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Pip

Jana Dittmers


"Abschlag..... und der Ball fliegt..." Pip sah der Dose nach die er mit einem Stock wegkatapultiert hatte. Er war zufrieden mit dem Ergebnis und drehte sich zu seinem Zimmernachbarn um. "Ich sollte anfangen Golf zu spielen." Der jedoch, Karsten war sein Name, sah nicht einmal von seinen Biohausaufgaben auf. Sie saßen beim Ententeich, der sich auf dem riesigen Schulgelände befand. Wenn Pip hinter sich sah, sah er das riesige schlossähnliche Gebäude. Da das Gelände von Mauern umgeben war, vermutete Pip stark dass es mal ein Schloss gewesen war. Es gab ein riesiges Eingangstor und der Sandweg führte direkt zum Haupteingang des Gebäudes in dem sie Unterricht hatten und lebten. "Karsten?", fragte Pip den blonden Jungen. "Was war das hier mal?" "Das Anwesen von irgendeinem Herzog oder so", erklärte Karsten. Pip war ein bisschen enttäuscht dass Karsten nicht wusste von wem. Karsten ging hier seit der 7. Klasse zur Schule. Pip seit ein paar Monaten. "Sicher." Pip lockerte die schwarze Krawatte seiner Schuluniform und zündete sich eine Zigarette an. Ein Schäferhund kam angerannt. Er hieß Anton, war der Hund vom Hausmeister und somit Wachhund des Internats. Pip positionierte einen Tannenzapfen für den Abschlag. Anton legte sich gespannt auf die Lauer. Pip schlug, Anton rannte los. "Hast du Bio gemacht?", fragte Karsten. "No", sagte Pip mit französischem Akzent. Karsten schüttelte den Kopf. Pip mogelte sich schon irgendwie durch, das tat er immer. Außerdem sollte man sich seiner Meinung nach in der elften Klasse nicht mehr anstrengen als unbedingt notwendig. "Wir müssen rein", sagte Karsten und stand sogleich auf. Pip folgte ihm. Eigentlich war Karsten der bequemste Mensch den Pip kannte. Die meiste Zeit verbrachte er im Bett jegliche körperliche Anstrengung vermeidend. Daneben war er aber nicht dumm. Pip war es recht schnell aufgefallen dass Karsten irgendwie etwas schlauer war als alle anderen, angesprochen hatte er ihn jedoch noch nicht darauf. Hier war man jedoch nicht unbeliebt wenn man schlau war, so gut wie alle mochten Karsten, im Gegensatz zu Pip. Pip fanden alle seltsam und verrückt. Außer die aus der Fußballmannschaft, mit denen kam er klar. Es war ihm schon bewusst, dass er nicht ganz normal war. Aber er entschuldigte das damit, dass er es auch nicht einfach gehabt hatte. Er hatte vier ältere Brüder, einen kleinen Bruder und seine große Schwester Lina, aber die war ja sowieso das Mädchen gewesen und so, hatte immer alles Pip abgekriegt. Irgendwann war ihre Mutter immer weniger mit ihm zu Recht gekommen und da war ihrem Vater nichts anderes übrig geblieben als seinen Sohn ständig woanders hinzuschicken, da er nie da war. Pip war schon so ziemlich überall gewesen: England, Schottland, Schweden, Frankreich... Zwischendurch sogar einen kleinen Abstecher auf die Militärschule, da sie ihn aus Schottland nach Hause geschickt hatten weil er beim kiffen erwischt worden war. Er galt als schwererziehbar. Letztes Jahr dann, als ihr Vater Urlaub hatte und Pip deswegen nach Hause kommen durfte, hatte Pip ihn tot im Bett gefunden. Seitdem gingen Pip, seine größere Schwester Lina und Heiko, der jüngste, auf das Internat. Die anderen Brüder arbeiteten alle und führten ihr eigenes Leben.
Pip hustete. Seit ungefähr fünf Minuten, daher war sein Gesicht bereits krebsrot angelaufen. Ruben hatte ihm ein paar Mal liebevoll auf den Rücken geklopft aber keine Wirkung erzielt. Karsten kam mit einer Flasche Wasser auf den Raucherplatz und schließlich ging es wieder, nachdem Pip ein paar Schlücke getrunken hatte. "In spätestens zwei Jahren ist deine Lunge verrottet", prophezeite Ruben. Er war in der 13. in dem Jahrgang seiner Schwester. Jeder Jahrgang hatte 20 Schüler, womit die Schule insgesamt auf 140 Schüler kam. Das war nicht viel, das war überschaubar. Ruben und er spielten zusammen Fußball. Karsten spielte keinen Fußball. Das war Sport, dazu müsste er sich ernsthaft aktiv bewegen. Das ging gar nicht. "Sag mal Pip was machst du am Wochenende?", fragte Ruben nachdem er abgewartet hatte, dass Pips Gesichtsfarbe abgeblasst war. Pip runzelte die Stirn und zog demonstrativ an seiner Zigarette. Interesse an seiner Person war immer mit Vorsicht zu behandeln. "Gehst du mit irgendwem weg? Deiner Schwester oder so?", Ruben gab sich wirklich Mühe unauffällig zu klingen. "Da läuft also der Hase lang", bemerkte Pip lediglich. Karsten nickte grinsend. "Ruben ist also feige", zog er ihn auf. "Das hättest du dir besser überlegen müssen Ruben, Pip entgeht absolut nichts." "Ich will sie ja gar nicht um eine Verabredung bitten, ich wollte sie so nur mal besser kennen lernen", erklärte Ruben. "Na klar!", rief Karsten. "Du suchst du einen Seelenverwandten." "Halt die Klappe. Was ist jetzt Pip?", fragte Ruben Pip, der weiter nicht reagiert hatte. "Mach das selbst aus", sagte Pip. "Ich hab keine Lust jemanden zu verkuppeln." "Du sollst mich nicht verkuppeln. Du sollst mich nur mitnehmen damit sie mich ein bisschen kennen lernt und mich nett findet bevor ich sie frage", erklärte Ruben Pip, etwas angepisst wegen Karsten. Der jedoch setzte noch einen drauf. "Ah. Du hast Angst einen Korb zu bekommen", analysierte er. Pip überlegte. Klar konnte er seine Schwester fragen ob sie Pizza essen gingen oder so, aber was machte er dann wenn Ruben da war? Löcher in die Luft starren. "Ihr müsst beide mit dann ist es weniger auffällig und ich hab was zu tun während ihr euch beschnuppert", erklärte Pip. "Und du bezahlst für uns alle." Ruben rümpfte die Nase. Pip fand seinen Plan gut. Wer was von seiner Schwester wollte, der hatte auch vor nichts zurückzuschrecken. Obwohl er nicht glaubte dass das was werden würde. Ruben war viel zu dumm.
Pip saß vor seinem kleinen Bruder in der Pizzeria. Sie mussten Heiko auch mitnehmen, wenn er mit seiner Schwester wegging. Er aß Spaghetti und sein Mund war rot von der Tomatensoße. Sein Haar war dunkelblond während Pips und Linas Haare komplett schwarz waren. Vielleicht war seine Mom seinem Dad ja fremdgegangen, schließlich war Heiko auch ganze 5 Jahre jünger. Sein Dad war Francis Tumber gewesen. Jeder kannte seinen Vater. Selbst Ruben hatte sofort gemerkt, dass sie ja denselben Nachnamen hatten. Ruben und Lina unterhielten sich eifrig. Pip konnte verstehen, dass sie ihm gefiel. Sie hatte viel von seiner Mom, sein Vater hatte seine Mom damals vergöttert. Am Ende nicht mehr so. Jeder wird halt alt. Lina jedoch war ja erst 18, hatte schulterlanges schwarzes gelocktes Haar, war schlank und hatte ein unglaublich hübsches Gesicht. In ihrem rechten Ohr waren fünf gleiche Ohrringe aneinandergereiht. Ihre Haare waren eigentlich immer zurückgebunden. Ganz braune Augen und sie war das liebste Mädchen, das Pip kannte. Ok Pip kannte nicht viele Mädchen. Die waren irgendwie überfordert mit ihm. "Piiip." Pip hasste es wie Heiko Pip sagte. Er sagte es so gedehnt. Nicht so wie alle anderen einfach: Pip. Nein er sagte Piiiip. Das i so langgezogen. Er hasste es. "Was ist?", fragte er dementsprechend gereizt. "Ich hab eine zwei in Englisch geschrieben", erzählte Heiko nun stolz mit seinem Tomatenmund. "Toll!", rief Lina. "Er ist halber Engländer, alles andere wäre erbärmlich", bemerkte Pip. Lina verdrehte nur die Augen. "Oh Gott ich habe in der Bibliothek ein benutztes Kondom gefunden!", rief sie entsetzt. "Das ist ekelig", bemerkte Karsten und lies seine Gabel sinken. "Das war bestimmt Paul", überlegte Ruben. "Ja komisch. An den hab ich auch sofort gedacht", bemerkte Lina. "Ich hab es mit einem Buch von Georg Büchner entfernt. Den mag ich eh nicht und ich konnte es ja schlecht anfassen. Welcher normale Mensch bitte hat Sex in einer Schulbibliothek?", Pip sah seine Schwester an. Ihm war die entsetzliche Frage in den Kopf gekommen ob seine Schwester Sex hatte. Und wenn ja mit wem? Er ging alle Männer durch die er bei seiner Schwester gesehen hatte. Ihm wurde schlagartig bewusst dass sie zumindest mit ihrem letzten Freund geschlafen haben musste. Widerwärtig. Er sah vor sich wie sie mit Ruben Sex hatte und musste erst mal eine rauchen. "Rauch nicht soviel", schimpfte sie.
"Ich überlege ob ich anfange mich /The Destroyer/ zu nennen", erklärte Pip Karsten unaufgefordert. "Destroyer? Wieso? Was zerstörst du denn großartig?", fragte Karsten und kontrollierte vom Bett aus den Inhalt seiner Zigarettenschachtel die auf dem Boden lag. "Noch nichts. Aber wenn ich mich so nenne, muss ich vielleicht zum Therapeuten." Pip stand von seinem Bett auf und ging zum Schreibtisch auf dem ein paar Bonbons lagen. Er setzte sich auf den Schreibtisch, steckte sich einen in den Mund und zwirbelte das Papier zwischen seinen Fingern. Karsten drehte sich in seinem Bett auf den Rücken und überlegte. "Wieso willst denn zum Therapeuten?", fragte er schließlich verwirrt. "Weiß nicht. Ein bisschen was erzählen, über meinen Seelenzustand." "Als meine Eltern sich haben scheiden lassen musste ich zum Therapeuten", erzählte Karsten. "Ich sag dir dass sind Idioten." "Auf der Militärschule musste ich jede Woche in einen Becher pinkeln, wegen der Drogen", sagte Pip. Er machte das ständig, irgendwas ohne jeglichen Zusammenhang zu sagen. Karsten sagte nichts, was sollte er dazu schon sagen. "Ich dachte wenn ich nur oft genug durchfalle, schmeißen sie mich vielleicht runter - hat einfach nicht geklappt, stattdessen musste ich 'ne Therapie machen." Karsten erkannte den Zusammenhang. "Und wie war der so?", fragte er. "Komisch. Er hat mich gefragt wieso ich kiffe." "Und?" "Um von der Schule zu fliegen, hab ich gesagt, da hat er mich nur blöd angeguckt." Pip stand wieder auf und ging nun ans Fenster. Schließlich setzte er sich wieder aufs Bett und guckte in seine Zigarettenschachtel. "Bald hast du eh Krebs und bist tot", seufzte Karsten. "Ich arbeite daran", sagte Pip und ging aus dem Zimmer, die Treppe runter ins Aufenthaltszimmer. Ein paar waren da und guckten Fernsehen, andere saßen nur so rum. Pip nahm sich einen Aschenbecher und setzte sich mit einem Stuhl an das auf Kipp stehende Fenster. Er unterhielt sich nie mit den anderen. Ein paar kannte er, manchmal redeten sie auch, aber eher selten. Bei den meisten hatte man das Gefühl sie hätten Angst. Wie das Mädchen das ihn mal nach einer Zigarette gefragt hatte. Sie saß in eine Decke eingewickelt auf dem Sofa und guckte ab und zu rüber. Das machte sie ständig, auch beim Essen. Pip wusste selbst nicht wieso, sobald er guckte, guckte sie erschreckt weg und reden tat sie auch niemals mit ihm. Nora hieß sie, Lina brachte ihr Französisch bei, angeblich war sie nett. Pip hatte keine Ahnung. Mädchen kannte er eigentlich keine auf der Schule. Sein Blick fiel auf den Fernseher, wo sich jemand durch das Programm zappte. Schließlich meinte er was gesehen zu haben. "Sven schalt zurück!", rief er und stand auf. Alle guckten ihn ganz erschrocken an. "Was?", fragte Sven. "Schalt zurück." Pip nahm ihm die Fernbedienung weg und schaltete auf den Sender zurück wo das Video lief. Tatsächlich. "Ich dachte du stehst mehr auf diese Vernichtungsmusik", sagte Sven verwundert. "Das ist mein Vater", bemerkte Pip. Niemand sagte mehr was, alle starrten auf den Fernseher, wo Pips alter Vater mit einer Gitarre in einer Bar sang. Pip runzelte die Stirn. So alt war sein Vater nicht gewesen, aber dank des Alkohols und der Zigaretten sah er so aus. Schließlich war das Video zuende. Pip kehrte stumm auf seinen Platz zurück. Zögernd schaltete Sven wieder um. Diese Nora drehte sich wieder mal zu ihm um und grinste das erste Mal, weil Pip mit einem breiten Grinsen da saß.
