Ostergeschichten

Ostern - Ostergeschichten - Osterhase - Ostereier - Osterfest

Bemalung: Marianne Schaefer


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Patricia Koelle: Alles voller Himmel. Roman. Buch und eBook
Patricia Koelle
Alles voller Himmel
Roman
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Karfreitag

© schlagloch

Die Bundesstraße teilt den Ort an der österreichisch-italienischen Grenze der Länge nach in zwei Teile. In einen nördlichen Teil wo die Wohnblocks und die neuen Einfamilienhäuser stehen und in einen südlichen Teil mit dem altem Ortskern. Die alten Bürgerhäuser bilden hier eine Häuserfront entlang der Dorfstraße und eine Front gegen die neue Zeit. Auf einem Felsen erheben sich die Reste einer Klosteranlage, bei der seit vielen Jahren die alten Mauern und Gewölbe freigelegt werden. Am Fuße des Felsen, im Schatten der Klosterruine, steht die Pfarrkirche. Wer Sonntags nicht in die Kirche geht kommt selten hierher, niemand freiwillig. Im alten Ortskern ist es im Winter kälter als im übrigem Ort, die Sonne scheint während der Wintermonate nicht und im Frühjahr kommt sie spät. Am westlichem Ausläufer des Klosterfelsens liegt der Pfarrkindergarten. Im Winter erstarren hier die Sträucher und Bäume im Frost um erst spät im Frühjahr aufzutauen, dann ein kurzer Sommer und der Herbstwind kommt früh. Auf der alten Dorfstraße geht man an leerstehenden Häusern vorbei, von denen sich der Verputz löst. Von den Einheimischen zieht niemand in die leerstehenden Wohnungen ein. Teilweise werden sie von Familien, die aus dem Balkan zugewandert sind gekauft, renoviert und bewohnt. Die alteingebürgerten Familien halten Abstand zu den Balkanflüchtlingen und ziehen sich in ihre feuchten Häuser zurück. Im Sommer sitzen sie an den Sonntagen für ein paar Stunden auf abgewitterten Holzbänken vor ihren Häusern und blicken auf die leere Dorfstraße. Man sieht verblasste Firmenaufschriften, deren Namen die jungen Dorfbewohner nicht mehr kennen. Neben der Straße fließt ein Bach, der am Ende des Dorfes unter dem Altarraum einer Kapelle hindurchfließt, um dann in das Moor zu münden. Die Straße trennt den Betraum vom Altarraum. Im nördlich gelegenen Ortsteil stehen eine Vielzahl von Wohnblocks und die Einfamilienhäuser der Fabrikarbeiter. Die Bewohner der Wohnblocks sind am Samstag in ihren Schrebergärten und die Frauen von den Einfamilienhäusern pflegen ihren Garten. Vor den Wohnblocks sitzen die Frauen im Gespräch und erzählen sich viele Neuigkeiten. Sie kennen das Mittagessen vom Nachbarn, sie haben vom Streit der Familie im zweiten Stock gehört und loben die Vorzüge des Schlossergehilfen. Sie wissen, dass die Blonde vom Erdgeschoss einen neuen Freund hat und mit diesem in der Nacht unterwegs ist und erst im Morgengrauen heimkommt, bevor der Ehemann von der Nachtschicht aus der Fabrik kommt. Mit offenen Autofenstern und lauter Musik fahren von hier die Jugendlichen in die Gasthäuser und auf die Zeltfeste in den umliegenden Ortschaften. Die Männer sprechen in den Gasthäusern von der Arbeit in der Fabrik, zu Zeiten der Hochkonjunktur genauso wie in Krisenzeiten, wenn Arbeiter entlassen werden. Der ehemalige Arbeitsplatz in der Fabrik ist auch der Gesprächsstoff für die Frühpensionisten auf der Terrasse des Dorfcafes.

