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5) Aufstand

Von Igor Zobin


Karl und Otto waren die ersten. Die ersten in Deutschland die aus den Städten gezogen waren. Deutschland war der Vorreiter auf diesem Gebiet, wenn man den einen Einzelfall in Amerika nicht berücksichtigt. Den, über den es in der Zeitung stand. Dieser Jack hat sich angeblich ein Haus außerhalb der Stadt gekauft und lebte dort, wahrscheinlich zusammen mit seiner Frau. Diese Tatsache hat Karl und Otto geholfen, denn obwohl sie nicht genauso waren wie die meisten Menschen in dieser Zeit, fiel es ihnen auch schwer sich auf ein Leben ganz ohne die ganzen modernen Hilfsmittel einzulassen. Und sie wiederum wurden das Beispiel für viele weitere, in Deutschland, dann auf der ganzen Welt. Karl und Otto sind tot. Genauso wie Jack, sie ruhen alle in Frieden unter der Erde, die sie alle so geliebt haben. Seit diesen Zeiten sind Einhundert Jahre vergangen und es gibt nur sehr wenige die sich noch an das Jahr 2029 erinnern. Die Medizin hat sehr große Fortschritte gemacht, alles in allem. Man soll angeblich 200 Jahre alt werden, wenn man von klein auf diese bestimmte neue Diät beachtet und sich regelmäßig untersuchen lässt. Die Ärzte, diese schlauen Füchse, können den Körper zwar das ruhelose Wandern auf der Welt viel länger aushalten lassen, aber dafür brauchen sie 100% Kontrolle über alles was in dem Menschen geschieht. Und was haben sie gedacht? Dass wir, ähnlich wie die biblischen Gestalten, zwei, vier, acht und mehr Hundert Jahre schaffen, bei der ganzen Umweltverschmutzung, bei dieser gewaltigen Abweichung von allen Bedingungen auf die der Mensch eigentlich angepasst ist? O, nein, das geht nicht. Schauen Sie sich doch unsere wunderbaren Städte an, diese Riesen, die in den Begriffen des längst vergangenen 20ten Jahrhunderts fast schon Kleinstaaten sind. Und wie sie dampfen! Einfach herrlich! Wie sie jede Nacht leuchten, mit roten, blauen, gelben Lichtern! Sie leuchten auch grün, aber ganz leicht, praktisch unmerkbar. Niemand will darauf eingehen, niemand gibt zu, dass er das radioaktive Leuchten in der Nacht sieht. Was weiß ich was die alles bei der Synthese des Essens verwenden. Ja, ja, Sie hören richtig: Synthese. Oder haben Sie im Ernst geglaubt, dass es bei dem Platzmangel hier noch Felder gäbe, auf denen das Essen für die ganze Menschheit gedeiht? Nun, um ehrlich zu sein, die gibt's. Aber nicht so, wie Sie es sich denken. Auf diesen Feldern gedeiht nur das Essen für eine Hälfte der Menschheit, für die schlechtere Hälfte. Oder für die Bessere, wie man's sieht. Es sind die, die fortgingen. Die, die niemals zurückkehrten und sich von den Übeln des 22ten Jahrhunderts lossagten, genauso wie von den Vorteilen, die allerdings mit der Zeit immer abstrakter und unbedeutender wurden, im Vergleich zu dem riesigen Geschwür der in dem Körper der Menschheit wuchs. Nun, jedenfalls erging es ihnen gar nicht mal so schlecht. Natürlich, die Städte verschmutzen alles, aber seitdem die Menschheit (der modernere Teil davon) sich hinter die Mauern aus Stahl und Beton zurückzog, konnte sich die Natur außerhalb erholen, wenn auch nur ansatzweise. Die Strahlung der Städte erreichte natürlich auch die Dörfer.
Nun gut, wohl oder übel ging das Leben weiter und das zerbrechliche Gleichgewicht könnte noch lange bestehen bleiben, wenn nicht eine Sache: die Dorfbewohner gingen früher oft in die Stadt. Das heißt, als die Städte nicht alle abgeriegelt wurden, als es noch keine Mauern um sie gab, mit fest verschlossenen Türen. Sie sahen die kranken, dahinvegetierenden Leute und waren nicht neidisch auf deren Reichtum oder Fortschritt. Doch nun, als die Städte schon seit 60 Jahren fest verschlossen waren, hat die Zeit ihre Arbeit getan und es entstanden Legenden. Na, Sie wissen schon, dieser ewige Drang in uns aus dem früher erlebtem nur das Gute weiterzuerzählen. Und so kam es, wie es kommen musste: die alten Opas erzählten nur, dass es Autos gab, aber nicht, wie groß die Wahrscheinlichkeit war von denen plattgefahren zu werden. Über Flugzeuge erzählten sie, nicht aber über die Terroristen, die sie übernahmen und die Passagiere als Geisel verwendeten. Sie erzählten auch nicht darüber, wie ein Hacker eines Tages die Zentrale der Lufthansa für ein Paar Stunden lahm legte, so dass die Roboterpiloten in den Flugzeugen zu Blechbüchsen wurden und alle Flugzeuge die in der Luft waren herunterfielen. Schokolade, Kaugummi, Barbie Puppen, das alles wurde mit Ehrfurcht in der Stimme an die Kinder weitergegeben. Aber nicht das schreiende Fernsehen, die leblosen Augen und Gesichter und die ungeheueren Steuern. Und die neue Generation hatte am Schluss überhaupt keine Ahnung, was in den geheimnisvollen Städten am Rande des Sichtfeldes vorging. Und der Stein kam ins Rollen.
