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Die deutschen Stargirls

Eine Kurzgeschichte von Stella Eva Henrich


Lili traute ihren Ohren nicht. Die Mädchen aus ihrer Klasse flüsterten nicht mehr. Sie sprachen nun laut und unüberhörbar über sie. "Diese Brillenschlange. Immer weiß sie alles besser. Kann die nicht endlich ihre Klappe halten und verduften". Eingeschüchtert zog Lili die Schultern ein und ging in die Milchbar des Schulhauses.
"Hallo Nicole", sagte Lili zu dem Mädchen, das vor ihr in der Schlange stand.
"Hallo Lili", begrüßte sie Nicole leise.
Nicole mochten die anderen Mädchen - die deutschen Stargirls - der Klasse auch nicht. Sie trug eine dicke Brille, meist Hosen mit Schlag und bunte Hemden. Die deutschen Stargirls machten sich oft lustig über Nicole. Lili hingegen fand sie extravagant und mutig. Schließlich hatte Nicole einen ganz eigenen Stil und lief nicht so uniformiert wie die anderen Mädchen der Schule herum. Nicole schienen die Urteile der deutschen Stargirls jedoch wenig zu stören. Wo immer man sie antraf, stets hatte sie ein Buch bei sich, in dem ihr Kopf tief vergraben war.
Lili hingegen litt sehr unter den Anfeindungen der deutschen Stargirls. Schließlich hatte sie ihnen nichts getan. Gern hätte sie sich mit ihnen freundlich unterhalten. Mit ihnen nach der Schule gespielt und zusammen Hausaufgaben gemacht. Doch die deutschen Stargirls fragten sie niemals, ob sie sie mal besuchen wolle. Lili wünschte es sich doch so sehr.
Fast jeden Nachmittag trafen sich die deutschen Stargirls. Sie hatten viele Spielsachen und Puppen, ihre Muttis backten ihnen Kuchen und sie schlürften beim Spielen Limonade und Cola. Es kam auch hin und wieder vor, dass die deutschen Stargirls über Lili lästerten.
"Eingebildete Kuh, nie spricht sie uns an. Steht immer abseits. Sie hält sich wohl für was besseres, dieses schöne Mäuschen", darin waren sich die deutschen Stargirls einig.
"Ich glaube auch nicht, dass sie so intelligent ist, wie sie tut", sagte eine andere.
"Sie redet nur schlau daher", bestätigte sie ein weiteres Mädchen.
Lili saß weinend nach der Schule an ihrem Schreibtisch.
"Was ist los Lili", fragte sie ihre Mutter.
"Hat dich jemand geärgert"?
"Die Mädchen in der Schule mögen mich nicht, Mama. Sie lästern über mich. Ich mag nicht mehr in die Schule gehen". Lilis Mutter guckte entgeistert.
"Du musst aber in die Schule Lili", sagte sie.
"Ich will aber nicht mehr", schrie Lili verzweifelt.
Am nächsten Morgen blieb Lili im Bett liegen als ihr Wecker klingelte.
"Steh bitte auf Lili, die Schule beginnt gleich", sagte Lilis Mutter zu ihrer Tochter.
"Ich habe Bauchweh, ich kann heute nicht zur Schule gehen", sagte Lili.
Ihre Mutter durchschaute Lilis Ausrede sofort und setzte sich zu ihr auf das Bett.
"Wie schade Lili. Ich wollte heute Mittag eigentlich mit dir ins Schlumpfland fahren. Aber wenn du krank bist, geht das wohl nicht".
Lili bekam große Augen.
"Oh Mama, ich will unbedingt ins Schlumpfland, bitte fahre mit mir hin".
"O.k. Lili", sprach Lilis Mutter. "Aber dann gehst du erst in die Schule".
Lili sprang aus dem Bett auf. Sie kleidete sich rasch an und schnappte ihren Schulranzen. Ihre Mutter freute sich über die Spontanheilung ihrer Tochter. Erst auf dem Schulweg bemerkte Lili, dass sie noch immer Bauchweh aus Angst vor den deutschen Stargirls hatte. Tränen kullerten über ihre Wangen als sie das Schulgebäude betrat. Die deutschen Stargirls standen an der Schulpforte und bemerkten, wie sich Lili die Tränen aus dem Gesicht wischte. Sie tuschelten. Doch diesmal schien es mehr aus Verlegenheit als aus Häme.
"Sie weint ja", flüsterte eines der Mädchen.
"Ob es ihr schlecht geht", fragten sich die deutschen Stargirls.
"Sie sieht auch ganz blass um die Nase aus", bemerkte eine andere.
Die deutschen Stargirls empfanden jetzt Mitleid.
"Vielleicht sollten wir sie fragen, ob wir ihr helfen können".
In der ersten großen Pause gingen die deutschen Stargirls zu Lili, die alleine auf dem Schulhof stand.
"Wir wollen heute Nachmittag ins Schlumpfland Lili. Hast du Lust mit uns mitzukommen", fragten die deutschen Stargirls. "Sicher wird es sehr lustig".
Lili strahlte verlegen die deutschen Stargirls an. Ihre Backen erröteten sogar ein wenig.
Nach der Schule trafen sich die Mädchen bei Lili, denn Lilis Mutter wollte sie mit ihrem roten Käfer im Schlumpfland absetzen und später wieder abholen. Die deutschen Stargirls waren erstaunt darüber, dass Lili ein Zimmer mit ihrer Schwester Änni teilte. Und auch sonst machte die Wohnung einen schönen aber dennoch nicht überladenen Eindruck. Eigentlich hatten die deutschen Stargirls erwartet, dass Lili in einem Palast wohnt und ein Hausdiener ihnen die Tür öffnet.
So wie es einst bei Lilis Mutter zuhause vor langer Zeit einmal der Fall war.
Die vier Mädchen verbrachten gemeinsam einen vergnüglichen Nachmittag im Schlumpfland. Sie lachten viel. Am Abend erzählte Lili ihrer Mutter, dass es der schönste Tag in ihrem Leben gewesen sei. Liebevoll strich Lilis Mutter ihr mit der linken Hand das Ponnie aus dem Gesicht und nahm ihr die Brille von der Nase.
"Schlaft gut meine Süßen", sagte sie und knipste darauf das Licht von Lilis und Ännis Zimmer aus.
Als sich die deutschen Stargirls am Abend ins Bett legten, empfanden auch sie den Tag als einen der schönsten seit langer Zeit. Noch mehr allerdings spürten sie Dankbarkeit. Schließlich waren sie über ihren eigenen Schatten gesprungen und hatten dabei festgestellt, dass man die Menschen nicht an Äußerlichkeiten bewerten soll. Denn am Ende des Tages merkten sie, Lili war nicht nur schön und intelligent, sie war zu alledem auch noch sehr sehr nett.
Fortan waren die deutschen Stargirls und Lili gute Freundinnen. Sie halfen sich bei den Hausaufgaben und man hörte sie regelmäßig gemeinsam auf dem Schulhof laut lachen. Manchmal sah man jetzt auch Nicole bei den Mädchen stehen, wenn Lili sie fragte, ob sie mit ihnen spielen wolle. Doch am liebsten las Nicole und das akzeptierten Lili und die deutschen Stargirls.



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Eingereicht am 07. Dezember 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.