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Kurzgeschichtenwettbewerb "Schlüsselerlebnis"

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Der Mann auf der Bühne

© Simone Weizenegger


Mein Herz klopft wie verrückt, als ich mich durch die Reihen kreischender Fans dränge, um möglichst nahe an der Bühne zu sein. Ich habe so lange gewartet. Und ich wusste immer, dass dieser Moment kommen würde. Für mich gibt es keinen Zweifel, ich lasse keinen zu. Nichts kann mich von der Überzeugung abbringen, dass ich ihm bald gegenüber stehen werde. Er wird mich sehen zwischen den Tausenden seiner Fans und sofort wissen, dass wir zusammen gehören, dass ich ihn kenne wie niemand sonst, so wie ich es vom ersten Moment an wusste. Die Menge pulsiert wie mein Herz. Alle warten nur auf ihn und hoffen auf einen Blick von ihm, ein Lächeln, ein Zeichen, irgendwas. Ich möchte laut lachen, denn ich weiß es besser. Sie hoffen umsonst, denn er wartet nur auf mich. Um mich herum tobt die Menge, aber ich fühle in mir eine große Ruhe und Sicherheit, wie ich sie normalerweise nur spüren kann, wenn ich seine Stimme höre. Jetzt dauert es nicht mehr lange.
Endlich betritt er die Bühne. Und es fährt wie ein Stich in mein Herz, ein Schauer läuft über meinen gesamten Körper, den ich in diesem Moment spüre wie noch nie zuvor. Er ist mir so vertraut, blind und taub könnte ich sein, ich würde seine Anwesenheit dennoch wahrnehmen. Alle um mich herum kreischen und schreien bei seinem Anblick, springen auf und ab und winken, gieren sinnlos nach einem bisschen Aufmerksamkeit von ihm. Ich lächle überlegen. Sie kennen ihn nicht so wie ich und wissen nicht, dass sie ihn damit nicht beeindrucken können. Sie sind eben nicht wie ich. Nichts dergleichen muss ich tun, damit er mich sieht. Nur hier sein, das ist alles. Er beginnt zu singen, und es wird still. Keiner meiner Blicke verfehlt ihn, keiner seiner Töne verfehlt mich. Ich nehme alles in mich auf und spüre das Band zwischen uns. Siehst du, dass ich hier bin? Ich bin endlich da und werde dich nie wieder verlassen. Lange stehe ich da, regungslos, die Hände auf das Geländer vor mir gelegt, das uns trennt, den Blick nach oben gerichtet, immer auf ihn. Er hat noch kein einziges Mal in meine Richtung gesehen. Spürt er, dass sich sein Leben dadurch für immer verändern wird? Aber ich habe Zeit. Nichts kann mich erschüttern, ich fühle mich unbesiegbar, jetzt, da ich am Ziel bin. Er singt weiter, jetzt kommt mein Lieblingslied, unser spezielles Lied, und er singt es nur für mich, hat es eigens für mich geschrieben. Neben mir brechen die Mädchen weinend zusammen, aber ich stehe weiter da, mit unheimlicher Ruhe, wartend, nicht hoffend, sondern wissend. Plötzlich spüre ich wieder diesen scharfen Schmerz, es ist geschehen, er hat mich angeschaut, nur für den Bruchteil einer Sekunde. Unsere Augen trafen sich, und hätte ich vorher noch den geringsten Zweifel gehabt, so wäre er jetzt verschwunden. Dieser Blick war ein Versprechen, das nur mir galt und das nur ich verstehen konnte. Warte noch ein kleines bisschen, sagte er mir. Und ich warte. Es macht mir nichts aus, ich weiß ja, wie die Geschichte ausgehen wird. Ich muss wieder lächeln, leicht verlegen diesmal. Ja, es ist kitschig, wie in einem Stück von Shakespeare. Aber so muss es doch sein mit der Liebe, oder etwa nicht? Ich jedenfalls kenne sie nicht anders, eigentlich kenne ich sie überhaupt nicht, außer aus Büchern und wie jetzt aus der Ferne. Für einen Moment bin ich traurig, die Einsamkeit packt mich wieder, das Wissen, das ich allein bin und immer allein sein werde. Dieses Gefühl ist für einen Moment stärker als die Gewissheit, dass er zu mir gehört. Doch dann sehe ich ihn wieder an, höre seine Stimme und alles wird wieder hell. Zwei Seelen, die sich gefunden haben und sie wissen es endlich beide. Einen Moment noch genieße ich dieses Gefühl. Dann wird es Zeit zu handeln. Es fällt einem nichts in den Schoß, man muss um alles kämpfen, auch wenn es vorbestimmt scheint. Ich habe gekämpft, und ich werde weiterkämpfen, mit der Belohnung vor Augen.
