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2) Außenseiter

Von Igor Zobin


Er schaffte es aufzuwachen, ohne durch unnötige Bewegungen auf sich aufmerksam zu machen und lag im Bett. Er gönnte sich noch ein paar Minuten Ruhe und hörte den gelangweilt summenden Fliegen im Zimmer zu. Die Hitze des Tages war spürbar nah, die Schwelle zwischen dem erträglichen Morgen und der sengenden Hitze des Tages war fast überschritten. Heute war Sonntag und er hatte nicht viel zu tun. Ruhe war etwas was er dringend brauchte... Die Fliegen waren nicht das einzige Geräusch - Mona machte sich daran Frühstück zu machen. Langsam aber sicher verbreitete sich das Geräusch von heißer Bratpfanne im Haus und es roch nach Spiegeleiern. Hunger, weit weg von seiner noch schläfrigen Wahrnehmung, rührte sich in ihm. Die ganze Zeit über hielt er die Augen geschlossen und bewahrte sich das unerklärliche Gefühl vier Augen zu besitzen, was er immer beim Aufwachen hatte. Nachdem der Geruch von Spiegeleiern ihn aus diesem Halbschlaf brachte, löste sich die Täuschung auf. Mehr Schlaf würde er heute Morgen nicht bekommen, nicht nur wegen dem fast fertigen Frühstück. Die Sonne stieg höher und schien gnadenlos durch das Fenster. Wieder zweifelte er daran, dass das Fenster nicht wie eine Lupe geformt war und wachte endgültig auf.
Nachdem er soweit war, rief Mona, das Frühstück sei fertig. Auf eine unheimliche Art schaffte sie es immer abzuschätzen, wann er aufwachte. Jack stand von dem Sofa auf und bog sich nach hinten durch, bis etwas in seinem Rücken angenehm knackte. Er gähnte und ging in die Küche. Das Haus war alt aber ordentlich: zwei Stockwerke und ein Keller, eine große Küche mit allerlei Zeug drin, das er auf Anweisung von seiner Frau Mona in der nahe gelegenen Stadt gekauft hat. Im Erdgeschoss war außer der Küche noch ein riesiges Esszimmer (wofür sie nie Verwendung gefunden haben) und eine Art Eingangshalle, wo sich die Treppe ins zweite Stock und abwärts in den Keller befand. Im zweiten Stock waren zwei unbewohnte Kinderzimmer, zwei Badezimmer und ihr Schlafzimmer. Mit einem riesengroßen Doppelbett, versteht sich. "Ich will ein Doppelbett haben", - sagte sie damals, - "aber ein gutes. Nicht so eins, wie wir früher hatten, das Quietschen ging mir auf die Nerven. Es soll doch ein paar Jahre halten, du weißt schon was ich meine". Sie bekam ihren Wunsch erfüllt. Denn Geld hatte er. Damals. Das waren noch Zeiten, voll von Hektik und Rennerei und ungläubiger Vorfreude. Es war reines Glück, sowohl mit dem Geld, als auch mit dem Haus. Er hatte es nicht geglaubt, aber Mona hat sofort gesagt dass es genau die Chance wäre, die man nur einmal im Leben erhält.
