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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Überstandener Alptraum

© Rosmarie R.


"Sprich Deutsch mit ihr!!" Er beachtet mich gar nicht und redet weiter auf sie ein. Ruhig bleiben, sage ich zu mir, ja nicht provozieren. Was mache ich hier? Ich versuche ganz ruhig zu bleiben und sage zu meiner Tochter: "Packe nur das Nötigste ein und dann gehen wir". Sie weint und sagt zu ihm: "Bitte, nur eine Nacht - ich komme morgen ja wieder". Er sitzt in einem Polsterstuhl, ein Bein lässig über der Lehne und hat eine Zigarette in der Hand. Er spricht nur rumänisch weil er nicht will dass ich ihn verstehe aber dazu braucht es keine Sprachkenntnisse. "Es ist ja nur für eine Nacht", sage ich nochmals zu meiner Tochter die wahllos irgendwelche Sachen aus dem Schrank zieht. Ich stehe in der Mitte der Beiden und versuche den Überblick zu behalten. Wenn wir nur schon raus wären. Eine kleine Sicherheit gibt mir mein Natel, es steckt in meiner Jackentasche, die Nummer des Sozialamtes der Gemeinde ist programmiert und ich brauche nur zu drücken um eine Verbindung zu bekommen. Ich möchte es aber nur im äussersten Notfall benutzen obwohl ich mich im Moment frage, ob ich nicht besser mit einem Polizisten hier aufgetaucht wäre! Ich habe Angst, das gebe ich zu, ziemliche Angst sogar.
Der Typ ist unberechenbar, ich brauche mir nur meine Tochter anzuschauen.
Abgemagert, zwei Finger eingebunden und überall blaue Flecken im Gesicht.
Ich weiss nicht was passiert ist aber ich werde es bestimmt bald erfahren.
Meine Tochter läuft kraftlos im Zimmer umher und weiss vermutlich kaum was sie macht. "Ihr braucht nicht viel, schliesslich ist es ja nur bis morgen"!
Wenn sie nur schon fertig wäre. Ich versuche auf ihn einzureden: Glaub mir, ich bringe sie morgen wieder her. Ich verspreche es. Gönn ihr doch ein paar Stunden!" Ich merke wie er unsicher wird. Eigentlich will er sie nicht gehen lassen aber er weiss nicht wie ich reagieren werde, wenn er sich weigert.
"Ich will, dass sie morgen wieder hier ist!" Er sagt das in einem Ton - ich könne ihn umbringen. Ja wirklich, ich wäre fähig ihn zu töten. Das Elend, das er in unsere Familie gebracht hat ist kaum zu beschreiben. Mit 16 hat er schon so einen Einfluss auf sie, dass sie einen schlechten Schulabschluss macht, keine Lehrstelle findet und mit achtzehn schwängert er sie. Das alles ist schlimm aber wenn er wenigstens die Verantwortung für die junge Familie übernommen hätte! Nein, sie geht arbeiten und er nimmt ihr das Geld ab und verprasst es. Das allerschlimmste aber ist, dass er sie schlägt. Immer wieder, wie ich leider erst später erfahren habe. Er hat es so schlau eingerichtet, dass ich nichts davon gemerkt habe und meine Tochter traute sich nicht es mir zu erzählen. Schliesslich war mittlerweile meine Enkelin auf der Welt und sie hoffte immer noch auf ein gutes Ende. Ich habe es wohl vermutet und habe auch immer wieder gesagt: " geh weg von ihm, wir helfen dir, es wird schon gehen". Leider hat sie es nie geschafft. Aber heute ist vielleicht der Tag an dem sich alles ändert. Er merkt das sicher auch irgendwie und das macht ihn unsicher. Mir geht alles zu lange und ich sage zu meiner Tochter: " es reicht für die eine Nacht, komm wir gehen".
Schliesslich kann man das fehlende auch einkaufen. Er wird unruhig, ich auch! Ich schiebe meine Tochter an ihm vorbei in Richtung Türe und sage zu ihr: " Hol die Kleine und geh zum Auto!" Gott sei Dank, sie macht was ich sage. Ich stehe zwischen ihr und ihm, merke wie er immer unruhiger wird und nehme mein Natel in die Hand. Meine Tochter klingelt bei der Nachbarin, die eine Verwandte von ihm ist. Sie holt die Kleine und nimmt sie auf den Arm.
