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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Drei kleine Worte

© Alexandra Fleischer


Meine Geschichte macht mich nicht sympathisch, nur ehrlich. So mancher Moralapostel wird mit dem Finger auf mich zeigen und mir ein "Schäm dich" ins Gesicht schleudern. Ich müsste lügen, wenn ich nicht sagen würde, dass ich nicht eine von denen gewesen war, die mit Steinen geworfen hätte. Und sei es nur aus dem Grund, meine eigenen Gefühle zu verschleiern.
Das was ich gespürt habe, ist auf dem ersten Blick sicher oberflächlich. Sina und ich waren Freundinnen seit ich denken kann. Im Kindergarten war sie die mit den niedlichen Kleidern, in der Grundschule die mit der größeren Schultüte. Ihre Eltern hatten ein schönes Haus mit großem Garten, in dem sie fantastische Geburtstage feierte.
Sie war natürlich im Juli geboren, ich im Februar. Manchmal glaubte ich, das wäre schon bezeichnend für uns. Sonnenbad trifft Triefnase.
Ganz schön banal, nicht wahr? Habe ich auch gedacht. Irgendwann musste ich doch aus der Rolle des hässlichen Entleins heraus. Es wurde schlimmer. Ich beneidete sie um ihre geistreichen Einfälle, um ihre Figur, um ihre Warmherzigkeit. Ich stank förmlich aus jeder Pore nach Neid. Den Geruch nahm nur ich wahr, aber das nur nebenbei. Warum ich mich nicht von ihr getrennt habe? Gute Frage. Ich konnte nicht. Ich war wie ein Schmarotzer, der hoffte etwas von ihrem Glanz würde sich auf mich abfärben.
Ich wäre etwas beruhigter gewesen, wenn sie sich mal schäbig benommen hätte oder wenn sie arrogant gewesen wäre. Das ist der einzige Gefallen, den sie mir nie getan hat.
Im Gegenteil. Sie war für mich da. Verlässlich, verhätschelnd, vertrauenswürdig. Hat mich getröstet, als ich durch die Abiturprüfung flog, hat sich vergebens bemüht, mich in die Kunst der Mathematik einzuführen, sie hat mir die Hand gehalten, als mein Vater starb. Sie zog bei mir ein als mir das Geld ausging und mir mein Vermieter mir mit Rauswurf drohte. "Wir glucken doch sowieso ständig zusammen", begründete sie. Wie konnte ein einzelner Mensch so großartig sein? Ich hasste sie dafür und mich, dass ich so undankbar war.
Sicher, kleine Fehler hatte sie. Wie sie schmatzte beim Essen, wie sie stundenlang brauchte, um etwas Passendes zum Anziehen zu finden und wie sie jeden Kellner ins Schwitzen brachte. Eigentlich machte sie das noch anziehender. Und so zog die Missgunst ihre stetig ihre Kreise um mich. Meine Energie verschleuderte ich dafür, dass es keiner merkte. Und Sina war für mich da. Erbärmlich.
Und dann kam Mark. Wunderschön und unerreichbar. Sportlich, witzig, geistreich, die Liste könnte sich unendlich lang gestalten. Jedes positive Adjektiv traf auf ihn zu.
Ich sah sie turteln, lachen und diskutieren. Ich machte ihn manchmal vor Sina schlecht, damit sie nicht merkte, dass ich fast platzte vor Eifersucht.
Ich hörte gebannt zu, wie sie ein Zimmer weiter miteinander schliefen. Ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn er mich lieben würde und nicht sie. Ich überlegte wie sich sein Haar anfühlte und ob er stürmisch oder sanft war. Ich speicherte jeden Blick von ihm ab, vergeudete endlose Stunden sie zu interpretieren. Ich stimmte ihm bei allem zu und freute mich heimlich, wenn er mit Sina Stress hatte. Ich tröstete sie, so wie es sich für eine gute Freundin gehört. Wenn sie sich anschließend dramatisch versöhnten, heulte ich in meine Kissen. Ich bin mir sicher, er hat es gewusst.
Was würde ich jetzt dafür geben, genau diese Gefühle zu erleben. Einfach in die Kissen flennen. Denn was mir heute in den Eingeweiden rumort, ist ein Scheiß dagegen.
Er liegt neben mir und seine Brust hebt und senkt sich, ganz unbekümmert. Im Schlaf sehen wir alle so unschuldig aus. Mein Herz dagegen hämmert laut und wütend, als wolle es meinem Kopf Verstand eintrichtern. Es gelingt nur bedingt. Ich hatte meine beste Freundin betrogen, mit dem Mann, den sie liebte und den Mann von dem ich glaubte ihn um jeden Preis haben zu wollen.
