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Nummer 73

Von Rudi Jagusch


Die Nummer leuchtete hell auf dem Display über der braunen Türe im Stile der Siebziger.
Ein Mann betrachtete sein Kärtchen, das er zwischen Daumen und Zeigefinger hielt, nickte kurz und stand dann entschlossen auf. Mit seinen feingliedrigen Fingern langte er nach einer Golftasche neben dem Stuhl. Leicht nach vorne gebeugt marschierte er zur Tür unter der Leuchtnummer, wobei sein abgetragener brauner Mantel um seine hagere Figur schlackerte wie ein Vorhang bei Durchzug. Sein Klopfen ging fast in dem Gemurmel der Wartenden unter. Ein leises "Herein" schallte ihm gedämpft aus dem Raum hinter der Türe entgegen. Er zog noch einmal kräftig die Luft ein, drückte dann die Klinke und trat ein.
Im Büro des Patentamtes saß hinter einem kleinen antiquierten Schreibtisch ein untersetzter Mitfünfziger. Links von ihm, auf einem noch kleineren Tisch, thronte eine Schreibmaschine, die sicherlich bereits etliche Jahre auf dem Buckel hatte, als sie in dieses Büro mit einzog. Selbstverständlich fehlten auch nicht die für Beamte typischen Unmengen von Aktenbergen. Diese waren in holzfurnierte Regale einsortiert, die links und rechts an den Wänden aufgestellt waren.
Schläfrig schaute der Beamte hoch, deutete dann mit einer Handbewegung auf einen freien Stuhl und bemerkte mit müder Stimme: "Lowitz, Sie schon wieder. Nehmen Sie Platz."
Dieser nahm das Angebot an und setzte sich dem Beamten gegenüber. Er wollte gerade anfangen, sein Anliegen zu schildern, da ergriff der Beamte mit sarkastischem Unterton das Wort: "Lowitz, was haben wir denn heute ? Vielleicht wieder eine Spatzenuhr. Da alle Leute bereits Kuckucksuhren haben, sicherlich belebend für die Wirtschaft. Oder etwa ein neu überarbeitetes Steakmesser, das einer Minimotorsäge nicht unähnlich ist. Hier", er zeigte auf den Rand seines Schreibtisches, "die Kerbe ist trotz Politur immer noch zu sehen."
Der junge Mann errötete leicht. Da der Beamte jetzt schwieg und mit einem angekauten Bleistift auf der linken Handfläche herumtrommelte, sortierte Lowitz noch einmal seine Worte und entgegnete: "Nein, Herr Schönfeld. Ich gebe zu, dass einige meiner Ideen im Nachhinein nicht ganz , ähm, sagen wir mal, ausgereift waren."
An dieser Stelle hörte der Beamte kurz mit dem Trommeln auf, schaute den jungen Mann in dessen blaue Augen und stieß verächtlich Luft durch die Nase aus.
Lowitz ignorierte dies einfach und fuhr nun schon wieder etwas selbstsicherer fort: "Aber jetzt, jetzt habe ich die Erfindung. Sensationell, einmalig, ja ich will sagen -", er überlegte einen Moment, bis ihm die richtige Charakterisierung einfiel, "einfach gigantisch!"
Der Beamten hob leicht seine linke Augenbraue. Das Ticken der Uhr an der Wand erfüllte die kurzzeitige Stille. Herr Schönfeld säuberte sich seine Ohren mit dem Bleistiftende und fragte nebenbei: "Einmalig ? Gigantisch ? Hab ich doch schon einmal gehört. Richtig, damals bei dem Kugelschreiber, der Tränengas versprühen konnte. Zum Teufel damit, ich habe die ganze Nacht heulen müssen."
Der Beamte putzte den Bleistift an seiner Hose ab.
Doch Lowitz war nun in Fahrt gekommen. Wie oft schon, da musste er Schönfeld zustimmen, hatte er hier auf dem Patentamt eigenartige Erfindungen vorgeführt. Fast alle sind danach auf dem Müll gelandet. Aber diesmal, er war sich seiner Sache so sicher wie das Amen in der Kirche, hatte er den richtigen Weg gefunden: "Nein, Nein! Glauben Sie mir, ich habe hier in der Tasche", er schlug mit der Handfläche gegen das raue Leder der Golftasche, "die Befreiung von der Erdanziehung." Er schmiss sich stolz in die Brust.
Der Beamte lehnte sich weit zurück und kniff argwöhnisch die Augen zusammen: "Wie soll denn das funktionieren? Haben Sie das Flugzeug erfunden? Leider kann ich Ihnen kein Patent ausstellen, da die Gebrüder Wright gerade vor Ihnen die Türe raus sind."
