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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Die Parkbank

© Samuel Nitsche


"Ja, es ist lange her."
Sie lächelte. Die Sonne hatte den Himmel schon fast vollständig erklommen und gab ihren grünen Augen einen ganz eigenen Glanz.
Noch vor einer halben Stunde war jeder seinen eigenen Plänen gefolgt, jeder hatte sein eigenes Ziel gehabt und auf seinen Anschlusszug gewartet. Sie in Richtung Hamburg, er in Richtung Konstanz. Wie hoch war wohl die Chance gewesen, dass sie sich nach fünfzehn Jahren ausgerechnet am Frankfurter Hauptbahnhof trafen, obwohl jeder von Ihnen sein eigenes Leben, seinen eigenen Ausgangspunkt und sein eigenes Ziel gehabt hatte?
Er hatte sich in Gedanken gerade auf die bevorstehende Konferenz eingestimmt, als er einen überraschten Ausruf hinter sich gehört hatte. Noch ehe er ganz aus seinen Überlegungen aufgetaucht war, hatten sich auch schon zwei Arme um seinen Hals geschlungen. Er hatte sie sofort erkannt. Von dem plötzlichen Wiedersehen in eine besondere Art von Euphorie versetzt, hatten sie kurzerhand ihre Pläne geändert und saßen nun in einem dieser kleinen, friedlichen Cafés, wie es sie allen verwinkelten Gassen einer Fußgängerzone gibt.
"Aber du hast recht. Im Juni hatten wir unsere Abschlussfahrt und zwei oder drei Wochen später bekamen wir die Abschlusszeugnisse. Abi ´90."
Er nahm einen Schluck von seinem Kaffee, grinsend.
"Und wie immer warst du besser als ich."
Ein leichtes Lachen drang aus ihrer Kehle. Heiter, unbesorgt, mit dem Leben zufrieden.
"Ach was, in Mathe habe ich total versagt! Das war für mich immer ein Buch mit sieben Siegeln."
Sie blickten sich an. Forschten im Blick des Andern.
Die Luft war erfüllt von friedlicher Geschäftsmäßigkeit und der Geruch von Staub und Trockenheit wurde von einem Hauch von Jasmin begleitet.
Ein wenig betreten sah sie zu Boden. So lange her, so viel Zeit vergangen.
"Und, was machst du so? Wolltest du nicht Kunst studieren?"
Sie nickte und ein Anflug von Unsicherheit überschattete für einen Moment ihren Blick.
"Ja, wollte ich."
Fragend sah er sie an. Sie lächelte verlegen, dann war die unbeschwerte Heiterkeit auf ihr Gesicht zurückgekehrt.
"Ich habe mich um entschieden. Habe schließlich Sozialpädagogik studiert. Um ehrlich zu sein: Ich wusste nicht so recht, was ich studieren sollte."
Wieder das Lächeln, wieder die mitschwingende Unsicherheit.
"Ist ja toll, und was machst du jetzt genau?"
"Ich arbeite bei einer Einrichtung für soziale Brennpunkte. Wir arbeiten mit Jugendlichen zusammen, die sozusagen vom Leben benachteiligt wurden."
"Das scheint ja mal wirklich ein interessanter Job zu sein."
Sein Blick forschte in ihren Augen.
"Ja, kann man schon sagen."
Sie konzentrierte sich auf ihren Kaffee. Schließlich blickte sie ihn fragend an.
"Und du? Was ist mit dir? Den Pulitzerpreis schon einkassiert?"
Um ihre Mundwinkel bildeten sich zwei kleine, neckische Fältchen und für einen Augenblick fühlte er sich wie damals, vor fünfzehn Jahren.
"Ich arbeite als Redakteur bei einem Trendmagazin. Nichts Herausragendes, aber es macht Spaß."
"Wirklich? Bei welchem denn?"
Er sagte es ihr, während er sich einmal mehr dabei ertappte, wie er sie intensiv musterte. Die rötlichen Haare noch immer locker zusammengebunden, noch immer die widerspenstigen Strähnen, di ihr mit unendlicher Ausdauer stets von neuem ins Gesicht fielen.
"Na ja, ich bin mir sicher, das mit dem Pulitzerpreis klappt auch noch. Schon während der Schulzeit habe ich deine Gabe fürs Schreiben immer bewundert."
Ein wenig verlegen sah sie ihn an. Er hatte sich verändert, aber nicht so sehr, dass sie ihn nicht auf den ersten Blick schon erkannt hätte.
Klar, seine Gesichtszüge waren markanter geworden, der Bartschatten dunkler und er trug sein Haar nicht mehr ganz so provokant wie damals. Doch das war es nicht gewesen, woran sie ihn vorhin wieder erkannt hatte.
Für einen Moment herrschte seltsam betretenes Schweigen und jeder konzentrierte sich auf seine Tasse. Dann trafen sich ihre Blicke und für einen Augenblick drohte sie in seinen dunklen, geheimnisvollen Augen zu versinken, die sie niemals vergessen würde.
"Und sonst, was machst du so?"
Ihre Gedanken waren an einem anderen Ort. Genau wie seine.
