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2. Teil - Die Reise an Rhein und Mosel im Herbst

Eine Kurzgeschichte von Kerstin Schwarz


Die letzten Sonnenstrahlen des heißesten Sommers des Jahrhunderts knallten wieder auf unseren Planeten und schnell kamen wir wieder auf die Idee, Mobbel zu satteln und die letzten Strahlen auf dem Rücken der Autobahn zu verbringen.
Wohin? An den Rhein!
Kurz nach der Wende hatten wir dorthin mal eine Reise mit dem Auto unternommen und nun waren schon einige Jahre ins Land gegangen.
Gab es die kleine Kneipe noch, die unter Weinstöcken versteckt war? Ist der Rhein noch so schön und romantisch, wie wir ihn in Erinnerung hatten?
Also, ab ins Mobbel, diesmal den Kühlschrank vollgestopft und nochmals alles vorher kontrolliert. Aus Fehlern lernt man ...!!! Diesmal nahmen wir einen Autoatlas mit. Der Routenplaner schien ja nun doch nicht so das Wahre zu sein.
Meine Frau legte sich den Koloss auf den Schoß und nun konnte die nächste Reise beginnen.
Alles schien perfekt.
Sie dirigierte mich auf die entsprechenden Auffahrten, die Sonne schien, wir hatten nichts vergessen und das Radio spielte Musik, die einem nicht das Gehirn herauspresste, so wie wir das von zu Hause gewöhnt sind, wenn unsere Jungs das Radio "anspielten". Die Laune war gut - bis meine Frau den Autobahnhinweis las: "Autobahndreieck".
"Wieso heißt das Autobahndreieck? Hier ist weit und breit keine Dreieck!"
Sie hielt mir den Autoatlas direkt wieder vor die Nase.
"Erkennst du darauf ein Dreieck?"
"Nee!" schrie ich sie an. "Nimm den Atlas aus meiner Nase!"
Sie ließ nicht locker. "Was soll dann dieses Schild? Haben die keine Ahnung wie ein Dreieck aussieht?"
Sie meckerte noch eine Weile vor sich hin und fing nun auch an zu diskutieren, wie ein Dreieck auszusehen hätte. Ihrer Meinung nach gab es überhaupt keine Dreiecke auf einer Straße. Wer hat sich solche Bezeichnungen nur ausgedacht, wetterte sie, bis die nächste Tragödie folgte.
Im Autoradio kam die Warnmeldung "Es liegen Gegenstände auf der Fahrbahn. Bitte fahren Sie vorsichtig!"
Schon folgte ihr nächster Kommentar: "Da hat bestimmt ein Ehepaar Krach und sie schmeißt seine Sachen auf die Straße! Ach, die Idee hätte auch von mir sein können! Los beeile dich! Vielleicht können wir noch was von dem Streit mitbekommen!"
Ich schüttelte nur noch mit dem Kopf.
Aufmerksam betrachtete meine Frau nun jeden Gegenstand, der auf der Fahrbahn herumlag. Zu meiner Beruhigung hatte sie sich einigermaßen wieder gefangen und hielt mir nun nicht mehr die Autobahndreiecke in Form des Autoatlasses unter die Nase (manchmal auch ins Auge).
Aber nun zählte sie mir alles auf, was sie auf der Autobahn erspähte. "Sieh mal, da liegt ein Auspuff. Da ein halbes Rad! Da eine Radkappe! Und da, siehst du's? Noch ein Auspuff! Mensch, wenn du das alles einsammelst, bekommst du bestimmt ein neues Auto zusammen! Schau mal, eine alte Matratze und da ein roter Schuhkarton - oh, schade - der ist ja leer..."
Es wurde Zeit eine Rast einzulegen, bevor meine Nerven ihren Dienst ganz versagten.
Ich bat meine Frau, statt nach den Gegenständen nach einem Rastplatz Ausschau zu halten. Und es dauerte auch nicht lange bis sie mich von der Seite anschrie: "Halt! Halt an! Siehst du den das Schild nicht - Jetzt abbiegen?"
