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3) Karl

Von Igor Zobin


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, sah er dasselbe, wie immer. Der schöne, blaue Himmel mit vielen weißen Wolken, die gemütlich an seiner Wohnung in Frankfurt vorüberzogen. Alte Karavellen, fremde Inseln, antike Helden und einfach nur riesige Tierchen formten sich aus dem weißen Dampf, der viele Kilometer weit weg sich ansammelte und von den Luftströmungen der Atmosphäre dahingetragen wurde. Der Himmel war stets der Gegenstand seiner Betrachtung gewesen, denn was anderes konnte man aus dem 112 Stock kaum erkennen. Er kam sich manchmal wie ein Adler in seinem Nest vor, nur im Unterschied zu dem Nest eines Adlers hatte die hohe Lage seiner Wohnung nichts Würdevolles. Sicherlich, es war kein einfaches Loch, wie die meisten Wohnungen heutzutage, wo es viele Schirme gab, mit denen man bestimmte Bereiche der Wohnung abdeckte und so eine Art neues Zimmer schaffte. Seine Wohnung hatte tatsächlich zwei Zimmer und eine Küche, mit einem eigenständigen Badezimmer natürlich. Es war eigentlich ganz gut zwei Zimmer für sich allein zu haben, ach was, heutzutage war es in Europa sogar Luxus, dennoch sagte die hohe Lage seiner Wohnung aus, dass es seinem Geldbeutel auch besser gehen könnte. Sich eine Wohnung in einem dieser riesigen Blocks zu mieten, war natürlich nicht gerade das Beste. Und man stelle sich das nur vor, 112. Stock! Etwa 270 m. weg von der Erde! Die Wolken erschienen bedrohlich groß aus dieser Höhe, mehr sogar, manchmal befand er sich mitten in einer Regenwolke drin! Karl konnte nicht genau erklären, was ihm daran so wenig gefiel, aber etwas störte ihn dabei. Er wollte nicht so weit weg von der Erde wohnen. Er wollte sich nicht in einer Regenwolke befinden. Langsam löste er seine Krawatte und drehte sich von dem Fenster, und verbannte die Wolken für einen Augenblick aus seinem Kopf. Er war gerade von der Arbeit gekommen, heute war alles bestens gelaufen. Außerdem war Freitag, das Wochenende stand vor der Tür und Otto meinte, er hätte diese Woche Zeit. Mal sehen, vielleicht würde dieses Wochenende noch ganz gut werden. Eine kurze Fahrt mit dem Airzug, ein Paar schnelle Schritte die Straße entlang, anschließend noch eine Fahrt im überfüllten Fahrstuhl und er würde in Ottos Welt eintreten, seinen Vier-Zimmer-Palast, wie der Besitzer selbst es zu sagen pflegte. Er würde seine Zukünftige mitbringen, Ottos Frau wäre auch da... Irgendwie konnten ihn diese Gedanken nicht aus der Apathie zurückholen, die er empfand. Es war alles der Türke, es war dieser arme Kerl, der in seiner Firma früher als Putzkraft gearbeitet hat. Nichts gegen Türken, er war ganz in Ordnung. Karl versuchte noch mal sich schmerzlich an seinen Namen zu erinnern, aber dabei kam nichts Gescheites raus. Gülchan war der einzige Name, der sich bei ihm mit Türken assoziierte, aber wie er wusste war das ein Frauenname. Na egal. Jedenfalls wurde die Putzkraft gefeuert, heute Nachmittag. Mangelnde Qualifikation, hieß es. Im Klartext: die Firma hat sich einen Putzroboter geleistet und wollte sich den Lohn für die Putzkraft sparen. Karl ließ sich auf das Sofa fallen und drückte den Ein/Aus-Knopf seiner Fernbedienung. Der TFT Bildschirm, der in die Wand eingebaut war, leuchtete auf und nach ein paar Augenblicken gewann die Darstellung an Schärfe und an Geräuschkulisse.
