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Über das Ende einer Liebe oder den Umgang der Frauen mit der Wahrheit

Bernhard Ost


"Du hast ausgedient mein Freund" -sagte ich bitter zu mir selbst und wollte die neue schmerzliche Erkenntnis mit der stoischen Gelassenheit eines verwundeten, aber hart gesottenen Kriegers herunterspielen.
Ich war damals 24 und sie 22 Jahre alt. Seit mehr als sechs Jahren war unsere Liebe gewachsen und wir träumten von einer gemeinsamen Zukunft und gemeinsamen Altwerden. Ich hatte damals den kleinen Veränderungen in ihrem Verhalten mir gegenüber keine Bedeutung beigemessen. Heute sehe ich vielleicht zu oft und zu viele solcher Vorzeichen und denke, dass die Zuneigung zu mir auf Talfahrt sein könnte. Sie küsste mich schon seit Längerem nicht mehr auf den Mund, sondern reichte mir zum Gruße nur noch die Wange, mein Arm um ihre Schulter war ihr zu schwer und das dichte Nebeneinandersitzen zu warm. Ihre Frisur durfte ich mit meinen streichelnden Händen nicht durcheinander bringen und meine Telefonate unterlagen immer öfter einem Zeitmangel durch gerade begonnene Tätigkeiten, in welche ich hineingeplatzt war. Sie war gerade beim Hausputz oder beim Kochen oder wartete auf einen dringenden Anruf. An vielen Wochenenden war sie entweder erkältet und wollte mich nicht anstecken oder sie hatte einen Betriebsausflug, an dem sie früher nie teilgenommen hatte, jetzt aber die Kollegen nicht weiterhin brüskieren wollte. Überraschungsbesuche von mir kamen immer häufiger völlig ungelegen, weil ich sie nicht angekündigt hatte und somit gerade ein wichtiges Vorhaben durchkreuzt hatte. Mit großem Verständnis und einer besonders lieben Entschuldigung zog ich sofort wieder von dannen, damit sie mit ihrer Freundin noch rechtzeitig ins Konzert oder Theater komme. Auch habe ich verständnisvoll akzeptiert, dass sie sich nicht von mir zum Theater fahren lassen wollte, sondern jeden Augenblick die Freundin erwarte.
Diese solle mich nicht sehen, denn dann würde sie sicher den gemeinsamen Theaterbesuch streichen, weil sie nicht stören wolle. Ich habe mich mit tausenden von spontanen Gründen nach Hause schicken lassen. Unterhaltsamen Nachmittagen folgten immer weniger gemeinsame Abende oder Nächte.
Plötzliche Müdigkeit, Übelkeit, Migräne oder extrem schlechte Laune kamen auf. Ich merkte nicht einmal, dass selbst eine Meinungsverschiedenheit willkommen war, um sich im Streit zu trennen. Ich wurde mit einem zarten Küsschen auf die Wange wie ein Kleinkind vor dem Kindergarten verabschiedet und ihre Worte höre ich heute noch und ich hörte sie immer wieder aus anderen weiblichen Mündern:
"Du bist lieb, - wir telefonieren morgen." Ich merkte nicht einmal, dass meine verbalen Träumereien von einer gemeinsamen Zukunft nicht mehr mitgeträumt wurden und sofort durch andere Themen neutralisiert wurden, - so als hätte ich es gar nicht ausgesprochen. "Wie kann man nur so blöd sein?", dachte ich, als ich mit der bitteren Erkenntnis nach Hause fuhr, lange schon hinters Licht geführt worden zu sein.
Es war Samstag. Ich wollte sie besuchen und träumte von einem wunderschönen gemeinsamen Wochenende. Sie war wieder stark erkältet und hatte am Telefon sogar gekonnt genäselt. Sie hatte hohes Fieber. "Wer krank ist, braucht besonders viel Liebe und Aufmerksamkeit" - dachte ich. Ich kaufte von meinem Taschengeld einen riesigen bunten Blumstrauß, einen schönen Duft, den sie besonders liebte und einige Präparate aus der Apotheke und fuhr voller Freude zu ihr.
Sie war nicht zu Hause. Ich bemerkte nicht einmal, dass ihre Eltern mein plötzliches Erscheinen nicht als normal wie sonst empfanden, sondern sichtlich irritiert waren.
Erst auf der Heimfahrt sah ich auf einmal Alles, was ich bisher nie gesehen hatte. Ihre Eltern sagten mir, dass sie unterwegs zu einer dienstbereiten Apotheke sei und ich solle nicht warten, denn sie sei wirklich schwer krank. Über meine Geschenke würde sie sich sehr freuen und mich Morgen anrufen und schon war ich hinaus komplimentiert worden.
Der Druck auf den Lichtschalter des Treppenhauses war wie der Auslöser einer Atombombe für mich.
Ich drückte den Schalter, es wurde schlagartig hell und in eine Ecke des Flures hatte sich ein knutschendes Paar gedrückt. Sie hatte angesichts der peinlichen Situation auch noch die unglaubliche Beherrschung, mich diesem Fremden vorzustellen. "Darf ich bekannt machen? - Herr Kascha" und dann nannte sie meinen Namen.