Pip hörte die alte Musik von seinem Vater und bewegte sich dabei durchs Zimmer. Tanzen konnte man dazu nicht so richtig sagen. Karsten lag auf dem Bett, wie immer, Karsten verbrachte die meiste Zeit dort. Inzwischen war es nicht mehr so lustig Pip dabei zuzusehen. Er machte das schon zu lange. Plötzlich wurde die Musik rapide leiser gedreht. "Was machst du eigentlich wenn du mit der Schule fertig bist?", fragte Pip ihn. Karsten sah ihn fragend an. "Wenn ich das wüsste", sagte er. "Hätte ich endlich Ruhe vor meiner Mutter." "Sag mal kennst du Nora?", Karsten fragte sich wie er das jetzt in Verbindung dazu bringen wollte. Sollte er Nora heiraten nach der Schule? "Nora? Ja ich glaub schon", überlegte Karsten. "Hast du dich schon mal mit ihr unterhalten?", fragte Pip. Karsten hasste das, er mochte Pip ja aber ständig musste er über irgendwas wegen ihm nachdenken. Er empfand nachdenken eher als anstrengend, Pips Kopf hörte niemals auf zu arbeiten. "Klar, ein paar Mal, keine Ahnung. Wieso?" "Ich hab mich noch nie mit ihr unterhalten", sagte Pip. Karsten lachte. "Pip, du hast dich mit 95% der Schüler hier noch nie unterhalten", spottete er. "Wie kommt es dass dir das ausgerechnet bei Nora auffällt?", Pip zuckte mit den Schultern. Er wusste es wirklich nicht. "Na ja Nora sieht schon ganz ok aus", überlegte Karsten. Pip runzelte die Stirn. Darüber hatte er noch gar nicht nachgedacht. "Stimmt", sagte er schließlich. Karsten stöhnte und stand auf. "Du bist vielleicht ne Pappnase", bemerkte er und suchte seine Zigaretten. Es klopfte an der Tür und Karsten, der sowieso grade stand, öffnete sie. Es war Heiko, Pips zwölfjähriger Bruder. "Hey Heiko", grüßte Karsten lediglich und verlies dann den Raum. Heiko hatte nicht mal mehr Zeit zu antworten, also schloss er erst mal die Tür hinter sich. "Hi Pip", sagte er schließlich. Das i unglaublich kurz. "Na. Ich hab vorhin ein Video von Papa gesehen. Im Fernsehen. Das war so 1996 schätz ich mal gewesen. Auf irgend so einem Sender", erzählte Pip sofort eifrig. Heiko nickte lediglich. Pip seufzte. Vielleicht sollte er seinen Bruder ein bisschen abhärten. Er war so eine Memme. "Weißt du, als ich acht war, haben Martin und Jakob Bier von Papa geklaut und mich mitgenommen als sie es trinken wollten. Es hat mir nicht geschmeckt, aber ich hab's natürlich trotzdem getrunken. Ich hab ne halbe Dose getrunken und war hackedicht", Pip besinnte sich kurz. "Es ist aber auch ein heißer Sommertag gewesen, muss man dazu sagen." Er sah seinen kleinen Bruder an, der jetzt sichtbar amüsiert grinste. "Und was ist mit dir so los?", fragte er nun. "Kannst du mir Gitarre spielen beibringen?", fragte Heiko mit seiner hellen Stimme. Gitarre spielen würde ihm sicherlich gut tun. "Klar. Aber nicht jetzt."
Pip stolperte in den Aufenthaltsraum. Alle Augen waren auf ihn gerichtet, aber er hatte andere Probleme. "Was los Pip bist du voll!?", rief Markus aus irgendeiner Ecke. Pip riss sich mit aller Kraft zusammen. "Frau Jurus", stöhnte er und ehe er sich versah wurde er gepackt und irgendwo hingelegt. Karsten sah über seine Sessellehne hinter sich. Pip hatte bereits die Augen zu. Natürlich war es verboten stockbesoffen im Internat aufzukreuzen und das auch noch nach zwölf, natürlich war Pip es ständig. Er trat manchmal mit Liedern von seinem Pa in der Stadt auf, bekam dafür ein bisschen Geld und wurde abgefüllt. Karsten kannte alle seine Brüder, Pips Vater nur aus Erzählungen. Aber er war sich sicher, das Pip, sein einzig wahrer Nachkomme war was das Trinken, das Rauchen, die Art und die Musik betraf. Karsten hatte einmal mit ihm getrunken und danach drei Tage lang nichts essen können. Frau Jurus betrat den Raum, sah sich jedoch nur um und bat, die Fenster zu öffnen damit der Rauch abziehen könnte. Karstens Blick streifte Nora, die neugierig Pip betrachtete. Vielleicht stand sie auf ihn. Pip war halt Geschmacksache. Modern war er nicht. Er trug immer seine weiten Hosen, seine Kapuzenpullover und seine Sneakers. Auf dem Kopf thronte schwarzes Haar, er lies sie immer bis zu einer bestimmten Länge wild wachsen, dann schor er sie wieder ab, eine Frisur war das nie. "Entschuldigung?", Pip drehte sich verwirrt um. Eine ältere Frau hatte ihn angesprochen. Stand er im Rauchverbot? Er konnte sich durchaus vorstellen, dass vor einer Kirche Rauchverbot herrschte. Verdammte Nikotinsucht. "Oh tut mir Leid", sagte Pip also und trat seine Zigarette aus. "Oh nein, das meinte ich gar nicht", wehrte sie ab. Sie schien nicht von hier zu kommen, vielleicht so aus seiner Ecke, England/Irland. "Mir ist nur aufgefallen, dass sie jeden Sonntag hier in die Kirche kommen und ich dachte ich könnte sie vielleicht um einen kleinen Gefallen bitten." "Wieso nicht." Pip zuckte mit den Schultern. Ein paar gute Taten waren wirklich mal wieder angebracht. "Und zwar ist mein Sohn vor kurzem weggezogen und da mein Mann schon seit zwei Jahren tot ist, hab ich niemanden mehr der mir hilft und wissen sie ich habe eine tolle Terrasse mit einer Vogelvoliere allerdings weiß ich nicht wie lange meine Vögel da drinnen noch überleben, denn es ist ziemlich dreckig. Das Laub ist alles auf das Dach drauf gefallen und irgendwann wird kein Licht mehr durchkommen", erzählte sie. "Wenn du nächsten Sonntag nach der Kirche vielleicht Zeit hättest mit zu helfen." "Na klar." Pip nickte. Vielleicht bekam er sogar ein bisschen Geld dafür. "Wie war dein Name?", fragte sie. "Pip. Äh Philipp, aber eigentlich Pip", erklärte er. "Ah. Ich bin Mrs Houston", stellte sie sich vor. "Kommen sie aus England?", fragte Pip. "Ganz recht", Sie nickte. "Mein Vater ist auch Engländer - gewesen. Ich hab eine zeitlang dort gelebt", erzählte Pip ein bisschen stolz. "All right little man", sagte die Frau nun und klang dabei wie die alte Frau aus /Dinner for one/. "I'll see you next sunday." Pip machte eine leichte Verbeugung und die alte Frau ging. Pip beschloss sich ebenfalls auf den Rückweg zu machen. Er ging immer in der Schuluniform zur Kirche, es war etwas untypisch für ihn dass er zur Kirche ging. Karsten hatte immer gedacht er würde ihn verarschen und woanders hingehen. Aber Pip wurde all die Jahre gezwungen in die Kirche zu gehen. Jetzt ging er freiwillig. Vielleicht war das so etwas wie eine Belohnung von Gott. Ein Nebenjob, vielen Dank.
Pip saß durchschwitzt auf der Bank neben dem Spielfeld. Sie hatten Training. Pip merkte langsam dass das Nikotin auf seine Lunge ging wenn er alles gab. Egal, irgendwas war ja immer. "Ich war Samstag mit deiner Schwester aus", erzählte Ruben links neben ihm. "Ach ja?", fragte Pip uninteressiert und nahm einen Schluck aus der Wasserflasche. Seine Lunge brannte. "Hat sie nichts erzählt?", fragte Ruben enttäuscht. "Nein. Hab aber auch noch nicht weiter groß mit ihr geredet", gab Pip zu. "Zuerst wollte ich sie küssen. Aber dann hab ich's nicht getan." Pip nickte. Er wusste mit solchen Geschichten nie etwas anzufangen. Ebenso konnte und wollte er Ruben keinen Rat geben. Er hatte keine Ahnung wie man bei seiner Schwester landen konnte. Als ihr Bruder interessierte ihn das nun wirklich überhaupt nicht. Außerdem konnte er sich nicht vorstellen, dass seine Schwester Ruben toll fand. Ihr letzter Freund war drei Jahre älter gewesen, sein Vater hatte ihn gehasst. Es hatte furchtbaren Krach gegeben wenn er da war. Also war Lina nie zuhause gewesen wenn ihr Vater da gewesen war. Die beiden hatten sich sowieso immer nur gestritten. Sie hatte ihn immer angeschrieen wenn er betrunken nach Hause gekommen war. Eigentlich hatte sie ihn nur angeschrieen, selbst wenn sie sich fertig machte und er ins Bad wollte endete das in einem riesigen Streit. Lina hatte sich immer getraut seinem Vater all das zu sagen was seine Mutter sich nie gewagt hatte geschweige denn jemand anderes. Sie war die Respektlosigkeit in Person gewesen und immer auf der Seite ihrer Mutter gestanden und ihr geholfen, da die ja nie etwas hingekriegt hatte. Einmal hatte sie Pip in sein Zimmer gesperrt nachdem er seine Mutter beschimpft hatte. So wurde man vermutlich zwangsläufig wenn man sich gegen 7 Männer durchsetzen musste und alles was man zur Seite hatte ein williges Dummchen war. Trotzdem hatten sie sich immer verstanden und Lina hatte ihm immer wieder verziehen. Lina war auch die einzige von der Pip jemals gehört hatte das sie ihn lieb hatte. Er konnte sich aber auch nicht vorstellen dass seine Mutter ihn mochte. Ruben redete immer noch. Pip hatte jetzt zwar eine Menge über Lina nachgedacht, aber geholfen hatte es ihm auch nichts. "Du schaffst das schon", unterbrach er Ruben und lief wieder aufs Spielfeld um den Kopf freizukriegen.