Heute war alles ganz anders. Die Zeit verging langsamer, gemütlicher. Kein Stress, kein sinnloses Hinundherrennen. Er musste nicht mehr um sieben aufstehen, um dann den Zug in die Stadt zu nehmen und seinem rauchspeienden Chef entgegentreten, der mit seiner unveränderlichen, gigantischen Zigarre in dem Mundwinkel Anweisungen nach links und rechts verteilte. Mona musste nicht mehr auf die Kinder der Nachbarn aufpassen und musste sich nicht die Beschwerden von Ms. Doil anhören, die ständig vorgab, laute Musik aus ihrer kleinen, spartanischen Wohnung zu hören. Und zwar genau um die Uhrzeit, wo keiner von ihnen zu Hause war. Ms. Doil war 61, eine alte Jungfer. Jeder im Haus kannte sie. Sie war es, die die Polizei rief, wenn jemand die Wand mit Graffiti beschmierte. Sie war es, die den Rasen vor dem Haus pflegte. Sie war es, die den Plastikmüll in die gelben Mülleimer hineinwarf, welchen sie vorher aus den normalen Mülleimern herausfischte. Und sie ging davon aus, dass nur ihr Verhalten richtig war, und dass alle sich danach richten mussten. Sie ging unter anderem auch davon aus, dass nicht jeder die Weisheit solchen Vorgehens sofort erkannte und sah sich verpflichtet, die Menschen auf diesen einzig wahren Pfad zu bringen. Wenn das beim ersten Mal nicht gelang, gab sie nicht auf und versuchte es immer wieder. Jack und Mona hatten außergewöhnliches Glück, genau links von Ms. Doil zu wohnen und genossen ihre besondere Aufmerksamkeit. Denn Jack achtete nicht besonders auf diese kleinen Regeln, denen sich die eifrige Ms. voll und ganz verschrieben hat und musste sich ab und an ihre Bemerkungen über sein Verhalten anhören. Das war unfair, denn wer passt schon ganz ernsthaft darauf auf, dass der unbrauchbare, zerquetschte Rest der Zigarette im Mülleimer landet und nicht auf der Straße? Und wem erscheint die sorgfältige Mülltrennung nicht als anstrengende und irgendwo auch etwas nutzlose Arbeit? Wer findet Zeit, den Pflasterweg vor dem Haus zu waschen und wer vertreibt Kinder, wenn sie auf dem Rasen spielen? Jedenfalls konnte man ohne lange herumzufackeln sagen, dass Jack mit seinen 29 Jahren auf dem besten Weg zur Midlife Krisis war.
Bis eines schönen Morgens er in die Zeitung schaute. Die kostenlose Zeitung, die man so oder so bekam und die nach Tinte roch und sich auch danach anfühlte. Die Zeitung feuerte ihre Leser an, Lotto zu spielen und argumentierte mit irgendeinem komplizierten System. Jack verstand die Einzelheiten nicht, aber so weit er es behalten hat, ging es darum, dass man gleichzeitig an vielen Verlosungen und außerdem noch in der Gemeinschaft spielte, was immer es zu bedeuten hatte. Es wurden Gewinnquoten angeführt, sie alle lagen knapp unter 100% und die Gewinnquoten für kleinere Preise lagen bei ganz genau 100%. Es wurde lange darüber geredet, dass diese Lotterie einmalig war und der Staat nicht noch ein zweites Mal so etwas Kostspieliges veranstalten würde. Denn die Teilnahme war kostenlos, angeblich steckte in jeder 100sten Zeitung ein Los von dieser Wunderlotterie. Jack fand einen und damit fing es an. Er selber war skeptisch, aber Mona überzeugte ihn, das Los einzuschicken. Sie hatten schließlich nichts zu verlieren.
Drei lange Wochen folgten. Jack machte den Briefkasten jedes Mal wenn er daran vorbeiging auf. Wie oft Mona den Briefkasten aufmachte, hat er sie nicht gefragt, aber er konnte sich denken, dass sie manchmal zur ihrer Freundin ging, nur um noch zwei Mal an dem Briefkasten vorbei zu gehen. Ms. Doil nervte noch mehr als früher und einmal hat Jack sie sogar angeschrien. Rote Ränder bildeten sich um seine Augen und um die Augen seiner Frau, denn die Nacht reichte nicht mehr aus um zu schlafen. Jack dachte ernsthaft darüber nach zu kündigen, obwohl er nicht wusste, was er dann machen sollte. Die Welt schien im Zerbrechen begriffen, bis eines Tages nicht der alles entscheidende Brief kam.