- ...Die gerade eingeschaltet haben: Sie sehen Nachrichten auf ZDF, - sagte die ermüdete Stimme des Moderators. Im Hintergrund war für ein paar Sekunden das Werbeplakat mit dem Spruch "mit dem Zweiten sieht man besser" eingeblendet. Karl schaltete um. Der Bildschirm wurde still und dunkel, aber das dauerte nicht lange. Wild tanzende Rocker erschienen darauf, einer von ihnen brüllte gerade etwas den Zuschauern in die Kamera zu. Karl klickte noch einmal. Ein Mann in einem blauen Arbeitsanzug, mit weißen Resten von einer schleimigen Masse auf der Brust gab gerade ein Interview.
- Es ist ganz und gar nicht ein... - Karl klickte noch einmal und schaltete zu Discovery Chanel um. Eine riesige, durchsichtige meeresgrüne Welle umschloss ihn und das Rauschen des Wassers drang in seine Wohnung. Die Kamera zoomte weiter, bis schließlich kleine Bakterien zu sehen waren, die sich ständig teilten, oder irgendwo hinschwammen. Die unmögliche Zoomeinstellung verriet, dass mit Computergrafik nachgeholfen wurde. Karl erkannte so etwas sofort. Die Stimme fing an, den Zuschauer über den Nutzen der einzelnen Bakterien zu unterrichten, jedoch auf Englisch. Karl konnte Englisch, keine Frage, als Programmierer muss man das. Jedoch nicht in dem Maße, dass er die genuschelten, halb verschluckten Laute des amerikanischen Dialekts als zusammenhängende Wörter interpretieren konnte. Für eine zeitlang ließ er sich einfach mittreiben, legte sich fast auf das Sofa und hörte der unverständlichen Sprache zu. Er betrachtete die Bakterien, betrachtete den wunderschön gefilmten Ozean und ließ sich von diesem Anblick beruhigen. Er hörte nicht auf den Sprecher, obschon er ab und an ein einzelnes Wort verstand. Er versuchte auch nicht anhand der Bilder dem Thema der Sendung zu folgen, er saß einfach da und sah fern. Seine Gedanken kreisten währenddessen um den gefeuerten Türken. Es schmerzte ihn, dass er sich an seinen Namen nicht erinnerte, er konnte es nicht erklären aber der Name diesen Mannes schien für ihn jetzt unglaublich wichtig. Er versank in einen Halbschlaf, sah die Sendung und sah doch nichts. Er hätte nicht sagen können, wie lange er in diesem Zustand auf seinem Sofa verbracht hat, die Fernbedienung in einer gefährlichen Lage auf seinem Knie. Minuten, Stunden, Tage. Die Zeit schrumpfte zusammen in einen winzigen Augenblick, der Schlaf übermannte ihn ohne dass er etwas davon mitbekam. Schließlich fiel die Fernbedienung auf den Boden und der Sender wurde umgeschaltet. Karl schreckte sofort auf - eine Demonstration war auf dem Bildschirm in Gange. Wie er es mit Erstauen erkannte, passierte es neben seinem Haus, irgendwo auf dem Weg zu der Firma wo er arbeitete. Die Leute waren offensichtlich von irgendwo losmarschiert und gingen jetzt auf den Hauptsitz der RP - Roboter Programmierung. Ganz bestimmt waren sie während ihres Zuges an dem Haus wo er jetzt saß vorbeigekommen, irgendwie war sich Karl ganz sicher. Aber er hatte nichts gehört. Nun gingen sie auf den engen Straßen, mit erhobenen Plakaten auf denen irgendwas stand. Er konnte es nicht lesen, die Kamera schwenkte viel zu sehr.
- ...Arbeitsplätze! - der Schrei der Demonstrierenden brachte Karl endgültig aus dem Schlaf.
