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Kurzgeschichtenwettbewerb "Schlüsselerlebnis"

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Der Heidegeist

©Ute Schuh

... noch gefangen von meinen Träumen weckt mich vorwitzig ein Sonnenstrahl, der sich durch die Gardine in mein Zimmer geschlichen hat. Mit blinzelnden Augen versuche ich die Erinnerungen einzufangen, festzuhalten und auch ein wenig weiter zu träumen. Aber der Nachtalb lässt nicht mit sich handeln und ich sehe, wie er sich immer weiter zurückzieht, mich allein lässt. Mir ist kalt, obschon doch die Decke noch kuschelig warm ist. Ziehe mir die Decke bis an die Nasenspitze und schließe die Augen wieder. Dieses Gefühl am Morgen, noch halb im Dämmerzustand, aber schon bereit für den neuen Tag, das Wissen um die wartenden Pflichten und der Wunsch, einfach nicht aufzustehen ... es ist da. Nun stehe ich aber doch auf und gehe schlaftrunken in die Küche um Kaffee zu kochen. Ab ins Bad, die letzten Spuren der Nacht aus dem Gesicht waschen aber irgendwie ist heute alles anders ... die Träume sind noch da, fast greifbar, ein seltsames Gefühl in mir.
Mit der Kaffeetasse in der Hand sitze ich auf der Couch, als es mir wieder einfällt; ich habe geträumt, von jemandem, den ich nicht kenne aber der mir dennoch vertraut ist ... .mmh, ich denke darüber nach. Stell das Radio an und summe die laufende Musik mit. Der Traum spukt mir immer noch in meinem Kopf herum und ich versuche nun, mich mehr zu erinnern.
Ja, da fällt mir eine Szene ein; ich befinde mich auf einem Weg, den ich nicht kenne, schaue mich um und sehe eine karge Landschaft. Gestrüpp, aus denen kahle Äste mit ihren Fingern in den Himmel zeigen. Auf dem Boden sehend, bemerke ich Heide, also muss ich wohl in einer Heidelandschaft sein. Der Horizont ist weit, hell und klar wie der Himmel über mir. Wenn ich nach oben schaue, muss ich blinzeln, die Sonne steht aber noch nicht sehr hoch, es ist also noch früh am Tag. Schäfchenwolken ziehen gemächlich und heben sich vom Azurblau des Himmels ab. Harmonie, die mein Herz erfreut und ich spüre, dass ich mich wohl fühle hier. Dort. Hinter dem Ginsterbusch, sehe ich ein kleines Häschen im Gras sitzen, es ist nicht scheu und schaut nur einmal in meine Richtung. Ich bewege mich langsam und geräuschlos, um das Kleine nicht zu erschrecken. Es sitzt einfach da. Die Geräusche der Heide dringen in meine Ohren, Vögel die singen oder streiten, und damit die Stille der Natur unterstreichen. Leise wiegen sich die Äste der Kiefern im Wind. Ein lauer Wind, den ich fühle auf meiner Haut. Er lässt mich erschauern. Wenn ich einatme, rieche ich das Gras, den Sand und die Blumen, die hier spärlich den Witterungen trotzen und mutig ihre Köpfchen in das Sonnenlicht recken. So gehe ich eine Weile und in der Zwischenzeit steht die Sonne schon hoch am Himmel. Ich halte Ausschau nach einem schattigen Plätzchen und entdecke ihn ein Stück weiter. Idyllisch stehen sie da ... .Kiefern in einer kleinen Gruppe ... fast so, als würden sie sich unterhalten. Ich gehe dorthin und nehme die Einladung, mich auf dem warmen Waldboden niederzulassen, gerne an. Dort liege ich und schaue in den Himmel. Höre, wie Käfer an mir vorbeisummen, sehe die Schmetterlinge in ihrer unbekümmerten Leichtigkeit miteinander spielen. Die Zeit ist einfach stehen geblieben und ich genieße einen Augenblick lang die Unendlichkeit. Wünschte mir, dieser Moment würde niemals vorübergehen ... .Weit bin ich gelaufen und weiß immer noch nicht, wo ich mich befinde, achte es aber auch nicht hle mich sehr wohl. Schließe die Augen um ein wenig auszuruhen. Plötzlich stubst mich jemand an, ich erschrecke zunächst und will