- Mona, das ist er, der Brief ist da! Der... - Jack stolperte und fiel hin. Der Brief fiel auf den Boden und glitt, wie durch eine böse Macht gesteuert, unter das Bett. De nächsten 20 min. verbrachte das Ehepaar damit, das Bett zur Seite zu schieben. Endlich lag das ersehnte Stück Papier frei und sie konnten es von Staub befreien.
- Ich nehme ihn, - sagte Mona entschlossen und hob das Kuvert auf, - du bist zu nervös.
Sie konnte kaum verbergen, dass auch sie nervös war, aber das spielte keine Rolle. In ein Paar Minuten würden sie es wissen. Das Papier von dem Kuvert war äußerst hartnäckig und Mona hatte sogar mit ihren langen Fingernägeln Schwierigkeiten es aufzumachen. Schließlich kam ein großer Brief auf strahlend weißem Papier ans Licht. Die Zahl 500.000$ war dort unübersehbar draufgeschrieben. Das Kuvert fiel aus Monas Händen und ein blauer Scheck flog aus dem Kuvert auf den Boden. Jack schnappte ihn sich sofort, um zu verhindern, dass er wegflog. Dieser Impuls war unerklärbar und einen Augenblick lang schämte er sich dafür. Dann schaute er sich den Scheck an. Sein Name stand in schöner Schrift über der Zahl 500.000. Im Hintergrund war das "$"-Zeichen zu sehen und unten rechts war die Zahl wieder aufgedruckt: 500.000$. Fünf lange, unerträgliche Minuten lang starrten sie die zwei Stücke Papier an. Die Zeit blieb stehen und kein einziger Gedanke fiel in dieser Zeitspanne.
Jack drehte langsam den Scheck hin und her, entdeckte aber keine Spur einer Aufschrift die "Kopie", "Muster" oder ähnliches besagte.
- Jack, kommst du? - schrie Mona aus der Küche, - deine Spiegeleier werden kalt!
- So was lass ich mir nicht zwei Mal sagen, - rief er zurück und beeilte sich Richtung Küche.
Mona stand mit dem Rücken zu ihm und deckte den Tisch. Der Geruch der Spiegeleier vermischte sich mit ihrem eigenen und Jack fühlte sich auf sonderbare Weise glücklich. Nie zuvor konnte er so glücklich sein wie hier.
***
80 km/h auf einer Landstraße, eng und holprig. Die Straße wurde seit Jahren nicht mehr gepflegt und war jetzt gerade mal gut genug, dass ein Auto hier durchkam. 80 km/h waren auf dieser Straße eindeutig zu viel. Sie waren zu dritt und feuerten den Fahrer an, schneller zu werden. Jedem von ihnen, dem Fahrer ganz besonders, war klar, dass sie mit ihrem Leben spielten und niemand dachte auch nur daran, was passieren könnte, wenn Lois ihre Rufe erhörte und tatsächlich das Gaspedal tiefer hineindrückte. Sie wurden hin und her geworfen und verschüttelten fast ihr Bier. Dennoch spürte jeder von ihnen das Gefühl von Abenteuer und jeder versuchte lauter als der andere zu lachen, zu schreien und zu prahlen. Denn sie fuhren zu einem Haus von dem die allerschlimmsten Gerüchte umgingen. Angeblich hätten zwei Verrückte das Haus gekauft (alleine die Tatsache, dass es in solcher Wildnis noch Immobilien zu kaufen gab, war fast schon ein schlechter Witz) und lebten jetzt dort. Viele erzählten, dass es so weit weg von der Stadt nichts zu essen gab und die Menschen einfach längst verhungert sein mussten. Deshalb erzählte man sich Geschichten darüber, sie seien zu Untoten geworden, oder zu Geistern. Viele Geschichtenerzähler stritten sich in diesem Punkt, aber alle waren sich einig, dass es unmöglich war, draußen ganz allein zu überleben. Alte Menschen laberten etwas von Anbauen und davon, dass das Essen nicht immer synthetisiert worden war, aber wer hört schon auf die alten Knacker. Jedes Kind weiß, dass die Konzentrate in den Fabriken am Rande der Stadt produziert werden. Wenn sie nicht zu dem Haus gebracht werden, gibt es keine Möglichkeit zu überleben. Also