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Kurzgeschichtenwettbewerb "Schlüsselerlebnis"

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Das Glück liegt auf der Straße

© Markus Saxer


Nach der Scheidung von meiner Frau kippte die Welt aus ihrer gewohnten Achse und mein Leben verwandelte sich in einen Scherbenhaufen. Tagtäglich versuchte ich erfolglos aufs Neue, diese Fragmente zu einem Ganzen zu fügen. Ausgebrannt hockte ich im überfüllten Morgenbus und spürte, wie das Alltagsgrau nach diesem unberührten Tag griff, ihn mir entriss und mir stattdessen eine zweidimensionale Schablone vor die Füße warf, die ihm nur aus der Ferne ähnelte. Langsam gondelte der Bus durch den Stadtwald. Ein gleißender Speer aus Sonnenlicht, der plötzlich die Baumkronen durchstieß, kitzelte mich und wollte mich zum Leichtsinn anstiften. Ich gab ihm nach und verschenkte meinen Fahrschein an einen Penner neben mir. Als wenig später die Tickets kontrolliert wurden, hatte er zwei davon und ich keins. Der Penner grinste und zwinkerte mir zu. Wie Sirup breitete sich eine leichte Erregung in meinem Magen aus, als ich geschnappt wurde. Ich war nur ein Banalabenteurer. Der nächste Halt war für mich Endstation. Ich wurde ins Büro der Städtischen Busbetriebe geführt, wo man meine Personalien aufnahm und mir eine Ordnungsbuße aufbrummte. Ein Blick auf meine Uhr machte mir bewusst, dass ich seit zwanzig Minuten hinter dem Bankschalter stehen sollte. Das versprach Ärger, vor allem mit Riesen, dem Prokuristen, einem abgehalfterten Fünfzigjährigen ohne jeden Sinn für Humor. Auf dem Weg zur Bank sah ich den Penner wieder. Die ausgemergelte Gestalt mit dem dünnen Hals schien einem Gemälde von El Greco entstiegen. Seine Augen leuchteten auf, als er mich wiedererkannte. Ich blieb stehen und nahm das Portemonnaie zur Hand, um ihm ein paar Münzen in den umgedrehten Hut am Boden zu werfen, aber ich hatte kein Kleingeld. Er heftete den Blick auf meinen Seidenschlips von Armani. Ich streifte ihn vom Hals und schenkte ihm die Krawatte. Lächelnd ließ er sie in einer ausgebeulten Tasche seines zerschlissenen Trenchcoats verschwinden. "Das Glück liegt auf der Straße", murmelte er in sein Bartdickicht.
Um halb neun wurde ich von meinem Arbeitskollegen Tom, der mich eine halbe Stunde lang am Schalter vertreten musste, mit wütenden Blicken abgestraft. Ich loggte mich in den Computer ein. Tom verschwand. Abwesend wechselte ich einer Kundin Traveller Checks für tausend Franken. Jemand räusperte sich hinter mir. Ich warf einen Blick über die Schulter. Es war Riesen, der gekommen war, mir für meine Verspätung eine Rüge zu erteilen. Während ich mich zu ihm umwandte, realisierte ich, dass mein Hemd mangels Krawatte bis zur Brust geöffnet war - in den Augen des Prokuristen ein Sakrileg gegenüber den strengen Kleidervorschriften, die ein Schalterbeamter wie ich gefälligst einzuhalten hatte. Er selbst trug eine breite, schreiend rote Krawatte und beorderte mich in sein Büro. Kurz nach elf saß ich ihm gegenüber. Sein teigiges Gesicht mit den verschwommenen Augen musterte mich, als wäre ich Ungeziefer. Die wenigen grauen Strähnen, welche die Jahre ihm gelassen hatten, waren penibel über das ganze Haupt verteilt; der klassische Querkämmer in Polyesterhosen. Er kam gleich zur Sache und sagte, ich solle ihm bloß keinen Ärger machen. Ich hielt seinem lauernden Blick stand und überlegte mir gerade eine Ausrede, als es erneut passierte. Plötzlich war sie wieder da: diese unverschämte Leichtigkeit. Sie schmiegte sich in einem diagonal einfallenden Sonnenstrahl wie der Lichtfinger eines Riesen auf den Konferenztisch. Myriaden von Staubpartikeln wirbelten darin umher. Ich stand auf und trat ans Fenster. Schweigend blickte ich auf den sonnengefluteten Platz. Aus einem Springbrunnen gurgelte Wasser und verlockte zu einem Tag am See. Riesen trommelte mit dem Stylo auf die Tischplatte. Mit gepresster Stimme verlangte er, ich solle mich hinsetzen. Ich setzte mich