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Der verliebte Teufel

Von Rudi Jagusch


"Ich habe eine Schwester?"
Der König saß gerade beim Frühstück als sein Freund, der Mönch, in den Raum platzte und ihm das Unglaubliche offenbarte.
"Warum erzählst du mir gerade heute davon?"
Der Mönch rang mit seinen Händen. Er wusste, dass der König ein aufbrausendes Temperament hatte und gelegentlich derart mit der Faust auf den Tisch haute, so dass das ganze Schloss erbebte. Etwas zögerlich antwortete er daher: "Ihre Schwester wird heiraten und ich denke, ein Bruder sollte bei diesem wichtigen Ereignis dabei sein."
Der König dachte nach und kam zu dem Schluss: "Ja, da hast du wohl recht. Mein Geschenk soll die Hochzeitsfeier hier im Saal sein", aufgeregt fügte er an, "Jetzt möchte ich aber wissen, wer denn die Glückliche ist. Mit welcher hochgeborenen Familie bin ich verwandt?"
Der Mönch wurde bei den Worten noch kleiner, als er ohnehin schon von war. Erst als er fast im Boden verschwand antwortete er: "Mein König, Ihr."
Der König unterbrach "Lass doch den Quatsch mit ,Mein König' und ,Ihr'. Wir sind doch Freunde."
Der Mönch nickte, schluckte einmal heftig, wobei sein Adamsapfel auf und ab hüpfte wie ein Springball: "Gut, du kennst doch noch das Haus direkt vor dem Stadttor, nahe bei der großen Eiche. Dort spielten wir als Kinder immer Verstecken."
Der König nickte und ergänzte belustigt: "Ja klar, es gab dort eigentlich ja nur ein Versteck. Hinter dem Baum. Hat uns aber trotzdem nicht davon abgehalten, immer wieder dahin zu rennen."
"Genau. Dann wurde uns das Spielen dort verboten."
"Ja", fügte der König an, "Eine Hexe baute sich dort ein Häuschen. Wir sollten nicht in deren Nähe gelangen. War aber auch nicht so schlimm, wir haben ja ein neues Plätzchen zum Versteck spielen entdeckt, die Höhle unten am See."
Betreten schwieg der Mönch. Der König grübelte. Warum hatte sein Freund ihm dies erzählt? Unwichtig, oder? Es sei denn... wie von einer Feder angetrieben sprang der König auf: "Du willst doch damit nicht sagen.?"
Der Mönch, erleichtert darüber, dass der König selbst darauf gekommen war, bestätigte: "Doch, die Tochter der Hexe ist deine Halbschwester. Dein Vater kannte die Mutter, äh, näher. Die Tochter hat das Erbe ihrer Mutter angetreten und ist jetzt selbst Hexe."
Langsam nahm der König wieder Platz. Er hatte ja mit vielerlei gerechnet, aber damit nicht. Er schaute den Mönch an. Dieser klebte immer noch am Boden und vermittelte den Eindruck, als ob er lieber im Kerker einsitzen würde als hier vor ihm zu stehen. Was brannte seinem Freund noch auf der Seele?
"Also los, was noch?"
"Wir sprachen eben von der Hochzeit, äh, der Bräutigam, äh.", der Mönch stockte, senkte den Kopf .
Ein wenig ärgerlich sagte der König: "Was ist? Ist der Bräutigam etwa bettelarm? Hat er einen Buckel? Gehört er der Anti-King-Bewegung an? So schlimm kann es doch nicht sein."
Der Mönch merkte, dass er nun langsam aber sicher den Ballon platzen lassen musste, damit der König selbst nicht in die Luft ging.
"Du weißt doch, was man über Hexen so sagt. Das sie Nachts auf einem Besen von einem Ort zum andern fliegen, stinkende Mixturen in einem dicken bauchigen Kessel anrühren und mit dem Teufel verheiratet sind."
Der König nickte wissend und forderte ihn auf, fortzufahren.
"Ob alles stimmt, vermag ich nicht zu sagen. Aber Letzteres wird dann zumindest für eine Hexe richtig sein."
Der König zweifelte an den Worten des Mönches. Seine Schwester möchte den Teufel heiraten? Was für eine absurde Vorstellung. Da musste doch mehr dahinter stecken. Es wurde Zeit, der Sache auf den Grund zu gehen und so bat er den Mönch: "Bitte hol meine Schwester heute Nachmittag hier zu mir ins Schloss. Ich möchte selbst hören, wie groß die Liebe wirklich ist."
Der Mönch verneigte sich kurz und eilte dann hinaus.
Rechtzeitig am Nachmittag erschien er mit der Hexe im Schlepptau. Der König und die Hexe fixierten sich zunächst, ließen dann die Hemmungen fallen und umarmten sich herzlich. Der König fand zuerst die Worte wieder: "So, du bist also meine Halbschwester...", er kannte noch nicht mal ihren Namen.
