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Naftali

Von Daniela Reindl


2115 A.D.
Die Trümmer des alten Labor-Komplexes waren nun, fünfzehn Jahre nach der großen Explosion, nicht mehr nur ein verseuchter Schandfleck in der chromgepflasterten Landschaft rund um die Stadt, sondern interessantes Studienobjekt für eine kleine Gruppe junger Studenten der neuen Universität.
Die zwei Männer und drei Frauen untersuchten die nunmehr als veraltet geltenden Apparate des Forschungstraktes (dem am wenigsten zerstörten Teil des Komplexes) mit größter Neugier.
"Hier hat das meiste Zeug den Knall überlebt. Sieht ja aus, wie in einem Museum", witzelte Stefan, als er über ein umgestürztes Regal kletterte und zwei Petri-Schalen vom Boden aufhob. "Was wurde hier eigentlich erforscht?", sagte er als er die schleimig, grünliche Flüssigkeit in einer der Schalen betrachtete. "Sieht ja gruselig aus."
Klara, die ihm am nächsten stand, hob ein paar Akten auf, die zerfleddert und angenagt am Boden verstreut waren. "Das weiß keiner mehr so genau, die Anlage war geheim und ziemlich abgeschirmt. Man vermutete hier aber schon immer Menschenversuche. Doch wegen der zehn Jahre andauernden totalen Verseuchung konnte das ja schließlich nicht nachgewiesen werden."
"Stimmt", gab Stefan zurück. "Hier hat sich ja niemand seitdem rein gewagt. Steht nichts in den Akten?" Er warf einen Blick über Klaras Schulter hinweg auf die alten Seiten Papier in ihren Händen.
"Nichts", bemerkte sie kopfschüttelnd. "Was immer da mal gestanden hat, das kann keiner mehr lesen, haben Schimmel und Gift zunichte gemacht."
"Und es ist auch egal", tönte eine Stimme vom anderen Ende des Raumes. "Schließlich sind wir nicht hergekommen, um Detektiv zu spielen, sondern um uns weiterzubilden."
Stefan rollte die Augen zur Decke. "Ist ja gut, Michi, oh Allwissender, ich bin ja schon still." - die beiden waren sich zu zugetan, wie gleichnamige Pole. - "Hast du denn schon was, was du in die Uni mitbringen kannst, außer vergammelten Forschungsgeräten?" Seine Tonlage war herausfordernd und Michi setzte zu einer Antwort an, als ihm ein Schrei entfuhr. Zwischen zwei Regalen genau vor ihm, war aus dem Schatten eine Gestalt hervorgetreten, die einem Alptraum entsprungen schien. Im Schein der Taschenlampe wirkte seine Haut fahl, fast durchscheinend mit grünlich-blauen Adern. Das Gesicht war knochig und alles, aber nicht menschlich. Zwei grüne Augen funkelten ihn an und das Wesen schien zu lächeln.
Stefan trat herzu, während Klara entsetzt zurückblieb. Jetzt musterte ihn das Wesen und legte den kleinen Kopf schief, so dass er seitlich auf die knochigen Schultern sank über die ihm das weiße Haupthaar in langen verfilzten Flechten fiel. Noch immer schien es zu lächeln, doch nun... wedelte es noch zusätzlich mit dem Schwanz. Tatsächlich hatte es einen echsenartigen Schwanz mit weißen Schuppen und der Rest seines eher kleinen Körpers war von einem zerfetzten Jutesack bedeckt, der an der Hüfte mit einen vergilbten Stromkabel zusammengerafft war.
Michi gewann allmählich seine Fassung wieder und schluckte, bevor er mit einigermaßen sicherer Stimme zu Stefan flüsterte: "Was in aller Welt ist denn das?"
Doch statt Stefan, gab das Wesen Antwort: "Nicht was, sondern, wer bin ich. Ich bin Naftali." Er streckte den beiden seine knochige Hand entgegen.
