schwer zu sein und ich spürte das Unbehagen der Männer. Nicht jeden Tag trugen sie eine ermordete Frau umher. Sie setzten den Körper vorsichtig auf dem Seziertisch ab, so sanft als wäre die Frau noch am Leben. Ich schaute mir das Gesicht der Frau an, ihren Körper. Nichts deutete darauf hin, dass es sich um einen Verbrechen handelte. Keine Spuren, die man mit dem bloßen Auge sehen konnte, kein verzerrtes Gesicht, nicht mal Blutspuren. Ich fasste den Körper an. Er war noch beweglich, das bedeutete, dass die Leichenstarre noch nicht eingetreten war. Mein Onkel hatte meine Bewegungen beobachtet und gesellte sich zu mir.
"Wir untersuchen sie gleich, Nichte. Lass uns erst die Männer hier verabschieden." Der Dorfpolizist, der weiterhin schwitzte als wäre der Teufel hinter ihm her, machte ein erleichtertes Gesicht, als er sich zu den Männern gesellte, um zusammen den Sezierraum zu verlassen.
Die Stille war schwer wie Blei. Nicht eine Bewegung störte die Totenruhe.
"Onkel, was ist hier passiert? Es schaut so aus, als wäre sie eines natürlichen Todes gestorben."
"Schein, meine Nichte, ist das was wir uns in unserem Beruf nicht erlauben können. Fakten zählen. Nun los, was hast Du herausgefunden?"
"Nicht viel, sie ist noch beweglich, das bedeutet, die Leichenstarre ist noch nicht eingetreten. Da das Wetter relativ warm ist, verzögert sich der Prozess nicht, also ich schätze, sie ist vor weniger als 12 Stunden gestorben. Wir haben jetzt 10:00 Uhr Vormittag. Demzufolge könnte sie zwischen 23:00 Uhr und 3:00 Uhr ermordet worden sein. Falls sie ermordet worden ist. Ich werde noch die Lebertemperatur und den Mageninhalt analysieren."
"Gut geschätzt. Ich werde inzwischen alle anderen Untersuchungen vornehmen.
An die Arbeit".
Mit diesen Worten setzte mein Onkel den Y-Schnitt an und die Untersuchung nahm ihren Lauf.
Sie starb um 24:00 Uhr. Ihr Herz implodierte. Wir fanden keine organischen Ursachen, um das erklären zu können. Sie war so gesund, dass man sich fragte, wie sie überhaupt tot sein konnte. Wir fanden nichts. Außer dieses in Fetzen zerrissenen Herzens. Mein Onkel schaute mit vor Unglauben geweiteten Augen auf alle seine Proben und verstand die Welt nicht mehr. Wir riefen weitere Spezialisten zur Hilfe. Wieder Untersuchungen, Gewebeproben, Geräte, die für uns Menschen dachten. Doch nichts war zu finden. Die Zeit verging. Die Leichestarre setzte ein und verschwand nach 24 Stunden wieder.
Die Polizei wollte Ergebnisse, wir wollten Antworten auf unsere Fragen. Doch die Leiche gab ihr Geheimnis nicht preis. Der Pfarrer wurde befragt, ja sogar verdächtig. Doch nichts sprach gegen ihn. Und sie lebte ohne Zweifel noch gute 4 Stunde nachdem er sie verlassen hatte. Wir hatten nichts, außer dem hartnäckigen Gerücht, sie wäre mit hundertprozentiger Sicherheit ermordet worden. Und der Mörder wäre zwischen uns. Die Angst schürte sich hoch. Die Dorfbewohner beäugten sich misstrauisch und warteten nur auf ein kleines Zeichen, um "den Mörder" festzunehmen. Irgendwann, nachdem alle Untersuchungen abgeschlossen waren, gaben wir die Leiche frei. Und weil die Frau niemanden hatte, der sich um die Beerdigung kümmern konnte, übernahm mein Vater, als Bürgermeister, die Beerdigung. Alles wurde in die Wege geleitet. Sarg bestellt, Grab vorbereitet. Wir wollten ihr die letzte Ehre erweisen, nicht nur weil sie in unserem Dorf gelebt hatte, sondern weil wir sie nicht beschützen konnten, weil wir uns nie die Mühe machten, sie kennen zulernen, weil wir nichts von ihr wussten.. Weil sie im Tod mehr Beachtung in unseren Herzen gewann, als im Leben.
Und dann kam der Tag der Beerdigung. Wir alle waren da. Und sie war wunderschön. Alterslos, geschlechtslos, wie die Ewigkeit selbst. Was dann geschah, kann ich nur wiedergeben, ohne einen Anspruch auf Glaubwürdigkeit zu erheben. Der Pfarrer war gerade mit seiner Rede fertig und wir warteten mit gesenkten Köpfen, dass er das Zeichen gab. Erst fiel mir das Licht auf.
Strahlend weiß... Warm und glänzend... Voller Unbehagen hob ich den Kopf und mir blieb das Herz fast stehen. Aus dem Sarg entsprang das Licht in Millionen Spektren, wie ein Heiligenschein, falls es einen gibt, denn ich habe nie zuvor so etwas gesehen. Gleichzeitig vibrierte die Luft wie in einem Gesang und umfasste unsere Gestalten wie eine wohlige, warme Decke.
Ich beobachtete, wie mehrere Menschen die Köpfe hoben und die Transformation, die in ihren Gesichtern stattfand. Unglauben, Angst, Loslassen, Glücklich, Selig. Das Gesicht meines Onkels, der durch und durch ein Wissenschaftler ist, hing immer noch an dem Unglauben fest.. Mitten drin war eine Kugel noch weißeren Lichtes entstanden, falls eine Eskalation noch möglich war. Und diese Kugel sprach zu uns:
"Habt keine Angst, Menschen aus dem Dorf Antheea. Ich will mich nur verabschieden und euch danken, für eure Freundschaft." Die Dorfbewohner ließen wieder die Köpfe hängen. Sie dachten, wie wenig Zeit sie sich für die fremde Frau genommen hatten. Das Licht bemerkte es und es unternahm etwas, was ich für ein Lächeln hielt... Denn die Luft zitterte mehr und mehr.. Mein Körper war wie in einer Schwebe. Ich fühlte mich leicht und frei, wie niemals zuvor.
"Ihr müsst euch nicht schämen, ihr seid alle gute Seelen. Es gab keinen Mörder. Oder besser gesagt nicht einen Mörder, den ihr nach eurem menschlichen Maßstab verurteilen solltet. Doktor, willst Du immer noch nicht glauben, dass es mich gibt?"
Mein Onkel wechselte die Farbe, doch der Ausdruck in seinem Gesicht hielt sich hartnäckig weiter.
"Lebt ohne Angst, ich war mein Mörder. Mein Herz konnte die menschlichen Gefühle nicht aushalten. Diese habe ich bei euch gelernt, deswegen war ich hier. Lasst immer wieder fremde Menschen in eure Herzen ein, auch wenn diese dabei zerspringen. Denn ohne Liebe hat nichts Bestand!"
Die Kugel bewegte sich auf mich zu. Ich nahm ihre Konturen wahr, sah die unbeschreibliche Schönheit, spürte die Wärme und das Glück. Mein Herz füllte sich mit Gefühlen von deren Existenz ich nichts ahnte, als das Licht mich stumm streifte. Dann schwebte es fort.
Zurück blieb ein offenes Grab, ein leerer Sarg, Menschen die darüber nicht sprechen, weil sie sich nicht trauen und mein Herz voller Gefühle, das immer voller wird, und immer enger. Ein Herz. Mein Herz!




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Eingereicht am 08. September 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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