Sie hat noch den Nerv zu sagen: "Sag Tschüss zu Tati, morgen kommen wir wieder". Ich spüre mein Herz wie es fast zerspringt. "Geh jetzt zum Auto", sage ich zu ihr. Er kommt auf mich zu, ich zeig ihm mein Natel, schaue ihm fest in die Augen und sage: "Wir gehen jetzt und wenn du Ärger machst, drück ich hier auf den Knopf und wir werden in kürzester Zeit Hilfe hier haben!" Er wird wütend und schreit: "ich habe doch gewusst, dass du die Polizei eingeschaltet hast!" Ich bleibe ganz ruhig und antworte: "Es spielt keine Rolle, wir gehen jetzt und du lässt uns gehen". Ich bin schon ausserhalb der Wohnungstüre, er nimmt ein kleines Möbelstück und schmeisst es in die Ecke. Meine Güte, worauf habe ich mich hier eingelassen. "Sei ruhig, oder ich drücke diesen Knopf!" Er nimmt noch ein Möbel und ich drücke. "Du bist selber schuld", sage ich zu ihm. Er bekommt es mit der Angst zu tun und schaut mich an. Um ihn zu beruhigen rede ich ins Natel:
"Nein, sie brauchen noch nicht zu kommen - aber bleiben sie dran". Er schaut mich ungläubig an, er weiss ja nicht dass nur die Telephonistin der Gemeindeverwaltung am Telephon ist. In der Hoffnung, dass diese Person am Telephon bleibt sage ich ihm: "Du glaubst nicht dass jemand dran ist? Hör mal", und halte ihm das Natel entgegen. Das reicht ihm scheinbar, zu gross ist die Angst es mit der Polizei zu tun zu haben. Ich gehe langsam die Stufen runter und rede immer ins Natel rein. "Nein, ich glaube es geht ohne ihre Hilfe". Schnell laufe ich zum Auto wo meine Tochter bereits am einpacken ist. "Schnell, nur rein und weg", rufe ich ihr leise zu, denn ich habe bemerkt dass er mittlerweilen am Fenster ist. Mit zitternden Händen und Beinen springen wir ins Auto und ich fahre so schnell wie möglich weg. Nach ein paar Metern erkläre ich der Dame, von der Gemeinde die Umstände und frage sie, wie wir vorgehen sollen. Sie sagt uns, dass wir unbedingt bei ihr vorbeifahren sollen damit sie meine Tochter anschauen und die Verletzungen auch später bestätigen kann. Eigentlich wollen wir nur so schnell wie möglich von hier weg, sehen aber ein dass es nötig ist und fahren hin. Sie ist entsetzt und lässt uns nach kurzer Zeit ziehen. Auch sie hat Angst, dass er hier auftaucht und Probleme macht. Wir fahren los und ich bin froh, dass ich nicht in der Nähe wohne. Nach ein paar Kilometern läutet mein Natel, er ist dran, er will meine Tochter sprechen und ich frage sie ob sie mit ihm reden möchte. Sie nickt und ich gebe es ihr. "Nein, mach das nicht. Ich komme ja morgen wieder!" Ich merke, dass er sie beeinflussen will und sage: "Häng auf, bitte! Häng auf und hör nicht auf ihn!" Sie befolgt meinen Rat und erzählt mir, dass er ihr mit Selbstverstümmelung gedroht habe. Er habe sich mit einem Messer Verletzungen am ganzen Körper zugefügt. Mittlerweilen sind wir schon ziemlich weit entfernt, ich halte an und rufe nochmals bei der Gemeinde an. Ich erzähle die Geschichte und bitte sie, einen Polizisten vorbei zu schicken. Später bekomme ich die Rückmeldung, dass er keine einzige Schramme gehabt habe. Wir fahren weiter und ich beruhige mich ganz langsam. Ein Glücksgefühl beschleicht mich, ich sehe meine geschundene Tochter im Rückspiegel und trotzdem bin ich unendlich glücklich. Es ist vorbei, der Alptraum hat ein Ende. Ich bin ganz sicher, dass sie es mit meiner Hilfe durchsteht. Sie ist jetzt soweit sich von ihm zu lösen. Am gleichen Tag gehen wir noch zum Arzt um alles bestätigen zu lassen und am nächsten Tag haben wir einen Termin bei der Polizei wegen der Anzeige. Ich bin stolz auf meine Tochter, dass sie es geschafft hat. Obwohl noch schwierige Tage, Wochen und Monate bevorstehen können wir die Hoffnung haben, dass es nun wirklich aufwärts geht.



Eingereicht am 26. Februar 2006.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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