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Tote Stille

Eine Kurzgeschichte von Daniel Zaidan


Glutrot stand die Sonne an diesem kalten Wintermorgen in den Häuserschluchten von Philadelphia.
Ihr goldenes Licht erhellte die menschenleeren Straßen und vertrieb die Schatten der Nacht, als würde sie wieder eine neue Hoffnung symbolisieren wollen.
Ein Neuanfang für eine Welt, über die das Chaos hereingebrochen war.
Eine unheimliche Stille lag schon seit vielen Monaten in der Luft, die jetzt durch das langsam und stetig ansteigende Geräusch von Rotorblättern erfüllt wurde.
Der Schatten eines Verkehrshubschraubers durchschnitt die Morgenröte und bahnte sich seinen Weg durch die einst so belebte Metropole.
Alles sah aus, als hätten die Menschen in größter Eile die Stadt verlassen und dabei keinerlei Wert mehr auf ihre Besitztümer gelegt.
Überall standen Autos kreuz und quer herum, Müll und Habseligkeiten lagen auf der Straße, die teilweise sogar von großem Wert waren.
Es schien, als hätte dies alles keinerlei Bedeutung mehr gehabt in diesen letzten Tagen einer untergehenden Zivilisation, die die meisten als "Apokalypse" oder "Tag des jüngsten Gerichts" bezeichnet hatten.
Die beiden Insassen des Helikopters hatten die Schrecken der vergangenen Monate erlebt wie kaum jemand sonst.
Peter, ein schwarzer Hühne mit durchtrainierter, kräftiger Figur, saß am Steuerknüppel und blickte mit einem traurigen, übermüdeten Gesicht auf die Geisterstadt hinunter.
Fran saß neben ihm.
Sie war eine hübsche, blonde Frau Anfang dreißig, der man die Strapazen und Verluste der letzten Monate stark ansah.
Sie hatte die Augen, unter denen sich schwarze Ringe gebildet hatten, geschlossen und hielt die linke Hand schützend auf ihren Bauch.
Sie mussten notlanden, denn die Nadel zeigte an, dass auch der Reservetreibstoff zur Neige gegangen war.
Immer wieder hatten sie zuvor versucht, außerhalb der Stadt, wo es weniger gefährlich war, Treibstoff und Nahrungsmittel aufzutreiben, aber erfolglos.
Nun war die einzige und letzte Möglichkeit nur noch, hier ihr Glück zu versuchen.
Peter sah Fran an, die noch immer schlief und beschloss, sie vorsichtig zu wecken.
"Fran"
Sofort schreckte sie auf. Die Wachsamkeit und trotz des Schlafes stets in Alarmbereitschaft zu bleiben, gehörte schon zu ihren normalen Verhaltensweisen.
"Wir sind jetzt in der Stadt", sagte Peter, "uns bleibt nichts anderes mehr übrig, als zu landen."
Fran massierte ihren Nacken und streckte sich. "Schon irgendetwas gesehen?" fragte sie schläfrig.
"Bis jetzt scheint alles friedlich zu sein. Hoffen wir, dass es so bleibt."
Er hielt den Helikopter jetzt konstant über dem Dach eines etwa dreißig Meter hohen Wohnblocks mit zehn Stockwerken, um dann langsam und mit sicherer Hand zur Landung anzusetzen.
Wieder stand Frans Körper unter Anspannung.
In der Luft fühlte man sich sicher, doch jedes Mal wenn sie wieder landen mussten, machte sich erneut dieses Gefühl von Beklemmung in ihrer Magengegend breit.
Sie griff hinter ihren Sitz und holte die geladenen M-16-Sturmgewehre hervor.
Die Kufen des Hubschraubers setzten sanft auf dem weißen Kies des Flachdaches auf und Peter stellte den Motor aus.
Beide blieben noch so lange sitzen, bis die Rotorblätter zum Stillstand gekommen waren.
Wieder war es unheimlich still und Fran war kalt.