aufspringen. Doch dieser Jemand spricht leise, mit beruhigender Stimme zu mir. Töne, die in meinem Kopf klingen, fast melodisch sind. Der Fremde flüstert mir zu, Ich solle mich nicht erschrecken und mir keine Sorgen machen, er sei gekommen, um mir den rechten Weg zu zeigen. Ich bräuchte keine Angst zu haben ... Ich schaue ihn an und erkenne ihn nicht, weil die Sonne mich blendet. Auch nachdem ich mich aufgesetzt habe, kann ich sein Antlitz nicht sehen. Er ist einfach da und ich spüre seine Güte und Wärme. Habe keine Angst mehr, stehe auf und lasse es zu, dass er meine Hand in die seine nimmt. So wandern wir ein ganzes Stück, schweigend, so, als müsste alles so sein wie es ist.
Nach einer langen Zeit sehe ich Autodächer in der Ferne, wohl ein Parkplatz? Die Sonne geht schon fast unter. Als die friedlichen Geräusche der Heidelandschaft verstummen, so, als sei man in eine andere Welt zurückgekehrt. Der Fremde lässt meine Hand los und sagt mir, ich solle nun allein weitergehen. Er bleibt einfach stehen und ich drehe mich um, will ihm danken und wissen, wer er ist ... Doch da ist niemand, ich drehe mich im Kreis, schaue ungläubig, kann es nicht fassen. Aber noch immer stehe ich allein da ... spüre eine Gänsehaut. Mir ist es, als hätte ich einen Teil von mir verloren. Langsam steigen mir die Tränen in die Augen, ich weine um jemanden, den ich nicht kenne aber der mich sicher hierher geleitete.
Später, ich bin auf der Arbeit im Büro und schreibe lustlos einen Artikel. Bei meinen Recherchen fällt mir ein Bericht in die Hände, den ich kurz überfliege. "Kinder gerettet - Heidegeist wieder aufgetaucht?" Ich verschlinge den Artikel fast und lese mit einem komischen Gefühl in der Magengegend weiter: "die beiden Kinder, welche sich in der Heide am Sonntag verlaufen hatten, befinden sich wieder in der Obhut ihrer Eltern. Die beiden behaupten standhaft, ein Mann hätte sie an die Hände genommen und ihnen den rechten Weg gezeigt ... .beschreiben konnte keines der beiden Kinder den Mann, weil sie von der Sonne geblendet wurden ... die Einheimischen vermuten hinter dem unbekannten Retter den Heidegeist, der hier seit Jahrhunderten in der Heide wandele, um vom Weg abgekommene wieder auf den rechten Weg zu führen".
Ich lasse die Zeitung für einen Moment sinken, lese dann aber doch weiter ... der Sage zufolge, soll es sich bei dem Heidegeist um einen jungen Mann handeln, der sich wegen einer unglücklichen Liebe selbst in der Heide verlaufen hatte und nie mehr aufgetaucht war. Seither schaut er nach den Verlorenen. Niemand hat je sein Gesicht beschreiben können ... man habe im 18. Jahrhundert wohl seine Gebeine gefunden, an einer kleinen Kieferngruppe, eine der einsamsten Stellen in der Gegend ...
Mir wird schwarz vor Augen und ich versuche mich an ihn zu erinnern; ich spüre seine warme Hand die mich führte.
Mache Feierabend, verlasse ohne ein Wort und in Gedanken die Redaktion und fahre wie in Trance nach Hause. Dort angekommen, hole ich eine Kerze aus dem Schrank und zünde sie an, für ihn, meinen Retter. Seither mache ich das jeden Abend.
Ich lasse mich auf meine Couch sinken und mache die Augen zu und wieder auf ... meine Uhr zeigt zehn Uhr vormittags an und mein Kaffee ist längst kalt ... habe ich geträumt? Am helllichten Tag? Ich weiß es nicht, die Grenzen verschwimmen vor meinen Augen und ich spüre wieder Tränen. Eine tiefe Traurigkeit umfängt mich und doch muss ich plötzlich lächeln. Denke an ihn, den Unbekannten aus meinen Träumen und ich weiß mit einem Mal - ich werde ihn wieder sehen ...


Eingereicht am 12. Januar 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.


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