fuhren die drei Kerle jetzt zu einem richtigen Geisterhaus, bewohnt von Zombies oder Untoten oder eben den Geistern. Selbstverständlich hatte jeder von ihnen ein Gerät der allgemeinen Wissensvermittlung und der Unterhaltung, die beste Erfindung seit dem Rad, bei sich zu Hause stehen. Einen Fernseher. Deshalb wussten sie alle, dass es solche Erscheinungen wie Vampire und Poltergeist, Werwölfe und Untote schon immer gegeben hat. Für sie war es eine Art Probe, ein Test von ihrem Mut und keiner wollte schlechter abschneiden, als die anderen zwei. Und da Lois Pluspunkte bekam, schließlich fuhren sie mit seinem Wagen, konnten Paul und Clark nicht aufhören zu schreien, zu lachen, zu prahlen und hastig an den Bierdosen zu nippen, um neuen Mut zu schöpfen. Das heißt, solange das Haus nicht in Sicht war. Zuerst war das nur ein Punkt in der Ferne, etwas links von der Straße. Dann wurde er immer größer und schließlich konnte man erkennen, worum es sich genau handelte. Lois merkte es als erster.
- Seid ruhig, ihr beiden, - sagte er leise. - Wir sind da.
Nachdem er das gesagt hat, fuhren sie in ein Weizenfeld hinein. Die Straße wurde noch schlechter, nun gab es keinen Asphalt mehr und Lois musste heftig abbremsen, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Dabei wirbelte der alte Wagen eine riesige Staubwolke auf, die man ganz bestimmt im Haus gesehen haben musste. Alle drei wurden still; Paul und Clark tranken rasch ihr Bier aus und warfen die Dosen aus dem Fenster. Um sie herum erstreckte sich ein Feld von bleich gelben Pflanzen, wie von der Sonne ausgetrocknet. Der lange und trockene Stiel endete mit vielen kleinen Körnern. So etwas haben sie noch nie gesehen, so was hässliches eignete sich als Dekoration überhaupt nicht.
- Vielleicht ist es von alleine gewachsen? - meinte Clark schwach.
- Ne, auf gar keinen Fall! Dieses halbtote Grass wächst doch nicht von alleine. Das ist nur eine Nebenwirkung davon, dass das verdammte Haus von Scheiß Untoten besetzt ist. - Paul war der Spiritismus-Experte, denn er hat mehr Filme als die anderen gesehen. Clark und Lois nickten kräftig, um nicht ihr Unwissen zuzugeben. Nachdem das kurze Gespräch zu Ende war, tauschten sie keine Worte mehr aus und fuhren in kompletter Stille weiter. Die Weizen bewegten sich am Fenster vorbei.
Sie wurden immer langsamer, ein Weizen, zwei Weizen... Paul starrte das komische Grass an und wunderte sich, wie es dazu kommen konnte. Er glaubte zwar an Geister und alles was er im Fernseher sah... Aber hier war es so still. So friedlich. Gäbe es auch nur eine Regenwolke am Himmel, könnte er an seine Worte glauben, aber so? Langsam kamen ihm die Zweifel, dass sich etwas aus dem Jenseits hier aufhalten könnte. Der Ort war die Ruhe selbst, es regte sich etwas in ihm und für einen Moment wünschte er sich hier zu bleiben, in das Feld hinein zu gehen und sich hinzulegen, einfach so auf die Erde. Er stellte sich den Himmel zwischen den Stielen von diesem gelben Grass vor und ihm gefiel dieser Ort immer mehr. Nein, es war nicht die Stelle, wo sich böse Mächte aufhielten. Es war Omas Haus. Nein, natürlich nicht, aber dieser Ort war wie das Haus, wo seine Oma gelebt hat. Er konnte sich ganz schlecht an sie erinnern, denn sie starb als er noch 5 Jahre alt war, aber damals, in einem anderen Leben, hat ihn sein Vater manchmal zu Oma gefahren und sie verbrachten ein Paar Tage bei ihr. Das Haus der Oma war viel größer, als ihre Zweizimmerwohnung und hatte irgendwie mehr Licht. Diese Tage waren immer etwas besonderes für ihn, obwohl er sich nur selten an sie erinnern konnte.