Stefan ergriff sie widerwillig und besorgt, er könne sie zerbrechen, drückte er kaum zu.
Naftali schüttelte sie und brachte seinen ausgemergelten Körper in eine aufrechte Position, ganz wie ein Gastgeber, der seine Freunde in der Empfangshalle begrüßt. Ein überaus bizarres Bild in einer solchen Umgebung.
Stefan ergriff nun das Wort: "Wie kommst du hierher? Wie lange lebst du schon hier?"
Naftali zuckte die Achseln. "Ich war immer hier, seit es mich gibt. Das war vor dem großen Lärm, bevor die Männer ohne Gesicht weggegangen sind. Seitdem bin ich hier ganz allein."
"Dafür scheint er ja bei ganz erstaunlicher geistiger Gesundheit", sagte Michi schwach und mit ungläubigem Unterton. Das konnte doch eigentlich gar nicht möglich sein. Da stand ihnen etwas gegenüber, das es nicht geben durfte und sprach mit ihnen, wie ein Hausherr, der Bilanz über sein Vermögen zieht.
Naftali lachte mit seiner quietschigen Stimme: "Ich durfte doch nicht verrückt werden, sonst wäre ich ja nicht bereit."
"Bereit? Bereit wofür?", fragte Klara, die nun, neugierig geworden, doch nähergekommen war.
Naftali ging zu einem Regal, das noch stand und nahm etwas aus einer angeschimmelten Kiste heraus.
Die drei jungen Menschen hätten nun alles erwartet; dass er eine Waffe zieht, Pläne zur Vernichtung der Welt vor ihnen auslegt, oder sie schlicht und ergreifend mit Gift überschüttet, aber nicht, was er plötzlich in Händen hielt.
Michi ließ die Taschenlampe, die er erhoben hatte, wie einen Schlagknüppel wieder sinken und lachte erleichtert auf. Es war ein Buch, ein Bilderbuch für Kinder, wie es bis vor fünfzig Jahren hergestellt worden war.
"Bereit diese Welt zu sehen", sagte Naftali und schlug das Buch auf, das schon recht vergilbte Seiten hatte, um ihnen zu zeigen, was er meinte. Auf der Doppelseite waren blühende Wiesen zu sehen, Familien beim Picknick, Vögel vor dem Blau des Himmels, Fische, die in den Bächen spielten und allerlei Tiere, die sich auf den Wiesen tummelten. "Die gesichtlosen Männer" - damit meinte, so war sich Klara sicher, die Laboranten, die immer mit Brille und Mundschutz gearbeitet hatten und darum tatsächlich, als gesichtlos hätten gelten können - "haben versprochen, wenn ich immer brav bin, und nicht verrückt werde, zeigen sie mir das alles eines Tages. Und nun warte ich, dass sie zurück kommen und ihr Versprechen halten. Habt ihr sie gesehen?"
Die drei blickten sich an, nicht sicher, wie sie ihm beibringen sollten, dass diese Männer alle bei der Explosion getötet worden waren, oder so stark verseucht, das man sie hatte töten müssen.
Letztendlich, rang Stefan sich dazu durch, zu antworten: "Diese Männer werden nicht wiederkommen. Sie starben bei dem, was du als großen Lärm bezeichnet hast. Und da drängt sich mir die Frage auf, wie du das überlebt hast. Und die Verseuchung des ganzen Gebäudes. Jetzt erst kann man wieder hier rein, ohne gleich zu schmelzen."
Naftali zuckte erneut mit den Schultern. "Ich weiß es nicht. Beim großen Lärm war ich im Keller und viele Jahre später auch noch."
"Keller?", rief Klara aus. "Aber hier gibt es doch keinen Keller?"
Naftali nickte. "Doch, den gibt es, aber das darf keiner wissen, denn das ist mein Zimmer. Ich bin erst, das ist noch nicht lange her, dass ich ihn verlassen habe. Da gab es alles, was ich brauchte, aber vor gar nicht langer Zeit gingen meine Vorräte aus und ich musste hier rauf."
