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Nina und das Sternenkind

Ein Märchen von Torsten Houben


Ein greller Lichtschein kitzelte Nina in der Nase. Sie musste davon niesen und erwachte. Es war mitten in der Nacht und dennoch war ihr Zimmer hell erleuchtet. Etwas bewegte sich vor ihrem Fenster. Das Mädchen stand auf und tapste auf nackten Füßen dort hin.
Nina hatte sich nicht geirrt. Da war tatsächlich jemand. Es war ein kleiner Junge, etwa so groß wie sie selbst. Er drückte sich ganz dicht an die Glasscheibe und starrte sie an. Vorsichtig öffnete Nina das Fenster. Der seltsame Besucher trug keine Kleidung, doch glühte sein Körper in hundert verschiedenen Farben. Die ganze Pracht eines Regenbogens schien er auf seiner Haut eingefangen zu haben. Seine Haare glänzten silbern.
"Wer bist du?", fragte Nina.
"Ich bin ich", erwiderte der Junge.
"Aber wie heißt du?"
"Ich habe keinen Namen, da mich niemals jemand ruft."
"Ich heiße Nina."
"Ich weiß. Ich kenne dich."
"Woher?"
"Ich habe viel Zeit. Ich sitze auf meinem Lieblingsstern und schaue dich an. Schon sehr lange und heute Nacht habe ich beschlossen, dich aus der Nähe zu betrachten."
Nina wunderte sich immer mehr über ihren Gast.
"Aber warum tust du das?"
"Weil ich dich mag."
"Wie alt bist du?"
"Ich habe kein Alter."
"Bist du ein Engel?"
"Nein. Ich bin mit den Sternen verwandt. Siehst du den leuchtenden Kreis da oben? Das ist mein Onkel Mond."
"Der Mond ist dein Onkel?"
"Ich sagte doch, ich bin das Kind der Sterne."
"Kannst du hereinkommen? Es ist kalt, wenn das Fenster offen ist."
"Das kann ich nicht, aber ich werde dich wärmen."
Das Sternenkind verstärkte sein Licht und hüllte auch Nina in den strahlenden Glanz. Sofort wurde dem Mädchen angenehm warm und sie fühlte sich geborgen.
Lange Zeit redeten sie über viele Dinge. Nina erfuhr vieles über das Sternenkind. Es erzählte ihr von seinen neun Vettern und Cousinen, den Planeten und von seiner Tante Sonne. Das Sternenkind lernte von Nina vieles über das Leben der Menschen. Im Morgengrauen verabschiedete der Junge sich von ihr.
"Ich muss gehen."
"Sehen wir uns wieder?"
"Du kannst mich jede Nacht sehen. Schau einfach in den Himmel und ich werde dir zuwinken."
"Ich möchte aber auch mit dir reden."
"Das kannst du. Schreibe mir einfach etwas in den Himmel."
"In den Himmel schreiben? Wie soll das gehen?"
"Mit Licht. Bei mir im Weltall ist es immer dunkel und ich kann dein Licht sofort sehen. Leb wohl Nina. Ich hab dich lieb."
"Ich hab dich auch lieb. Leb wohl. Ich werde dir schreiben."
Von dieser Nacht an saß das Sternenkind jeden Tag im All und wartete darauf, dass es auf der Erde Nacht wurde.
"Tante Sonne, wann gehst du unter?", fragte es immer wieder. Das Sternenkind hatte Sehnsucht nach seiner Freundin.
"Cousine Mars und ihr anderen, haltet bitte den Himmel frei, damit Nina mir schreiben kann ja?"
Die Gestirne antworteten nicht. Sie redeten niemals mit dem Sternenkind, obwohl sie doch Verwandte waren.
Nina holte sobald es dunkel wurde ihre kleine Taschenlampe hervor, schaltete sie ein und leuchtete in den Himmel. Sie führte die Lampe dabei wie einen Stift und schrieb jede Nacht die selben Worte: "Ich hab dich lieb."
Das Sternenkind las die Botschaft mit großer Freude. Es pflückte für Nina einen Strauß aus Kometen und warf sie als Sternschnuppen auf die Erde. In besonders klaren Nächten verstärkte es sein eigenes Licht, so wie in der Nacht, als er Nina gewärmt hatte und leuchtete als einsamer, glühender Stern auf seine Freundin hinab.
Viele Jahre vergingen und aus "Ich hab dich lieb" wurde "Ich liebe dich". In jeder Nacht schrieb die junge Frau mit ihrer Taschenlampe "Ich lieb' dich" in den Himmel und wenn sie Sternschnuppen sah, wünschte sie sich, den Sternenjungen wiederzusehen.



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Eingereicht am 27. Januar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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