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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Wortlos

© Jessica Heidmann


Sie sitzt dir gegenüber.
Du versuchst an ihr vorbeizusehen oder wenigstens gelangweilt ins Leere zu starren. Doch du siehst sie aus dem Augenwinkel und immer wieder wandert dein Blick zu ihr herüber, nur damit du ihn beschämt wieder wegzehrst und das ermüdende Spiel von neuem beginnen lässt.
Irgendetwas an ihr kommt dir so unaussprechlich vertraut vor. Und ein Teil von dir hofft, dass eure Blicke sich treffen, dass auch sie unwillentlich mit der Leere bricht. Sie würde dann nicht so ahnungslos wirken, nicht so unschuldig deinen Blicken ausgeliefert sein.
Aber dann wäre auch verloren, was dich so an ihr interessiert.
Sie sitzt nur da. Gespenstisch schön in ihrer Unbeweglichkeit. Unberührbar.
Doch das ist nicht, was deinen Blick anzieht. Sie verkörpert ein ungreifbares Geheimnis, von dem du bis heute gedacht hast, es wäre nur deines.
Sie hat die Beine übereinander geschlagen, die linke Hand hält ihre kleine silberne Handtasche dicht an sich gedrückt. Ihr Körper ist leicht nach rechts, dem Fenster zugewandt. Die rechte Hand hat sie ans Fenster gelegt und berührt mit den Fingerspitzen die eiskalte Glasscheibe. Sie sieht aus dem Fenster, den Blick immer auf ein und denselben Punkt gerichtet, nie wandernd, umherstreifend, suchend...
Es ist schon fast dunkel aber du weißt, dass sie die verzehrten Schatten dort draußen genauso wenig wahrnimmt, wie das grelle Aufblitzen einiger Lichter, deren jeweilige Quelle für immer ein Geheimnis bleiben wird. Ihr sitzt schon sehr lange so. Schweigend, stumm.
Du bist nach ihr eingestiegen. Da hat sie schon so gesessen, hat dir dabei nicht einmal einen Blick zugeworfen, um festzustellen, wer sich da zu ihr gesellt, in ihre kleine stille Welt eindringt...Du fragst dich, ob sie dich überhaupt bemerkt hat.
Draußen regnet es. Die Tropfen klatschen aufs Fenster und rinnen herab, getrennt von ihren Fingerspitzen durch eine unsichtbare Scheibe.
Eine Haltestelle nach der anderen bleibt hinter euch zurück und das Abteil lehrt sich. Allmählich wirkt es komisch ihr weiterhin gegenüber zu sitzen, sie zu beobachten, auf unerklärliche Weise eine Grenze zu überschreiten, die nur in deinem Kopf existiert.
Doch du kannst nicht weggehen und versuchst nachträglich zu ergründen, ob es wirklich nur Zufall war, der dich ausgerechnet diesen Platz wählen ließ.
Du glaubst sie zu kennen. Glaubst zu wissen, warum sie so dasitzt, den Blick in die endlose Leere gerichtet, sich ihrer Umgebung kaum bewusst. Der sanfte Ruck beim Anhalten und Anfahren des Zuges ihr einziger Kontakt zur Realität.
Wann wird sie wohl aussteigen?
Der Gedanke macht dir Angst, denn wie sie hast du keinen Namen für jenes einsame Gefühl, dass sie mit ihrer Haltung so offen zum Ausdruck bringt. Der Wunsch dort draußen zu sein und den Regen berühren zu können. Ein Teil von etwas zu sein, dass wir in all den Sorgen und Freuden des Alltags vergessen.
Es hat begonnen zu schneien. Dicke Flocken schlagen gegen das Fenster und dämpfen das wenige Licht in der tiefschwarzen Nacht. Unter ihren Fingern wird der Regen langsam zu Eis. Doch nur die Kälte dringt durch.
Ihr seid beide gelähmt, erdrückt von dem Wissen dass diese Scheibe immer da sein wird, dass eine unsichtbare Barriere euch immer von dem trennen wird, wonach ihr euch sehnt. Etwas mehr als das ziellose Wandern von Tag zu Tag, etwas mehr als die nichtigen Freuden und Schmerzen, sinnloser Erfolge und Niederlagen. Etwas mehr zu fühlen als nur das.
Du willst diese Dinge aussprechen- jetzt, sofort.
Doch du ringst verzweifelt nach Worten, denn noch immer gibt es keinen Namen, um dieser verwandten Seele zu sagen, was ihr sucht, und die geheime Sehnsucht eurer Herzen zu tauschen nach etwas mehr als dem, was die anderen Leben nennen.
Und du weißt, dass der Augenblick vergehen, an der Realität scheitern wird, die keine Worte kennt und keinen Unterschied macht zwischen Kälte und Eis.
Die Leere in ihren Augen schmerzt mehr als jede Traurigkeit und du weißt, dass ihr euch nichts anderes geben könnt, als diesen Augenblick.
Dann kommt der Zug mit jenem altbekannten, sanften Ruck erneut zum Stehen. Sie blinzelt scheinbar zum ersten Mal und plötzlich, viel zu plötzlich, steht sie auf und geht. Du springst nicht auf, um ihr zu folgen, beobachtest nur durch das Fenster, wie sie in der schneedurchtosten Nacht verschwindet- umwirbelt, verborgen, doch nie berührt.



Eingereicht am 10. April 2006.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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