Michi rieb sich das bartlose Kinn. "Das ist möglich, es wurde oft gemunkelt, es gäbe noch einen alten Keller, aus der Zeit, als hier ein Atomforschungszentrum stand. Er war strahlengeschützt und absolut sicher, das Neuste der Technik, damals. Doch nach den Atomkriegen, schienen dieser Keller nutzlos zu werden und nur noch wenige sind heute übrig. Angeblich wurden sie einst angelegt, um mindestens hundert Jahre dort überleben zu können. Bis eben hielt ich es für dummes Gewäsch alternder Professoren, doch nun. Hm, es ist denkbar."
Stefan zuckte die Achseln. "Schön und gut, und war machen wir jetzt? Wir können Naftali nicht hier lassen. Ohne Zweifel ist er der lebende Beweis dafür, was hier einst vonstatten ging, das muss an die Öffentlichkeit. Menschenversuche und ihre Folgen für alle sichtbar!"
Naftali blickte zwischen Stefan und Michi ratlos hin und her. "Öffentlichkeit? Ich will an keine Öffentlichkeit, ich will zu den schönen Orten in meinem Buch. Darauf warte ich schon so lange."
Die drei beschlossen, ihm später beizubringen, dass die Orte in seinem Buch der Vergangenheit angehörten und nahmen ihn mit, zu ihrem Wagen. Dort erzählten sie den übrigen Studenten von ihrem Fund und Naftali wurde bestaunt und seine Existenz lebhaft diskutiert.
Ihn selbst kümmerte das wenig. Er blickte umher und suchte nach Anzeichen für die Landschaften, nach denen er sich so sehr sehnte. Doch alles, was er zu sehen bekam, war eine wüste Einöde aus Beton, Chrom und schwerem, grauen Dunst, der darüber hing. Sein Mut sank ein wenig und er unterbrach die Diskussion jäh mit einem Ausruf:
"Wann gehen wir jetzt endlich? Das hier mag ich nicht. Ich will entweder ins Haus zurück, oder weg, aber hier bleib ich nicht!"
Man packte ihn also ins Auto und fuhr mit ihm in die Stadt. Am Horizont erschien die wie ein Wall aus Dunkelheit und beim Näherkommen, wurde ersichtlich, dass die Smogschicht über den Dächern der Millionenmetropole zu einer undurchdringlichen Masse gestaucht war, durch die kein Tageslicht fallen konnte. Die Stadt wurde von Neonlicht erhellt und tauchte sie in ein unwirtliches Licht.
Naftali kauerte sich im Sitz des Vans zusammen und drückte sein Buch an sich.
"Wir zeigen dir jetzt die Welt von 2115!", rief Klara aus, als sie in ein Parkhaus einbogen.
Die Welt von 2115 war eine Welt, die soziale Not beseitigt hatte, oberflächlich jedenfalls. Die Kinder wurden in Brutkammern geboren, damit ihre Mütter ihre Arbeitskraft nicht einbüßen mussten und wurden dort ernährt und mit der erforderlichen Bildung ausgestattet, ehe sie im Alter von sechs Jahren herauskamen und in die Schulen eintraten. Ihre Bildung war zu diesen Zeitpunkt auf einem Level und es gab keine Defizite. Es gab Medikamente, um jede Lernschwäche auszugleichen, Behinderte wurden schon bei der Geburt ausgesondert und wenn die Kinder die Schulen verließen konnten sie alle mit gleichen Stand an Bildung und Wissen entscheiden, ob sie einen Beruf ergreifen, oder weiterlernen wollten. Unterschiede in der Bildung begannen erst hier und waren kein großes Problem.
Jeder hatte eine Wohnung, zu Essen, jeder war versorgt und, sobald alt genug, ein umfangreiches Freizeitangebot (in der Urlaubszeit, wenn die Arbeitskraft ein wenig aussetzen durfte, versteht sich).