Sie verlangten Arbeitsplätze... Aber wieso bei der RP? Wieso gerade in seiner Firma? Er guckte interessiert zu. Etwas braute sich zusammen, er konnte es fühlen. Einige bekannte Gesichter tauchten auf dem Bild auf, jedoch so flüchtig, dass er sich nicht sicher war, dass er wirklich jemanden erkannte. Seine Augen öffneten sich noch weiter und sein auf seinem Gesicht war der Schimmer von Verständnis zu sehen. Nein, er hatte die Einsicht noch nicht, aber sie war sehr nahe... Es stellte sich heraus, dass all die Menschen die jetzt kaum mehr als einen Kilometer von ihm entfernt (wenn man die Höhe unberücksichtigt lässt) einstmals bei RP eingestellt waren. Sie alle. Mit der Zeit kamen immer mehr Roboter ins Spiel, was nicht sehr überraschend war. Eine Firma, die sogar sich schon im Namen mit der Programmierung der Roboter beschäftigte, musste irgendwann auch ganz viele von denen haben. Ein kalter Schauder durchfuhr Karl, als er die Gesichter näher zu sehen bekam. Er erkannte sie, sie alle. Nur jetzt fiel ihm auf, dass er sie seit einiger Zeit nicht mehr gesehen hat. Waren es Tage? Waren es Wochen, Monate? Er wusste es nicht. Er wusste nicht einmal wie jeder einzelne von ihnen hieß. Sie demonstrierten, schrieen etwas über die soziale Ungerechtigkeit, waren empört darüber, dass sie von Robotern ersetzt wurden. Es waren keine Programmierer unter ihnen, Karl erkannte es mit einer Art erleichternder Befriedigung. Aber es waren all die, die unqualifizierte Arbeit ausführten. Putzkräfte. Telefonisten. Leute, die an der Information standen und Auskunft über die Firma gaben, oder Sekretärinnen. Sie alle waren nun auf der Straße und die Luft widerhallte von den Geräuschen ihrer Rufe. Karl glaubte, es bis hierher hören zu können aber es war eine Einbildung, man konnte nichts hören. Nicht aus dieser mörderischen Höhe. Und plötzlich erschien das Gesicht des Mannes am Bildschirm, den man erst heute gefeuert hat, über den Karl gerade noch so eifrig nachgedacht hat. Sein Name kam ihm nicht in den Sinn, jedoch etwas anderes.
Die Erinnerung. Wie er vor einer Woche genauso einsam und verloren am Fenster stand und über die Kündigung eines anderen nachdachte. Und in der Woche davor, und so weiter, bis er sich an den Tag erinnern konnte, der nun schon ein Jahr lang zurücklag und wo man den ersten gefeuert hat. Den Mann, der vorher immer seinen Kaffee brachte. Seit dem tat es ein Roboter. Ein leiser, verzweifelter Schrei entfloh Karls Lippen, er riss seine Augen weit auf und Tränen flossen seine unrasierten Wangen runter. Sein Blick wurde klar, seine Augen geöffnet. Er konnte nicht verstehen, wie er es früher nicht gesehen hat. Er trat aus Versehen nach der Fernbedienung, als er vom Sofa aufstand und der Fernseher ging aus. Er durchquerte mit festen Schritten sein Zimmer, zog seine Jacke an und legte schon die Hand auf den Türknauf. Aber er konnte nicht einfach so gehen, ohne Otto vorher gewarnt zu haben. Er konnte ja nicht einfach so bei ihm reinplatzen. Er ging zum Telefon und nahm ab. Zuerst starrte er nur verloren die Tastatur an, als wäre sie ein unlösbar konzipiertes Problem, für dessen Lösung er nun ein Programm schreiben sollte. Dann erinnerte er sich an Ottos Nummer und seine zitternden Finger tippten sie ein. Am anderen Ende der Leitung hörte er die langen Töne - ein Zeichen dafür, dass es mindestens nicht besetzt war. Otto nahm ab.