"Oh Mann Pip, du siehst scheiße aus", grüßte Ruben Pip morgens in der Raucherecke. Wäre da nicht diese Nikotinsucht, er wäre den ganzen Tag nicht aufgestanden. So setzte er sich ohne ein Wort auf die Bank und schloss die Augen. Karsten setzte sich neben ihn dass wusste Pip auch so, dazu musste er nicht die Augen aufmachen. "Nora hat bald Geburtstag", sagte der nun. Pip überlegte. "Das Mädchen was du neulich erwähnt hast." Karsten lies ihm eine kleine Pause. "Es soll eine Party geben, ich hab vorgeschlagen dass du ein bisschen was spielst." Pip machte nun verdutzt die Augen auf und sah ihn an. "Ich? Was? Ich kann keine Lieder von Britney Spears", kritisierte Pip. "Mann du Spinner. Du sollst dich ein bisschen mit der Gitarre hinsetzen und spielen, alte Leider von deinem Pa am besten, sie mag diese Musik", erklärte Karsten und lies seine Zigarette fallen um sie auszutreten. "Wieso ich?", fragte Pip misstrauisch und sah zu Ruben und seiner Schwester, die sich küssten. Dann lief sie rein. "Das käme doch ganz gut. Du würdest dich ein bisschen integrieren und bei ihr Pluspunkte sammeln." Pip drehte ihm langsam den Kopf zu. "Willst du mich verkuppeln?", fragte er. Karsten nickte lediglich. Pip guckte wieder nach vorn und rauchte seine Zigarette weiter. Nora und Freundinnen kamen raus. "Soll ich dich als Gegenleistung auch verkuppeln?" "Gott behüte", wehrte Karsten ab. "Wieso? Ich würde dir ein tolles Mädchen aussuchen." Pip grinste. "Daran Zweifel ich gar nicht, aber du... sagen wir... dir fehlt..." Karsten runzelte überlegend die Stirn und sah seinen besten Freund an. "Jegliches Taktgefühl", sagte er schließlich. Pip überlegte. "Hey das war nicht nett", schloss er. "Ich bin nur ehrlich. Einfach hingehen und..." Er verstummte da Nora sich ihnen näherte. "Hey", grüßte sie. Pip überlegte ob sie was anderes mit ihren Haaren gemacht hatte. Sie waren lang, zurückgebunden, wie immer, aber irgendwie sah sie anders aus. So hübsch. "Hat einer von euch eine Zigarette?", Karsten sah zu Pip. Da er mit ihr verkuppelt werden sollte, war das wohl sein Job. Also gab er ihr eine. "Danke." Sie ging. "Lektion Nummer eins", begann Karsten, Pip jedoch unterbrach ihn. "Sie sieht irgendwie anders aus, hat sie was mit ihren Haaren gemacht?", fragte er ihn. "Ach quatsch Pip. Sie ist jetzt zwar braunhaarig statt blond, aber das muss dir nicht auffallen. Gott das wird nie was." Karsten warf den Kopf in den Nacken. "Und sag ihr doch bitte Hallo wenn sie dich grüßt und Bitte, wenn sie danke sagt, wieso redest du denn nicht mit fremden Menschen?" "Was soll ich denn sagen!?", fragte Pip verwirrt. "Hi, wie geht's? Das interessiert mich doch gar nicht." "Was? Ich hatte vor dich mit ihr zu verkuppeln", erinnerte Karsten ihn. "Jaja. Aber wenn ich sie frag, sagt sie sowieso nur: Gut und dir? Das ist verschwendete Energie", erklärte Pip und warf seine Zigarette gegen Rubens Hosenbein. Der drehte sich um und schimpfte irgendwas. "Ich glaube ich werde mich am Wochenende betrinken", überlegte Pip. Karsten lachte nur auf und ging dann. Pip blieb sitzen. Er überlegte ob er nicht gleich drei Zigaretten rauchen sollte, dann müsste er nicht so schnell sein Bett wieder verlassen. "Verdammtes Scheißding!", schrie das Mädchen vor ihm und knallte ein Feuerzeug vor ihm auf dem Boden das explodierte. Pip guckte sie verwirrt an. "Was denn! Ich bin jetzt Nichtraucher!" "Du brauchst Feuer", schloss Pip. "Ja." Sie kam zu ihm und lies sich die Zigarette anstecken. "Danke." Pip schmunzelte nachdem sie gegangen war. Gott sei dank hatte er kaum Temperament, er stellte sich das ziemlich anstrengend vor, dauernd so ausrasten zu müssen.
"Timbuktu!?", Karsten sah Pip entsetzt an und dann wieder auf dem Zettel. "Es gibt Timbuktu nicht!" "Natürlich gibt es Timbuktu", widersprach Pip. "In Asien oder Afrika." "So ein Quatsch", wehrte Karsten ab. "Nur weil du kein Land mit U weißt", sagte Pip voller Schadensfreude. "Nein, es gibt Timbuktu nicht." Karsten beharrte drauf, also meldete Pip sich. "Gibt es ein Land das Timbuktu heißt?", fragte er nachdem die Lehrerin ihn mit einem Kopfnicken drangenommen hatte. "Was machen sie da?", erkundigte sie sich statt einer Antwort. "Nichts. Ich habe mich das nur grade gefragt", erklärte Pip. Die Lehrerin stand auf und näherte sich Karsten und dem Zettel. Sie hatte ihn mit ihrem Blick fixiert, es gab keine Möglichkeit zu entwischen. Sie flogen raus. "Du musst sie ja auch unbedingt fragen ob es Timbuktu gibt", seufzte Karsten auf seiner Bank. "Am besten fand ich: Dass du so etwas tust Philipp, verwundert mich ja überhaupt nicht - aber von dir Karsten hätte ich das echt nicht gedacht." Pip schleuderte erneut den Stock für Anton, den Schäferhund vom Hausmeister und Wachhund des Internats. Kein Schüler kam an ihm vorbei wenn Nachtruhe herrschte. Außer Pip natürlich. "Pip?", fragte Karsten nun, bekam von Pip jedoch wie üblich keine Reaktion. "Bewunderst du deinen Vater eigentlich?" "Klar", bestätigte Pip. "Er war cool." "Er war Alkoholiker und Kettenraucher", bemerkte Karsten. "Na und? Bin ich auch." Pip zuckte mit den Schultern. "Deswegen frag ich ja." Karsten seufzte. "Du brauchst ein Mädchen. Ich weiß aber einfach nicht, wie ich das mit Nora und dir anstellen soll." "Ich brauch kein Mädchen. Mein Vater hat's genau richtig gemacht. Irgendeine dumme Frau geheiratet, Kinder gemacht und immer nur das getan, was er tun wollte", schwärmte Pip und blickte in den Himmel. Schließlich seufzte er. "Was für ein Leben." "Das nennt man rücksichtslos, egoistisch und verantwortungslos", widersprach Karsten. Pip antwortete nichts. "Vielleicht verknallst du dich ja irgendwann", überlegte er weiter. "Das wäre lustig." Karsten grinste ein wenig vor sich her, schließlich drehte Pip sich zu ihm um. "Und Psychofuzzie?", fragte er. "Was ist mit dir?"
"Wie bist du hereingekommen?", fragte Karsten Pip beim Essen. Für Pip war es mal wieder Katerfrühstück. Er hatte von Lina schon Ärger gekriegt. Sie mochte es nicht wenn er soviel trank und sagte dann immer, dass er schon so wie sein Vater wäre. Lina bewunderte ihren Vater nicht so. "Ich hab keine Ahnung", antwortete Pip nun. "Eigentlich bin ich der Meinung im Park hingefallen zu sein und dann kam ich nicht mehr hoch." "Vielleicht hat dich jemand reingebracht", überlegte Karsten. Pip fiel auf das er mal wieder zum Friseur musste. "Das kann gut sein, es muss sogar so gewesen sein. Ich kann das unmöglich geschafft haben", erkannte Pip. "Oh Mann. Ein Mann oder eine Frau?", fragte Karsten weiter. Pip zuckte mit den Schultern. "Hätte auch ein Gnu sein können, keine Ahnung." "Na toll, jetzt muss ich wieder die ganze Zeit Nachforschungen anstellen." Karsten runzelte die Stirn. "Wie bin ich eigentlich ins Zimmer gekommen?", fragte Pip ihn. "Keine Ahnung, ich bin nicht aufgewacht. Obwohl doch. Du hast auch die ganze Zeit gemurmelt, ich dachte du sprichst mit dir selbst, aber wahrscheinlich war es mit der Person. Sie muss geflüstert haben und das Licht war aus. Das bedeutet es war ein Mädchen", schloss Karsten. "Ich konnte deinen Gedanken nicht ganz folgen", bemerkte Pip. "Ganz logisch: Ein Junge kommt rein, macht das Licht an, weckt mich und übergibt dich an mich weil er keinen Bock mehr hat. Ein Mädchen allerdings flüstert, lässt das Licht aus und stellt dir einen Eimer neben das Bett. Mädchen haben das mit dem Rücksichtsvoll sein besser drauf als Jungs weißt du", erklärte Karsten. "Ich hätte mich einfach im Park schlafen lassen", überlegte Pip. "Noch ein Zeichen, dass es ein Mädchen war. Die meisten Jungs hätten dich einfach liegen lassen. Es muss also jemand sein der dir wohlwollend ist. Ein Mädchen.... Nora!", Er sah Pip begeistert an. "Noch eine Gedankenfolge der ich nicht folgen konnte", bemerkte Pip. "Na Nora mag dich- glaub ich." Karsten trank einen großen Schluck Kaffee. "Na ja, was macht Nora nachts im Park? Es muss jemand sein der raucht. Vermutlich konnte sie nicht schlafen und ihre Nikotinsucht ist stark genug, dass sie nachts eine rauchen geht. Wie das Mädchen was komplett ausgerastet ist weil ihr Feuerzeug nicht ging", erklärte Pip, überlegte dann jedoch noch einmal. "Aber die wäre mehr so eine die mich liegen lässt." Karsten sah sich nun suchend um während Pip ein bisschen aß. "Es muss Nora gewesen sein", erklärte Karsten beschwörend und biss in sein Brötchen. Sie aßen still, während Pip sich vorstellte wie Nora ihn in sein Zimmer geschleppt hatte. "Aber wie kriegt ein Mädchen mich denn bitte in mein Bett?", fragte er plötzlich. Karstens Miene verdunkelte sich. Pip überlegte. "Ich denke eher, dass Jörg es war. Anton hat mich gefunden." Jörg war der Hausmeister. Das schlimmste war, dass Karsten auch noch zugeben musste, dass dies am wahrscheinlichsten war.
Pip radelte aus der Kleinstadt nach Hause. Er kannte zwar wenige im Internat aber dafür die halbe Stadt. Das Internat lag außerhalb der Stadt, es fuhren zwar Busse, aber das nur bis halb sechs. Aber nicht umsonst kannte Pip den Hausmeister und so konnte er sich dessen Fahrrad leihen. Vor ihm lief jemand, ein kleines dunkelhaariges Mädchen, es war halb sieben, sie konnte den letzten Bus verpasst haben und musste jetzt wohl laufen. Wer sonst sollte hier lang laufen wenn er nicht zum Internat gehörte. Er fuhr an ihr vorbei. "Hey Pip!", rief sie. Er machte einen Schlenker mit dem alten Hollandrad wofür er die Straße verlassen musste, das alte Rad war nicht mehr so gelenkig, und fuhr zurück. Dieses kleine dunkelhaarige Mädchen was so einen Anfall wegen seinem Feuerzeug gemacht hatte. Er ordnete sich neben ihr ein und guckte sie fragend an. "Woher hast du das Fahrrad?", fragte sie. "Ist nicht meins." Pip nutzte die Pause um sich eine Zigarette anzuzünden. "Das vom Hausmeister." "Der gibt dir sein Fahrrad!?" Sie war verblüfft. "Na klar", sagte Pip. "Haben wir zusammen Unterricht?" "Nein. Ich kenn deinen Namen nur vom Hörensagen", erklärte sie. "Du bist ständig voll." "Ich bin nur des Lebens froh", entgegnete Pip und fuhr einen Kreis auf der Straße. "Und wer bist du?" "Benni. Ich geh eine Klasse unter dir." Sie kramte in ihrem dunkelblauen Mantel nach Zigaretten. "Benni!? Ist das nicht eher ein Name für nen Kerl?", fragte Pip entsetzt. "Eigentlich Benjina aber ich werd nur Benni genannt", nuschelte sie, mit der Zigarette bereits im Mund und Pip wartete, bis sie das anzünden hinter sich hatte. "Ist es dir recht wenn ich dich Benjina nenne?", fragte er nun. Sie zuckte mit den Schultern. "Oder Benji, obwohl Benji auch ziemlich scheiße ist. Jina auch. Gott du bist gestraft." "Pip", bemerkte Benjina lediglich und blieb stehen. "Sag mal kannst du mich nicht mitnehmen?", Pip betrachtete den Gepäckträger und überlegte dann. "Das ist voll anstrengend, willst du nicht fahren und ich setz mich hintendrauf?", schlug er vor. Sie rollte mit den Augen. "Du bist der Junge. Du fährst", erklärte sie. "Benni heißen und dann nicht mal emanzipiert sein." Pip schüttelte den Kopf und hielt an damit sie aufsitzen konnte. Anschließend fuhr er los. "Woher kommt Benjina?", fragte er schließlich. "Ich kenn Hunde die Benji heißen, die kommen aus Afrika." "Gut abgeleitet", lobte Benjina und hielt sich mit einer Hand an Pips Jacke fest. "Kommst du daher?", fragte Pip weiter. "Woher?" "Na Afrika." Ein Auto das an ihnen vorbei fuhr hupte, vermutlich ein Lehrer. "Nein, aber meine Großeltern kommen aus Südafrika, ich wurde nach meiner Großmutter benannt", erklärte Benjina. "Mein Vater war Engländer", sagte Pip schließlich. "Ist er tot?", fragte sie. Pip stutzte. "Wie kommst du darauf?" "Weil du gesagt hast er /war/ Amerikaner", erinnerte sie ihn. "Oh ja. Stimmt. Ja ist er. Letztes Jahr." "Tut mir Leid."
