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Einmal noch baden ...

Von Christine Oberstötter


Steve weiß von ihm.
Er schlägt vor, meine Kommilitonen zu uns nach Hause einzuladen. Ich kann nicht "Nein" sagen.
"Dieser Claudio ist mir suspekt", lässt er mich wissen, nachdem sie gegangen waren. Wir stehen im Badezimmer. Er zieht sich aus und ich hantiere mit Zahnseide.
"Suspekt?"
"Er ist verliebt in dich."
"Warum glaubst du das?"
"Ich glaube es nicht, ich weiß es. War es ein Blick oder eine Geste - keine Ahnung. Aber ich weiß es."
Er weiß also von ihm. Ob er auch von uns weiß?
Eigentlich spielt es keine Rolle, die Ehe besteht nur noch auf Papier. Als ich vor etwa zwei Jahren herausgefunden hatte, dass er mich mit Emmy betrügt, änderte ich mein Leben. Sie war meine beste Freundin und er meine große Liebe. Aber reden wir nicht davon.
Steve ist angesehener Politiker. Und ich seine angesehene Gattin. Darum wollte er damals auf keinen Fall die Scheidung, sein Ansehen sollte nicht beschädigt werden. Er forderte von mir, weiterhin glückliche Ehefrau zu spielen, mich weiterhin bei gesellschaftlichen Anlässen lächelnd an seiner Seite zu zeigen, ihn weiterhin zu den zahlreichen Familienfesten bei seiner Mutter zu begleiten und ich sollte schweigen. Schweigen über seine Seitensprünge. Dafür bot er mir finanzielle Unabhängigkeit und somit die Möglichkeit mein Studium wieder aufzunehmen. Ich willigte ein.
Seitdem leben wir nebeneinander her und wahren den Schein. Mit Emmy habe ich kein Wort mehr gesprochen.
Sie fehlt mir. Aber das gebe ich nicht zu.
Danach hat sie noch oft angerufen, mich abgepasst und ein Gespräch verlangt.
Ohne Erfolg. Inzwischen hat sie es aufgegeben, denke ich.
Vor ca. 3 Monaten habe ich mit Claudio ein Verhältnis angefangen. Er ist mir mit Haut und Haaren verfallen. Er begehrt mich.
Ich begehre ihn nicht. Aber ich begehre das Gefühl, von ihm begehrt zu werden.
Ein Gefühl wie ein heißes Bad.
Und nun weiß Steve von ihm.
Wir liegen im Bett. Im Ehebett.
Ich stelle eine Frage:
"Wieso haben wir keine getrennten Schlafzimmer?"
"Weil wir nach wie vor ein Ehepaar sind. Wir haben einen Vertrag."
"Tut es dir eigentlich weh?"
"Was?"
"Dass ich mit Claudio schlafe."
Er sagt nichts. Auch ich sage nichts mehr. Es ist nicht nötig.
Morgen wird Claudio tot sein. Steve lässt ihn töten. So wie er es auch mit Dave und Joseph getan hat. Er wird es immer wieder tun.
Claudio brauche ich nicht, aber sein Begehren. Ein heißes Bad.
Ich will nicht, dass es morgen weg ist.
"Tut es dir weh? Sag es!"
Es ist nun doch nötig.
"Nein."
"Dann lass ihn am Leben."
"Wovon redest du?"
"Von dem Mord an Claudio, den du sicher schon in Auftrag gegeben hast."
Er sagt nichts mehr. Noch nie hat er es ausgesprochen und er wird es nie aussprechen.
Aber ich weiß es.
"Wirst du auch mich töten lassen?"
"Du bist wahnsinnig."
"Antworte! Wirst du mich umbringen?"
Er antwortet nicht.
"Du musst es tun, weil ich dir gefährlich werde."
"Du bist wahnsinnig."
"Du wiederholst dich." Ich stehe auf.
"Wo gehst du hin?"
"Baden. Ich nehme ein heißes Bad."
Ja, ein heißes Bad. Das brauche ich jetzt.
Ich werde zu Claudio fahren. Diesmal soll es nicht wieder so sein.
Von Steve lasse ich mir nichts mehr wegnehmen. Jetzt nicht mehr.
Emmy fehlt mir. Morgen fahre ich zu ihr, ich brauche sie.
Doch jetzt muss ich zu Claudio und mich in ihm baden. Ich werde seinen Tod verhindern.
Beim Starten des Wagens fühle ich mich entschlossen. Entschlossenheit ist ein gutes Gefühl. Fast hätte ich vergessen wie das ist.
Hoffentlich komme ich nicht zu spät. In seiner Wohnung brennt Licht. Das bedeutet nichts. Killer schalten das Licht nicht aus. Er könnte noch leben. Oder auch nicht.
Als ich den Klingelknopf drücke, merke ich, dass meine Hände feucht sind. Auch das ist plötzlich ein gutes Gefühl.
Niemand öffnet. Es riecht nach Tod. Das wiederum ist kein gutes Gefühl.
Mir fällt ein, dass ich einen Schlüssel habe. Das ist gut.
Ich gehe jetzt rein. Kein Blut auf dem Flur. Aber es riecht immer noch nach Tod.
"Claudio! Wo bist du?"
Überall brennt Licht. Wo ist er?
Es zieht, die Balkontür ist offen.
Ein Wagen fährt laut pfeifend davon.
Ich gehe jetzt ins Bad. Dort sehe ich genau das, was ich befürchtet hatte.
Claudio liegt in der Badewanne, der Fön auch.
Wieder ist es passiert. Wieder konnte ich es nicht verhindern.
Warum? Ich wollte es zu wenig.
Todeslust überkommt mich. Ich steige zu ihm in die Wanne.



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Eingereicht am 14. April 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.