Er hatte sein Laptop bei uns stehen lassen. Ich hatte mich schon gewundert, wollte er doch an seiner Dissertation schreiben. Sina war mit ihrer Grundschulklasse in der Lüneburger Heide und kam erst in ein paar Tagen zurück.
"Wie wäre es mit einem Kaffee?", schlug er vor.
"Wenn du Zeit hast, gern."
Wir redeten über dies und das, hauptsächlich über Sina. Sina, die in immer weiterer Entfernung zu rücken schien. Sina, die hübscher, beliebter und einen Raum mit ihrer Anwesenheit ein kleines bisschen heller machte. Ich war allein, allein mit ihm. Ich jubelte innerlich.
"Ich habe mein Laptop absichtlich stehen lassen", bemerkte er und wartete auf meine Reaktion. Ich versuchte zu verstehen.
"Ich hab dich gern", machte er weiter. Dass, das unglaublich platt war, wollte mein Verstand nicht sehen.. Aber du hast doch Sina. Sina, die vom Leben geküsst ist, schrie es in mir. "Ich habe dich auch gern", sagte dagegen mein Mund.
Er küsste mich und die Küsse haben sich nicht annähernd so angefühlt wie ich gedacht hatte.
Mein Kopf arbeitete. Wo war seine Motivation? Ich verstand nicht. Sie hatte alles, was er sich wünschen konnte.
Ich könnte erzählen, wie wir die Nacht verbracht haben, will ich aber nicht. Nicht weil ich prüde bin, sondern weil es keine Rolle spielt.
Ich lausche wieder seinem Atem. Und denke an den Mark, den ich mir erträumt hatte. Sein Mund ist ziemlich schief, seine Hände so klein. Der perfekte Hintern sieht angezogen besser aus. Warum erscheinen einem die Dinge, die wir haben in einem anderen Licht? Seine Augen beginnen unter den Lidern zu zucken. Wacht er auf? Was werde ich empfinden? Was wird er sagen? Wie wird es weitergehen? Das hatte ich mir doch gewünscht. Hier mit ihm in einem Bett. Ich dachte, ich könnte für ihn auf Sina verzichten. Ihr endlich zeigen, dass ich ihr gewachsen bin. Sina, plötzlich sind die Schmetterlinge ausgeflogen. Ich fühle mich nicht als Gewinnerin.
"Liebst du mich", fragt er und ist sich der Antwort so gewiss. Ob ich ihn liebe? Dann würden mich seine Hände nicht stören. Sein Mundgeruch an diesem Morgen würde mir nichts ausmachen. Ich würde ihn doch küssen wollen. Ich verspüre nicht die geringste Lust dazu.
"Liebt Sina dich?" frage ich zurück. Seine Augen verdunkeln sich. Werden zu engen Schlitzen. Er stöhnt kurz auf.
"Ob sie mich liebt? Was soll der Mist?" Seine Stimme nimmt einen hohen Ton an, wie ein Mädchen. Er bemerkt es, räuspert sich, um in demselben unsäglichen Ton weiterzureden. "Ich trete mit dir in Konkurrenz, sie will mit dir Zusammensein. Sie zieht nicht mal in Betracht mit mir zu wohnen. Mich vertröstet sie nur. Kein Tag ohne Bewunderung für deine Gelassenheit wie du den Alltag meisterst. Die Stärke, die du bei dem Tod deines Vaters gezeigt hast. Wie einfühlsam du bist. Manchmal frage ich mich, wozu sie mich eigentlich braucht. Der einzige Mensch ohne den sie nicht sein kann das bist doch du."
Und auch wenn er die Frage nicht stellt, so höre ich sie doch: Was ist an dir so besonders? Er hatte es nicht herausgefunden. Stumm steht er auf, seine Schultern hängen herunter. Er ist weit entfernt von einem Ritter mit silberner Rüstung.
Ich brauche einen Moment um zu begreifen.
Und dann explodieren die Gedanken in meinem Kopf. Ich Idiotin. Wie unendlich dämlich. Wir drehen uns im Kreis, alle miteinander. In einem schönen Einerlei, wie eine Deppenparade.
Keiner ist der Erste, keiner ist der letzte. Das erste Mal, bohrt mir der Neid kein Loch in den Schädel. Wie überaus befreiend.
Was zu tun ist, weiß ich. Drei kleine Worte müssen noch gesagt werden, die mir nicht schwer fallen, die mich auf einen neuen Anfang hoffen lassen. "Tut mir Leid", flüstere ich ins Telefon und hoffe, sie legt nicht auf.



Eingereicht am 17. November 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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