Pip ging raus. Er trank ja nun wirklich gerne, aber auch nur in einem guten Umfeld. Ein Haufen doofer Internatskinder- das war nichts für ihn. Vor allem wusste er immer noch nicht wer jetzt eigentlich Geburtstag hatte. Vermutlich irgendjemand beliebtes. Obwohl, die nahmen alle jede Gelegenheit mit um sich zu betrinken. Aber über ihn schlecht reden. Er zündete sich eine Zigarette an und ging ein bisschen raus in den Park. Plötzlich hörte er Stimmen. Er drehte ein wenig seinen Kopf um sie zu orten und ging dann in die Richtung weiter. Ein Gespräch konnte er nicht so richtig hören es war eher so... als würde jemand sich mächtig anstrengen und ständig stöhnen, ab und zu wurde getuschelt. Schließlich entdeckte er sie. Zwei Leute, vermutlich Mädchen und Junge, er hatte sie auf dem Arm, an den Baum gedrückt und tobte sich aus. Pip grinste. Er war im Inbegriff wieder zu gehen doch wenn er das Karsten erzählen würde, wollte der hundertprozentig wissen wer das war. Also ging er näher. Sie bemerkten ihn nicht andeutungsweise. Als erstes erkannte er Paul, das verwunderte ihn nicht weiter. Paul war der selbsternannte Casanova der Schule. Was Pip jedoch verwunderte war das Mädchen, es war das Mädchen von neulich. Benjina. Pip war ein wenig enttäuscht. Sie hatte so nicht dumm auf ihn gewirkt und dann Paul. Vielleicht wirkte das anziehend auf Mädchen, Dummheit. Ruben fand er auch nicht sonderlich intelligent. Er war so ein Trottel, klar war er nett aber manchmal einfach zu blöd für diese Welt. Vermutlich mochten Mädchen das wirklich. Pip seufzte. Paul kam. Er holte noch dreimal tief Luft, dann setzte er sie ab. Pip hob die Hände in die Luft und klatschte. Er wusste selbst nicht was ihn dazu bewegte, aber für den Anblick, wie Benjina erschrocken hinter den Baum sprang und Paul rückwärts auf den Boden fiel vor Schreck, lohnte es sich. "Mann Pip du beschissener Irrer!", brüllte Paul. Anscheinend hatte er sich mächtig erschrocken. "Du musst mir unbedingt beibringen wie das geht Paul!", flachste Pip und machte sich auf den Rückweg. Die Party war immer noch mächtig im Gange und plötzlich stand eine volltrunkene Nora vor ihm. "Hi Pip", quietschte sie. "Hey Nora", murmelte er und wollte weiter. "Wie geht's dir?", fragte sie. Pip überlegte. "Gut?"
"Ah! AH! Ah!", Karsten haute sein Kissen immer wieder in sein Gesicht. "Warum zerstörst du all meine Pläne! Warum!", rief er verzweifelt. Pip staunte. Ihm schien mächtig viel daran gelegen zu haben. "Ich weiß nicht. Ich hab Paul mit so einem Mädchen im Park gesehen und dann kommt die an- selber Schuld." Pip zuckte mit den Schultern. "Sie war betrunken! Damit ist sie nicht mal zurechnungsfähig!", erklärte Karsten lautstark. "Ja und? Glaubst du ich werde jetzt wegen Vergewaltigung angezeigt?", fragte Pip verwundert. "Nein! Aber sie war so ein unschuldiges kleines dummes Mädchen. Ich appelliere hier an deine Moral!", schrie Karsten. Pip staunte wie sehr Karsten sich aufregte. Das lag wahrscheinlich daran dass er zwei kleine Schwestern hatte. "Meinst du sie war Jungfrau?", stutzte Pip. "Neeein! Sie war doch schließlich schon 15! Da wird sie ja schon ordentlich Erfahrungen haben!", Karsten wurde immer so knallrot im Gesicht wenn er rumbrüllte, das irritierte Pip. "Dieses Mädel von Paul war auch 15 oder so", rechtfertigte der sich nun. "Paul! Paul! Bist du jetzt schon Paul?", fragte Karsten entgeistert. Er hatte Recht. Pip musste es zugeben. "Na ja, dafür wird sie jetzt was von dir wollen. Die Chancen stehen gut für dich. Du hast sie immerhin flachgelegt, du warst ihr erster, sie wird sich in dich verlieben." "Muss ich ihr jetzt ein Briefchen schreiben?", fragte Pip und warf ein Papierkügelchen gen Mülleimer. "Hast du jetzt etwa kein Interesse mehr?", erkundigte sich Karsten. "Ich hatte nie so recht Interesse, das warst mehr du. Vielleicht sollten wir behaupten du warst das, nicht ich, sie hat... Halluzinationen", schlug Pip vor. "Ja Prima", stöhnte Karsten. "Ich muss eine rauchen." Sie standen auf und gingen nach unten. Karsten stellte sich zu den anderen Jungs, anscheinend brauchte er Ablenkung. Also ging Pip in den Park und setzte sich an den Ententeich. Karsten dramatisierte das ganze viel zu sehr. "Hey Pippi." Pip erwartete seine Schwester. Es war Benjina. Seltsam. "Die Baumfrau", bemerkte Pip und sah wieder auf den Teich. "Ja. Ich hab eine tolle Erinnerung, guck." Er drehte ihr den Kopf zu, sie zog ihren Pullover hoch und drehte sich um. Ihr gesamter Rücken war aufgeschrammt. Pip lachte. "Ich kann nicht auf dem Rücken liegen." Sie setzte sich. "Wie alt bist du?", fragte Pip. "16", antwortete sie und zündete sich eine Zigarette an. "Warum schläfst du mit Paul?" "Weil es sehr einfach ist mit Paul zu schlafen. Man kann hinterher genauso mit ihm umgehen wie vorher auch, ganz normal reden und es wird kein Drama draus gemacht", erklärte sie. "Jeder weiß, dass du mit Nora geschlafen hast und es ist gerade mal ein paar Stunden her." "Wenn ich hier irgendwas mache ist es sowieso gleich immer ne Sensation", bemerkte Pip. "Weil du ja auch total krank bist. Niemand hätte sich da hingestellt und geklatscht!", rief sie. "Deine Handlungen mögen für dich normal sein, für andere sind sie es aber nicht." Pip nahm das so hin und lehnte sich zurück.
Prustend kam Pip an die Oberfläche und sah sich um. Das Schwimmbad war leer. War es meistens. Es gab hier keine Springtürme oder Wasserrutschen, somit war es für die meisten uninteressant. Pip schwamm ganz gerne, einen Sommer hatte er auf einem Schiff verbracht, da waren sie immer vom Schiff ins Meer gesprungen. Das waren so Sachen die er seinem Vater zu verdanken hatte. Dieses Schwimmbad seiner Mutter. Keine Frage warum er seinen Vater immer lieber gemocht hatte. "Philipp." Er drehte sich um. Sein Vertrauenslehrer. Er war noch sehr jung und hatte so seine Mühe mit Pip, aber eigentlich verstanden sie sich ganz gut. "Schön das du noch was anderes tust außer trinken und rauchen." "Na ja ab und zu bin ich noch im Unterricht und Gitarre spielen tu ich auch noch", fügte Pip hinzu. "Ab und zu." Herr Tomek, so war sein Name, nickte. Er starrte unentwegt auf die Tätowierungen die Pip jeweils im Vollrausch irgendwo auf der Welt hatte machen lassen. Karsten sagte stets er sei ein Gesamtkunstwerk, das alle Kulturen dieser Welt vereinte. Solange Pip ein T-Shirt trug sah man sie jedoch nicht, worüber er auch ganz froh war. Es war nicht so dass er sich für sie schämte, auf die Flügel auf seinem Rücken war er richtig stolz. Auf der rechten Brustseite hatte er ein Dornengewächs was sich über seinen Körper schlängelte und auf der linken Seite des Bauches stand ein Gedicht, was er sich auf Spanisch übersetz hatte. "Pip? Was steht auf deinem Bauch?", fragte Herr Tomek nun. "Sie zerkratzten ihre Gesichter und schrieen: Unser Blut ist Wasser! Es gibt Götter. Die Erde ist eine Scheibe. Wir haben uns geirrt", erklärte Pip. "Ich dachte du gehst jeden Sonntag in die Kirche?", fragte er verwundert. "Ja. Aber ich glaub nicht direkt an Gott. Ist schwer zu erklären. Ist mehr so ne... Gewissenssache. Warum sind sie hier? Wollen sie auch schwimmen?", fragte Pip. "Nein. Karsten sagte mir dass du hier bist, ich dachte wir beide unterhalten uns mal wieder. Ist lange her." Pip nickte. "Kann ich in einer Stunde zu ihnen kommen?", fragte Pip. Herr Tomek sah auf seine Uhr. "Um fünf Philipp", er nickte und ging wieder. Pip schwamm weiter. Die meisten sprachen während ihrer Zeit hier auf dem Internat nicht großartig mit ihren Vertrauenslehrern. Bei Pip war das anders. So anders konnte er doch gar nicht sein. Die Lust am schwimmen war ihm vergangen. Also ging er raus und zog sich um. Auf dem Flur begegnete er Lina. "Regnet's draußen?", fragte sie verwundert. "Nein, ich war schwimmen", erklärte Pip. Sie nickte und betrachtete ihn. "Wie geht's dir Brüderchen?", Pip wurde warm ums Herz. Klingt blöd, war aber so. Er bekam nicht viel Zuneigung und wenn seine Schwester dann so liebevoll war und ihm durchs Haar wuschelte und ihn Brüderchen nannte, mochte er das. "Gut", erklärte er. "Legst ordentlich kleine Mädchen flach?", flachste sie und lachte über ihren eigenen Spruch. Pip grinste bloß. Er wartete auf die Stunde wo Ruben sich über ihn lustig machen würde. "Hey gehst du morgen mit mir und Heiko Pizza essen?", fragte sie. Pip nickte. "Ok. Dann such ich mal winziges Brüderchen. Der soll schon wieder wegen irgendwelchem Mist geheult haben." Sie seufzte. "Er ist so eine Memme! Wieso ist er so? Wir sind doch alle nicht so, kannst du ihn nicht ein bisschen abhärten?" "Ich bring ihm schon Gitarre spielen bei", sagte Pip. "Uhhh... männlich", frotzelte sie, grinste und ging.