- Schmidt? - fragte seine raue Stimme.
- Ich bin's, Karl. - Karls Ohr schwitzte am Hörer.
- Ach, du bist es! Hör mal, ich sagte doch, ich habe diese Woche Zeit? Was hältst du von einer Party? Samstag, um sechs. Bring auch die Angelika mit, ich habe genug Bier für alle da.
- Hör zu, ich muss mit dir reden. In einer Viertelstunde bin ich bei dir, es ist dringend. - es dauerte eine Ewigkeit, bis Otto umgeschaltet hat und etwas erwidern konnte.
- Mann, du hörst dich aber nicht sehr gesund an. Ist was los bei dir?
- Ja, wir müssen reden. Ist deine...
- Nein, nein, sie ist weg. Komm ruhig, es ist keiner da.
- Gut. In einer Viertelstunde. - Karl hängte sofort auf. Jetzt füllte er sich frei und stürmte aus der Wohnung raus. Die Tür ging zu und er machte sich nicht einmal die Mühe sie richtig zu verschließen. Er lief zum Aufzug, betätigte den Knopf und stürmte in die still aufgehende Tür rein. Hier hatte er etwa fünf Minuten um sich zu beruhigen. Sein Herzschlag pochte, sein Atem war viel zu schnell. Karl dachte immer wieder über die gefeuerten Menschen nach, über ihr Schicksal und über das Schicksal überhaupt. Wie konnte er es nicht merken? Es war doch kinderleicht. Wenn Roboter eingestellt wurden, mussten dafür die Menschen ihre Arbeitsplätze freiräumen. Deutschland hat sich noch nicht ganz von der Arbeitslosigkeit Anfang des 21 Jahrhunderts erholt und obwohl es bergauf ging, würde so etwas einen verheerenden Wirtschaftlichen Schlag bedeuten. Er wagte nicht über die Zahlen nachzudenken, die er manchmal in den Nachrichten sah, wie schnell und in welcher Zahl die neuen Roboter jetzt überall eingestellt wurden. Wenn es so weiter gehen würde, wären bald die Hälfte der Menschen in Deutschland arbeitslos... Der Aufzug kam mit einem leisen "Ping" unten an und die Tür öffnete sich. Karl stürmte wieder raus, dann durch die Eingangshalle und auf die Straße. Die 15 min. die er bis zu Ottos Wohnung gebraucht hat, kamen ihm wie eine ganze Stunde vor, als er schließlich keuchend bei Otto anklingelte. Da hatte er Gelegenheit wieder zu Atem zu kommen. Ottos Tür war wie alle aus Plastik, jedoch hat er sie nach Holz bemalen lassen. Ein Attribut der längst vergangenen Zeit, wo man Türen noch aus Holz oder Metall machte. Schließlich ging auch diese seltsame Tür auf.
- Karl, was ist mit dir los? Komm doch rein. - Otto war dem Aussehen nach über dreißig, sein Bierbauch war unverkennbar. Seine Lebenskraft sprühte aus seinem Gesicht, etwas von den altmodischen Brillen gedämpft. Er lächelte. Karl fiel auf, dass Otto immer gelächelt hat, so lange sie einander gekannt haben, nur jetzt steckte etwas hinter seinem Lächeln, was Karl früher bei ihm nie bemerkt hat. Besorgnis. Und o ja, Otto hatte einen guten Grund besorgt zu sein, denn Karl sorgte sich mittlerweile selber um sich. Die Welt die er nun hinter sich ließ, als er in Ottos Wohnung eintrat erschien ihm verbrauchter und aussterbender denn je. Als Programmierer, ein beruflicher Freak, gab er sich gern und oft apokalyptischen Gedanken hin, genauso wie er sich anderen Gedanken immer wieder hingab. Vielleicht hätte er Schriftsteller werden sollen, aber ihm fehlte es an der Gabe seine Gefühle in Worte zu fassen. Viel lieber war ihm die virtuelle Kommunikation mit dem Computer, wo er durch geschickte Bewegungen seiner Finger über die holografische Tastatur die Maschine geschickt um den Finger wickelte und sie zwang seine Wünsche in die Tat umzusetzen. Die endlose Freiheit eines Fluges. Otto bat ihn reinzukommen und Karl setzte sich auf ein Sessel.
