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Schwarze Schatten

Von Melina Marinos


Er stand auf der anderen Straßenseite, als sie auf den Bus wartete. In der Dunkelheit konnte sie nur seine Umrisse erkennen. Er war groß und schlaksig. Obwohl er ihr Gesicht ebenso wenig sehen konnte, wie sie seines, vermied Jenny, direkt in seine Richtung zu starren. Sie tat so, als versuchte sie in der Dunkelheit, die nur durch das Flackern einer Straßenlaterne unterbrochen wurde, das Herankommen des Busses zu erkennen. Aber sie schielte immer wieder zu dieser Gestalt auf der anderen Seite der Straße, die reglos dastand - zu ihr gerichtet.
Was tat er da? Vielleicht wartete er auf jemanden, überlegte sie.
Die Scheinwerfer eines einsamen Autos wurden immer heller. Für einen kurzen Augenblick beleuchteten sie das Gesicht des Fremden. Jenny stockte der Atem, als sie für den Bruchteil einer Sekunde ein Grinsen in dem Gesicht des Mannes aufflackern sah. Er sieht mich an, schoss es ihr durch den Kopf. Er hat mich die ganze Zeit angesehen - mich beobachtet. Jenny sah auf die Uhr. Wo blieb bloß der Bus? Er müsste schon längst hier sein. Sie blickte sich um. Die Strasse war leer. In den Fenstern der Häuser brannte kaum mehr ein Licht. Normalerweise war sie kein ängstlicher Mensch. Bis jetzt hatte es ihr noch nie etwas ausgemacht, bei später Stunde noch allein unterwegs zu sein. Doch jetzt bereute sie, den Vorschlag ihrer Freundin, sie zu begleiten, abgeschlagen zu haben.
Endlich, er kam. Jenny stieg ganz vorne beim Fahrer in den leeren Bus ein und setzte sich in einen der verlassenen Sitze, als sie hörte, dass weiter hinten die Tür -es musste die letzte sein - ebenfalls geöffnet wurde. Jemand stieg ein. Dann ging die Tür wieder zu und der Bus fuhr an. Mit einer eigenartigen Ahnung drehte Jenny ihren Kopf nach hinten. Was sie sah bestätigte, was sie ohnehin innerlich gewusst hatte. Eine schwarz angezogene Gestalt saß ungefähr fünf Reihen hinter ihr mit dem Rücken in Fahrtrichtung.
Als ihre Station immer näher kam und sie immer noch zu zweit im Bus saßen, wurde sie immer nervöser. Was, wenn er ihr folgte? Sie stand auf und das Gefühl, als wären ihre Beine aus Gummi, wurde immer stärker. Noch saß er und rührte sich nicht. Vielleicht fuhr er einfach weiter.
Die Station kam immer näher. Immer noch saß er reglos da. Auch dann noch, als der Bus langsamer wurde und er schließlich zum Stillstand kam. Er saß auch noch da, als sich die Türen öffneten und Jenny ausstieg.
Als sie den Asphalt unter ihren Füssen spürte rannte sie so schnell sie konnte die Straße entlang. Sie hatte es nicht weit von der Busstation. Sie wohnte gleich in der nächsten Seitengasse der Hauptstraße. Er war Gott sei Dank sitzen geblieben als sie ausgestiegen war, doch ihre Gelassenheit, die sie sonst hatte, wenn sie spät abends nach Hause kam, war verflogen. Sie kam sich vor wie in einem Traum; sie rannte, konnte aber nicht schnell genug sein.
Gleich hatte sie ihre Gasse erreicht. Sie hörte den Bus hinter sich und fühlte sich ein klein wenig sicherer durch die Helligkeit der Scheinwerfer und das Wissen, dass der Fahrer sie sehen konnte.
Der Bus fuhr an ihr vorbei. Er war leer.




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Eingereicht am 01. Februar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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