Er lächelte süffisant bei dieser verbalen Attacke. Lowitz ging ihm wirklich auf die Nerven. Mindestens fünfzig mal war er bereits mit Schrott hier aufgetaucht, irgendwann einmal muss Schluss sein, er würde ihn schon irgendwie heraus ekeln.
Lowitz ging gar nicht darauf ein, sondern legte direkt mit der theoretischen Erklärung los: "Es fing damit an, dass ich meine Musikboxen verstärken wollte. Ich baute dafür eine Elektronik, die in Verbindung mit den Lautsprechermagneten eine Verdreifachung der Lautstärke erzielen sollte. Aber es kam anders. Ich baute dieses Ding also ein und musste dann feststellen, dass die Box keinen Ton mehr von sich gab."
"Was anderes hätte mich auch wirklich verwundert", fiel der Beamte mit verächtlichem Lachen ein.
Diesmal schürzte Lowitz die Lippen und kniff die Augen etwas zusammen um seiner Unmut auszudrücken. Anschließend griff er in die Tasche und holte einen seltsamen Gegenstand hervor: "Dies ist dabei herausgekommen. Ich suchte natürlich nach dem Grund der Stille meiner Lautsprecher und stieß dabei auf ein physikalisches Phänomen. Der Magnet -", er zögerte einen Moment um die Spannung leicht zu steigern, bemerkte aber, dass der Beamte immer noch lustlos und schläfrig dreinblickte, "hatte nur noch einen Pol, Positiv oder Negativ, je nach dem."
Des Erfolges sicher, schaute er in die müden Augen des Beamten.
Herr Schönfeld kratzte sich die Fußsohlen, indem er den linken Fuß auf den rechten Oberschenkel auflegte und seine Sandalen dabei auf den Boden zurückließ. Oberlehrerhaft fuhr er nun Lowitz an: "Sie und ich waren doch einmal auf der Schule. Ich studierte sogar Elektrotechnik, bevor ich hier und jetzt mit meinen 54 Jahren versauere. Wir beide wissen doch ganz genau, dass das von Ihnen beschriebene Phänomen vollkommen physikalisch und technisch unmöglich ist."
Er machte eine Handbewegung, die keine Widerrede zulassen sollte. Lowitz musste zugeben, auf dem falschen Fuß erwischt worden zu sein. Eigentlich hatte er sich die Reaktion auf seinen Vortrag anders vorgestellt, wie zum Beispiel: "Toll, kaum zu glauben, zeigen Sie mal her" oder "Super, werde direkt ein Formular einspannen."
Doch nicht einmal in seinen schlimmsten depressiven Phasen, die in der letzten Zeit häufig vorkamen, hatte er sich so ein Szenario ausdenken mögen. Vieles hing von dieser Erfindung ab. Sie war gut, er wusste es. Doch dieser Mann hinter dem Schreibtisch schien sich nicht einmal die Mühe zu geben, ansatzweise mitzudenken. Leichte Wut brodelte in seinem Hals hoch: "Nun gut, Herr Schönfeld, ich konnte es am Anfang auch nicht glauben. Ich demonstriere es einmal."
Er stellte seine Erfindung auf die Schreibfläche, so dass der Beamte einen guten Blickwinkel hatte. Herr Schönfeld beugte sich leicht vor, da er seit einiger Zeit unter Kurzsichtigkeit litt aber zu eitel war, sich eine Brille zu besorgen.
Vor ihm stand ein Skateboard. Das Einzige, was dieses Rollbrett von einem anderen seiner Art unterschied, war der große Hufeisenmagnet an der Spitze. Zwischen dem Magneten war eine schwarze Box angebracht, aus der ein Regler, ähnlich deren einer Fernsteuerung für Modelle, herausragte.
Lowitz missdeutete die Reaktion des Beamten als Neugierde und sprudelte wieder frohgelaunter los: "Sehen Sie hier", er deutete mit seinem langen Zeigefinger auf den Stellknopf, "Hiermit kann man die Stärke des Pols einstellen. Gleichzeitig ist es möglich, den Magneten um seine eigene Achse drehen zu lassen, je nach Richtung zu den Feldlinien. Dieser Hufeisenmagnet bildet dann den Pol aus, wie gesagt nur ein Pol, und das Skateboard dient als Transportmittel. Natürlich könnte damit auch ein PKW betrieben werden, kein Problem, nur hätte ich das Vehikel nicht durch diese Tür bekommen."
Er deutete mit dem Daumen hinter sich und grinste dabei selbstsicher über beide Backen.
Erwartungsvoll schaute er den Beamten an. Welche Reaktion war diesmal zu erwarten. Lowitz sah die Schweißtropfen hinter dessen Ohren, die den fleischigen Nacken herunter perlten.