Vor ihrem Mund konnte sie den Atem aufsteigen sehen und das Geräusch, das sie dabei erzeugte, als sie den Reißverschluss ihrer Daunenjacke weiter nach oben zog, erschien ihr in der Kanzel und in Anbetracht dieser Totenstille unglaublich laut.
Sie blinzelte in die Sonnenstrahlen, die jetzt langsam über den Dachrand stiegen und spürte die angenehme Wärme in ihrem abgekämpften, müden Gesicht.
Etwa zehn Meter vor ihnen konnten sie den überdachten Eingang sehen, der ins Innere des kahlen Wohnblocks führte.
Peter öffnete die Tür des Cockpits und sprang heraus, während Fran noch auf ihrem Sitz wartete. Das Gewehr hatte er sich über die Schulter gestreift und ging nun langsam auf die graue Stahltür des Eingangs zu.
Er trug immer noch die alte, blaue Uniform des S.W.A.T.-Teams, obwohl sie schon längst andere Kleidung hatten auftreiben können und die mobile Einsatzwache der Polizei, der Peter angehört hatte, gar nicht mehr existierte.
Es schien, als wolle er sich damit all seine Erinnerungen an vergangene Tage bewahren. Sie gab ihm vermutlich wieder ein Gefühl von Hoffnung.
Hoffnung, von der sie allerdings mehr besessen hatten, als sie noch zu Viert waren.
Peter, Roger, Steven und Fran. Sie spürte wieder, wie ihr die Tränen in die Augen stießen.
Ihre Hand streichelte ihren Bauch.
Wenn du doch bloß noch bei uns wärst, Steven.
Peter drehte den Stahlknauf herum.
Wie er es angenommen hatte, war die Tür verschlossen.
Der Salve seines Gewehrs konnte das Schloss jedoch nicht standhalten und die Tür sprang auf.
Der Eingang des Treppenhauses wurde nur im Schwellenbereich erhellt, dahinter, kurz nach der ersten Stufe, die hinab ins Gebäude führte, herrschte absolute Finsternis.
Peter konnte kein Geräusch hören, außer Frans Schritten auf dem knirschenden Kies.
Er drehte sich zu ihr um.
"Diese Stille ist beängstigend", flüsterte sie und streifte die M-16 von der Schulter.
"Gefällt mir auch nicht", murmelte Peter und tastete nach einem Lichtschalter im Türbereich.
Nach einem kurzen Flackern lag das Treppenhaus mit seinen kalkweißen, kargen Wänden vor ihnen. Graue, schmutzige Stufen führten hinunter ins Ungewisse. Am obersten Zwischenpodest befand sich eine Stahltür mit Glasfenster, hinter der ein Fahrstuhlschacht lag.
Peter beugte sich über das Geländer und blickte in das Treppenauge hinab.
Zu sehen war zwar nichts, aber der vermeintliche Frieden hatte sie schon mehr als oft getäuscht.
"Wie die Ruhe vor dem Sturm", sagte er leise, "aber wir haben keine Wahl. Bleib dicht hinter mir."
Vorsichtig schritten sie nun Stufe um Stufe hinab, die Sturmgewehre abschussbereit im Anschlag.
Im obersten Stock befand sich jeweils links und rechts von der Treppe ein Apartment, dessen verschlossene Eingangstüren sich gegenüber lagen.
"Zur Seite", flüsterte Peter und wich einige Schritte zurück.
Die mahagonifarbene Holztür brach ächzend aus den Angeln, als er ihr einen Tritt verpasste, die einem Menschen den Schädel von den Schultern hätte reißen können.
Vor ihnen breitete sich ein langgestreckter Flur aus, an dessen Ende sich eine offene Glastür befand, durch die schwach das Tageslicht hineinflutete. Alle anderen Räume befanden sich an den Seiten des Flures.
Fran zählte zwei Zimmer links und drei Zimmer rechts.
Die Apartments waren genau so trist und zweckmäßig geplant worden, wie der gesamte Wohnkomplex.
Peter arbeitete sich vorsichtig Raum für Raum vor, stieß aber auf nichts ungewöhnliches, während Fran an der Eingangstür die Stellung hielt, immer abwechselnd die Treppe und ihren Freund im Blick behaltend.