Das Konzert ist vorüber. Er lächelt ins Mikrofon und sagt ein paar nette, nichtssagende Worte hinein, ein Dank an sein Publikum. Er verlässt die Bühne ohne sich nochmals nach mir umzusehen. Für einen Moment bin ich beunruhigt, doch dann fällt mir ein, dass er sicher hinter der Bühne auf mich wartet. Ich sollte mich beeilen. Und auch diesmal passt alles zusammen. Die Security ist mit den außer Rand und Band geratenen Fans so beschäftigt, dass sie mich übersehen. Es hat seinen Vorteil, unauffällig auszusehen. Ohne dass mich jemand aufhält verschwinde ich anonym in der Dunkelheit und erreiche den Seiteneingang zum Backstage-Bereich. Es ist so einfach, dass ich es kaum glauben kann. Wieder muss das Schicksal seine Hand im Spiel haben. Niemand behelligt mich. Und wenn er mich erst gefunden hat, kann mir sowieso niemand mehr etwas anhaben. Trotzdem möchte ich kein Risiko eingehen. Ich verstecke mich hinter einer Säule und beobachte den Gang. Erst wenn er da ist, werde ich mich zeigen. Wieder warte ich. Schließlich höre ich seine Stimme, immer näher kommt sie, immer schneller schlägt mein Herz. Ich wage einen vorsichtigen Blick, noch kann ich ihn nicht sehen, aber er scheint nicht allein zu sein, er unterhält sich mit jemandem, spricht und lacht, und selbst auf diese Entfernung hört es sich zärtlich an. Und dann höre ich sie. Eine Frauenstimme, weich und warm, ganz anders als meine. Mir wird eiskalt. Meine Fingernägel krallen sich in meine Handfläche, reißen sie auf und lassen sie bluten wie mein Herz. Aber noch immer klammere ich mich an die Hoffnung. Jetzt kann ich sie sehen. Sie ist nicht so wie ich. Ihre Haare sind hell, lang, schwingend, weich. Ihr Lächeln ist strahlend, wenn sie ihn ansieht. Sie hält seine Hand. Warum erlaubt er ihr das? Dann sehe ich es. Den goldenen Ring an seinem rechten Ringfinger. Der gleiche an ihrem. Jetzt zieht sie seine Hand nach oben und betrachtet ihn. "Wie schön, du hast ihn wieder angesteckt!" sagt sie und lacht glockenhell. "Weißt du", meint er nachdenklich, "ich will ihn jetzt immer tragen. Auch auf der Bühne. Ich will, dass jeder weiß, dass wir verheiratet sind. Und mir ist egal, was mein Agent sagt. Wer meine Musik gern hört, wird sich daran nicht stören. Und diese hysterischen, verrückten Mädchen die sich einbilden, in mich verliebt zu sein, interessieren mich überhaupt nicht. Jetzt lass uns ins Hotel gehen, ich möchte mit dir allein sein."
Wieder laufen mir Schauer über den Rücken, ein Dolch nach dem anderen trifft mein Herz. Doch diesmal ist es nicht der Schmerz der Freude und Erwartung, sondern ein dunkler, kalter, der mir die Luft zum Atmen nimmt und alles, was in meinem Leben schön war. Ich trete aus der Dunkelheit und sehe den beiden nach. Sie gehen Hand in Hand, eine Einheit wie er und ich sie niemals bilden werden. Mein Wahnsinn wird mir auf einer Ebene klar, auf einer anderen spüre ich nur den Schmerz der Zurückweisung, die grausame Gewissheit, dass ich ihn unwiderruflich verloren habe, nein, die viel schlimmere Gewissheit, dass er mir nie wirklich gehört hat und den Wunsch nach Rache. Ich will ihnen so weh tun wie sie mir. Langsam kommt wieder Leben in mich. Ich fange an zu laufen, in die Richtung, in die sie verschwunden sind, halte mich dabei im Dunkeln um nicht gesehen zu werden. Schließlich erreiche ich eine Tür. Ich öffne sie