Pip grunzte seit etwa einer Stunde Melodien vor sich her. Er hoffte, dass Karsten davon irgendwann noch einmal aufwachen würde aber nichts dergleichen geschah. Schließlich klopfte es. "Hm???", quietschte er. Die Tür ging auf. Es war Benjina. "Hey..." sie sah zu Karsten, dann wieder zu ihm. "Na Jiji", grüßte Pip. "Kannst du mal kommen?", fragte sie. Pip runzelte die Stirn. Beschloss dann aber mitzugehen, er wollte eh eine rauchen. Sie gingen ein Stück in den Park. "Kennst du das manchmal wenn du grundlos unglücklich bist?", fing sie an. Pip überlegte. Eigentlich nicht. "Eigentlich stimmt alles, eigentlich ist alles wie immer aber es kotzt mich so dermaßen an und ich hasse mich selbst." Pip sagte immer noch nichts, konnte er nicht. Er konnte sich gut leiden, ok alles andere kotzte ihn auch manchmal an, aber meistens ignorierte er alles. Deswegen kannte er auch fast niemanden. Wenn er nichts sagte, dachte sie vermutlich er wäre ein guter Zuhörer. Sie fing an so komisch zu atmen. Pip schielte vorsichtig mit den Augen neben sich, sah jedoch nichts, also drehte er vorsichtig den Kopf. Sie weinte. Prima. Die einzige die Pip je hatte heulen sehn war Lina aber die hatte er auch nie trösten müssen, meist war er ja sogar der Grund gewesen weil er irgendwelche Puppen zerstört hatte. Ihr Weinen wurde immer schlimmer und Pip fühlte sich mies und er gab ihr die Schuld dafür. Hatte sie denn keine Freunde? Konnte sie nicht woanders heulen? Warum ausgerechnet bei ihm? "Oh Mann ich kann nicht mehr", schniefte sie. "Bin ich eigentlich die Einzige der es so geht!?", fauchte sie. Pip traute sich jetzt nicht mehr so etwas wie ja zu sagen, ihm viel schließlich was Besseres ein. "Wie geht?", fragte er. "Na so... überflüssig. Hier ist man einfach nur überflüssig. Alles nur egoistische Menschen und alle so...oberflächlich verstehst du? Es ist kein Tiefgang, ich hab das Gefühl niemand bedeutet einander was. Es ist halt... keine Familie, man lebt zusammen mit einem Haufen Bekannter." Sie wischte sich die Augen trocken. "Du bist wohl nicht freiwillig hier", vermutete Pip. "Ich bin von meiner alten Schule geflogen. Woher hätte ich denn wissen sollend dass meine Eltern das ernst meinen. Bist du etwa freiwillig hier?", fragte sie entsetzt. Pip holte tief Luft. "Ich hab nie zuhause gewohnt weißt du. Mein Vater war immer unterwegs. Ich hab sechs Geschwister und ich war das schwarze Schaf. Keine Ahnung ich bin mit meiner Mutter halt nicht klar gekommen, mit meinem Vater hab ich mich prima verstanden. Also war ich ab meinem zwölften Geburtstag immer woanders. Er hat das immer für mich organisiert. Ich hab bei Familien in Pennsylvania, Kanada, England, Schottland, Irland, Schweden, Spanien, Frankreich, Österreich und Holland gewohnt. Einen Sommer hab ich auf einem Schiff verbracht, mit so lauter anderen schwierigen Jugendlichen. Ich hab meinen Vater kaum gesehen aber ich fand's immer cool. Das kann ich gut- mich anpassen. Hab ich halt gelernt. Als er dann gestorben ist, bin ich hergekommen. Waren die einzigen die mich nehmen wollten. Bin schwererziehbar", erzählte Pip. "Aber erzähl das nicht." "Ok", sagte sie leise. "Wer weiß wo ich überall noch hingekommen wäre wenn mein Vater nicht gestorben wäre", seufzte Pip. "Wieso ist er denn tot?", fragte Benjina. "Weiß nicht. Er war 52, hat zuviel geraucht und getrunken sagt man. Ich hab ihn gefunden. Er hatte mich extra nach Hause geholt weil er mich mal wieder sehen wollte. Wir hatten am Abend vorher abgemacht mich nach Neuseeland zu schicken und dann nach Australien. Ich hab keine Ahnung wie mein Vater das gemacht hat. Alle reden so schlecht über ihn. Ich weiß gar nicht wieso." Pip runzelte die Stirn. "Na ja, wenn er dich vorgezogen hat", überlegte Benjina. "Warst du sein einziger Junge?" "Nein. Ich hab vier ältere Brüder und einen jüngeren, aber mich hat er geliebt. Dabei hab ich nur kacke gebaut." "Na ja, ich vermute mal dass er nicht zu allen so nett war wie zu dir. Vielleicht ist irgendwas Besonderes an dir. Mann weiß es nicht." Benjina zuckte mit den Schultern. "Wenn man so lange an einem Ort ist", sagte Pip. "Hat man das Gefühl die Zeit ist stehen geblieben."
"Frühstückst du immer alleine?", fragte jemand. Pip hob den Kopf. Wer auch sonst. "Ja. Ich rede morgens nicht gern", erklärte Pip. "Wieso sagst du nicht gleich: Du nervst?", fragte Benjina. "Nein... das wäre gemein. Wer weiß, man soll ja auch ab und zu etwas Neues wagen." Pip köpfte sein Ei. "Wie isst du denn Ei?", Benjina sah ihn entsetzt an. "Entschuldigung", bemerkte Pip und löffelte es nun aus. "Das macht man so: Liebevoll." Sie nahm ihren Löffel und klopfte die Schale brüchig. Dann pulte sie die Schale ab. Pip grinste. "Hat was von einer natürlichen Kükengeburt", flachste er. "Na toll. Jetzt kann ich es nicht mehr essen weil ich denke ich habe ein Küken umgebracht", jammerte sie. "Na schön", sagte Pip. "Dann bring ich es um." Er nahm ihr das Ei ab und aß es auf. "Ich wollte sowieso Vegetarierin werden", erklärte sie. "Bist du so uninteressant?", fragte Pip. Sie sah ihn verwundert an. "Die meisten Leute sind Vegetarier oder behaupten es zu sein weil sie sich selbst interessanter machen wollen, ein geringfügiger Teil tut es weil Fleisch ihrer Meinung nach ungesund ist oder der Figur willen und ungefähr 1-2% tun es aus moralischer Überzeugung und Verantwortungsbewusstsein gegenüber anderen Lebewesen. Wobei alle natürlich letzteres als Grund nennen." Er sah verwirrt zu wie sie ihre Wurstscheiben gegen seine Käsescheiben tauschte. "Jetzt fühl ich mich wegen dir verantwortungslos gegen über Tieren", klagte sie. Pip schüttelte den Kopf. "Du bist echt deppert", bemerkte er. "Bin ich nicht!", protestierte sie. "Neeiiin..." Pip zog die Augenbrauen hoch. "Du bist fies. Ich gehe gleich ganz allein eine rauchen", maulte sie. Pip verstellte seine Stimme. "Äh du bist so fies", imitierte er sie. Plötzlich hatte er Marmelade im Gesicht. Er guckte Benjina verblüfft an die hämisch grinste und ihm kurz die Zunge rausstreckte. "Ich weiß nicht ob du noch mal mit mir frühstücken darfst", bemerkte er. "Ohhh..." Sie nahm die Servierte und wischte die Marmelade aus seinem Gesicht. "Hoffentlich gibt es heute Abend Ketchup", sagte er nachdem sie fertig war. "Wir beschränken unsere Freundschaft lieber aufs Frühstück."
"Wuhuuu... hallo Rubinio!", Pip lies sich neben dem Freund auf seiner Schwester auf die Bank fallen. Es kam keine Reaktion. So zögerte Pip mit dem Anzünden seiner Zigarette. "Rob?", fragte er. Ruben schniefte. Pip lies sich zurückfallen. Na klasse, er hatte das wohl in letzter Zeit echt ein Gespür für. Aber er war trainiert. "Hey alles klar?", fragte er jetzt also, mit seinem neugewonnenen Mitgefühl. "Rob?" "Ist schon gut." Ruben wischte sich die Augen. "Wie vor Freude weinen sieht das aber nicht aus", bemerkte Pip. Ruben richtete sich auf und fuhr sich durchs Haar. Seine Augen waren richtig rot geheult. Pip beschloss sich davon nicht abschrecken zu lassen. Ruben war schließlich sein Freund- auf irgendeine Art und Weise. Eigentlich hatte er ihn immer ganz gut leiden gekonnt, sie spielten zusammen Fußball, es hatte ihm nur nicht so ganz gepasst das ausgerechnet er was mit seiner Schwester anfing. "Scheiße man", schniefte Ruben nun. "Was ist denn los?", fragte Pip erneut. "Nichts. Eigentlich nichts, es ist nur..." Ruben seufzte und guckte auf den Ententeich. Pip wurde langsam ungeduldig. "Eigentlich nichts." "Ok, eigentlich ist es nichts. Geschnallt. Aber wenn es doch was ist?", Pip würde nicht eher locker lassen. Er hatte keine Lust den ganzen Tag über Ruben nachzudenken. "Es ist nur... ach Lina..." Die Tränen legten wieder los. "Lina? Hat sie Schluss gemacht?", fragte Pip erschrocken. Ruben fing an zu heulen. Ok, Pip würde sich merken nächstes Mal nicht so mit der Tür ins Haus zu fallen. "Das tut mir Leid..." "Nein... sie hat nicht..." er wischte sich die Augen trocken. "Hat sie nicht aber... also nicht direkt, wir haben uns nur gestritten. Es war nichts dolles, nur sie ist so dermaßen ausgerastet. Ich hab es doch nicht so gemeint aber sie ist komplett ausgeflippt. Kacke." Pip fand seine Schwester schon immer leicht verrückt, das lag an ihren Genen. "Oh das ist nicht schlimm. Sie rastet immer so aus. Wenn es wirklich nichts Schlimmes war, warte einfach bis morgen, dann entschuldigst du dich und alles ist wieder gut. Glaub mir, da hab ich Erfahrung drin. Zuhause ist sie früher immer nur ausgerastet, dass kommt daher da sie sich anders gegen sechs Brüder nicht durchsetzen konnte", erklärte Pip. "Dann hat sie rumgeschrieen und Sachen nach uns geworfen oder Sachen von uns mutwillig kaputtgemacht und jeden Monat wollte sie mindestens 5mal ausziehen. Wir haben sie einfach in Ruhe gelassen und irgendwann hat sie sich entschuldigt oder wir uns bei ihr. Manchmal hat sich auch niemand entschuldigt dann war es einfach irgendwann wieder gut. Wie das halt so ist. Sie ist halt Temperamentvoll." Pip zuckte mit den Schultern. Ruben blickte richtig erleichtert drein. "Was ist gehen wir eine rauchen?", fragte Pip ihn und Ruben nickte. "Warte, sieht man, dass ich geheult hab?", Ruben hielt an. "Ja. Aber das macht nichts. Wir sagen einfach ich hab dir Sand in die Augen geworfen", erklärte Pip. "Ok, das glaubt mir sogar jeder." Sie gingen zum Raucherplatz und Ruben erzählte sogleich die Sandgeschichte. "Toll, jetzt halten mich alle für grausam", bemerkte Pip. "Taten sie das nicht schon vorher?", fragte Karsten. "Nein. Ich war verrückt und so. Aber grausam und gefährlich war ich bislang nicht. Obwohl mal das Gerücht umherging ich wäre in einer Anstalt gewesen." Ein Ball traf Pip am Hinterkopf. Er drehte sich um. "Benji du doofe Kuh!", rief er. "Das hätte böse ins Auge gehen können! Ich hätte mich verletzen können!" "Bei dir ist doch gar nichts mehr was noch kaputt gehen kann!", schrie sie. Pip wollte irgendwas Megafieses rufen aber es fiel ihm nichts ein. "So ein Mist", brummte er und warf den Ball hinterher. "Wer ist das denn?", fragte Ruben amüsiert. "Eine kleine Mistmade", brummte Pip und drehte sich um. "Mistmade!", rief er. "Oh, ist da wieder jemand auf Flirtkurs?", flachste Karsten. "Das gibt irgendeine megafiese Rache", murmelte Pip und setzte sich auf die Bank um sich sogleich Gedanken zu machen.
Pip war mit Mushka unterwegs. Sie war der Rottweiler von Mrs Houston. Nachdem bei ihr eingebrochen worden war schwor sie auf sie. Allerdings war sie nicht mehr so gut zu Fuß deswegen freute sie sich wenn Pip Mushka auf dem Weg abholte und sie mitnahm in die Stadt oder so. Pip fand es ganz angenehm sonntags bei ihr zu sein. Wenn sie von der Kirche wiederkamen ging er mit Mushka raus und sie kochte etwas zu essen. Dann aßen sie, er machte anschließend was halt so getan werden musste und meist war er erst spät abends wieder da. Pip öffnete die Bauchtasche seiner dunkelgrauen Schlupfjacke um zu gucken ob da vielleicht noch Zigaretten waren. Dort war allerhand drin aber nicht seine Zigaretten also ging er in den nächsten Tabakladen. "Hey wusste ich doch, dass du das bist." Pip sah auf obwohl er gerade dabei war die anderen zwei Schachteln in seinem Rucksack zu verstauen. Es war Benjina. "Hey", grüßte er. "Ich hab dich vorhin schon gesehen aber alle waren der Meinung das wärst nicht du, wegen dem Hund", erzählte sie. Pip schulterte seinen Rucksack wieder. "Mit wem bist denn unterwegs?", fragte er. "Mit ein paar aus der zehnten. Jakob, Kathi und so." Die Namen sagten ihm nichts aber Pip nickte. "Kann ich ihn streicheln oder beißt sie mir die Hand ab?", Pip sah runter zu Mushka. "Nö, müsste gehen", sagte er zuversichtlich. Benjina streichelte Mushka die genussvoll die Augen schloss. "Zuhause hab ich so eine Englische Bulldogge. Der ist cool. Aber alle machen sich über ihn lustig." Sie ging zu der Bedienung und kaufte sich Zigaretten. Verschiedene Marken, wahrscheinlich musste sie für die 15jährigen draußen mitkaufen. Auf ihrer alten Schule hatte Benjina einmal wiederholen müssen, deswegen war sie eine Klasse unter Pip, obwohl der ja bereits auch wiederholte. Nicht mehr lange und er war 18. Endlich. Lina wurde bald 19. Er musste aufpassen dass er es nicht vergaß. "Und was machst du jetzt?", fragte sie. "Zu 'nem Freund", erklärte er. Sie gingen zusammen raus. "Ok bis morgen", sie winkte. Er nickte bloß und machte sich auf. Ihre Freunde, oder was das auch immer waren, starrten ihn an wie ein Phänomen. Vielleicht war sie jetzt so was wie ein Held weil sie sich traute mit ihm zu reden. Mann ist die mutig.