Peter trat nun mit seinem Fuß vorsichtig die Glastür auf, hinter der sich der letzte Raum befand: Ein elegantes, etwa dreißig Quadratmeter großes Wohnzimmer, sonnenlichtdurchflutet, mit großzügiger, nach Süden gerichteter Glasfront, die von der Decke bis zum Boden reichte. Von hier aus fiel der Blick auf die gegenüber liegenden Hochhäuser und die menschenleeren Straßen im roten Morgenlicht.
Wie im Flur waren die Wände des Zimmers weiß gestrichen und der Boden von feinem, hellgrauen Velours-Teppichboden bedeckt. Die Möbel waren modern und die gesamte Wohnung war in einem aufgeräumten, sauberen Zustand. Nichts deutete auf eilige Flucht hin.
"Ist alles in Ordnung?", hörte er Frans Stimme im Eingangsbereich.
"Alles okay. Hier ist niemand."
Peter drehte sich um und schritt durch den Flur auf Fran zu.
"Wenn das hier in allen Wohnungen so friedlich ist, haben wir mehr als Glück", sagte er.
Fran sah besorgt aus. "Warten wir ab."
Die anderen Stockwerke waren genau so aufgebaut und auch in den anderen Wohnungen war nichts Auffälliges zu entdecken.
Ebenfalls waren sie in einem normalen Zustand verlassen worden.
Es lagen noch zwei Apartments und der Keller vor ihnen, als sich Peter an die Wand des Treppenhauses lehnte und einen Schluck aus der Feldflasche nahm, die er immer bei sich trug.
Fran sah zu, wie er kurz sein Gesicht verzog, aber der Whisky tat ihm gut, auch wenn er noch so einen fahlen Beigeschmack hatte.
Er wollte es Fran nicht schwer machen, aber in dieser angespannten Lage verlangten seine Nerven jetzt einfach nach einer Zigarette.
Fran hatte das Rauchen aufgegeben, seit sie wusste, dass sie schwanger war.
Auch wenn es ihr schwer fiel, zu widerstehen, blieb sie hart und nahm es Peter nicht übel, dass er nun vor ihr rauchte.
Nicht ihm, der ihr in den letzten Monaten unzählige Male das Leben gerettet hatte.
Peter nahm noch einen kräftigen Schluck.
Totenstille umgab sie in dem sterilen Treppenhaus, als der plötzlich auftretende Ausdruck in Peters Augen Frans Puls nach oben jagte.
Sofort festigte sich ihr Griff um den Lauf ihrer Waffe.
"Was ist das?", flüsterte Peter unruhig. Vorsichtig griff er nach der M-16, die neben ihm an der Wand lehnte und beugte sich über die Treppenbrüstung.
Fran konnte zuerst nichts hören, aber dann nahm sie es auch war. Es hörte sich an, als ob etwas über den Boden geschliffen wurde.
"Das kommt von unten", flüsterte sie unruhig.
Den Lauf des Gewehres vor sich her gerichtet stieg Peter die Stufen hinab.
Fran wollte ihm hinterherkommen, aber er machte ihr mit einer Handbewegung deutlich, dass sie lieber auf dem Treppenabsatz warten sollte.
Er sah, dass die linke der beiden Haustüren im Erdgeschoss einen winzigen Spalt breit aufstand. Die rechte Tür war verschlossen.
Trotz der niedrigen Temperatur im Gebäude spürte Peter, wie sich kalter Schweiß auf seiner Stirn bildete, als sein Blick auf die Haupteingangstür des Wohnblocks fiel, die einige Meter vor ihm lag und nur noch halb in der Zarge hing.
Die Geräusche waren verstummt.
Er horchte in die Totenstille hinein und blickte langsam durch den Spalt der linken Wohnungstür...
Fran hielt es nicht aus, dass Peter aus ihrem Blickfeld verschwunden war.
Obwohl sie oben alles durchsucht hatten und sie sich hier relativ sicher fühlte, wollte sie ihm beistehen.