- Willst du was trinken? - erkundigte sich der Gastgeber.
- Ja, aber nur Tee.
- Nur Tee? - Ottos Augenbraune schnellte hoch, - es muss wirklich etwas passiert sein.
Sein Witz klang überhaupt nicht lustig, denn Otto meinte es voll Ernst. Und so ernst war es auch, obwohl Karl noch nicht richtig in Worte fassen konnte, was genau passiert war. Sein Freund verschwand in die Küche und gab ihm eine kurze Zeit, um sich zu sammeln. Was würde er sagen? Wie würde er das, was er gerade erfahren hat, in Worte fassen? Wieder einmal fluchte er über seine mangelnde Fähigkeit die Gedanken in Worte zu fassen. "Beruhige dich, Mann! Otto ist genauso ein Programmierer wie du, er wird es schon verstehen, wenn du nicht in kunstvollen Sätzen mit ihm redest." - dieser Gedanke wirkte beruhigend auf ihn und als Otto mit zwei Tassen Tee reinkam war er auf ein Gespräch gut vorbereitet. So gut er konnte.
- Na, erzähl schon. - meinte Otto, als sie ein Paar Schlucke gemacht haben. - du bist doch nicht hergekommen um mein Tee auszutrinken.
- Nein, - Karl stellte seine Tasse beiseite, - hast du die Nachrichten gesehen?
- Welche denn?
Diese Frage entwaffnete Karl völlig. Tatsächlich, welcher Sender hat denn das ausgestrahlt, was so eine verheerende Wirkung auf ihn hatte? Er erschauderte, denn er wusste nicht, welche Nachrichten es gewesen waren. Hat er das alles etwa nur geträumt?
- Nun, ich... ich bin nicht sicher, - meine Karl verlegen, - ich war am Fernseher eingeschlafen. Dann... - er runzelte die Stirn - dann ist wahrscheinlich meine Fernbedienung runtergefallen und hat den Sender umgeschaltet. Deshalb wachte ich auch auf.
- Also ich hab nur die auf ZDF gesehen, mehr nicht. - sagte Otto und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Karl fiel auf, wie eng und unbequem dieser war. War es immer so? Er rutschte hin und her und machte weiter.
- Nein, ZDF war es nicht. Bevor ich einschlief, habe ich von ZDF auf Discovery Chanel umgeschaltet und von da... aber vielleicht war das auch ZDF, weil die Fernbedienung ist ja runtergefallen und ich weiß nicht, welcher Sender dann lief. Das ist egal. Was ich sagen will ist... - Karl beugte sich über den kleinen Tisch zu Otto rüber, denn seine Stimme wurde zu einem Flüstern, - wusstest du, dass Menschen gefeuert werden?
- Karl, ist alles in Ordnung mit dir? Klar, werden Leute gefeuert. Wenn sie Mist gebaut haben, oder wenn der Chef ein Arsch ist. - nun beugte er sich auch leicht vor, - bist du sicher, dass du kein Alkohol willst?
- Nein. - Karl fiel in seinen Sessel zurück. Otto verstand nicht, was er sagte, er dachte jetzt womöglich, dass Karl verrückt war. - ich meine, hast du gewusst, dass man einfache Arbeitskräfte feuert, um Roboter einzustellen? Und dass in unserer Firma keine einfache Arbeiter mehr gibt, dass die Roboter schon überall sind?
- Ach was, - Otto lachte kurz, - das ist nicht wahr. Sicher, es gibt ein Paar Roboter bei uns, aber wirklich nur ein Paar. Die meisten Arbeiter sind Menschen. Aber was kümmert dich das eigentlich?