"Guten Morgen!", rief Benjina. Pip guckte sie entsetzt an. Das war zuviel Motivation für einen Morgen mitten in der Woche. "Oh, das Partytier tobt wieder", schloss sie. "Kennst du die Wirkung von Worten?", fragte er sie. Benjina guckte ihn nur verwundert an. "Die Wirkung von Worten ist schwer zu bemessen. Guten Tag, das begreifst du noch. Das der Tag trotzdem nicht besser wird, versetzt dich in Erstaunen." "Wow", staunte sie. "Irgendwie tiefsinnig." "Ich wollte es mir irgendwohin tätowieren, aber ich weiß noch nicht, so toll ist er auch nicht", überlegte Pip. "Tätowieren?", fragte sie. "Wieso willst du dich tätowieren?" "Ich bin tätowiert", sagte Pip und grinste. Sie guckte ihn ganz entsetzt an. "Wo?", fragte sie verblüfft. "Hier." Pip strich mit seiner Handfläche über seine tätowierten Flächen. "Und der Rücken." "Du verarscht mich." "Nein. Im Ernst. Ich war in England und da haben wir, na ja wir haben gekokst und dann haben wir uns bei irgend so einem Typen tätowieren lassen. Ich hatte Glück, bei einem hat es sich furchtbar entzündet", erzählte Pip. Benjina guckte ihn prüfend an. Anscheinend glaubte sie ihm das ganze nicht wirklich. "Weißt du mein Pa kommt ja aus England und da war ich auf einer Militärschule und da sind nur solche Kids." "Ich will das Thema wechseln", sagte sie. "Ich komm aus einer spießigen Familie, mir macht so was Angst. Wenn meine Schwester und ich Alkohol trinken ist das schon höchste Rebellion." "So was ist nicht gut. Du musst auch lernen dass es eine nicht so schöne Welt gibt wo Jugendliche Drogen nehmen und Polizisten mit Steinen bewerfen", erklärte Pip, allein um sie zu ärgern. "Du sollst das lassen! Mich interessiert das gar nicht!", rief sie. Pip zuckte mit den Schultern und war still. "Gut geschlafen?", fragte sie und schnitt ihr Brötchen auf. Er nickte. "Ich hab von Wildschweinen geträumt die durch unser Haus laufen und in meinem Bett liegen. Den ganzen Traum über saß ich auf so einer schmalen Fensterbank", erzählte Pip. Benjina guckte verwundert. "Hast du Angst vor Wildschweinen?" "Ich glaub schon. Als ich jünger war, war ich mit meinen Brüdern im Wald, wir wollten heimlich rauchen und Bier trinken, dann haben wir welche getroffen. Die haben uns auf einen Baum gejagt und wir mussten die Feuerwehr rufen, wir saßen mindestes zwei Stunden lang auf diesen blöden Baum." Pip verdrehte die Augen während Benjina herzhaft darüber lachte. "Wie früh hast du denn schon Bier getrunken?", fragte sie schließlich empört. "Den ersten Vollrausch hatte ich mit acht. Da haben meine Brüder mich abgefüllt. Die waren 17 und 18 oder so und ich wollte halt immer alles mitmachen. Selber Schuld." Pip zuckte mit den Schultern. "Was machen deine Brüder?", fragte sie neugierig. "Arbeiten. Ich vergess immer als was." Pip zuckte mit den Schultern. "Ich hab eine ältere Schwester. Sie macht jetzt ihr Abi, so wie deine", erzählte Benjina. Pip nickte. "Was machst du heute?", Pip zuckte mit den Schultern. "Kannst du mit in die Stadt kommen?", Ihr Blick war richtig bittend. "Wieso was willst da?", fragte Pip uninteressiert. "Ein paar Sachen besorgen. Bitte. Bitte, bitte, ich bin wirklich harmlos beim Einkaufen", versprach sie. "Ich kauf dir auch einen Schokoriegel." "Oh na dann! Prima!", rief Pip übertrieben. "Wenn du nicht willst musst du ja nicht", sagte sie etwas beleidigt. "Schon gut. Mal sehen. Ist noch zu früh um über solche gravierenden Entscheidungen nachzudenken", erklärte er. Sie zog die Augenbrauen hoch. "Oho. Pass auf das du dein Hirn nicht überlastest."
"Ohhh... kaufst du mir was?", fragte Benjina. Pip sah sie verängstigt an. "Guck nicht so ich will etwas Heißes zu trinken." "Wieso bin ich eigentlich hier?", fragte er sie. Sie verschwand jedoch im Coffee-shop. Pip setzte sich auf eine Bank und zündete sich eine Zigarette an. Er hatte immer noch ein wenig Bauchweh. Das Mädchen laberte soviel Mist dass er ständig lachen musste. Inzwischen frühstückte er mindestens doppelt so lange wie früher. Sie kam wieder raus. "Du rauchst ganz schon viel", bemerkte sie, steckte ihren Finger in die Sahnehaube und leckte den ab. "Hm", machte er. Sie setzte sich neben ihn. "Willst du?", fragte sie und hielt ihm den Becher unter die Nase. "Nein danke", lehnte er ab. Er hatte geglaubt dass sie nur wollte dass er mitkommt, weil sie dann das Fahrrad hatten und sie nicht mal fahren musste. Aber anscheinend fand sie es auch noch richtig nett. Das war Pip nicht gewohnt. Die Sahne war alle, sie setzte den Deckel auf den Becher und trank. "Und was jetzt?", fragte sie. Pip zuckte mit den Schultern. "Musst du nicht noch irgendwo hin?", Er sah vieldeutend auf ihre Einkaufstüten. "Nö. Ich bin fertig." Sie guckte demonstrativ in die Tüten. "Ich wollt noch bei einem Freund vorbeischauen..." fing Pip an. "Ok." Sie stand auf. Pip folgte ihr, sie ging vor, dabei wusste sie gar nicht wo es langging. Am Ende der Straße schien sie das zu registrieren und lies ihn auf ihre Höhe. Oder sie hatte einfach die Schnauze voll davon vor ihm zu gehen. "Hast du viele Freunde in der Stadt?", fragte sie. Pip überlegte. "Zumindest mehr als im Internat", antwortete er. "Aber Karsten ist dein bester Freund oder?" "Glaub schon", Pip zog seine Hose ein Stück höher da sie hinten so auf dem Boden schleifte. "Eigentlich ist er so was wie mein Vater. Sagt mir was ich tun soll und so." Pip ging auf dem Hauseingang zu und klingelte bei Melvin. Es dauerte ein Weilchen bis es summte und die Tür aufging. Stumm gingen sie das Treppenhaus hoch. Pip wusste gar nicht was Benjina da sollte. Hoffentlich sah es nicht allzu schlimm bei Melvin aus. Die Tür stand einen Spalt offen so wie immer. Pip ging vor. Benjina folgte brav. Anscheinend kochte er. Pip wartete dass Benjina ihre Sachen abgestellt hatte und ging dann mit ihr in die Küche. "Hey Melvin." Melvin drehte sich um. "Hey Pip", er gab ihm die Hand. Pip setzte sich und Benjina erschien. "Oh hallo", sagte Melvin verwundert. "Das ist Benjina, sie geht auf meine Schule", erklärte Pip brummig. Die Sache war ihm nicht geheuer, also zündete er sich sogleich eine neue Zigarette an. "Hi Benjina. Ich bin Melvin. Setz dich", forderte Melvin und Benjina nahm auf der anderen Seite des kleinen Küchentisches Platz. Melvin briet Kartoffelpuffer. "Habt ihr auch Hunger?" "Nein danke", sagte Benjina. Pip nickte bloß. "Was los Pip?", fragte Melvin neugierig. Pip zuckte mit den Schultern. "Schlecht gelaunt?", Melvin grinste hämisch worauf Pip bloß die Stirn runzelte. Genau wie er vermutet hatte. "Hast du eine Toilette?", fragte Benjina. "Na klar. Raus und links", wies Melvin und Benjina ging. "Wow Pip", staunte Melvin als sich die Badezimmertür schloss. "Du bist wirklich immer für eine Überraschung gut." "Halt die Klappe", brummte Pip. Melvin holte zwei Bier aus dem Kühlschrank und stellte eines vor Pip. "Was hast du denn die ist doch süß. Brauch dir nicht peinlich sein." Pip hasste es von Melvin aufgezogen zu werden. Wahrscheinlich hatte Melvin seit Wochen das Bad nicht mehr geputzt und sogar Bremsspuren in der Toilette hinterlassen. Das war peinlich! "Wie lange kennt ihr euch?", fragte Melvin weiter. "Keine Ahnung, man lass mich in Ruhe, was weiß ich." Pip trank einen großen Schluck aus dem Bier und Melvin servierte ihm Kartoffelpuffer. Benjina kam wieder rein. Melvin aß im stehen damit sie ebenfalls an diesem kleinen Tisch Platz haben konnte. "Du hättest am Wochenende dabei sein sollen!", rief Melvin mit Restkartoffelpuffer im Mund. "Steffen war so breit dass er auf eine Garage geklettert ist, da ist er dann eingebrochen und wir mussten einen Krankenwagen rufen und dann ist die Polizei gekommen und Marco musste sein Gras im Gebüsch verstecken und dann mussten wir mit der Polizei mitfahren!" "Hat er sein Gras wieder?", fragte Pip desinteressiert. "Nee, er hat's gesucht aber nicht gefunden. 20€ für'n Arsch und Tobi hat ne Kopfnuss gekriegt." "Von wem?" "Rufus. Dir wollte er auch welche reinhauen und als er erfahren hat, dass du nicht da bist, hat er eine Telefonzelle zusammengetreten, dann kam wieder die Polizei und ich bin gegangen. So toll ist es auf der Wache nicht, hab Tobi nach Hause gebracht." Melvin wendete die anderen Kartoffelpuffer in der Pfanne. "Rufus ist so ein Idiot", bemerkte Pip und trank einen Schluck Bier. "Ich werd die Tage mal bei Andi vorbeigehen. Felix und er hatten doch neulich auch wieder Ärger mit dem hat Tobi erzählt." "Ja. Rufus hat Andis Freundin in der Stadt belästigt dass die sich bei McDonald versteckt hat und Felix angerufen hat, weil Andi ja arbeiten war. Felix kam dann und sie haben sich ein bisschen angemacht und Rufus hat ihm dann wieder die ganze Zeit mit seinem scheiß Messer gedroht." Pip und Melvin lachten. "Du musst nämlich wissen dass Rufus ein ganz gefährliches Taschenmesser zuhause hat", erklärte Pip Benjina. "Ich find das nicht komisch", sagte sie. "Ich hab noch nie gesehen wenn Leute sich prügeln. Ich kann mir nicht mal Boxen im Fernsehen ansehen." "Dann solltest du nicht soviel Zeit mit Pip verbringen", bemerkte Melvin und zwinkerte.
Pip wachte auf weil ihn jemand ununterbrochen an der Schulter rüttelte. "Was denn..." murmelte er, wohl in dem Glauben es sei Karsten. "Rück." Das war nicht Karsten. Er öffnete die Augen. Es war Benjina. "Nun rück." Sie trug eine Boxershorts und ein T-Shirt, in der Hand hielt sie ein Kissen. "Du musst rücken", erklärte sie als er nicht aufhörte sie total perplex anzustarren. "Ich hab geträumt das Straßengangs die Straßen unsicher machen und ich hatte ganz furchtbare Angst und Leute haben mich verfolgt und dann haben sie dir einen Sack übergestülpt und dich verprügelt und dich dann mit einem Auto überfahren und die Stadt war total heruntergekommen. Es sah aus wie in einem Ghetto und ich hab Angst und du bist Schuld. Jetzt rück." Pip rückte bereitwillig. Sie legte sich zu ihm, ohne sich an ihn zu kuscheln oder so, sie legte sich einfach hin. Es dauerte nicht lange bis sie einschlief, jedoch konnte Pip nicht wieder einschlafen. Also starrte er an die Decke. Natürlich war es strengstens verboten dass Mädchen bei den Jungs schliefen oder umgekehrt. Aber Pip wusste dass seine Schwester fast jede Nacht zu Ruben wanderte und bei den älteren interessierte das auch niemanden mehr so genau. Mit 17 Jahren war man alt genug und wenn Pip irgendwem erzählte, dass Benjina bei ihm geschlafen hatte, glaubte ihm das sowieso keiner. Warum auch. Ging ja keinen was an. Außerdem mochte er Benjina, sie war so frei von jeglicher Schuld. Meistens hatte er das Gefühl das sie überfordert war mit der Welt und das meiste wollte sie lieber gar nicht wissen. Außenseiter taten ihr Leid, sie würde sich niemals über jemanden lustig machen aus Angst ihn zu verletzten und weil sie sich dann schlecht fühlen würde. Pip seufzte. Die Welt war hart und grausam, wenn man sie in New York aussetzen würde, sie wäre nach drei Tagen tot. Vollkommen überlebensunfähig. Sie konnte ja nicht einmal lügen. Ihre Eltern hatten zwar ein liebes Mädchen geschaffen, aber ihr damit gewiss keinen Gefallen getan.