An der Bundesstraße leben Friedericke und Friedrich mit den Katzen Undine & Charly in einem Haushalt. Es sind ihrem Wesen und Verhalten nach zwei ganz verschiedene Katzen. Undine ist schlank, beim Fressen sehr wählerisch und hört zum Fressen auf, wenn sie in der Wohnung das geringste Geräusch hört. Sie will nichts versäumen und öffnet die Küchentür wenn jemand die Wohnung betritt. Charly ist ein gutmütiger, molliger Kater, der gerne frisst und ab und zu einer Fliege oder einem Gummiball nachjagt. Am Morgen horchen Friedrich und die Katzen beim Frühstück gemeinsam klassische Musik aus dem Radio von Ö1. Friedrich ist der Meinung, dass Komponisten über so ein feines Gehör verfügen wie es Katzen haben. Nur Menschen, welche keine klassische Musik mögen, sagen von der Geigenmusik, dies klingt wie Katzenmusik. Wenn im Fernsehen eine Tiersendung läuft, so stellt sich Undine vor dem Fernseher auf die Hinterpfoten und verfolgt mit den Augen alle Bewegungen auf dem Bildschirm. Charly macht sich inzwischen auf dem Sofa bequem und lässt sich von Friedericke den Bauch streicheln. Undine wird deswegen eifersüchtig, springt auf das Sofa und stößt Charly vom Sofa hinab. Für die nächste Zeit hält sie mit ihren Vorderpfoten die Hand von Friedericke fest. Als Einjährige werden die Katzen im Frühjahr sterilisiert. In der Ordination der Tierärztin streicheln Friedericke und Friedrich vor der Operation noch einmal über das samtige Fell der Katzen und reden ihnen liebevoll zu. Nach der Sterilisation holen sie die frisch operierten Katzen in der Ordination ab. Die Katzen befinden sich gerade beim Aufwachen aus der Narkose. Sie sind leblos, ein ungewohntes Bild. In den nächsten Stunden sollen sich die Katzen nicht bewegen und ruhig liegen bleiben. Sie legen Undine in einen Karton und schließen Charly im Katzenkorb ein, beide stellen sie in ein Nebenzimmer. Vor dem Schlafengehen erblicken Friedericke und Friedrich beide Katzen im Vorraum der Wohnung und sind darüber sehr erschrocken. Charly liegt regungslos vor der Badtür, Undine sitzt daneben. Charly hat sich durch das Gitter des Katzenkorbes in das Freie gezwängt. Ein Ausbruch aus dem Katzenkorb ist auch für eine gesunde Katze schwer vorstellbar. Zum Glück ist die Operationsnaht unversehrt geblieben. Friedrich hebt Charly mit beiden Händen auf, legt ihn im Gästezimmer in einen offenen Korb und hofft, dass Charly die Nacht überleben wird. Undine bringen sie wieder in das Nebenzimmer und gehen schlafen. Friedrich kann nicht einschlafen. Er macht sich Sorgen, dass Charly an den Folgen seines Ausbruches innerlich verbluten könnte. Zweimal steht er in der Nacht vom Schlafen auf, um bei Charly Nachschau zu halten. Jedes Mal wenn er in das Gästezimmer eintritt öffnet Charly seine Augen, ansonsten liegt er regungslos im Korb. Er liegt auf der Flanke und der kahlgeschorene Bauch mit der Wunde schaut Friedrich an. Ein paar beruhigende Worte und ein paar Streicheleinheiten, mehr kann er für ihn nicht tun. Am Morgen gibt es bei Charly eine leichte Besserung. Er ist noch unsicher auf den Beinen, beginnt aber zu fressen. Weiterhin Sorgen bereitet Undine, die am Diwan im Nebenzimmer liegt, nichts fressen will und jeden mit traurigen Augen anblickt. Die einzige Regung ist, dass sie Charly, sobald er seinen Kopf nur ein wenig bei der Tür hineinsteckt, anfaucht. In der Nacht zum Samstag bringt Friedrich der Undine mehrmals Wasser und Futter zum Diwan und am Samstagmorgen beginnt sie zu Fressen und Saufen. Er erinnert sich in diesen Tagen an seine Jugendzeit am Bauernhof. Dort ist es selbstverständlich gewesen, dass man während der Nacht bei kranken Tieren im Stall Nachschau hielt und auf sie beruhigend einredete.

Es ist der Abend des Palmsonntages, der Beginn der Karwoche. Friedrich verlässt die Wohnung, er spaziert zum Kirchenplatz. Am Straßenrand liegen einzelne Palmzweige und bunte Bänder. Sie erinnern an die Palmprozession vom Vormittag. Er will sich bei einem Spaziergang von den vergangenen zwei Nächten und Tagen mit den frisch operierten Katzen erholen. Friedrich geht die Dorfstraße entlang, vorbei an der Pfarrkirche zu der Kapelle. Aus dem Felsgestein, das die Rückwand der Kapelle bildet ist in groben Umrissen Christus am Kreuz herausgemeißelt. Er bleibt stehen und blickt auf den gekreuzigten Christus, dessen Kopf und Augen himmelwärts gerichtet sind. Im Geiste erzählt er Christus von seinen Sorgen um die frisch operierten Katzen. Christus hat während seiner Kreuzigung große Schmerzen ertragen. Wie viel menschliches Leid gibt es Tag für Tag im Ort, im Land und auf dem Kontinent. Stunde für Stunde richten viele Menschen ihre Fürbitten um Hilfe an Christus. Wie unbedeutend ist dagegen seine Sorge um zwei marode Katzen. Als Friedrich seine Bitte um die Genesung seiner Katzen vorträgt mit dem Hinweis, dass er von der Belanglosigkeit seiner Bitte weiß, glaubt er auf dem Mund des gekreuzigten Christus ein feines Lächeln zu sehen. Mit diesem Lächeln vor Augen setzt er seinen Spaziergang fort. Undine & Charly geht es nach ein paar Tagen offensichtlich besser. Er möchte ihnen zurufen lauft nicht so schnell, springt nicht so hoch, sie würden es doch nicht verstehen. Der Wundschmerz selbst wird ihr Herumtollen einschränken. Friedericke und Friedrich bemerken, dass sich Charly so auf den Teppich legt, dass die Wundnaht zu sehen ist und so liegen bleibt bis er gestreichelt wird. Undine beobachtet dies und legt sich ebenso wie Charly auf den Teppich und wartet bis auch sie gestreichelt wird.