- Paul? - fragte Clark mit leicht zitternder Stimme. Paul schreckte auf.
- Was?!
- Du hast mich nicht gehört, man, diese Scheißpflanzen hypnotisieren dich! - Clark schrie fast vor schlecht unterdrückter Angst.
- Ach was, - meinte Paul ruhig. - das Schlimme ist, dass wir stehen geblieben sind. Lois, fahr doch weiter! Lois?
- Na gut, - meinte Lois schließlich verlegen und startete den Motor. Langsam kamen sie wieder vorwärts.
***
Jack aß seine Spiegeleier zu Ende und gab einen befriedigten Laut von sich. Mona schien ihn nicht zu bemerken und stand am offenen Fenster. Der Wind spielte mit ihren langen Haaren und ließ ein paar Mal die Sonne durch sie hindurchscheinen. Obwohl sie nicht mehr die Jüngste war, hatte sie noch eine ganz gute Figur und Jack liebte sie. Hier, an diesem Ort, hätte er sich nicht gewundert, wenn er sie bis zum Schluss lieben würde, bis zum Tod. Er stand auf und umarmte seine Frau sanft. Ihr Geruch prickelte ihm in der Nase und er schaute auf die Straße, die sie so konzentriert betrachtete.
- Was hast du da gesehen? - fragte er schließlich, als sie eine Minute still blieb.
- Ich glaube, uns kommt jemand besuchen.
- Bist du dir sicher? - er verzog das Gesicht.
- Ja. Ich habe eine Staubwolke gesehen, von ihrem Wagen.
- Mit ihren Abgasen machen sie uns hier die ganze Ernte kaputt.
Mona zuckte nur mit den Achsen und befreite sich von seiner Umarmung. Sie wusste, dass das nicht stimmte und Jack wusste das auch. Aber sie wollten hier trotzdem allein bleiben und ihnen beiden gefielen keine Besucher.
- Mach dich fertig, - sagte sie nur leise und ging raus.
Jetzt konnte Jack die Wolke auch sehen. Der Wagen muss einmal angehalten haben und dann wieder losgefahren. Die Jungs hatten offensichtlich Angst und es würde nicht schwer fallen, mit ihnen die Nummer durchzuziehen. Jack nahm sich den Hut, der an der Tür hing und ging in den Keller. Dort lag eine uralte Schrotflinte. Eigentlich gehörte sie ins Museum und als er sie zum ersten Mal gesehen hat, wollte er sie verkaufen. "Schaff das Ding weg, Jack" - sagte Mona als er die Schrotflinte nach oben brachte, - "es ist alt, schießt vielleicht aber noch. Ich will keine Waffen in meinem Haus". Jack beschloss die Waffe zu behalten, schließlich konnte er hier eh kein Geld gebrauchen. Es gab einfach niemanden, mit wem er handeln könnte. Geld war wertlos für ihn geworden, nachdem er den letzten Penny von dem Hauptgewinn ausgegeben hat. Aber eine Waffe wollte er schon immer haben und die Schrotflinte schoss wirklich noch. Er hatte etwa dreihundert Patronen unten im Keller aufgespürt und legte alles in eine Ecke. Das war die richtige Entscheidung.