Der Staat kontrollierte die öffentliche Ordnung und gestattete den erwachsenen Bürgern die Freiheit, die ihnen wohl zu stand. Gefängnisse hatte man abgeschafft, nachdem Gehirnwäsche legalisiert worden war und das Zusammenleben der Menschen war so geregelt, wie es sich ein braver Bürger nur wünschen konnte.
Naftali hörte sich die Schilderungen kommentarlos an, die ihm lebhaft vorgebracht wurden. Und am Ende hatte er nur eine Frage:
"Wo ist der Rest?"
Stefan sah ihn verwundert an. "Der Rest? Welcher Rest? Wenn du Tiere meinst, oder Pflanzen..."
"Das meine ich nicht."
"Aber die waren doch in deinem Buch. Das willst du doch sehen, als da müssen wir..."
Naftali unterbrach ihn, als spräche er mit einem dummen Kind (soweit dieser Vergleich überhaupt noch galt): "Hast du denn gar nichts begriffen?"
"Hä?"
"Das, worum es mit geht, wonach ich suche, seit ich gemacht worden bin, ist das, was alles zusammenhält. Ich suche nach Tieren und Pflanzen, ja, aber ich suche auch nach mehr."
Noch immer blickte Stefan ihn ratlos an.
"Liebe!", rief Naftali schließlich und betonte dabei jeden Buchstaben. "Die Liebe von Familien, die Liebe von Eltern zu den Kindern, die Liebe des Menschen zur Natur, die Liebe des Wesens, das ihr Gott nennt. Das ist es, was ich sehen und erfahren will. Ich habe davon gelesen. Hier, ist diesem Buch!"
Stefan lachte. "Ach so. Nun, das ist nicht mehr so, wie früher. Ich zum Beispiel, weiß gar nicht, wer meine Eltern sind. Unsere Liebe, Naftali, gilt nun der Gemeinschaft, unserem Schaffen für alle, so zu funktionieren, dass es allen gut geht, zu nützen. Eine Mutter nützt nicht, wenn sie an ihrem Kind hängt, das musst du doch begreifen."
"Und was liebst du?"
Stefan fühlte sich etwas überrannt. "Was ich liebe? Äh, ich liebe mein Studium."
"Und einen anderen Menschen? Michi magst du nicht, aber es muss doch jemanden geben, den du schon magst."
"Davon darf ich mich nicht beeinflussen lassen. Ich mag Michi nicht, aber das ist nützlich, weil ich dadurch, dass ich es nicht mag, dass er besser ist als ich, danach strebe selber besser zu werden. Also nütze ich. Aber wem, so frage ich dich, würde ich nützen, wenn ich während meines Studiums ständig an einen anderen denken müsste?"
Naftali starrte sein Buch an und setzte sich auf eine Bank, die nahe bei stand. "Also, gibt es diese Welt, die ich sehen will, nicht mehr?"
"Nein, es gibt eine bessere, ohne Leid und Elend."
"Es gibt keine wärmende Liebe mehr."
"Dafür haben wir Sicherheit durch den Staat und alle seine Einrichtungen."
"Und Familien gibt es auch nicht mehr."
"Dafür nützen wir der Gemeinschaft mehr."
"Und Gott?"
"Ist ein Hirngespinst der emotional, religiösen Welt, geschaffen für die Schwachen. Von der Wissenschaft als nie existent widerlegt worden. Da siehst du es mal, was wir alles jetzt haben."
"Und das alles kommt nie zurück?"
"Nein."
"Kann ich zurückgehen?"
"Nein, aber warum solltest du das wollen? Diese Welt hier ist perfekt."
Naftali schüttelte den Kopf. "Du verstehst noch immer nicht, ich habe umsonst gelebt."
"Das denkst du ernsthaft?"
Naftali nickte und starb.




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Eingereicht am 15. Februar 2004.
Herzlichen Dank an der Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.