Friedrich kümmert sich an einem schönen Tag in der Karwoche um die Gartenmöbel. Beim Saubermachen einer Holzbank zieht er sich einen Holzspieß in den Ballen des rechten Zeigefingers ein. Der Spieß bohrt sich durch den ganzen Finger. Ein Stück des Holzspießes kann er selbst entfernen, der andere Teil steckt tief im Fleisch. Der aufgesuchte Arzt streicht ihm eine Zugsalbe auf den Finger und legt einen Verband an. Die rechte Hand ist für die Arbeit unbrauchbar. Er leidet Tage vor sich hin. Zum Nichtstun ist die Verletzung zu geringfügig, für viele andere Arbeiten ist er zu unbeholfen. So wird er in eine unbrauchbare Ecke gedrängt. Undine & Charly beschnuppern seinen Verband. Der Finger hat sich entzündet, ist vereitert und er hat Schmerzen. Der Spieß bewegt sich nicht. Es wird Karfreitag und es besteht keine Hoffnung, dass der Finger vor Ostern heilen könnte. Friedrich geht um die Mittagszeit in Richtung Pfarrkirche. Heute schweigen die Kirchenglocken. Ältere Frauen mit Kopftüchern und einem darunter verstecktem Gesicht eilen über den Kirchenplatz. Andere Frauen kehren den Hof und die Gehsteige, Kinder spielen Ball. Mit dem Auto kommen Ehepaare vom Einkaufen zurück. Die Männer tragen die Bierkisten und die vollen Einkaufstaschen in die Häuser. Manches mal ist eine Sandspielgarnitur, ein bunter Ball oder ein roter Schubkarren für die Kinder dabei. Friedrich bleibt bei der Kapelle stehen. Im Altarraum, der durch ein Eisengitter verschlossen ist, brennen Kerzen, in den Vasen stecken frische Blumen. Beim Blick auf den gekreuzigten Christus wird ihm bewusst, dass die Nägel in den Armen und Füßen, mit denen Christus an das Kreuz geschlagen wurde, furchtbare Schmerzen verursacht haben. Der heutige Mensch hat große Angst vor Schmerzen. Die meisten Menschen zucken, wenn sie an Schmerzen denken, zusammen. Wenn Friedrich Bekannten erzählt hat, dass er sich einen Holzspieß in den Finger eingezogen hat, dann sind sie zusammengefahren und haben von unangenehmen Schmerzen gesprochen. Er kennt starke Schmerzen von Gallen- und Nierenkoliken. Den größten Schmerz verursacht Friedrich die Ungewissheit wie lange die Heilung seines Fingers dauern wird. Er zeigt Christus seinen verwundeten Zeigefinger und fragt ihn nach dem Sinn der Schmerzen. Christus hat für uns den Kreuzweg freiwillig auf sich genommen. Der Spaziergang führt Friedrich über eine steile Straße auf eine Hochebene. Hier ist vom Straßenlärm und vom Lärm der Gewerbezone nichts zu hören. Es breitet sich eine Wiese aus, umgeben von Bäumen und Sträuchern. Am Rande der Wiese stehen mehrere Bienenhütten. Er setzt sich in der Nähe der Bienenhütten auf eine Bank, es scheint die Sonne. Viele Bienenvölker haben den frostigen Winter nicht überlebt, aus wenigen Bienenstöcken schwirren Bienen zur Futtersuche aus. Nach einiger Zeit ziehen an diesem warmen Frühlingstag am Himmel dunkle Wolken auf. Auf dem Heimweg begegnet Friedrich Dorfbewohnern die auf dem Weg in die Kirche zur Karfreitagandacht sind.

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