vorsichtig. Regen peitscht mir ins Gesicht, es stürmt draußen und die Tür lässt sich kaum öffnen. Es ist stockdunkel und im ersten Moment kann ich nichts sehen. Dann bemerke ich die Menschentraube, die sich ein paar Meter entfernt um eine Limousine geschart hat. Ich laufe darauf zu und dränge mich durch. Da steht er, verteilt Autogramme, lacht und scherzt mit seinen Fans, als sei nichts geschehen. Sie ist nirgendwo zu sehen. Dann erhasche ich einen Blick auf ihren Schatten im Inneren des Wagens und fluche innerlich. Wie soll ich an sie rankommen? In meiner Hosentasche fühle ich das Klappmesser, das ich immer bei mir trage, das einzige Geschenk meines Vaters, der mich ebenso verraten hat wie der Mann vor mir. Jetzt kommt er auf mich zu. Lächelt mir an, geübt, einstudiert, wieder treffen sich unsere Augen. Seine sind so kalt wie meine. Ich sehe keine Herzlichkeit, keine Wärme, keine Liebe für mich. Nur den Wunsch, mich möglichst schnell abzufertigen. "Willst du ein Autogramm?" fragt er. Ich blicke nur starr in sein Gesicht, ich muss auf ihn wirken wie eine Verrückte, verglichen mit seiner Frau. Die Haare strähnig vom Regen, der ungeschickt aufgemalte Lidstrich mitsamt der Wimperntusche verlaufen, das Gesicht fahl über dem schwarzen Pullover. Sehe ich Mitleid in seinem Blick? Ekel? Langeweile? Es kommt mir so vor, als wären all diese Dinge in ihrer ganzen Konzentration auf mich gerichtet. Und obwohl der Hass in mir aufsteigt, hervorgerufen durch seine gönnerhafte Art mich zu behandeln, kann ich nichts tun, ich bin wie gelähmt und kann ihn nur anstarren wie eine Idiotin. Die Hoffnung ist noch immer nicht gestorben. Da schiebt sich jemand vor mich, meine bettelnden Augen treffen einen schwarzen Rücken und der Moment ist vorbei. Ich sehe nicht, wie er in die Limousine steigt. Ich weiß nur einige Sekunden später dass er weg ist und die ganzen letzten Jahre mitgenommen hat. Nichts ist mir geblieben.
Die Menschenmenge löst sich auf, alle gehen paar- und gruppenweise weg. Nur ich stehe immer noch da und fühle den Regen an mir herabfließen. In mir Leere, um mich herum Leere. Da fange ich an zu rennen. Ich laufe, bis ich eine Brücke erreiche, unter der sich zäh und dunkel ein Fluss bewegt. In meiner Tasche liegt, unangetastet und unbenutzt, das Messer. Ich hole es heraus und lasse es aufspringen. Wie so oft bewundere ich die glatte, scharfe Klinge und ziehe sie mit geübter Präzision über meinen linken Unterarm, der von Narben schon übersät ist. Der Anblick des Blutes beruhigt mich, es ist das sicherste Zeichen dafür, dass ich noch lebe, auch wenn ich nichts mehr fühlen kann. Doch dann halte ich inne. In mir steigt ein Gedanke auf, der sich nicht abschütteln lässt, der Gedanke, wie ich als glückliches, ahnungsloses Kind zwischen meinen Eltern laufe und frei bin von der Qual unerwiderter Liebe. Aber ist das Liebe? Sich an jemanden zu klammern, den man nur von Bildern kennt, sich einzubilden, man wüsste um seine innersten Gedanken und Gefühle und wie besessen dem Leben nur diesen einen Sinn zu geben? Was bringt es, sich deswegen selber weh zu tun? Ich klappe das Messer wieder zu. Eine Weile wiege ich es in meiner Handfläche, dann lasse ich es fallen. Es verschwindet mit einem leisen Platschen und mit ihm der Wahnsinn der letzten Jahre. Auf einmal bin ich wieder frei und fühle zum ersten Mal, dass ich nur für mich selber lebe. Und da ist sie wieder, diese Ruhe. Diesmal gehört sie wirklich mir, sie ist nicht mehr abhängig von dem Mann auf der Bühne. Und sie folgt mir, auch als ich mich umdrehe und nach Hause gehe.



Eingereicht am 27. Februar 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.



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