Pip war so langweilig. Karsten schlief. Pip hatte angefangen auszurechnen wie viel Karsten durchschnittlich schlief. Ungefähr das Doppelte der Zeit die Pip mit schlafen verbrachte. Vielleicht sollte er Benjina auf die Nerven gehen. Oder er ging in die Stadt. Aber das war zu weit zu laufen und er wollte eigentlich hier noch zu Abend essen. Pip stand auf und machte sich auf dem Weg zu Benjinas Zimmer. Er holte sie ja morgens meist zum Frühstück ab. Sie hatte ihn dazu gezwungen. Es war niemand da. Also ging er in den Aufenthaltsraum der im Winter sehr voll war. Seine Schwester und Ruben waren auch da aber Pip ging zuerst zu Benjinas Zimmernachbarin. "Sie tanzt", erklärte die. "Sie tut was?", fragte Pip verwundert. "Na sie tanzt." Katharina schien nicht ganz zu verstehen wo bei Pip das Problem lag. "Und wo?" "Na im Tanzraum wo denn sonst!", Man konnte nicht sagen wer entsetzter war. Pip das es einen Tanzraum auf dieser Schule gab oder Katharina, dass Pip das nicht wusste. Pip machte sich also auf den Weg, den Katharina ihm beschrieben hatte. Er war bei der Sporthalle. Ein recht großer mit Parkett ausgelegter Raum, einem Spiegel und einer Stange wo Benjina zu Musik Ballett tanzte. Pip hatte das noch nie gesehen, er war beeindruckt wie sie senkrecht sie ihr Bein in die Luft strecken konnte. Sie sah ihn im Spiegel und hörte sogleich auf. "Man beobachtet einen Künstler nicht bei seiner Kunst", sagte sie. "Ballett. Das passt genau zu deinem kleinen behüteten Vorstadtleben", bemerkte er. "Das hat damit nicht zu tun. Als ich sechs war wollte ich Ballerina werden und meine Eltern haben mir diesen Traum lediglich ermöglicht", erklärte sie. Pip fand das Outfit gar nicht so schlecht, auch wenn sie so etwas wie eine Leggins trug. Sie hatte einen schönen Körper. "Und du hattest nie die Schnauze voll?", fragte er verwundert. "Nein. Ich will an den Broadway." Pip lachte. "Wirklich! Ich kann auch singen! Glaub ich - Ich bin mir fasst sicher, meine Lehrerin sagt jedenfalls das ich singen kann und bald bin ich ein Broadwaystar." "Wie alt bist du? 11?", spottete Pip. "Halt die Klappe", sie drehte sich um und ging die Musik ausschalten. "Geh, ich will mich umziehen." Sie war gekränkt. Also ging Pip bereitwillig vor die Tür und wartete dass sie schließlich rauskam, ihn keines Blickes würdigend. "Gehen wir eine rauchen?", fragte er. Sie antwortete nicht. "Hör auf so beleidigt zu sein. Das hört sich wirklich albern an." "Na und? Wenigstens hab ich noch irgendwas Großes vor in meinem Leben anstatt irgendwann von einer Straßengang niedergemetzelt zu werden oder an einer Alkoholvergiftung zu sterben", giftete sie. "Oder du krachst mit 23 besoffen an einen Baum, das sind deine Zukunftsaussichten, herzlichen Glückwunsch!"
"Freust du dich auf Weihnachten?", Benjina streckte die Hand aus um Schneeflocken aufzufangen. "Hm. Nein eigentlich nicht", überlegte Pip. "Ist bei mir so stressig, wir sind so viele Leute." "Ich stell mir das gerade toll vor." Sie zog an ihrer Zigarette. Rauchen passte überhaupt nicht zu ihr fand Pip. "Das Essen an sich ist toll, aber die Vorbereitung und das aufräumen sind anstrengend", erklärte Pip. "Kannst du tanzen?", fragte sie und sah ihn wieder an. Sie trug Pips Mütze weil ihre Ohren so kalt waren. "Ja. Auf der Militärschule haben wir es gelernt. Es war sehr demütigend. Einer musste immer die Frau sein und der andere der Mann. Ich hab noch nie mit einer Frau getanzt, aber tanzen kann ich." "Hast du nicht Lust mal mit einer Frau zu tanzen?", fragte Benjina unbekümmert. "Nein. Eigentlich nicht", sagte Pip bestimmt. "Oh doch. Bald ist das Weihnachtsfest. Du kennst das nicht aber es ist immer so schön und da mir klar war, dass du da nichts von mitbekommen hast und von alleine niemals auf die Idee kommen würdest da hinzugehen werde ich dich jetzt solange nerven bist du mit mir hingehst!", rief sie. Pip schaute angeekelt drein, ganz aus Reflex. Er wollte nicht auf so einem komischen Fest mit Benjina tanzen. Aber er traute es Benjina zu ihn solange zu nerven bis er nachgab. Also musste er einen Ausweg finden. "Warum denn mit mir?", fragte er also gequält. "Na weil... mit dir ist es lustig. Ich dachte... na ja. Jetzt hab ich schon gar keine Lust mehr dich dazu zu zwingen. Dann geh ich mit Jakob", lenkte sie ein. "Ok", sagte Pip dumpf. Er zog noch einmal an seiner Zigarette und trat sie dann aus. "Ich muss jetzt dieses Referat vorbereiten." Benjina nickte. "Musst du nichts machen?" "Nö. Ach ja doch. Ich könnte langsam versuchen Bio zu verstehen. Na ja gut. Dann komm ich halt mit." Sie zuckte mit den Schultern und ging durch die Tür die Pip ihr aufhielt. Eine eigene Bibliothek für 120 Schüler war natürlich übertrieben, da es natürlich auch nur Schulbücher waren und literarische Meisterwerke die eh nur Lina las, war meist auch nicht viel los. Sie suchten ihre Bücher zusammen und setzten sich an einen Tisch. Pip musste ein Referat über einen englischen König halten. Natürlich auf Englisch, also nicht weiter schwierig. "Ein bisschen Musik wäre hier schon ganz nett", bemerkte Benjina die Pips Meinung nach nur so tat als würde sie tatsächlich lesen. "Damit du was zu tun hast während du das Buch anguckst wie es so da liegt?", fragte Pip. "Hey ja. Bio ist nun mal einfach total uninteressant", erklärte sie. "Was macht ihr denn?" "Stoffwechsel. Glaub ich. Vielleicht machen wir auch schon was anderes." Sie blätterte demonstrativ im Buch weiter. Pip lachte.
"Komm mit runter Pip", drängte Karsten der sich vorm Spiegel schick machte für dieses Weihnachtsfest. Er trug seine Schuluniform, machten wahrscheinlich alle. "Was soll ich denn da?", fragte Pip genervt. "Ein bisschen gesellig sein, wir trinken was zusammen." "Was denn? Alkoholfreie Erdbeerbowle?", spottete Pip und spielte mit seinem Feuerzeug. "Benjina wollte auch schon, dass ich da hingehe. So ein Schrott." "Komm schon. Ich zwinge dich auch nicht lange unten zu bleiben. Los mach deine Krawatte um und komm." Karsten warf ihm seine schwarze Krawatte aufs Bett. "Sag Benjina einmal Hallo, lass dich nur mal blicken, los." Pip seufzte und stand auf um sich seine Krawatte umzubinden. Schließlich folgte er Karsten runter. Es war bereits halb zehn, das Fest war um acht gestartet. Karsten hatte zulange geschlafen, so waren alle schon da. Sie setzten sich zu Ruben, Lina und Sven, die Fußballmannschaft saß so ziemlich zusammen. "So", sagte Karsten nach einer halben Stunde. "Ich werd jetzt Steffi fragen ob sie mit mir tanzt." "Steffi?", fragte Pip träge. "Sie. Sie geht in deine Klasse, aber nichts für ungut." Karsten deutete kurz auf sie. Pip betrachtete sie. Sie war hübsch. Er betrachtete Karsten. Karsten war nicht hübsch, vielleicht lag es daran dass er ein Junge war. Lina war auch hübsch. Ruben aber nicht. So würde Pip niemals schwul werden können. "Vielleicht fragst du Benjina mal ob sie mit dir tanzt statt sie nur anzustarren." "Ich starr sie gar nicht an", widersprach Pip. "Natürlich und als Jakob seinen Arm über ihre Stuhllehne gelegt hat hattest du lauter Falten auf der Stirn", stichelte Karsten und trank seine Cola aus. "Der kleine Sack kann mir gar nichts", bemerkte Pip. "Anscheinend macht er dir genug Angst dass du nicht einmal rübergehst und ein Wort mit deiner Kleinen sprichst oder gar den Mut aufbringst mal mit ihr zu tanzen", bohrte Karsten weiter. "Sie ist nicht /meine Kleine/", protestierte Pip, aber Karsten marschierte bereits auf Steffi zu. Pip kannte sie, sie laberte in Deutsch immer soviel aber er hatte ihren Namen nicht gewusst. Es ärgerte ihn was Karsten gesagt hatte. Er hätte Angst vor Jakob. Wieso hatte Jakob eigentlich keine Angst vor ihm? Pip zündete sich eine Zigarette an. Benjina stand auf und kurz darauf Jakob. Pip hielt inne und beobachtete gespannt. Sie gingen auf die Tanzfläche. Pip lehnte sich wieder zurück. Benjina sah ihn an aber er sah weg. Blöde Kuh. Er wäre hinterher falls sie den Saal verlassen hätten, das spürte er. Irgendwie musste er Jakob Angst machen. "Es wäre jetzt verdammt cool von dir wenn du hingehen würdest und zu Jakob sagen würdest: Ich übernehme jetzt", sagte Lina. Pip drehte sich zu ihr um. "Was wäre denn daran cool?", fragte Pip verwundert. "Na ja, entweder er verzieht sich, das hast du Eindruck gemacht, dann hat er Schiss vor dir und Benjina wird stolz sein und wenn er sich nicht verzieht kannst du dich schlagen und so was macht dir doch Spaß." "Da schlag ich einmal zu und er weint", spottete Pip. "Umso besser. Los, mach schon, wir gucken auch nicht hin." Lina zwinkerte. Ruben daneben grinste. "Pip du bist ein Feigling und wir alle werden dich dein restliches Leben hier damit aufziehen wenn du zu feige bist", drohte er. Pip zog so tief an seiner Zigarette dass ihm fast schwindelig wurde. Plötzlich stand er auf. Er überlegte dass er auch ganz lässig aus der Tür marschieren könnte aber andererseits konnte er Jakob mittlerweile nicht mehr leiden und irgendwie hoffte er ihn schlagen zu können. Dann musste er auch nicht tanzen. Also ging er auf die beiden zu. Benjina hörte von allein auf zu tanzen. Jakob, der bestimmt zehn Zentimeter kleiner als Pip war drehte sich um. "Dein Platz da", sagte Pip und deutete auf den Tisch. "Was?" "Verpiss dich." "Spinnst du?", fragte Jakob verwirrt. "Was hast du an dem Verpiss dich nicht verstanden? War es das verpiss oder das dich?", fragte Pip und er merkte wie er sauer wurde. "Hey man kann auch höflich fragen", meckerte Jakob und ging. "Höflich fragen? Was ist denn das für einer?", fragte Pip verblüfft. "Hör auf, eigentlich ist er ganz nett", verteidigte Benjina ihn. "Der ist nicht nett", stellte Pip klar. "Tanzen wir jetzt?", fragte Benjina. "Na gut." Pip nahm ihre Hand. "Eigentlich hatte ich gehofft mich einfach mit ihm schlagen zu können und das tanzen so zu umgehen."