Langsam und so lautlos wie möglich ging sie die steinige Treppe hinab.
Die M-16 beruhigte sie nur wenig, denn bei einem Überraschungsangriff war es immer verdammt schwer, genau zu treffen.
Ihr Blick fiel auf den Hauseingang und die dahinter liegende, leere Straße.
Die Tür steht so weit auf, dass sie uns bald überraschen werden, wenn wir hier zu laut sind, Gott steh uns bei...
Peter befand sich inzwischen im Flur der Wohnung und das Chaos, das er vorfand, bestätigte seine Vorahnung, dass auch dieses Haus nicht von der Katastrophe verschont geblieben war.
Anders als in den anderen, oberen Stockwerken, musste hier regelrecht gewütet worden sein.
Schränke waren umgerissen und sämtliche Besitztümer der ehemaligen Bewohner waren in der Wohnung zerstreut und teilweise zerstört.
Sein Blick fiel auf einen kleinen Stoffhasen, der auf dem Boden lag und auf die rotbraunen Flecken daneben.
Auch im Wohnzimmer war es das gleiche Bild, aber er konnte die Ursache für das Geräusch hier nicht finden.
Plötzlich wirbelte er herum, nahm jedoch sofort wieder den Finger vom Abzug.
"Fran, du solltest doch oben warten"
"Das Geräusch war wieder da", flüsterte sie, "es ist im Keller!"
Ausgerechnet im Keller funktionierte das Licht nicht.
Dass sie überhaupt etwas erkennen konnten, lag an den zwei kleinen, vergitterten Fenstern an der rechten Seite des langen Gangs, der am Ende einen Knick nach links machte, wo man vermutlich so gut wie gar nichts mehr sehen konnte.
Auf der anderen Seite des Gangs waren aneinandergereiht die Kellertüren, die zu den jeweiligen Wohnungen gehörten.
"Lass uns von hier verschwinden", flüsterte Fran, denn das Geräusch war nun viel lauter zu hören.
Peter blieb stehen und drehte sich um.
"Wir werden bleiben. Bis auf eine Wohnung haben wir jetzt alle durch. Die anderen sind fast alle in perfektem Zustand, dass heißt, wir finden bestimmt auch Nahrungsmittel."
"Wer weiß, wie viele es sind."
"Das Risiko müssen wir eingehen", erwiderte er mit ruhiger Stimme, "Außerdem haben wir keinen Sprit mehr, um hier abzuhauen und wer weiß, wie es in anderen Gebäuden aussieht."
Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. "Wenn ich mit denen hier fertig bin, werden wir sofort versuchen, die Eingangstür zu verbarrikadieren."
Sie standen jetzt genau an der Stelle, von wo aus der Gang seinen Knick machte.
Peter verharrte kurz und blickte vorsichtig um die Ecke.
Soweit man es in diesem düsteren Dämmerlicht sehen konnte, verlief der Gang noch ungefähr vier Meter geradeaus und öffnete sich dann in einen größeren Raum, der völlig dunkel war. Innerlich zweifelte er, ob es tatsächlich eine gute Idee war, in diesem Haus zu bleiben.
Die Geräusche waren verstummt.
"Okay. Ganz dicht hinter mir bleiben", flüsterte Peter, "sobald sich etwas bewegt, schießt du, klar?"
Er legte an, und den Lauf auf das unbekannte Ziel gerichtet, bewegte er sich auf den Raum zu.
Im Erdgeschoss hatte sich lautlos eine Wohnungstür geöffnet.
Es war das einzige Apartment, das Fran und Peter nicht durchsucht hatten.
Das Wesen spürte die Anwesenheit der Eindringlinge und fühlte instinktiv, wo diese sich aufhielten.
Mit etwas unbeholfenem Gang machte es sich die Treppe hinab auf die Suche nach ihnen...
Peters Herz raste.
Auf einen Angriff vorbereitet ging er langsam auf den großen, dunklen Kellerraum zu.