Ich trat mit voller Kraft auf die Bremse. Und wirklich, da stand es: "MC Donald's - jetzt abbiegen!"
Aber in dem Moment, als ich gerade abbiegen wollte, hielt mich eine Leitplanke davon ab, die ich gerade noch so verfehlte!
Nun stand ich da und meine Frau schaute mir geradewegs in die Augen. "Jetzt heißt jetzt! und nicht später", wetterte sie wieder auf mich ein.
Hinter mir begann wieder ein Hupkonzert, wie ich es noch von der letzte Fahrt im Ohr hatte. Ich hatte doch diesmal alles richtig gemacht!? Hier stand es doch schwarz auf weiß: "Jetzt abbiegen!"
Ich musste meiner Frau recht geben. Ratlos standen wir auf der Autobahn und Mobbel stand quer.
Wir versuchten gemeinsam die Leitplanke zu entfernen, aber sie war zu fest verankert. Auch von MC Donald's war nichts zu sehen.
Wir erwogen, Mobbel stehen zu lassen und zu Fuß weiter zugehen, aber weit und breit war kein Haus, geschweige denn eine Raststätte. Was hatte es nur mit diesem Schild auf sich. Haben die MC Donalds etwa geklaut?
Was machen wir jetzt nur? Die Polizei informieren? Aber dann kämen wir vielleicht an den Polizisten, den wir von unserer letzten Reise her kannten, und der glaubte uns sowieso kein Wort.
Wir konnten uns einfach nicht entscheiden und nach einer halben Stunde Diskussion - das Radio war durch das Hupen der anderen Autos kaum noch zu hören und die letzte Meldung war "Stau!" - entschlossen wir uns dann doch dazu, diesen komischen Rastplatz auszulassen und lieber einen anderen aufzusuchen.
Wenn wir uns beeilten, entkämen wir vielleicht wieder dem gemeldeten Stau - so wie beim letzten Mal - und ich käme dann doch noch zu einem heißen Kaffee, den ich wirklich langsam gut gebrauchen konnte.
Also wendeten wir Mobbel in einem großen Bogen, um wieder in Fahrtrichtung zu gelangen, wobei uns die gleichen Autofahrer begegneten, die uns bei unserer letzten Reise schon so beschimpft hatten.
"Die scheinen immer dann zu fahren, wenn wir auch auf der Autobahn sind!", bemerkte meine Frau.
Diese Handzeichen kamen auch mir bekannt vor und die können doch nicht alle gleichzeitig beherrschen? Oder doch?
"Die Welt ist ein Dorf!", sagte ich zu meiner Frau und gab Gas.
Nach einer kurzen Rast auf einer Autobahnraststätte, welche nun ordnungsgemäß ausgeschildert war, lenkten wir Mobbel zu unserem ersten ausgewählten Ziel und am frühen Nachmittag hatten wir es endlich erreicht.
Als wir Mobbel über den Rhein dirigierten, kamen die alten Erinnerungen wieder.
War der Rhein damals schon so riesig? Die Schiffe, die Häuser am Ufer! Herrlich!
Und alles in den buntesten Farben, die der Herbst nur bieten konnte.
Dieses Jahr schien es, dass er sich besondere Mühe gab, alles perfekt scheinen zu lassen.
Wir konnten die Blicke kaum noch von der Schönheit, die uns zu Füßen lag, abwenden.
Schnell fanden wir auch das kleine Dorf Spay, das uns damals beherbergte.
Das Haus stand noch und der alte, uns bekannte Name war auch noch am Klingelschild zu lesen. Doch es war niemand da und so schlenderten wir zu unserer "alten Kneipe".
Es war schwierig, diese ausfindig zu machen, denn an dem Ort, an dem wir sie vermuteten, war ein neues Weinrestaurant und der alte Flair weg. Schade! Ein bisschen wehmütig tranken wir ein Glas Limonade und ließen uns in den Erinnerungen treiben.
