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Fünf Tage und fünf Nächte!

Von Dirk Christofczik


Noch fünf Tage und fünf Nächte, dann wird die Welt nicht mehr so sein, wie wir sie kennen. Der größte Unterschied wird darin bestehen, dass es uns nicht mehr gibt! Ja, Sie haben richtig verstanden, die Menschheit wird in fünf Tagen nicht mehr existieren. Sie halten mich bestimmt für einen Spinner, einen durchgedrehten Weltuntergangshysteriker, aber ich versichere Ihnen, dass ich Informationen habe, die nur wenige Menschen auf dieser Welt besitzen. Ein Meteorit ist auf Kollisionskurs mit der Erde. Ein globaler Zerstörer, so nennen wir einen derart riesigen Gesteinsbrocken, wird in fünf Tagen auf der Erde aufschlagen und alles zerstören. Unser Planet steht am Abgrund, er ist dem Untergang geweiht. Es gibt keinen Weg, diesen Koloss aufzuhalten. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich war dabei, als er im Max-Planck-Institut für Astronomie vorgestern entdeckt wurde. Wir wussten alle, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis unsere Erde von einem Meteoriten getroffen wird, aber dass es dann ein Brocken von 15 km Durchmesser sein würde, das hat uns in einen Schockzustand versetzt. Von einer Minute auf die andere wurde die gesamte Menschheit zum Tode verurteilt. Die Galgenfrist beträgt lächerliche fünf Tage, ohne Aussicht auf Begnadigung. Wir brauchten keine weiteren Berechnungen anstellen, keine Simulationen durch unsere Computer jagen! Das Ende der Welt ist gekommen, das war jedem klar. Die Regierungen müssen offensichtlich beschlossen haben, die nahende Katastrophe geheim zu halten, denn sonst wäre die Nachricht bereits über die Bildschirme geflimmert, und die Menschen hätten sich wohlmöglich schon vorher zerfleischt. Ein plötzlicher und schneller Tod für die meisten, was will man mehr?
Fünf Tage und fünf Nächte!
Sie müssen verstehen, dass es kein Entrinnen gibt! Keine Waffe oder irgendeine Maschine auf dieser Welt ist in der Lage diesen Meteoriten vom Kollisionskurs abzubringen. Ich habe mich zum Stillschweigen verpflichtet, aber ich halte es nicht aus. Ich muss mit jemandem darüber sprechen, auch wenn es nur dieser verknickte Schreibblock ist, auf dem ich dies alles für eine niemals existierende Nachwelt festhalte. Ich weiß, dass ich keine Antworten bekommen werde, aber ich bin schon froh, dass ich die Fragen stellen kann, die mich bedrücken, fünf Tage vor meinem Tod, fünf Tage vor unserem Tod. Ich sitze auf einer blühenden Wiese mitten im Stadtpark. Die Sonne scheint am Himmel, an dem Himmel, aus dem in fünf Tagen das Unheil auf die Erde stürzt. Kinder spielen fröhlich neben mir im grünen Gras, Hunde tollen mit ihrem Herrchen durch das frische Grün. Sie sind unbeschwert, so als läge ihnen die Zukunft zu Füßen. Drüben am Ufer des Sees sitzt ein Liebespärchen und küsst sich, als wäre es das letzte Mal. Wenn sie wüssten, dass sie nur so wenig Zeit haben, was würde sie dann wohl machen mit den letzten Tagen ihres Lebens? Würden sie ein Kind zeugen, auch wenn es niemals geboren werden würde? Sich vielleicht gemeinsam umbringen oder betrinken, mit Drogen voll pumpen und auf das Ende warten? Was kann man in fünf Tagen machen, wenn man weiß, dass es die letzten sind, die man am Leben ist?
Fünf Tage und fünf Nächte!
Die ganzen Leute um mich herum, brauchen sich darüber keine Gedanken machen. Ich wünschte, ich könnte mit ihnen tauschen. Ich habe niemals eine Familie gegründet, das ist wohl auch gut so. Ich bin nur auf mich gestellt und kann den Tod ohne Sorgen um andere entgegen sehen. Seit gestern gehe ich nicht mehr ins Institut, es hat keinen Sinn mehr für mich. Die Arbeit war mein Leben, die Sterne, der Weltraum, die unerforschte Weite des Universums. Wer es bisher nicht geglaubt, der wird in fünf Tagen wissen, wie nichtig und klein wir in der Unendlichkeit des Weltalls sind. Mit einem Schlag werden wir ausgelöscht, wie eine Ameise auf die wir achtlos treten und sie zermalmen. Ich mache mir Gedanken, wie ich die letzten Tage meines Lebens verbringen werde. Vielleicht gehe ich zu Susanne, meiner besten Freundin und werde ihr sagen, dass ich sie schon immer geliebt habe. Ich habe den Wunsch sie zu berühren, sie zu küssen, sie zu lieben. Nein, ich könnte es nicht ertragen, nicht mit dem furchtbaren Wissen, das ich in meinem Kopf trage. Erzählen werde ich es ihr nicht, das wäre nicht gut für sie. Ich kenne sie, sie hätte Angst, panische Angst. Vielleicht fahre ich nach Rom! Ich wollte immer schon mal nach Rom, aber wenn ich es mir recht überlege, dann ist mir der Spaß vergangen. Soll ich in die Kirche gehen? Beten? Betteln? Nein, das werde ich nicht machen. Ich glaube an Gott, so ist das nicht, aber ich habe nie an die Kirche geglaubt. Fünf Tage vor dem Ende, werde ich damit auch nicht anfangen. Ich glaube, ich sollte einfach hier im Gras liegen bleiben, in den Himmel starren, bis die Sonne verschwindet und sich das klare Blau über mir für alle Zeiten in eine dunkle Masse verwandelt. Mit einer Geschwindigkeit von 72.000 Stundenkilometern wird der Gesteinsbrocken auf die Erde niederschlagen und die Ozonschicht wie eine Klinge ein weiches Stück Butter zerreißen. Apokalyptisches Feuer wird vom Himmel regnen und alle Wälder der Erde mit einem Schlag in Brand setzen.
Ich werde hier bleiben, ich glaube es ist das Beste! Ich werde das Ende der Welt erwarten, hier auf dieser Wiese. Der Duft der Butterblumen wird in meiner Nase schweben, wenn sich das Wasser und der Stickstoff in der Luft in sauren Regen verwandelt. Allein, im Angesicht des Todes, werde ich die letzten fünf Tage hier verbringen, bevor der nukleare Winter über uns hereinbricht und das Ende der Menschheit einläutet.
Niemand wird diesen Brief jemals lesen, da keiner überleben wird. In fünf Tagen wird das große Buch der Menschheit zugeklappt. Der letzte Akt neigt sich dem Ende, ohne Happy End, ohne Fortsetzung.
Fünf Tage und fünf Nächte, bevor der Vorhang fällt!




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Eingereicht am 30. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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