wieder. Er tat so, als vertiefte er sich in meine Personalakte, doch Augenblicke später hob er ruckartig den Kopf, nagelte mich mit Blicken fest und kam auf die kürzlich erfolgte Abmahnung zu sprechen. Schließlich wollte er wissen, was eigentlich mit mir los sei. Ich schwieg weiterhin und atmete den Geruch der unausgesprochenen Kündigung ein, der jäh in der Luft lag. Ekel stieg in mir hoch. Keine Ahnung, ob ich mich vor mir selbst ekelte oder vor diesem verdammten, unerträglichen Einerlei aus geplatzten Hoffnungen und unerfüllten Wünschen, zu dem mein Dasein verkommen war. Mehr noch aber widerte mich in dem Moment der schlecht bezahlte Job und Riesen mit seiner grässlichen Krawatte an. Ich nahm den Sonnenstrahl ins Visier, der inzwischen wenige Zentimeter über den Tisch gewandert war. Plötzlich wusste ich, dass ich Riesen wehtun wollte. Ich bündelte und projizierte all meine Frustrationen auf diese knallrote Krawatte da vor mir, stand auf und sagte, ich müsste auf die Toilette. Riesen stöhnte. Ich kehrte mit einer Schere zurück. Als ich neben dem Prokuristen war, zückte ich sie und schnitt dem Mistkerl die Krawatte kurz unterhalb des Knotens ab. Er zog eine Grimasse des Schmerzes, so als hätte ich ihm gerade ein Körperteil amputiert. Sein Mund klappte stumm auf und zu. Mit diesem kleinen Akt der Zerstörung hatte ich meine fristlose Entlassung eingeleitet.
Draußen vor der Bank stand ich in einer Schattenpfütze und blinzelte in die hoch stehende Sonne. Als ich dem Penner am Nachmittag schon wieder in der City begegnete, war ich sicher, das Leben wollte mir etwas sagen. Er angelte soeben zwei Aludosen Bier aus einer Tüte. Als hätte er auf mich gewartet, prostete er mir zu und bot mir eine an. Wie sich herausstellte, hatte er meine Krawatte verscherbelt und mit dem Erlös dieses Bier gekauft. Ich nahm die Dose, zog die Lasche auf und prostete ihm zu, sagte, ich sei der Peter, worauf er sich nachdenklich mit der freien Hand das fettige Haar plättete. Er heiße auch Peter, entgegnete er mit einem Schulterzucken. Ich schmunzelte und nahm einen Schluck, zog mein Jackett aus und legte es auf den Boden. Als wir nebeneinander darauf hockten, begann ich diesen Nomaden der Straße, der niemandem außer sich selbst verantwortlich war, fast zu beneiden. Peter erzählte, dass er früher Architekt gewesen war. Nach dem Krebstod seiner Frau wollte er sich die Kugel geben, verpasste sich dabei aber nur einen Streifschuss an der Schläfe. Nach seiner Genesung verkaufte er allen Besitz und überschrieb das Vermögen der Krebsliga. Fortan lebte er auf der Straße. Der Alkohol war die Krücke, die ihm durchs Leben half.
Nachmittags schauten wir uns in einem Reprisen-Kino das Drama Die Liebenden von Pont-Neuf mit Juliette Binoche in der Hauptrolle an. Während des Abspanns bemerkte ich im Halbdunkel, wie sich Peter eine Träne aus dem Gesicht strich. Nach dem Film ließen wir uns in einer Eckkneipe nieder. Ich spendierte uns einige Bierchen. Zwischen dem dritten und dem vierten erzählte ich ihm meine Lebensgeschichte. Mit schief gelegtem Haupt hing er an meinen Lippen und nickte fast unentwegt, wenn ich etwas sagte. Seine Anteilnahme war körperlich spürbar. Beide hatten wir unsere Frauen verloren, wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise. Ich bezahlte und nahm Peter mit nach Hause, überredete ihn zu einem Bad, denn er roch ziemlich übel. Bald hockte er zusammengekauert in der Wanne und ließ geduldig meine Schrubberei über sich ergehen. Ich konnte alle seine Rippen zählen. Nachdem er sich abgetrocknet hatte, steckte ich ihn in eine Jeans und in ein Sweatshirt. Er ersoff fast in den Kleidern. Abends kochte ich uns Spaghetti und öffnete eine Flasche Chianti. Mein Gast aß kaum etwas, trank dafür aber dreimal so viel Wein wie ich. Nach dem Essen verlangte er Bleistift und Notizpapier. Als ich ihm das Gewünschte reichte, prüfte er beides aufmerksam, legte es dann aber zur Seite. Ich richtete ihm ein Zimmer für die Nacht her.
