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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der innere Wert

© Alexandra Fleischer


Nervös zupfte sie an ihrem Rock, in dem sie sich zu Hause noch schick vorkam, hier aber nur deplaziert. Braun ist die Trendfarbe dieser Saison, hatte ihr die Verkäuferin gesagt. Sie verfluchte erst die Verkäuferin und dann sich dafür, dass sie sich nicht doch für die Jeans entschieden hatte, die hier jeder zu tragen schien. Sie kannte sie alle flüchtig, aber verspürte keine Lust sich zu beteiligen. Eine davon war Merle, die Gastgeberin. Sie lachte laut und entblößte dabei ihre perfekten weißen Zähne. Sie trug natürlich Jeans, obwohl Merle auch in einem Kartoffelsack fantastisch aussehen würde. Sie sah sich um in der Wohnung. Vasen ohne Blumen, dafür Bilder mit umso mehr Blumen. Fotos von Merle in San Francisco, in Kapstadt und mit ihren perfekten Freunden. Zartrosa Wände, fast durchsichtige Gardinen. Ein Staubsauger in der Ecke, der sicher nicht einen Krümel Staub enthielt. Machten Menschen wie Merle überhaupt Dreck? Was mache ich hier überhaupt?
Sie verlagerte ihr Gewicht von einem Bein auf das andere und der Laminatboden knarrte leise unter ihren Füßen. In ihrer Tasche kramte sie nach ihren Zigaretten, um sich ungefähr die zehnte in der letzten Stunde anzuzünden. Ich rieche sicher schon wie ein Aschenbecher. Trotzdem war sie froh, dass das nicht eine Geraucht- wird -bei- uns- nur- auf- dem -Balkon- Party war. Sie sehnte sich nach Hause zu ihrem Sofa und der unendlichen Ruhe. Ihre Freundin Doreen redete und redete und sie dachte, wie das wohl aussehen würde, wenn Worte und Gedanken in Sprechblasen über den Köpfen hängen würden.
Benne starrte sie unterbrochen vom Sofa aus an. Sie merkte, wie ihr das Blut heiß ins Gesicht schoss. Doreen sah sie irritiert an und folgte ihrem Blick. Wie konnte ihre Freundin auch schon ahnen, dass sie vor ein paar Wochen nach einer Nacht mit zuviel Alkohol, nach einer ausgedehnten Bierdiskussion und zu später Stunde mit Benne nach Hause gegangen war.
Am nächsten Morgen hatte sie sich leise aus seiner Wohnung geschlichen und hoffte nun inständig, sie würde diese Nacht vergessen. Er hingegen rief sie regelmäßig an, bettelte um ein Essen oder einen Kinobesuch. Sie war zu feige, um ihm zu sagen, er solle sich zum Teufel scheren. Was wollte er noch von ihr? Leichter Ekel regte sich in ihr, als sie an die Küsse und Berührungen dachte, die sie an dem Abend für eine gute Idee gehalten hatte und ihr am nächsten Tag und den vielen danach nur noch Übelkeiten bereiteten. Hier gab es jede Menge Frauen. Er sollte sich eine von denen aussuchen. Das erschien ihr angemessener.
Das ist der Augenblick, an dem ich gehen sollte, dachte sie und schielte nach ihrer Jacke, die drüben an der Garderobe hing. Wenn sie jetzt losginge, würde sie es noch in einen DVD- Laden schaffen.
"Du willst doch nicht schon gehen?" fragte Doreen, die ihre Unruhe bemerkte, enttäuscht. "Wir sind doch gerade erst gekommen." "Mir ist nicht so gut, du bleibst natürlich. Entschuldige bitte, ich mach es wieder gut." Sie versuchte ein möglichst schuldbewusstes Gesicht zu machen, aber die Verlockung nach ihrem Sofa und dem Film ließ sie blöderweise doch ein bisschen lächeln, deshalb setzte sie hinzu: "Sei nicht sauer. Wie wäre es mit einem Brunch, morgen früh bei mir? Dann kannst du mir alles erzählen, was ich versäumt habe.""Wenn ich es morgen aus dem Bett schaffe. Ich hätte dich lieber hier, aber du musst selber wissen, warum du dich verkriechst." Sie ignorierte den Sarkasmus in Doreens Stimme, zwang sich zu einem Lächeln und verabschiedete sich mit einer nicht ganz ernst gemeinten Umarmung. Als sie zur Garderobe hinüberging, hoffte sie nicht zu unbeholfen auf den neuen Stiefeln zu bewegen. Als sie ihre Jacke anzog und sich dabei flüchtig in den Garderobenspiegel sah, bemerkte sie, dass Jacke und Rock überhaupt nicht zusammenpassten. Gott möge mir bitte etwas mehr Geschmack geben.
"Es ist wie bei einer Modenschau, nicht wahr? Als ob das eine Rolle spielen würde." Sie drehte sich nach der Stimme um und blickte in ein ihr unbekanntes Gesicht. Verzweifelt suchte sie nach einer witzigen Antwort, die ihr natürlich nicht einfiel. Wie hatte sie diesen Mann bloß übersehen können? Er musste die ganze Zeit schon hier am Ausgang gestanden haben. Sein etwas zu langes blondes Haar fiel ihm in seine braunen Augen. Insgesamt wirkte er ein bisschen ungepflegt, aber es ließ ihn nur attraktiver wirken. Was hätte es geändert, wenn sie ihn vorher bemerkt hätte? Sicher war er ein neues Anhängsel, von einer Freundin von Doreen, der in ein paar Wochen schon wieder Geschichte war. Sie überlegte, was ihr noch schnell Geistreiches einfallen konnte, aber außer ihn anzuglotzen, fiel ihr