Zuerst konnte er in der Dunkelheit kaum etwas erkennen, doch dann fiel ihm eine Bewegung in der rechten Ecke auf.
Ein Schatten war zu sehen, der langsam die Wand entlang, auf ihn zukam, begleitet von den schlurfenden Geräuschen.
Ein anderer Schatten auf der anderen Seite verlor sich im Dunkel.
Die Schritte kamen näher und Peter legte an.
Frans plötzlicher Aufschrei riss ihn aus der Haltung.
Er drehte sich um und sah die Kreatur, die sich von hinten an Fran herangeschlichen hatte, die den Kolben des Sturmgewehres blitzschnell und mit der Wucht eines Dampfhammers in das verunstaltete Gesicht des Angreifers rammte.
Der Humanoid wankte zurück, doch schien er keinerlei Schmerz zu empfinden.
Seine Fratze war nun endgültig zur Unkenntlichkeit verunstaltet. Er riss das Maul auf und wütende, unmenschliche Laute hallten durch den Keller.
Der Schuss aus Peters Waffe traf die Kreatur genau zwischen die Augen und brachte sie zur Strecke.
"Vorsicht!", schrie Fran und deutete auf zwei weitere Angreifer, die relativ schnell für ihren Zustand auf Peter losgingen, der sofort zurückwich.
"Gütiger Gott!", entfuhr es ihm, als er sah, dass einem der menschenähnlichen Wesen die eigenen Innereien um die Beine baumelten.
Peter wusste nicht, ob ihn eher der körperliche Zustand dieses Wesens mit Grauen erfüllte, oder diese weißen, toten Augen.
Mit nachhängendem Bein arbeitete sich das Wesen an der Wand entlang direkt auf Peter zu.
Der andere war schneller, obwohl er eine extreme Leibesfülle aufwies.
Knapp zwei Meter trennten ihn noch von Peter, da jagte die Kugel der Kreatur das Hirn aus dem Hinterkopf.
Fran hörte ein sattes Klatschen, wie Mörtel, der auf Stein trifft, bevor der Unhold mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden fiel.
Peter ließ den anderen Humanoiden ganz nah herankommen, bis er sein Sturmgewehr umdrehte und wie einen Baseballschläger gegen dessen Schädel schmetterte.
Das Wesen drehte sich einmal um seine eigene Achse und brach zusammen.
Wie im Wahn schlug Peter immer wieder auf den Kopf des Wesens ein, der mit knackendem Geräusch schon längst nachgegeben hatte.
Fran wandte sich ab und hielt sich die Ohren zu.
Es dauerte noch ungefähr zehn dumpfe Schläge, bis Ruhe war.
Dann drehte sie sich zu Peter um, der sie mit müdem Blick ansah. "Die Tür...", sagte er, "wir müssen die Eingangstür verbarrikadieren."

2
Es grenzte an ein Wunder, dass keine der menschenähnlichen Kreaturen mehr aufgetaucht war, obwohl Peter fest damit gerechnet hatte, beim Aufstieg aus dem Keller auf weitere von ihnen zu treffen.
Die Schüsse hätten sie normalerweise anlocken müssen, aber sie hatten Glück.
Sofort machte Peter sich daran, die letzte Wohnung zu inspizieren, während Fran vom Haupteingang aus die Strasse im Blick behielt.
Alles blieb friedlich.
Peter fand sogar eine Schublade mit Werkzeug und so hoben sie einige der Holztüren aus den Scharnieren und nagelten sie vor den Eingang des Wohnblocks, so gut es ging.
Es dauerte nicht lange, da hatten sie die Tür gesichert.
"Das müsste reichen", sagte Peter erleichtert, "hätte nicht gedacht, dass die Nägel so leicht in die Wand zu schlagen sind."
Fran atmete auf. Sie hatte die ganze Zeit furchtbare Angst, dass das Gehämmer die Kreaturen nun endgültig auf ihre Fährte gelockt haben könnte, aber diese Befürchtung erwies sich als unbegründet, so seltsam es auch war.