- Otto, verstehst du das denn nicht?! - Karl sprang von seinem Sessel auf, - ich habe in den Nachrichten eine Demonstration gesehen, es sind sehr viele, alle wurden aus der RP gefeuert! Sie sind durch Roboter ersetzt worden, so geht es schon ein Jahr lang. Ich habe es vergessen, habe einfach nicht darüber nachgedacht und dann als ich die Demonstration sah, all die bekannten Gesichter, wusste ich es wieder. - er fiel in seinen Sessel zurück, - bald werden sehr viele arbeitslos und Deutschland erlebt eine zweite Krise, nur viel größer und bedeutender, als die erste.
Karls Ausbruch hat anscheinend die richtige Wirkung auf Otto gehabt. Er saß da und kaute an seiner Lippe. Der Schimmer der Erkenntnis wandelte auch über sein Gesicht, wie fast eine Stunde zuvor über das von Karl. Er stellte die Tasse wieder hin, Tee war jetzt auf einmal überhaupt nicht mehr wichtig.
- Aber, - sagte Otto unsicher, - RP stellt doch mehr Roboter ein als alle anderen.
- Ja. Aber nicht mehr, als alle anderen zusammen. Was meinst du, was aus all den Menschen wird, die gefeuert werden?
- Nun... - Otto schaute zu Karl rüber - sie können Roboterwärter werden. Die Umschulungszeit ist nur 3 Monate.
- Ja, - sagte Karl bitter, - aber es werden weniger Roboter, als Menschen gebraucht. Was meinst du, wie viele Anrufe ein Roboter gleichzeitig entgegennehmen kann? Oder ob ein Roboter nicht zehn Putzfrauen ersetzen kann? Ich sage dir, ein Roboter kann alle Putzkräfte unseres Unternehmens ersetzen und außerdem kann er auch der Sekretär von den Abteilungsleitern sein! Und dieser - Karl verlangsamte sein Monolog um aussagekräftiger zu wirken, - einer Ro-bo-ter braucht nur einen Wär-ter. Obwohl er womöglich zehn Men-schen ihren Arbeitsplatz weggenommen hat!! - Karl rang nach Luft, er war aufgeregt und sein Gesicht glänzte vor Schweiß. Als ihm nichts mehr einfiel, was er sagen konnte, setzte er sich langsam wieder.
- Verdammt. - sagte Otto nach fast einer Minute Schweigen. - Du hast Recht, Karl, so kann es nicht mehr lange weitergehen. Aber was kann man da tun, wir können den Fortschritt nicht aufhalten, der Point-of-no-return ist längst vorbei!
- Point of..?
- Na, der Punkt nach dem es kein Zurück mehr gibt. Sieh mich mal an, mein Freund, sieh mich genau an. Ich trage eine Brille. Ich habe meine Tür nach Holz bemalt. Und ich habe diese Pendeluhr, obwohl sie gar nicht mehr geht, - er zeigte mit dem Finger über seinen Rücken zu dem an die Wand gelehnten Holzkasten, mit einem altmodischen Ziffernblatt. - ich bin ein Anhänger der Vergangenheit, in der Schule war Geschichte, nicht Informatik, mein Lieblingsfach. Aber ich... - seine Arme fielen kraftlos ihm in den Schoß. Sein immerwährendes Lächeln verschwand und Karl sah die Falten um seinen Mund. Mit einem Mal wirkte Otto Schmidt viel älter, als er in Wirklichkeit war, - ich konnte mir nie vorstellen, dass so etwas eintreten könnte.
- Was denn?
- Na, das, was die ganzen Schriftsteller, die du so magst, vorausgesagt haben. Der Krach der menschlichen Zivilisation, durch ihre eigene Erfindungen hervorgerufen. Denn das ist es, was Menschen befürchten, die sehr an vergangenen Zeiten hängen. So wie ich. Aber ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass so etwas jemals wahr werden könnte... - er schüttelte den Kopf und verstummte.
