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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Auch Könige träumen

© Alexander Skrzipczyk


Reimann sah in ihre schönen blauen Augen.
Leben, dachte er. Alles und Nichts. Tag und Nacht.
Er achtete nicht auf das, was sie sagte. Beifällig nickte er oder ließ ein monotones Ja hören.
Das matte Straßenlicht, die langen schwarzen Haare, der Amaretto, dachte er.
Das musste das Leben sein. Ein Buch mit tausend voll beschriebenen Seiten ohne Inhalt.
Verführerisch, ganz dem Trieb ergeben, schmeckte der Amaretto.
Nur im Obergeschoß brannte noch Licht.
Hier wohnte sie also.
Die Fassade des Hauses war vergleichbar mit dem Gesicht einer neunzigjährigen Frau.
Verwittert, alt, gezeichnet und doch wunderschön.
Vergilbt war die Tapete. Ein Ofen aus der Zeit der Jahrhundertwende zeugte vom Glanz vergangener Tage.
Der Anker eines gesunkenen Schiffes.
Um einen Tisch saßen einige Männer, die in Lumpen gehüllt waren.
Der Gedanke, dass er etwas Besseres war, umnebelte seine Sinne.
Hinterlistig und schlau schlich er sich in seine Seele.
Er, teurer Anzug, tadellos gebundene Krawatte und blank polierte Schuhe, verspürte eine für ihn ungekannte Form der Abneigung.
Ein König und seine Untertanen.
Ganz tief, im Inneren seines Geistes, wandelte sich das Gefühl der Abneigung in ein, wie starke Säure alles zerfressendes Gefühl des schlechten Gewissens, das drohte seine Basis, sein Lebenselexier, zu durchdringen.
Er mühte sich vergebens es sich nicht anmerken zu lassen.
Ein Mörder, der seine Opfer wiedersieht.
Schuldig und doch wieder nicht.
Nur noch hinaus, dachte er. Zurück in das wahre Leben, diesen Albtraum beendend.
Warum nur war er mitgegangen? Was hatte ihn dazu gebracht?
Er erinnerte sich.
Der Trieb, die pechschwarzen Haare, die blauen Augen, das Licht…
Eng umschlungen spürte er ihren Atem.
In diesem Moment waren sie Eins. Nichts hätte sie trennen können.
Sie erschien ihm jetzt noch viel schöner als im Restaurant.
Er gab sich ganz hin und begann sich allmählich von seiner Vergangenheit zu lösen.
Alles war weit weg. Wie ein Traum, den man nach dem Aufwachen noch vollends im Gedächtnis hat, den man aber im Laufe des Tages als Irrsinn bezeichnet und vergisst.
Der einen jedoch für das ganze Leben prägt.
Sehr genoss er dieses extatische Gefühl, das man nur im Traum erlangen konnte.
Wie lange hatte er sich nicht mehr so frei gefühlt? Wie lange hatte er keine Frau mehr so geliebt?
Viel zu kurzweilig kam es ihm vor und er verspürte den Drang dauerhaft in diese Traumwelt abzugleiten.
Sie kam nicht, nicht an diesem Abend und auch nicht am nächsten.
Er hatte auch nichts anderes erwartet.
Die Traumwelt, dachte er und bestellte einen Amaretto …



Eingereicht am 25. November 2005.
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