Die Luft heizte sich langsam unter der Glut der Sonne auf. Es würde Regen geben. Am Spätnachmittag wahrscheinlich. Und dann einen jener lauen, friedlichen Abende, die eine ganz eigene Magie haben, eine eigene Realität, eigene Versprechen und Gelöbnisse, die nur in jener abgehobenen, romantischen Welt existieren können, so wie damals, vor fünfzehn Jahren.
"Hm, was soll ich darauf antworten? Ich koch immer noch gerne, ich hasse Fußball noch immer - so viel hat sich nicht geändert bei mir."
Mit einem Grinsen legte er die linke auf die rechte Hand und verdeckte so wie zufällig den kleinen, goldenen Ring, den er seit elf Jahren ständig trug.
Er wusste, dass sie ihn gesehen hatte. Doch sie sagte nichts, lächelte nur auf diese Art und Weise, die ihm nachts den Schlaf geraubt hatte. Damals, vor fünfzehn Jahren.
Er hätte ihr von Damaris erzählen können. Von ihren gemeinsamen elf Jahren, doch irgendetwas in ihm sträubte sich dagegen.
"Immer noch der alte Erich…" sagte sie, nur um die Stille zu unterbrechen.
Ganz nah waren sie sich gewesen, als er über sie gestolpert war. Sie hatte den Duft seines Aftershaves gerochen. Er benutzte noch immer dasselbe wie früher. Irgendwie hatte sie ihn gespürt, bevor sie ihn gesehen hatte.
Wie ein warmer Hauch aus einer unbeschwerten Vergangenheit hatte sie ihn gefühlt.
Vielleicht sah er sogar noch besser aus, noch interessanter als damals. Die Schultern waren breiter geworden, sein Gesicht hatte einige Falten bekommen. Beinah zögerlich zwang sie sich, nicht an jene Zeit zu denken. An das intensive Rot des Sonnenuntergangs und die von der Sonne aufgeheizten Holzlatten der Parkbank.
"Und du? Was ist mit dir?"
Sein Lächeln konnte seine Befangenheit nicht ganz überdecken, auch wenn sie es irgendwie süß fand.
Krampfhaft versuchte er, gelassen zu wirken, während ein leichter Luftstoß den unaufdringlichen Duft ihres Parfüms in seine Nase trieb.
"Ich meine… bist du verheiratet oder hast du vielleicht sogar schon Kinder?"
Sie schüttelte den Kopf und starrte wieder auf ihre Hände.
Er hätte sich am Liebsten die Zunge abgebissen. Er wusste, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte. Er hatte das immer gewusst.
"Nein… ich habe wohl den Richtigen noch nicht gefunden."
Sie konnte sie riechen, als sie aufblickte und ihm direkt in die Augen sah, die laue Luft jener Abende, an denen sie mit ihm zusammen gewesen war.
Die Prüfungen waren vorbei gewesen, der Druck verflogen. Sie meinte, den sachten Wind in ihrem Haar zu spüren, wie er die aufgestaute Hitze in der Toskana jeden Abend auflockert, wie er sie auch damals aufgelockert hatte.
In Gedanken sah sie sich selbst, an ihn gekuschelt auf der roten Parkbank, deren Farbe schon langsam abblätterte.
Es war nicht so, dass sie das Traumpaar der Klasse gewesen wären, das es in jedem Abschlussjahrgang gibt und das doch eigentlich nur von der Aufmerksamkeit der anderen lebt. Nein, es war etwas anderes gewesen. Zumindest in dem Augenblick.
Unsicher stocherte sie mit dem Löffel in ihrem Kaffee herum.
Damals war alles so einfach gewesen. So klar. Die Träume hatten im Vordergrund gestanden und die Freude über den erfolgreichen Abschluss eines Lebensabschnitts hatte alles überdeckt.
Natürlich war es eine Traumwelt gewesen, eine Realität, die nur temporär existenzberechtigt ist.
Und dennoch konnte sie sich nicht dagegen wehren, dass die Erinnerungen in ihr aufstiegen.
Ein Schleier von Wehmut legte sich über ihren Blick, mit dem sie ihn ansah, während sie erneut seine warmen, gefühlvollen Lippen auf ihrem Mund spürte. Sein Versprechen klang ihr noch immer in den Ohren.
Versprechen, die die Verliebtheit diktiert und dieser Welt aus purer Romantik entspringen.
Sie hatte sich nie so wohl gefühlt wie damals. Vor fünfzehn Jahren.
Abrupt sah sie auf die Uhr.
Mit einem entschuldigenden Lächeln sah sie ihn an.
"Mein nächster Zug…"
Er nickte. Gedankenverloren.
"Klar."
Sie standen auf. Er bezahlte.
Auf dem Rückweg zum Bahnhof sprachen sie kein Wort. Jeder hing seinen eigenen Gedanken und Träumen nach. Sie ließ es zu, dass er einen Arm um sie legte, so wie damals auf der Parkbank.
Sie verabschiedeten sich, während der Zug einfuhr.
So wie alte Bekannte sich verabschieden.
Dann setzte sich der Zug in Bewegung und das kleine Stückchen romantische Illusion der letzten zwei Stunden hörte auf zu existieren.



Eingereicht am 14. März 2006.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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