Ich hörte meinen Namen wie durch Watte. Ich gab ihm die Hand, quetsche mir auch noch die dumme Routinefloskel "Angenehm" heraus und stand einsam in der Dunkelheit der Straße. Ich stieg in mein Auto und fuhr ziellos in die Nacht und ich fuhr viel zu schnell. Der Wagen lag in jeder Kurve am Limit der Zentrifugalkräfte. Manchen Baum habe ich gedanklich als Ziel avisiert, aber dann war ich auch schon vorbei. Manches Schlingern in einer Kurve habe ich für Sekundenruchteile als willkommenen Hinweis des Schicksals gesehen, aber meine unwillkürlichen Reflexe waren schneller und die Kurve vorbei. Zu Hause angekommen, bin ich nicht ausgestiegen. Ich habe noch einige Stunden hinter dem Lenkrad verbracht und in die schwarze Nacht gestarrt. "Du hast ausgedient, mein Freund", sagte ich mir mit der vorgespielten stoischen Gelassenheit eines verwundeten Kriegers. Und da sich immer wieder ähnliche Geschichten zwischen Mann und Frau abspielen und immer wieder die Frauen die gleichen Verhaltensmuster zeigen wenn die Stunde der zwischenmenschlichen Wachablösung gekommen ist, lohnt es sich, ein wenig darüber nachzudenken. Warum die Frauen mit der Wahrheit gerade in Liebesangelegenheiten so zögerlich umgehen, geschieht zum einen aus Mitgefühl, weil die Wahrheit schmerzlich ist und zum anderen wollen sie den bisherigen Freund nicht wirklich und endgültig verlieren.
Das langsame Abnabeln durch kleinen Liebesentzug und Zeitmangel führt, so hoffen sie, über die Gewohnheit zur langsamen Erkenntnis. Also die Wahrheit in kleinen Portionen.
So fürsorglich allerdings dieses Vorgehen auch gemeint sein mag, es ist schlimmer als die Wahrheit, weil es auf Lügen aufgebaut ist und Lügen vergisst jeder Mensch weniger schnell als die Wahrheit. Die Frauen werden immer wieder ihrem Naturtrieb der sanften Wahrheitsvermittlung in keinen Erkenntnisportionen nachkommen und die betroffenen Männer werden immer wieder vor der Frage stehen, den Ahnungen entweder den positiven Beweis zu liefern oder einfach mit stiller Resthoffnung der Zeit ihren Lauf zu lassen.
Will ich es wissen, was ich vermute. Will ich den Beweis, dass ich ganz dringend abgeschoben wurde, weil mein Nachfolger gerade im Anmarsch ist, dann lasse ich mich abschieben und opfere noch eine halbe Stunde und warte draußen, wer denn auf die betreffende Klingel drückt. Aber ist dieses Wissen denn wirklich gut für mich? Die Versuchung ist groß, aber das Ergebnis für die eigene Seele extrem schlecht. Es ist eine selbst verschuldete Demütigung. Also rate ich allen Männern in solch einer Situation, die vermutete Demütigung zu ignorieren und sich den vagen Glauben an dem Wahrheitsgehalt der Notlüge zu bewahren. Einen kleinen Bonuspunkt hat der Scheidende auf jeden Fall und den sollte er sich bewahren.
Sie kennt ihn schon lange und den Neuen noch nicht. Vielleicht nutzt sich auch der Neue im Laufe der Zeit und der Alltagserprobung ein wenig ab und menschliche Werte werden wieder mehr an Bedeutung gewinnen. Also rate ich den abgeschobenen Männern, zu prüfen, ob sie diese Frau wirklich lieben und ob sie sicher sein können, mit ihren eigenen menschlichen Qualitäten konkurrieren zu können und ob sie sicher sein können, dass die Angebetete überhaupt großen Wert auf diese Werte legt. "Willst Du, lieber Freund die Frau zurückerobern, dann solltest Du nicht mit entblößter Brust antreten. Du machst Dich entweder lächerlich oder disqualifizierst Dich auf Lebzeiten. Gehe freiwillig und in Frieden, wenn Du erkennst, dass sich der Aufwand nicht lohnt."
"Wenn sie Dir aber viel bedeutet, dann verlass Dich auf Deine Stärken und hoffe auf die Schwächen des Anderen, aber versuche nicht Deine Stärken zu betonen oder die Schwächen des Anderen zu provozieren. Überlasse es ihr und dem Schicksal.
Manchmal ist Warten die beste Art der Kriegsführung gegen einen unbekannten Gegner und Du darfst getrost darauf vertrauen, dass Dein Gegner Dich nicht mag und mit seinen Aversionen Dir gegenüber ständig
Negativpunkte einfährt."
"Du hast ausgedient, mein Freund", sage ich mir heute, wenn ich die Noten dieser Elegie von damals wieder erkenne und ich erkenne sie heute sehr viel früher.
Der Schmerz ist im Moment der gleiche, aber mein Umgang mit ihm ist wesentlich differenzierter.



Eingereicht am 11. Februar 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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