nichts Passendes ein. Er sagte nichts, trank nur ein Schluck Bier und sah sie unverwandt an. Okay, das war es dann, warum sollte er sich auch an mich Zeit verschwenden? Sie wandte sich zum Ausgang. Sie hörte jemanden ihren Namen rufen. Benne, auch das noch. Hastig griff sie nach der Türklinke und drückte sie. Sie war abgesperrt, sie drückte noch einmal. Wer verdammt noch mal schloss eine Haustür während einer Party ab? Sie hörte noch mal ihren Namen, diesmal näher und sie rüttelte panisch an Klinke. "Das ist das Klo, nimm diese" sprach der Unbekannte und öffnete die Tür daneben. Sie starrte erst ihn an und dann den leeren Hausflur. Nicht mal ein Danke wollte ihr über die Lippen. Die erste Etage hinunter schaffte sie noch, da hatte Benne sie eingeholt.
Eine Szene wie sie ihr nicht unangenehmer hätte sein können. Warum konnte er keine Ruhe geben? Sie dachte daran wie er sich an sie gepresst hatte. Das sollte wohl leidenschaftlich sein, wirkte im Nachhinein aber nur lächerlich. Zwei Menschen wie sie, waren nicht verrückt nacheinander. Sie folgte kaum den Worten, die aus seinem Mund kamen und endlich drehte er sich um, rannte die Treppe immer zwei Stufen auf einmal nehmend nach oben. Sie sah ihm nach, bis sie wieder auf die Augen des Unbekannten traf. Sie suchte Spott oder Belustigung darin, fand es aber nicht. Er winkte ihr fast unmerklich zu und sie wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken. Sie riss die Haustür auf und trat in die kühle Nachtluft ein.
Scheiße, was mache hier eigentlich hier? dachte er bei sich und rückte noch ein Stück näher an die Ausgangstür. Wo war eigentlich Merle? Er sah ins Wohnzimmer und ihre Blicke trafen sich. Er wandte sich an eine für ihn graue Maus, die einen braunen etwas antiquierten Rock an hatte. Wer hatte ihr den denn eingeredet? Kann man sich eigentlich noch unbeholfener anstellen? Hier ist die Tür, Mädchen.
Er hatte Merle vor ein paar Wochen in einer Bar kennen gelernt. Sie stand mit einer Freundin auf dem Tresen und tanzte und die meisten Männer starrten ihr dabei unter den Rock. Dann stieg sie herunter zu ihm, sah ihn mit einem unschuldigen Lächeln ins Gesicht und er wusste noch, wie er dachte, was für ein Luder sie sei. Sie tranken noch ein paar von diesen abscheulichen Caiprihinias, um keine zwei Stunden später sich in seinem Bett zu wälzen. Als er gekommen war wünschte er sich, sie würde gehen. Aber sie ging nicht, wochenlang nicht. Nun hatte sie ihn noch auf diese Party mitgeschleppt und er dachte krampfhaft darüber nach, wie er schleunigst hier wegkam. Er hatte keine Möglichkeit hier Jemanden ab zu schleppen. Er spürte, dass Merle ihn mit Argusaugen überwachte, er würde sie loswerden müssen, sonst bildete sie sich noch ein er würde etwas für sie empfinden. Also nichts wie weg.
Sie trafen sich an der Häuserecke. Sie bemerkte ihn erst, als er ihre Tränen bemerkte, die ihr heiß und schnell das Gesicht herunter liefen. Wie peinlich, dachte sie. Wie peinlich, dachte er.
"Sollen wir dir ein Taxi suchen?" Seit wann bin ich eigentlich ein Samariter? "Nicht nötig. Ich wohne hier gleich um die Ecke." Sehe ich so hilflos aus? "Komm ich bringe dich", hörte er sich sagen. Schweigend gingen sie nebeneinander her. Die Strassen waren spiegelglatt, es war so kalt, dass sich kleine Wölkchen beim Ausatmen bildeten. Sie steckten ihre Hände tief in ihre Jackentaschen.
"Du siehst nicht wie eine Freundin von Merle aus." Was sollte das bitte bedeuten?
"Du siehst genau aus wie ein Freund von Merle." Es lag keine Ironie in ihrer Stimme. Es war eine reine Feststellung, die schlichte Wahrheit. "Warum bist du gegangen? Die Party ist doch noch gar nicht richtig angefangen.", sagte er "Für Jemanden wie mich fängt die Party nie richtig an. Warum bist du denn schon gegangen?" "Ich weiß nicht. Vielleicht hatte ich schon genug." Und auch das war die schlichte Wahrheit. "Ist dir kalt?" fragte er und nahm ihre Hand und steckte sie mit seiner Hand in seine Tasche. Wieder tränten ihre Augen. Ihm fiel eine Haarsträhne in sein perfektes Gesicht. Sie unterdrückte den Impuls sie weg zu streichen. "Wir sind da", flüsterte sie. Sie leckte sich die Lippen, er kannte diese Sprache. "Das war keine Einladung", setzte sie hinzu. Er horchte in sich hinein. Wollte er mit ihr gehen? Nein, sicher nicht. Sie war nicht sein Fall. Er fühlte ihre Hand in seiner. Wie sie warm geworden war in seiner Hand. Ihre Augen funkelten, und einen kurzen Moment sah sie schön aus. "Du bist wunderbar", sagte er und küsste ihre Stirn. Sie strich die Strähne aus seinem Gesicht und sah ihn unverwandt an. "Wenn du das sagst." Und einen kurzen Moment fühlte er sich wertvoll.



Eingereicht am 14. November 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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