"Äh.....Ich verstehe noch nicht ganz", fragte Herr Schönfeld und betupfte sich mit einem Papiertuch den Nacken, "Was soll denn nun das Besondere daran sein?".
Lowitz entgegnete: "Es fährt."
"Es fährt? Natürlich fahren Skateboarde!", lachte Schönfeld unsicher auf.
"Es fährt mit Hilfe des Magneten", erwiderte Lowitz jetzt kurz vor dem erwarteten Triumph freudig erregt. Erklärend schob er nach: "Sehen Sie, wie Sie wissen, ist unsere Erde von einem Magnetfeld umgeben, deshalb erst funktioniert ja ein Kompass. Auf Grund des nur einpolig ausgebildeten Magneten zieht sich das Board im Magnetfeld der Erde weiter. Der Gegenpol dieses Hufeisenmagneten bildet demnach unsere gute alte Erde. Und nun noch ein Knüller: All dies funktioniert ohne Verschmutzung der Umwelt, sieht man einmal von der Herstellung der nötigen Akkus ab!"
Lowitz lachte auf und klatschte vor Freude einmal in die Hände. Die Augen des Staatsdieners weiteten sich, die Nasenflügel bebten und, wie Lowitz mit Zufriedenheit feststellen konnte, war sein Gegenüber zunächst sprachlos. Der Verkehrslärm flüsterte leise durch die Doppelverglasung. Nach einer empfundenen Ewigkeit rang sich der Beamte gequält eine Frage ab: "Expertisen, Gutachten oder sonstige gleichartige Schreiben haben Sie mit?"
"Nein, ich hatte Sorgen, dass mir irgend jemand die Idee klauen könnte. Daher bin ich zuerst zu Ihnen gekommen."
Behäbig stand der Beamte auf, das Gesicht war inzwischen puterrot angelaufen. Mit immer lauter werdender Stimme legte er los: "Wollen Sie mich verarschen?"
Achselschweiß sprang auf sein Poloshirt über. Er griff zum Hörer.
"Ich rufe die Polizei, nein besser, direkt das Irrenhaus."
Der Beamte war nicht mehr seiner selbst, seine jahrelange Geduld war aufgebraucht:
"Sie denken wohl, mit mir können Sie alles machen, wie? Sehen Sie zu, dass Sie rauskommen, sonst vergesse ich mich. Wagen Sie nicht, dieses Gerät hier einzuschalten, eine Explosion oder sonstige Unglücke, die ich von Ihnen gewohnt bin, kann ich zur Zeit nicht gebrauchen."
Mehr zu sich selber sprach er weiter: "Kommt hier ohne Gutachten rein, erzählt mir einen von unmöglichen Magneten......"
Den Rest konnte Lowitz nicht mehr hören. Mit seinem Skateboard unter dem Arm schritt er wütend zur Tür hinaus. Dies würde er sich nicht bieten lassen. Kein Beamter, noch so aggressiv, konnte ihn diesmal stoppen. Nein, Nein, Nein und nochmals Nein. Keine Bürokratie konnte ihn aufhalten, zu wichtig war es auch für ihn persönlich.
Lowitz nahm zwei Stufen auf einmal. Er hatte das Energieproblem gelöst. Keine stinkenden und lärmenden Autos, keine Abhängigkeit vom Rohöl mehr. Mit einer kleinen Batterie konnte er Tonnen von Lasten ziehen, stundenlang. Lowitz stand auf dem Gehweg. Regungslos, minutenlang, in der wärmenden Sonne. Hetze um ihn herum. Krach. Gestank.
Er kannte die Lösung. Noch immer heftig erregt bestieg er sein Board und drehte an dem kleinen Stellregler. Augenblicklich schob das Skateboard wie von Geisterhand vorwärts. Erhaben stand Lowitz obenauf, sein Mantel flatterte im Wind, die Ledertasche baumelte auf dem Rücken hin und her. Unachtsam schloss er in jede sich ihm bietende Lücke im Verkehr. Autofahrer hupten, zeigten den erhobenen Mittelfinger. Gedanken blitzten bei Lowitz auf. Der Letzte der hell aufleuchtete war: "Die ganze Menschheit wird mir eines Tages dankbar sein."
Dieser wurde dann aber jäh von der Gewalt der Massen beendet. Lowitz hatte keine Chance. Der LKW ergriff ihn wie ein wild gewordener Stier und stieß ihn quer über die Hauptstraße. Das Skateboard rollte auf die Gegenfahrbahn und wurde dort von einem Schulbus zermalmt.
Mit Lowitz starb vielleicht der Rest der Menschheit.




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Eingereicht am 06. April 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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