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Das Gesicht in der Menge

© Günter J. Matthia


Wozu doch eine defekte Lichtmaschine am Auto gut sein kann. Da war zum einen die Gewissheit, der Kraftfahrzeugwerkstatt zu einem Auftrag verholfen, damit zum Umsatz der Firma beigetragen und somit der Sicherheit der Arbeitsplätze gedient zu haben. Daneben wusste ich, dass ich auch meiner Gesundheit einen Dienst erwies, indem ich mich zwei Tage ohne PKW durchs Leben schlug, meine Füße zum Gehen benutzte, anstatt Pedale zu bedienen. Ferner verhalf ich durch den Kauf von Fahrkarten für öffentliche Verkehrsmittel wiederum den Berliner Verkehrsbetrieben zu ein paar Euro in der Kasse, was auch wieder Arbeitsplätze sicherte. Ob der Busfahrer wohl deshalb so freundlich lächelte, als ich einstieg? Schließlich und vor allem aber veränderte die defekte Lichtmaschine mein ganzes Leben.
Das glauben Sie nicht? Warten Sie ab, bis sie die ganze Geschichte kennen. Vielleicht haben Sie danach selbst Lust, Ihr Auto mal stehen zu lassen, selbst wenn alle Bauteile in Ordnung sind.
Ich war um 16:32 Uhr am Bahnhof Zoo zugestiegen. Der Bus in Richtung Schöneberg war relativ voll. Gestresste Hausfrauen mit zerrenden und zeternden Kleinkindern, die umso mehr die Hand der Mutter halten wollten, je mehr Einkaufstüten und -taschen transportiert werden mussten. Mürrische Heimkehrer von der Arbeit, die Gesichter hinter der BZ versteckt, die abgeschabte Aktentasche, in der alles Erdenkliche außer Akten transportiert wurde, zwischen den Füßen oder auf dem Schoß. Teenager mit betont coolem Blick, hoch erhaben über die Alltäglichkeit der übrigen Passagiere. Eine bunte Mischung aus Nationalitäten und Lebensaltern.
Und dann stieg sie zu.
Haben Sie schon mal versucht, jemanden zu beschreiben, dessen Anblick Sie auf Anhieb gefangen genommen hat, den sie aber nur ein paar Sekunden lang sehen konnten? Gar nicht so einfach, das können Sie mir glauben. Aber ich will es versuchen.
Über Geschmack lässt sich ja trefflich streiten, das Gesicht, das der eine hübsch findet, ist für den anderen nichts sagend. Sie war keinesfalls vergleichbar mit dem Ideal, das uns die Strategen der Werbeagenturen unermüdlich vorführen. Dennoch, oder gerade deshalb, handelte es sich für mich um das attraktivste Gesicht auf Gottes grüner Erde.
Ihr weich gelocktes mahagonifarbenes Haar trug sie mittellang, zwei teerschwarze Kämme bändigten die Frisur über den Schläfen, so dass die makellose Stirn, leicht gebräunt, sichtbar blieb. Die schmalen Augenbrauen beschrieben zwei sanfte Bögen über den klaren, Lebenslust funkelnden Augen, die von einem geheimnisvollen Blaugrau waren, das an abendlichen Sommerhimmel über friedlich schlummerndem Meer erinnerte, gesprenkelt mit herbstlaubfarbenen Nuancen. Ihre Nase wuchs gerade und schlank, die Spitze streckte sich keck ein wenig vor. Die Lippen, eindrucksvoll dezent mit einem Hauch von Kastanientönung überzogen, waren voll, ein mehr spürbares als sichtbares Lächeln schien auf diesem Gesicht als Ausdruck des liebenswerten Charakters seine ständige Heimat zu haben.
Von den Ohrläppchen glitzerten je drei Kaskaden hauchzarten Silbers zwei Finger breit herab.
Eine seidene Bluse, die von exakt den gleichen Farbschattierungen war wie ihre Augen, umschmeichelte in lockeren Wellen ihre schlanke Gestalt, dazu trug sie weiße Jeans, an der grazilen Taille mit einem schwarzen ledernen Gürtel gehalten, und Tennisschuhe, deren Nähte wiederum das Spiel der Farben der Bluse aufgriffen.