Im Dunkeln lud er die Waffe und ging dann langsam die ächzenden Stufen hoch; in Gedanken plante er bereits alles. Mona zog sich ins Haus zurück und Jack ging auf die Veranda wo er sich in sein Schaukelstuhl setzte. Ein altes, massives Ding, was schon einige Generationen überdauerte und Jack selber überdauern würde. Eine mindestens genauso alte Decke bedeckte den Stuhl und irgendwie gefiel es Jack. Er könnte sich vorstellen, dass, wenn er ganz alt wurde, er noch oft die Abende hier, auf der Veranda verbringen würde. Aber jetzt war noch nicht die Zeit dafür gekommen, denn er war noch weit davon entfernt den ganzen Tag im Schaukelstuhl zu sitzen. Außerdem hatte er was vor. Jack stemmte seine Schrotflinte gegen das Bein und richtete den Lauf schräg nach oben, so dass er in Richtung Straße zeigte.
Er wartete.
Das Warten war immer am schwierigsten, aber sogar daran konnte man sich gewöhnen und so fiel es Jack nicht sonderlich schwer darauf zu warten, bis die Jungs in ihrem alten Wagen auftauchten. Der Fahrer verlor ganz zum Schluss die Kontrolle und raste fast in das Haus rein. Als das Auto endlich zum Stillstand kam, haben die Jungs noch ein Paar Sekunden gebraucht, bis sie ausgestiegen waren. Das erlahmende Geräusch eines ausgeschalteten Elektromotors erfüllte die Morgenluft. Es waren diesmal drei. Die kleinste Gruppe, die Jack erlebt hat. Sie hatten alle Angst, alle. Die einen weniger als die anderen, einige kamen mit fünf oder sechs Freunden, und wenn 17-19 jährige sich in einer so großen Gruppe versammeln, ist es schwer ihnen etwas vorzumachen. Ein selbstgemachtes Grab hinter dem Haus bestätigte es. Doch diesmal würde es leicht werden, denn sie waren nur zu dritt. Einer war lang und dünn wie ein Spargel, mit großen Augen die ständig nach einer Gefahr Ausschau hielten. Der andere war viel kleiner und gehörte offensichtlich zu der Sorte Verlierer, die sich in keiner Gruppe zurechtfinden und sich schließlich meistens zu Hause niederlassen, um vor dem Fernseher zu sitzen und Fast Food en masse zu verschlingen. Der Klügste von allen, aber heruntergekommen wie die anderen. Nur einer von ihnen war einigermaßen normal gebaut und hatte diesen gläsernen Blick nicht, den die Teenager in letzter Zeit fast alle hatten. Er unterschied sich von seinen Freunden und bemerkte als erster Jack, der im Schatten auf der Veranda saß. Er schüttelte seine Freunde durch und zeigte energisch mit dem Finger Richtung Jack. Einen Moment lang überlegte sich Jack, ob er die Waffe etwas mehr auf sie richten sollte, aber dann blieb er einfach sitzen. Er wollte nicht zeigen, dass ihm die drei Milchbubis Sorgen bereiteten. Inzwischen berieten sich die drei ganz heftig, die Köpfe zusammengedrückt. Manchmal schaute einer von ihnen zu Jack rüber, merkte, dass er auch beobachtet wurde und steckte seinen Kopf wieder verängstigt zu seinen Freunden. Einmal schaute ihn der normale Junge an. Er war tatsächlich anders, als alle die hierher kamen, in dieser ganzen Zeit. Er war noch nicht vergiftet worden von der fortschreitenden Zeit, von der Stadt und ihren Abgasen. Sein Blick war klar, seine Bewegungen fanden nicht in dieser unheimlichen Zeitlupe statt und er war besser gebaut als die anderen. Vielleicht fand er sogar Zeit um Sport zu treiben, obwohl Jack bezweifelte, dass irgendjemand die Sporthallen nutzte, die es in ihrer Stadt gab. Trotzdem gefiel ihm der Junge sehr. "Wieso?" - dachte er, - "wieso bist du bei ihnen und nicht hier? Du bist doch nicht wie sie. Du bist genau wie ich... Was hat dich nur auf die andere Seite gebracht?" Solche Gedanken waren sinnlos, Jack wusste ganz genau was los war. Die Stadt starb; der Urbanismus trieb die Menschheit in ihr Verderben und er hat es durch schieres Glück geschafft, sich aus diesem immer enger werdenden Todeskreis herauszubringen. Der Junge hatte weniger Glück, oder fand seins noch nicht. Er erinnerte ihn schmerzlich an sich selber, als er genauso alt war wie dieser Kerl. Jedenfalls war es reiner Zufall, dass er überhaupt hier an dieser Stelle sitzen konnte.