Jetzt wurde es aber Zeit, einen Schlafplatz zu organisieren. Eine Empfehlung zum Campingplatz am Ortsrand brachte uns dem Rhein noch ein Stück näher und so standen wir eine Stunde später direkt am Uferrand.
Wir genossen es in allen Zügen. So müsste es immer sein!
Schnell bauten wir Mobbel auf und genossen das Leben! Die Sonne erstrahlte nochmals in voller Kraft und es schien, als ob es immer Sommer bleiben würde. Ich genoss mein kaltes Bier und die Landschaft, die sich auch auf dem Campingplatz von der aller schönsten Seite zeigte. Kaum jemand schien auf dem Platz zu verweilen und wir standen mitten auf einer großen gepflegten Wiese und waren ganz allein mit uns und unseren Gedanken.
Das Wasser war klar und die Weinberge hoch und wunderschön anzuschauen.
Nun wurde es aber Zeit, das Essen vorzubereiten. Mein Magen knurrte schon, doch diesmal hatten wir ja alles dabei und so konnte nichts mehr schief gehen.
Nach einer Weile kam auf unserer Wiese noch ein Wohnwagen mit englischem Kennzeichen an. Jetzt hatten wir ein wenig Abwechslung und schauten nun diesen zu, wie sie ihr Nachtquartier aufbauten.
Kurze Zeit später kam noch ein Wohnmobil, welches sich neben uns gesellte, dann noch ein Wohnwagen und noch einer... und noch einer und noch einer. Wir wurden mit einem Schlag umringt.
Unsere große Wiese wurde immer kleiner und überall lagen Kabel und Zelte und Taschen herum.
Wir saßen vor unserem Mobbel und versuchten die Ruhe zu bewahren.
Nichts war mehr von dem Flair zu spüren, welcher uns noch vor kurzem umgab.
Alles sprach auf einmal englisch um uns herum. Jeder kannte jeden und wir keinen.
Und da kamen noch weitere, die herzlich begrüßt und um uns herum eingewiesen wurden.
Jetzt standen wir mitten im Weg und verstanden kein einziges Wort mehr. Die Ruhe war dahin.
Gegen Mitternacht gingen wir dann ins Bett und die Engländer feiern.
Na ja, irgendwann sind wir dann eingeschlafen...
Am nächsten Morgen, nach einem ausgiebigen Frühstück im Mobbel (nach draußen wagten wir uns erst gar nicht, denn sonst hätten die vielleicht noch unsere Brötchen weggegessen) brachen wir unsere Zelte ab und schlängelten uns aus Neuengland heraus. Wir fuhren in den nächsten Ort, nach Boppard. Auch hier war nichts mehr von der wohltuenden Ruhe zu spüren.
Menschen über Menschen füllten die Straßen und auch die Parkplätze.
So viele Menschen auf einem Haufen hatten wir noch nie gesehen.
Wir beschlossen kurzerhand unser zweites Ziel aufzusuchen. Wir machten uns auf nach Cochem.
Meine Frau nahm wieder den Koloss von Autoatlas auf ihre Knie und weiter ging es. Immer am Rhein entlang.
Die Gegend war herrlich und gemütlich schlenderten wir mit Mobbel dahin.
Bis plötzlich meine Frau einen furchtbaren Ton von sich gab: "Haaaaasi! Die Karte ist zu Ende! Es geht hier nicht mehr weiter!"
Kurz vor dem Ziel aufgeben? Das kam nicht in Frage!
Verzweifelt suchten wir einen Rastplatz und fanden auch einen. Ich hielt an und nahm den Autoatlas selbst unter die Lupe. Tatsächlich! Der Ort Cochem war nicht mehr zu finden. Die aufgezeichneten Straßen gingen ins Leere.
"Was nun?", fragte meine Frau, den Tränen nahe. "Auf dem Routenplaner ging es zu mindestens bis zum Ende der Reise, aber hier...?"
Meine Hände fingen an zu schwitzen und meine Stirn wurde ganz heiß und kalt.