Peter ging zur Treppe und setzte sich auf die letzte Stufe. Er holte seine Feldflasche heraus und nahm einige kräftige Schlücke.
Dann blickte er Fran an. " Du hältst dich tapfer."
Sie drehte sich in Richtung Tür um und spähte durch die Ritzen. "Ich frage mich, wozu wir das alles noch machen."
"Um zu überleben", murmelte Peter und nahm wieder einen Schluck, "und für Roger und Steven."
Fran schloss die Augen.
"Ich weiß, dass es schwer für dich ist", sagte Peter wieder in seiner gewohnten, ruhigen Art, die allen früher immer ein Gefühl von Mut und Hoffnung gegeben hatte, "ich vermisse die beiden auch, aber wir sind es ihnen schuldig."
Er war jetzt an Fran herangetreten.
"Fran, wir müssen weitermachen", sagte er leise und sie roch den Whisky.
"Als du vorhin da unten diesen... diesen Kerl... Ich dachte, du verlierst den Verstand..", sagte Fran und ihre Stimme zitterte.
Sie drehte sich zu dem ehemaligen S.W.A.T. Polizisten um, der sie fest an sich drückte.
"Ich habe so schreckliche Angst!", schluchzte sie und verlor jegliche Fassung.
"Schon gut.. alles wird wieder gut", flüsterte er ihr ins Ohr und ihr Körper bebte in seiner Umarmung.
"Wir müssen weiter machen", sagte er und drückte sie fester, "sonst war ihr Tod umsonst. Wir müssen überleben.. wir..."
Seine Stimme stockte.
"Wir müssen überleben" sagte er noch einmal.
Als sich Fran nach ungefähr zehn Minuten wieder beruhigt hatte, beschlossen sie, in der Wohnung, die sie als erstes durchsucht hatten, zu übernachten.
Der Fahrstuhl war defekt und so mussten sie die zehn Stockwerke hinaufsteigen.
Fran fand im Kühlschrank zwar einiges zu essen, doch es hatte schon alles längst das Haltbarkeitsdatum überschritten.
In einem kleinen Hängeschrank befanden sich nur einige Konserven und so versuchte sie, wenigstens etwas halbwegs Schmackhaftes zusammen zu zaubern. Das Mahl passte zwar nicht zur Tageszeit, doch beide waren inzwischen für jeden Tag dankbar, an dem sie satt wurden.
Peter befand sich in der Zwischenzeit im Wohnzimmer und versuchte, ein Bild im Fernseher zu empfangen, doch egal, welchen Kanal er auch ansteuerte, es blieb bei diesem furchtbaren Schneegestöber.
Er ließ das Bild einfach weiter laufen, als sie schweigend ihr Mahl zu sich nahmen.
Nachdem sie gegessen hatten, waren sie den ganzen Tag über damit beschäftigt, alles an notwendigen Dingen aus den restlichen Wohnungen zusammen zu suchen, damit sie solange wie möglich mit allem versorgt waren, was sie zum Leben brauchten.
Dass der Fahrstuhl nicht funktionierte, erschwerte die Sache ungemein und so verflogen die Stunden wie im Flug.
Als es Abend geworden war, ging Fran ins Schlafzimmer, um frische Bettwäsche aus dem Schrank zu holen und die Decken und Kissen neu zu beziehen.
Als sie zurück ins Wohnzimmer kam, um Peter zu holen, lag dieser in seiner blauen Uniform auf der Wohnzimmercouch und hatte die Augen geschlossen.
Sie holte eine der Bettdecken und legte sie über ihn.
Dann schlich sie zur Tür und löschte das Licht.
Peter hörte, wie Fran ins Schlafzimmer zurückging und ins Bett stieg. Nachdem er eine Weile gewartet hatte, richtete er sich auf und griff nach seiner Feldflasche.
Er nahm einen großen Schluck, erhob sich vom Sofa und schaltete den Fernseher wieder an. Erst im Morgengrauen schlief er ein.
Das Bild flackerte noch immer in verstörendem Schwarz-Weiß.




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Eingereicht am 06. Januar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.