An diesem Abend war vieles passiert. Nachdem Karl und Otto die kalten Reste des Tees in den Abfluss gespült haben, hat jemand aus dem Krankenhaus angerufen. Christine, Ottos Frau, war von einem Auto überfahren worden und lag im Koma. Sofort haben die beiden die Roboter und den Untergang der menschlichen Rasse vergessen. Als sie beide auf die Straße gegangen waren, sah Karl noch klarer als vorhin. Die riesigen Gebäude türmten sich um ihn auf, er kam sich wie gefangen vor. Die Menschen liefen alle irgendwohin, mit dem Ausdruck vollkommener Gleichgültigkeit auf ihren bleichen Gesichtern. Sie waren wie Bienen in einem verseuchten Bienenstock - krank und hilflos, dennoch arbeiteten sie weiter und produzierten ihren eigenen, giftigen Honig. Er stapelte sich in ihren Wohnungen wie in den Sechsecken des Bienenstocks und daran erstickten sie. Dennoch arbeiteten sie hart weiter, produzierten immer mehr und mehr von diesem Gift und würden bald unter ihm begraben sein.
- Sie haben meine Frau überfahren... - jammerte Otto und zeigte schwach auf all die Menschen auf der Straße, - solche gleichgültige Schweine, wie sie.
Karl umarmte seinen Freund und zusammen drängten sie sich durch den abendlichen Frankfurt zum Krankenhaus.
Christine lag in einem abgeriegelten Zimmer, mit einem Atmungsrohr im Mund. Niemand durfte rein, außer den Ärzten in den sterilen Anzügen. Otto stand die ganze Nacht an der Glasscheibe und wartete darauf, dass Christine aufwachen würde, er stand und weinte lautlos. Karl stand eine Zeitlang mit ihm, aber als er müde wurde zog er sich in das Wartezimmer zurück. Er bot Otto nicht an mit ihm zu gehen, er konnte gut verstehen was sein Freund empfand. Am nächsten Morgen wurde er von Schmidt geweckt, dieser hatte tiefe blaue Ringe um die Augen.
- Sie ist tot, lass uns gehen. - sagte er schwach.
- Nein, bestimmt wacht sie noch auf, - meinte Karl schläfrig.
- Nein, der Arzt sagte das. Lass uns gehen... Verschwinden wir von hier.
Karl und sein Freund Otto waren die ersten, die aus der Stadt weggezogen waren. Karl ließ Angelika zurück, die ihn für verrückt gehalten hat. Sie waren die ersten, andere folgten. Denn Arbeitslosengeld wurde langsam eingestellt, der Staat konnte es sich nicht leisten die Hälfte der Bevölkerung auf eigene Kosten zu ernähren. Und dann gab es sie nicht mehr - einfache, unqualifizierte Menschen. Armut wurde ausgerottet, jeder hatte einen guten und ausreichend bezahlten Job. Nur entstanden am Rande von Frankfurt Dörfer. Viele Dörfer. Die Menschen fällten die Bäume und bauten sich Häuser daraus, sie teilten das Land und bekamen die Kühe und Schweine von den Bauerhöfen, die jetzt unnötig geworden waren, weil das Essen in den dampfenden Fabriken synthetisiert worden war. Das 22 Jahrhundert lebte weiter, aber das Mittelalter entstand an seinem Rande. Der Fortschritt brachte die Welt einen Schritt nach vorn und die, die zurückgelassen waren, hat man vergessen. Sie lebten im Einklang mit der Natur, wie vor vielen Hunderten von Jahren. Nur ab und zu warfen sie unzufriedene Blicke zu der Stadt, die immer mehr heranwuchs und sich gegen die Außenwelt mit Wänden und Dächern abschirmte und sich immer tiefer in das Erdensinnere eingrub.




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Eingereicht am 21. Februar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.