Es dauerte eine ganze Weile, bis ich endlich dahinter kam, dass diese Zahlen, die auf dem ganzen Blatt sinnlos verteilt waren, die Seitenzahlen waren, die die nächste Seite anzeigten. Hinter dieses Prinzip muss erst mal einer kommen.
Und welche Seite ist nun die Richtige? Nach mühevoller Kleinarbeit fand ich endlich doch noch eine Karte, die uns nach Cochem führen würde.
Meine Frau hatte natürlich die Verantwortung auf mich abgewälzt und pflückte in der Zwischenzeit Blumen auf einem Feld.
Der Besitzer des Feldes war nicht dumm und hatte bestimmt schon öfters mit meiner Frau zu tun. Vorsorglich wies er darauf hin, dass die geklauten Blumen auch bezahlt werden könnten. Clever!
Wir warfen brav einen Euro in den dafür vorgesehenen Kasten und fühlten uns nicht mehr wie Diebe, was uns ungemein beruhigte. Meine Frau gab mir liebevoll ein Küsschen und die Fahrt konnte nun endlich stressfrei weitergehen.
Sie hatte ihre Blumen, ich meine neue Karte und in der Zeit lagen wir auch ganz gut.
Glücklich fuhren wir in Cochem ein und fanden auch bald für uns und unser Mobbel ein Plätzchen zum Verweilen.
Diesmal direkt an der Mosel, zwischen einem Felsen und der Schnellstraße in der Stadt.
Die Ruhe vom Vortag war für immer verloren, aber auf dem Parkplatz standen schon andere Wohnmobile und so fühlten wir uns wenigstens doch nicht ganz so allein dieser weiten, großen, lauten Welt.
Tja, was soll's! Wir waren zu erschöpft, um noch weiter zu reisen.
Die anderen Autos, die vorüber fuhren, störten uns nach einer Weile auch nicht mehr.
Solange sie nicht ständig hupten...
Dafür wurden wir am Abend durch die vorbei fahrenden Passagierschiffe, die hell erleuchtet waren, entschädigt.
Es war ein traumhafter Anblick.
Nun hieß es aber erst mal Cochem inspizieren.
Als erstes fiel uns der Schilderwald auf. Die Art von Schildern kannten wir noch nicht und wir fragten uns, ob hier wirklich alles mit rechten Dingen geschieht. Abschleppdienst und Kfz-Handel. Sehr merkwürdig? Ob die abgeschleppten Fahrzeuge gleich weiterverkauft werden, wenn man sie nicht rechtzeitig abholt?
Wir schlenderten Hand in Hand weiter und wieder sahen wir ein Schild, das bei uns einige Fragen aufwarf. Wussten die hier wirklich nicht, dass von Kastanienbäumen Kastanien herunterfallen? Vor allem in der Herbstzeit? Wir schüttelten nur den Kopf und gingen weiter. Trotz der komischen Schilder bewunderten wir die Schönheiten, die uns nun Cochem zu bieten hatte.
Wir kauften uns 3 Flaschen Wein, die wir an diesem Abend entleerten und fühlten uns endlich wieder rundum wohl und zufrieden.
Nach diesen Erlebnissen beschlossen wir, am nächsten Morgen doch wieder nach Hause zu fahren.
"Daheim ist es doch am Schönsten!", sagte meine Frau zu mir und ich musste Ihr Recht geben.
Stundenlang fuhren wir an der Mosel entlang, dann am Rhein. Wieder bezauberte uns der herbstliche Anblick der Landschaft.
Dann kamen wir auf die Autobahn und Mobbel heulte ein letztes Mal auf. "Ab in die Heimat!", spornte ich Mobbel an und Mobbel gab sein Bestes und fuhr uns bis vor die Haustür.
Wieder war es eine Reise, aus der wir wieder einiges gelernt hatten. Jetzt ist erstmal Winterpause.
Mobbel wird in der kalten Jahreszeit schön eingepackt und wir zehren noch lange von dieser Reise!
Na dann, bis zum nächsten Jahr!




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Eingereicht am 28. Dezember 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.