Es war Zeit zu handeln.
Jack stand von seinem Schaukelstuhl auf und machte einen Schritt zu der Gruppe. Sofort hörte die Beratung auf und sie starrten ihn alle verängstigt an. Nur einer nicht... Jack schien sogar, für einen Augenblick Verständnis in den Augen des Jungen zu sehen.
- Hallo erst mal, - sagte er kalt und legte die Schrotflinte auf die Brüstung, auf sie gerichtet, - wer seid ihr. - er sagte es als Feststellung, nicht als Frage. Er hat bemerkt, dass es nett war, zu fragen. Es klang viel netter, als wenn man den Menschen die Wörter einfach entgegen schleuderte, ohne sich Mühe zu geben ihre Bedeutung irgendwie zu unterstreichen. Die Antwort kam von Paul, genau wie Jack es erwartete.
- Wir... - er stockte, - wir kommen von der Stadt dort hinten...
Jack nickte kaum merkbar, nahm die Schrotflinte aber nicht weg. Nach ein paar Augenblicken startete Paul wieder den verzweifelten Versuch ein Gespräch anzufangen.
- Wir haben gehört... Sachen gehört, über das Haus, - er schluckte, - über Sie... Dann wollten wir kommen, um zu sehen ob das stimmt. Das... was wir gehört haben.
Jack nickte wieder leicht und wartete den richtigen Augenblick ab. Genau in dem Moment, wo Paul Luft holen wollte, sagte er so laut und ruhig er konnte. - Stimmt es.
Die Jungs wichen einen Schritt zurück. Sie waren am Rande des Zusammenbruchs und der dünne Lange schaute nervös zum Wagen rüber. Keiner von ihnen bewegte sich und nach fast einer Minute haben sie die Bedeutung seiner Worte verstanden. Lois stieß Paul mit dem Ellbogen, er solle reden.
- Nein. Nein, Sir.
Bei dem Wort "Sir" hat Jack fast die Selbstbeherrschung verloren. Seit mehr als 10 Jahren hat er das Wort nicht mehr gehört.
- Es gibt hier für euch nichts zu sehen. Fahrt weg.
Sie drehten sich um und liefen kopfüber zu dem Wagen, der Lois als erster, Clark gleich hinter ihm und Paul rannte als letzter.
- Du kannst bleiben! - warf Jack zum Schluss und nahm die Schrotflinte von der Brüstung. Bevor er sich umdrehte und ins Haus ging, konnte er den überraschten und ungläubigen Blick von Paul sehen, wie er für ein Augenblick sich umgedreht hat und ihn anschaute. Jack lächelte ihn an und verschwand hinter der Tür.
- Schnell, Paul! Beeil dich Mann, oder wir fahren ohne dich!! - schrie Clark sich die Seele aus dem Leib. Paul drehte sich um und sprang in den Wagen rein. Lois startete den Motor und das Auto wirbelte abermals eine Staubwolke auf, drehte sich in einem halsbrecherischen Manöver um und flog davon.
Die Stadt lebte weiter und verarbeite alles und mahl die Seelen und das Fleisch und schrie mit Tausenden von Lichtern.
Nachts konnte man das unheimliche Leuchten von der Veranda aus sehen.




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Eingereicht am 17. Februar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.