Viel mehr als die physische Ebenmäßigkeit ihrer Züge und ihrer Gestalt jedoch nahm mich das gefangen, was man so gar nicht beschreiben kann. Charisma, sagt der eine, Aura, fügt ein anderer hinzu.
Diese unaussprechliche Überzeugung, dem Menschen begegnet zu sein, nach dem man das ganze bisherige Leben lang gesucht hat, ohne es zu wissen. Verstehen Sie das? Ich weiß, mir fehlen adäquate Worte für diese Empfindung; so werden Sie wohl nur begreifen, was mit mir in diesem Moment geschah, wenn Sie die Magie des Zusammentreffens der beiden füreinander bestimmten Menschen auch schon erlebt haben. Milan Kundera hat einmal gemutmaßt, dass ein ideales Paar ursprünglich als Ganzes geschaffen und dann von widrigem Schicksal getrennt sei, es käme nur darauf an, dass die beiden sich irgendwann treffen und was sie dann aus dieser Begegnung machen. Ich bin seit jenem Tag überzeugt, dass er damit vollkommen Recht hat.
Sie stieg zu, zeigte dem Fahrer ihre Monatskarte, schenkte ihm ein Lächeln, das wie ein Sonnenstrahl durch schwere Wolken aufblitzte, und ging an mir vorbei in den hinteren Bereich des Busses. Sie sah mich nicht an, warum sollte sie auch die Passagiere eines öffentlichen Verkehrsmittels mustern, das sie offenbar regelmäßig benutzte, wenn sie keine Bekannten in der Menge vermutete.
Wie gesagt, ich konnte dieses Gesicht in der Menge nur wenige Sekunden lang sehen, und doch ist es meinem Geist in allen Einzelheiten unauslöschlich gegenwärtig, wann immer ich an diesen Moment zurückdenke.
Irgendwo muss sie ausgestiegen sein, bevor ich mein Ziel erreichte. Als ich den Gang zum Ausstieg durchschritt, war sie nirgends mehr zu sehen.
Nun fragen Sie zu Recht, inwiefern sich denn mein Leben durch diese wenigen Augenblicke geändert haben mag. Das kann ich Ihnen gerne verraten.
Ich habe mein Auto verkauft, benutze die öffentlichen Verkehrsmittel, mustere an jeder Haltestelle die Wartenden, vor allem natürlich auf der Linie, die ich damals benutzte. Ich habe
abgenommen, von Kleidergröße 52 ausgehend; gestern habe ich einen Anzug in Größe 48 erstanden, ich fühle mich gesünder und lebendiger als all die Jahre zuvor. Freunde und Bekannte bestätigen mir, dass ich glücklicher und besser aussehe, als jemals zuvor. Jawohl, ich bin glücklich, denn wir werden uns wieder sehen.
Die Begegnung mit dem Gesicht in der Menge ist jetzt sechs Monate her, aber was sind schon 24 Wochen im Vergleich zu den 40 Jahren, die ich gelebt habe, bevor ich sie erstmals sah?
Wenn wir füreinander bestimmt sind, und daran besteht für mich kein Zweifel, dann werden sich unsere Wege wieder kreuzen. Beim nächsten Mal wird sie, die Unbekannte, die Einzigartige, einen Blick auf mich werfen, und es wird ihr gehen wie mir damals, vor sechs Monaten. Ein weiteres halbes Jahr später werde wir uns zum dritten Mal treffen, und dann werden wir die ersten Worte wechseln, uns kennen lernen, feststellen, dass wir füreinander geschaffen sind und bis zum Ende unserer Tage glücklich sein.
Tut mir Leid, ich muss jetzt gehen, es ist schon 16:20 Uhr. Sonst verpasse ich meinen Bus. Dass ich mir das nicht leisten kann, werden Sie ja jetzt verstehen.



Eingereicht am 05. Oktober 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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