Am anderen Morgen weckte mich der Duft von frisch gebrautem Kaffee. Peter kniete, nur mit der Jeans bekleidet, vor dem Salontisch. Das Gesicht von seinem Haar verschattet, zeichnete er bizarre Gebäude, bar jeder statischen Vernunft, wie mir schien.
Ich ließ ihn eine Weile bei mir wohnen und wir wurden Freunde. Irgendwann kam der Morgen, an dem ich aufwachte und Peter fort war. An jenem Tag fand ich im Briefkasten den Roman Faktotum von Charles Bukowski.
Seit dem Tag vor drei Monaten, als sich Peter von einer Brücke in den Tod gestürzt hatte, ließ ich mir das Haar wachsen und hörte auf mich zu rasieren. Weshalb genau kann ich nicht sagen, möglicherweise tat ich es zu seinem Gedenken. Da ich keine Arbeit mehr hatte, konnte ich die Miete nicht mehr bezahlen und wurde deshalb aus der Wohnung geworfen. Ich war zu stolz, um von der Stütze zu leben und irgendwann spie mich die Gesellschaft aus. Ohne den genauen Mechanismus meiner inneren Veränderung so richtig zu begreifen, entwickelte ich mich in einem schleichenden Prozess zu einem Randständigen. Bald irrte ich im schwarzen Trenchcoat und Wollmütze auf dem Kopf mit meinem Bündel in den Straßen umher. Vielleicht, so dachte ich mir, hatte mich Peter ja in dem Moment, als ich ihm damals im Bus den Fahrschein zusteckte, zu seinem Nachfolger erwählt oder mich angesteckt. Ein absurder Gedanke.
An einem lauen Nachmittag ließ ich mich an Peters ehemaligem Stammplatz nieder. Ich schlürfte Bier und blickte zum Himmel hoch. Die Wolken glühten an den Rändern wie Purpur. Kurze Zeit später rissen sie auf und machten der Sonne Platz. Die Strahlen wärmten mir die Knochen, während ich im Faktotum las. Ich mochte ihn, diesen leicht depressiven Grundton, mit dem Bukowski den Stumpfsinn der Arbeitswelt so überaus trefflich zu beschreiben wusste. Als ich etwa dreißig Seiten später aufblickte, liefen die ziellos umherirrenden Menschen aus dem Buch plötzlich in der Realität an mir vorbei: armselige Lohnsklaven, denen nur noch die Ketten fehlten; Konsum-Zombies und Dauergestresste, die mit irrem, leuchtendem Blick zur Arbeit hetzten und dem Mammon hinterher rannten. Bis vor kurzem hatte ich auch noch zu dieser traurigen Spezies gehört. Zum Glück hatte ich das alles nun hinter mir und spürte eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber allem, was mich umgab. So schaute ich diesen Bemitleidenswerten eine Weile gelassen zu, nahm irgendwann mein grünes Notizbuch mit der Spiralheftung zur Hand und fing an, ihre traurigen, fiktiven Lebensläufe zu skizzieren. Es war die Poesie der Straße, die ich da in knapper Prosa niederschrieb. Ab und zu klimperte eine Münze in meinem umgedrehten Hut. Im Grunde war ich mit meiner neuen Lebensweise zufrieden, hatte sie mir doch die innere Balance zurückgegeben. Die Welt gehörte mir, gerade, weil mir nichts mehr gehörte. Meine Bedürfnisse reduzierten sich darauf, zu essen, zu trinken und gelegentlich ein Strichmädchen zu haben. Ich kratzte das Kleingeld im Hut zusammen und betrachtete im Schneidersitz die Schattenspiele an der weiß gestrichenen Fassade mir gegenüber. Sie gehörte zu einem Bauwerk, dessen Glaskuppel fast das ganze Dach beherrschte. Es war eines jener seltenen Gebäude der Stadt, die architektonische Würde und eine eigene Identität besaßen. Peter hatte es damals entworfen, als sein Leben noch im Lot gewesen war. Ich nahm die Wollmütze ab und der Wind spielte wie die Finger einer Frau mit meinen Haaren. Ich hob den Deckel von Bukowskis Roman und las zum wiederholten Mal die Widmung:
Tut mir Leid, Peter, aber ich kann ohne meine Frau nicht mehr weiterleben und verschwinde von diesem Planeten, um wieder bei ihr zu sein.
Bedenke, das Glück liegt auf der Straße und es lacht dem, der es erkennt und sich danach bückt. Es sagt zu dir: ‚Wirf deinen Besitz wie Ballast über Bord. Pfeif auf die Gesellschaft und auf die Arbeit und lass dir den ganzen Tag die Sonne auf die Nase scheinen. Lebe im Hier und Jetzt und kümmere dich nicht um das Morgen, denn das kann sehr gut für sich selbst sorgen.
Dein Freund Peter



Eingereicht am 18. Februar 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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