- Wir, die wir unserer Rechte beraubt wurden, als ob wir keine Menschen wären, sondern...
- Es kann so nicht weiter gehen! Wir verbringen unser Leben hier draußen während die anderen...
- Schaut uns nur an, seht ihr denn nicht was passiert? Wir schuften wie Sklaven, und in der Zwischenzeit...
Mit solchen Sprüchen hat es angefangen, aber weiß Gott konnte es damals bereits nicht mehr aufgehalten werden. Der Samen des Zweifelns war gesät worden und es konnte nicht mehr viel lange dauern bis die mehr oder weniger direkt zu Tat aufrufenden Ausrufe sich in Predigten verwandelten, bis einige wenige die Führung ergriffen und aus purem Glauben an ihre Wörter oder aus ebenso purer Habgier die eine Hälfte der Menschheit zum Krieg gegen die andere rüsteten. Bauern ließen ihre Sensen in Waffen umschmieden, Jäger fertigten tödlichere Pfeilspitzen und wickelten die Sehne noch einmal um den Bogen. Die Schmiede selbst kamen natürlich am günstigsten davon: einige hatten sich sogar echte mittelalterliche Rüstungen gefertigt. Zorn brannte in ihnen, der gerechte Zorn der Menschen die durch ihre Unterdrücker schamlos ausgebeutet wurden. Aber keiner von ihnen, nicht einmal die Anführer, die als Zeichen ihres Ranges uralte Stadtbewohnerklamotten trugen, konnte die einfachste Frage beantworten: wieso waren sie alle hier auf dem Land und nicht drüben in der Stadt? Wer hat ihre Vorfahren eigentlich dazu verdammt hier zu leben? Sind sie etwa aus freien Stücken gekommen, und wenn, war es wirklich so viel besser in der Stadt als auf dem Land? Ja, es gab wie immer Menschen die sich Gedanken gemacht haben, unter anderem auch darüber. Aber, ach weh, es waren so wenige. So wenige, viel zu wenige um die Flut der anderen mit bloßen Händen aufhalten zu können. Und so wurden sie auch mitgerissen, ihre Gedanken verschwanden in dem allgemeinen Strom aus dem Zorn und dem Wunsch nach Rache.
Wie nach Absprache, durch eine unsichtbare Hand geleitet, startete der Aufstand überall am selben Tag: Montag, dem 14. August 2130. Natürlich, von außen gesehen startete der Aufstand nicht überall gleichzeitig. Der Morgen des 14. August war auch nicht für alle auf einmal gekommen, aber sobald es Morgen wurde, fing es an. Mit dem Schatten, der über dem Planeten lag, bewegte sich auch die Welle des Wiederstandes weiter. Sie nahm immer neue Formen an, die üblichen Schrecken des Krieges spielten sich wie gewohnt ab. Tod, Verwüstung, brennende Häuser, alles war dabei, alles mehr denn je. Sie fragen sich, wer gewann? Und wer verloren hat? Ich mich auch. Denn im Grunde gab es keine Gewinner und auch keine Verlierer. Die Dorfbewohner hatten keine echte Chance gegen die Stadtbewohner. Sicherlich, immer wenn es zu einem Zweikampf kam, trug der Mann mit dem Schwert, der Lanze oder dem Bogen den Sieg davon. Aber die Bewohner der Städte waren noch nicht so schwach und verletzlich geworden, dass sie Maschinengewehre nicht halten konnten. Dass sie keine Kommandos den Robotern geben konnten, oder dass sie die Knöpfe in den Flugzeugen nicht selber drücken konnten. Sie trugen auch Verluste davon, ja. Ein wenig. Viel weniger, als damals, an dem Tag wo der Hacker der Lufthansa einen bösen Streich gespielt hat. Wie hieß der Mann noch mal? Karl, oder so was in Art. Die Dorfbewohner dagegen wurden alle ausgelöscht, bis auf den letzten Mann. Ihre Dörfer waren abgebrannt worden, jede Erinnerung an sie war ausgelöscht worden, vollkommen verbannt von der Erde. Sie waren tot, ja. Aber was waren die Gewinner? Was waren sie, als sie sich in ihre dampfenden, radioaktiven Städte zurückzogen um die nächste Pille gegen Kopfschmerzen zu verdrücken und sich vor dem matten Bildschirm des TFT Fernsehers runterzulassen, um sich die Siegesrufe der fetten Politiker anzusehen und danach die Werbung der Anti-Schuppen Schampoos? Was waren sie, als sie in überfüllten Zügen zur Arbeit fuhren, ihre Zigaretten im Mund und Kopfschmerztabletten in der Tasche? Ja, das frage ich mich. Ich mich auch.




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Eingereicht am 03. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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