"Sinasar", half die Schwester aus.
Dankend nickte der König und kam dann direkt zur Sache: "Setz dich bitte."
Beide nahmen auf einer Bank nahe am offenen Fenster zum Schlosshof Platz.
Der Mönch zog sich etwas aber immer noch in Hörweite zurück, zog eine Ecke Brot und ein Stück Wurst aus der Tasche seiner Kutte und biss hungrig abwechselnd ab.
Der König fuhr inzwischen fort: "Ich kann es nicht glauben! Was hat dich dazu getrieben, den Teufel heiraten zu wollen?"
Verlegen drehte die Hexe ihre langen Haare mit dem Zeigefinger auf. Zögerlich traute sie ihrem Bruder an: "Ich will ja eigentlich auch nicht, aber er ist so verliebt in mich", sie schluchzte leise bei den Worten, "Er hat mir gedroht. Dein ganzes Königreich will er in Armut stürzen, wenn ich nicht gehorche."
Der König zog die Augenbrauen hoch: "Dann ist dies ab nun auch eine dienstliche Sache für mich", und zu seinem Freund gewand, der gerade seine Finger ableckte, ergänzte er, "Hol mir mal den Teufel. Ich werde mal ein Wörtchen mit Ihm reden."
So herbeigerufen erschien kurz darauf der Teufel standesgemäß mit Feuer und Schwefelwolken im Saal, und ergriff das Wort: "Was willst du König? Ah, da ist ja auch meine bezaubernde Braut." Knapp verneigte er sich in Richtung der Hexe.
Der König, der inzwischen auf dem Thron saß, nutzte die Gelegenheit: "Du weißt ja sicherlich, dass deine angehende Frau und ich Bruder und Schwester sind. Da unser Vater nicht mehr lebt, erwarte ich, dass du bei mir um meiner Schwester Hand anhältst." Der König setzte eine entschlossene Miene auf und wartetet.
Der Teufel lächelte zunächst überheblich, merkte aber schnell, dass es dem König Ernst war. Förmlich bat er schließlich: "Also gut. König, ich liebe Ihre Schwester und bitte Sie hiermit, Ihre Schwester heiraten zu dürfen."
Der König zeigte keine auffällige Regung als er antwortete: "So soll es sein. Ein Rätsel musst du mir aber vorher lösen. Wenn du dieses Rätsel nicht lösen kannst, wird endgültig nichts aus der Hochzeit. Ich möchte dein Versprechen, dass du mit der Bedingung einverstanden bist."
Überheblich öffnete der Teufel mit einer großzügigen Geste die Arme: "Ich verspreche es dir. Ich kann jedes Rätsel lösen. Nur zu, damit wir die Sache so schnell wie möglich hinter uns bringen können."
Der König lehnte sich zurück und überlegte. Der Teufel schwefelte wartend vor sich hin, der Mönch schwitzte, da der Teufel eine unangenehme Hitze ausstrahlte und die Schwester blickte ihren Bräutigam angewidert an. Nach einer kleinen Ewigkeit erhob sich der König, verschränkte die Arme auf dem Rücken, schaute den Teufel tief in dessen lodernden Augen und formulierte leise sein Rätsel: "Du hast eine Minute Zeit. Was ist das? Hat Arme, aber keine Hände, läuft und hat doch keine Füße."
Der Teufel überlegte fieberhaft. Der König aber schmunzelte. Er wusste aus alten Märchen und Überlieferungen, dass der Teufel Schwierigkeiten hatte, Rätsel zu lösen.
Es wurde immer wärmer im Saal und als die Minute um war, schrie der Teufel: "Ich weiß es nicht, du elender....", bevor er weiter sprechen konnte verwandelte seine Wut ihn vollends in eine Feuersäule, die nach einigen hitzigen Ausbrüchen zügig kleiner wurde und schließlich erlosch.
Die Schwester, der Mönch und der König fielen sich in die Arme und tanzten jauchzend durch den Saal. Nachdem sie sich etwas beruhigt hatten, fragte der Mönch nach der Lösung des Rätsels. Der König sagte lachend: "Oh, ganz einfach. Es ist ein Fluss."
Nun fielen die anderen beiden in das Lachen des Königs ein bis plötzlich die Schwester ängstlich fragte: "Und wenn er darauf gekommen wäre?"
Der König zuckte mit den Schultern: "Dann hättest du dich einfach verweigert, wir wären anschließend mit dem ganzen Volk zu unserem wohlhabenden Onkel König Otto gezogen und hätten dort weiter gelebt."
Zufrieden mit sich und der Welt ließ der König am Abend zum Tanz aufspielen, lud alle, die konnten zu dieser Feier ein und wenn sie nicht gestorben sind, so feiern sie sicherlich noch immer.



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Eingereicht am 10. März 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.