"Wollen wir noch los?", fragte Pip als sich alles so langsam auflöste. "Pip es ist halb eins. Wir haben Ausgangssperre", erinnerte sie. "Hallo? War ich jemals schon um zwölf Uhr hier am Wochenende?", er ging Richtung Ausgang. "Ich geh ins Bett Pip!", rief sie. Er drehte sich um. "Komm schon!" "Nein! Ich bin müde!" Pip ging zurück. "Geh auch ins Bett", sagte sie. "Ich bin nicht müde", wehrte er ab. "Morgen ist der letzte Tag, bleib hier. Wir können ja noch ein bisschen fernsehen", schlug sie vor. "Die gucken alle so einen Müll", moserte Pip. "Dann bei euch, ihr habt doch einen. Ich zieh mich aber um." Sie gingen die Treppe hoch. Pip wartete vor ihrem Zimmer. Schließlich gingen sie nach oben. Karsten war nicht da. "Kommt um halb eins was im fernsehen?", fragte sie und stieg in Pips Bett. Sie trug eine Freizeithose und ein enges T-Shirt. "Klar, irgendwas kommt bestimmt", Pip zappte ein bisschen. "Hier guck du", er warf ihr die Fernbedienung zu und stand auf um sich etwas anderes anzuziehen. "Warte komm her", sagte sie als er sein Hemd aushatte. Er kam bereitwillig und setzte sich aufs Bett. "Wow das ist cool", staunte sie. Pip bekam eine Gänsehaut da sie mit ihren Fingern über die tätowierte Haut strich. "Was steht da? Ellos rasgaron sus caras y llamaron: Nuestro sangre somos agua. Hay dios. El mundo es una rodaja. Nosotros erramos." Sie sah ihn fragend an. "Also, sie taten irgendwas und mit irgendwas von ihnen und sie riefen: Unser was auch immer ist Wasser. Es gibt Götter. Die Welt ist irgendwas. Und irgendwas haben wir noch." "Sie zerkratzten ihre Gesichter und riefen: Unser Blut ist Wasser! Es gibt Götter. Die Erde ist eine Scheibe. Wir haben uns geirrt", sagte Pip. "Es ist nicht bewiesen dass es keine Götter gibt", widersprach Benjina. "Glaubst du an Götter?", fragte Pip. "Weiß nicht." Sie zuckte mit den Schultern. "Ich hab was neues von meiner Schwester, aber es ist eigentlich zu lang", erzählte Pip. Benjina sah ihn fragend an. "Hier sitz ich forme Menschen, nach meinem Bilde, ein Geschlecht das mir gleich sei, zu leiden, weinen, genießen und zu freuen sich, und dein nicht zu achten - wie ich." Pip überlegte. "Ist von Goethe, zu lang." "Hm... wie wär's mit... Freiheit ist den Menschen das zu sagen was sie nicht hören wollen?", fragte Benjina. "Das ist so ein 08/15 Spruch", wehrte Pip ab. "Man soll schon drüber nachdenken." "Ob nun der Krug auf den Stein oder der Stein auf den Krug fällt, der dumme ist immer der Krug", sagte Benjina und Pip lachte zumindest. "Jemand dem nie wehgetan wird hat entweder sehr großes Glück oder ist sehr einsam." Pip fühlte sich irgendwie betroffen und Benjina spürte das. "Oder: Hübsche dumme Leute kommen immer irgendwie durchs Leben, machen hübsche dumme Babys die auch überleben." Pip lachte wieder. "Du spinnst echt", sagte er. "Das hab ich alles aus dem Fernsehen. Ich weiß auch noch was sehr schönes, na ja aus einer Serie, aber ich fand es so schön, das ich es mittlerweile auswendig kann", erzählte Benjina. Pip sagte nichts sondern guckte sie an. Sie holte tief Luft. "Es ist doch immer so, selbst wenn man sie kommen sieht ist man vor Überraschungen nicht gefeit. Wir alle wollen, dass unser Leben so bleibt wie es ist, doch es ändert sich. Sind wir also hilflos? Nur Marionetten? Nein. Es gibt immer wieder Wendepunkte, so ist das Leben. Es kommt darauf an, was man daraus macht. In diesen Momenten erkennt man, wer man ist." "Ist zu lang", sagte Pip und guckte sie wieder an. "Ja ich weiß", lenkte sie ein. "Aber schön." "Aber schön", stimmt Pip zu, beugte sich vor und küsste sie. Benjina starrte ihn erschrocken an. Pip sah einfach geradeaus. Er hatte sich das genau überlegt er wartete jetzt einfach was passierte. Es passierte nichts, also musste er sie schließlich wieder angucken. "Alles ok?" "Klar. War was?"
Pip und Benjina saßen beim Frühstück. Sie war total aufgedreht und sabbelte irgendwelchen Blödsinn. "Wo wohnst du?", fragte Pip, bekam jedoch keine Reaktion. "Hey Sabbeltasche hör mir mal zu." Benjina guckte ihn an. "Wo wohnst du überhaupt?" "In Düsseldorf", erklärte sie. "Düsseldorf?", Pip überlegte. "Wieso?" Sie legte ihre Beine hoch indem sie auf Pips Beinen ablegte. "Ich hab nur nachgedacht ob ich vielleicht mal vorbeikomme. Aber von Hamburg nach Düsseldorf ist weit." Benjina nickte. Pip überlegte weiter. Benjina war jetzt ruhig und frühstückte. Lina kam rüber. "Simon ist vermutlich so um drei hier und holt uns ab", erklärte sie und setzte sich erschöpft. "Hast du überhaupt für irgendwen ein Weihnachtsgeschenk?" "Ja, für Angelina. Ein wundervolles Kinderbuch aus dem ich ihr vermutlich drei Stunden vorlesen muss, aber es ist echt klasse", erklärte Pip. Angelina war Martins dreijährige Tochter und sein Patenkind. "Sie hat dir bestimmt auch ein wundervolles Bild gemalt", versicherte Lina ihm. "Ich geh meine Sachen packen. Bis nachher, hilfst du Heiko?" "Nein das ist dein Job", wehrte Pip ab. "Stimmt. Man kann ja froh sein wenn du an alles mitnimmst", seufzte sie und stand auf. "Bist du fertig?", fragte Benjina. Pip nickte. Sie standen auf und gingen nach draußen. "Du hättest mich früher küssen können." "Hätte ich." Pip nickte. "Hätten wir mehr Zeit gehabt", fügte sie hinzu. Pip nickte wieder. "Rufst du mich an?" "Nein. Ich werd mich den ganzen Winter nicht bei dir melden und mir dreißig andere suchen, weil das mit dir ja schon so einfach war", sagte Pip. "Lass das! Ich hab echt Angst. Du trinkst wieder soviel und dann bist du vollkommen unzurechnungsfähig, versprich mir das du nicht soviel trinkst!" Sie stellte sich vor ihn. "Versprochen", er nickte. "Tust du sowieso", murrte sie. Er küsste sie. "Tust du sowieso." Sie lies seine Hand los und ging vor ihm weiter. "Hey kleine!", rief er und sie drehte sich um. "Mach dir keine Sorgen."
Pip saß auf seinem alten Bett. Jeder schlief in seinem alten Zimmer, so auch Pip. Jedoch schlief Heiko auch mit drin, er war ja nie da gewesen. Jakob und Martin hatten sich früher auch ein Zimmer geteilt. Ebenso Simon und Paul. Nur Lina hatte immer ihr Zimmer gehabt. Sie war das Mädchen. Pip beschloss eine rauchen zu gehen und schlich durch das stille Haus. Er war hier ja nicht direkt zuhause gewesen nach seinem zwölften Lebensjahr. Es war schon seltsam wieder in dem Garten zu stehen, so viele gute Erinnerungen waren das nicht. Der Abend war auch nicht allzu toll gewesen. Seine Mutter hatte an ihm rumgemeckert und sie hatten über seinen Vater gemeckert und dann hatten sie über sie beide gemeckert. Pip ging um das Haus herum. Simons alter Wagen stand an der Straße. So weit war es nach Düsseldorf bestimmt nicht. Er könnte einfach hinfahren und dann würden sie schon sehen. Er brauchte Simons Autoschlüssel. Also ging er wieder ins Haus und schlich die Treppe hoch. Simon hatte im Moment keine Freundin. Er war der hässliche. Heiko war der jüngste, Lina das Mädchen, Pip das schwarze Schaf, Paul der Stärkste, Simon der Hässliche, Martin der Nette und Jakob der Langweiler und Vernünftige. Er drückte die Tür auf. Die einzige Gefahr war, dass Paul aufwachte. Er war bei der Bundeswehr, Pip hatte keine Ahnung was wie wo genau aber er vermutete ein Ausbilder oder so. Megafies. Solchen Leuten sollte es verboten werden Kinder zu kriegen. Pip fand die Schlüssel und ging wieder raus und in die Küche um was zu Essen und zu Trinken mitzunehmen. Ihm fiel ein, dass er seine Sachen brauchte und schlich erneut hoch um seinen Rucksack zu holen, wenn Heiko aufwachte war das egal. Der schlief jedoch tief und fest. Das die Handtasche seiner Mutter auf seinem Weg lag war wirklich nicht seine Schuld und er brauchte Geld, wer wusste schon wie voll Simons Tank war. Simon war echt ein Loser. Pip stieg ein und sah sich nach einem Atlas um. Er fand einen und fuhr erst mal los. Natürlich konnte er Auto fahren, er hatte sogar schon Autos geklaut. Man wird nicht ohne Grund zum schwererziehbaren Jugendlichen. Als Pip die ungefähre Richtung hatte fuhr er los. Ihm fiel ein dass er seine Geschenke hätte mitnehmen sollen, aber das war auch egal. Wahrscheinlich war es eh nur Schrott. Höchstens Martins Geschenk könnte cool gewesen sein. Pip holte seine Zigaretten raus. Simon rauchte nicht, der Aschenbecher war blitzsauber, er hatte das Auto geklaut, ob er nun darin rauchte oder nicht war jetzt auch egal.
Pip wartete bis jemand abnahm. Es tutete schon eine ganze Weile. "Torte", sagte jemand. Pip war verwundert. "Ähm hallo, ist Benjina da?", fragte er. "Ja einen Moment." Vermutlich war es der Vater oder so. Einen Augenblick später ging Benjina ran. "Hallo?", fragte sie. "Heißt du Torte mit Nachnamen?", rief Pip entsetzt. "Pip?" "Du solltest mich auf schnellstem Wege heiraten, haben die dich früher nicht gehänselt?" "Sehr witzig." "Sag mir mal deine Adresse", bat er. "Wieso?" "Ich will dir einen Brief schreiben", sagte er. "Kannst du denn schreiben?", zweifelte Benjina. "Lustig. Los sag sie mir", forderte Pip und betrachtete Simons Wagen. Er stand in einer Telefonzelle irgendwo in diesem Düsseldorf wo er noch nie gewesen war. "Warum!", rief Benjina. "Mann ich will bei dir einbrechen und alles klauen! Jetzt sag schon!" "Kranzienweg 9", sagte sie schließlich. "Vielen Dank, bis dann." Pip legte auf und setzte sich wieder ins Auto. Düsseldorf war ziemlich groß, da machte es nicht so viel Spaß eine Straße zu suchen. Also ging er wieder in die Telefonzelle. "Torte?" Diesmal war es Benjina und Pip musste furchtbar loslachen. "Oh Gott. Sag mir mal bitte ungefähr wo der Kranzienweg ist", bat er. Sie seufzte. "Wo bist du Pip?" "In einer Telefonzelle. Neben mir ist ein ganz großes Haus. Da steht... Telekom", erklärte er. Benjina sagte ihm den Weg und Pip verglich das mit seiner Karte, falls er es vergaß. Zehn Minuten später stand er vor dem Haus und stieg ein. Es dauerte weitere zehn Minuten bis er sich davon erholt hatte, dass auf dem Namensschild Torte stand. Benjina öffnete. "Na Torte", grüßte Pip. "Haha, du wie heißt du? Yellow?" "Ich bin stolz ein Tumber zu sein", erklärte er und kam rein. "Frohe Weihnachten." "Frohe Weihnachten." Sie küssten sich. "Wie bist du hier?" "Ich hab das Auto von meinem Bruder geklaut", erklärte Pip und zog seine alten Schuhe aus. "Oh Pip! Du darfst doch... Hey Papa das ist Pip." Sie grinste.
"Hey ho and up she rises early in the morning!", Pip fiel aus dem Bett. Verdammt. Sie hatten ihn gefunden. Benjina starrte sie erschrocken an. "Hi", grüßte Paul. "Benjina das ist Paul", brummte Pip und stand auf. "Wie habt ihr das gefunden?" "Wir haben Karsten gedroht die Polizei auf dich zu hetzen. Zieh dich an." Paul ging raus. Pip zog sich mutwillig an. Benjina sah ihn verängstigt an. "Keine Sorge kleine. Ich hab echt schon schlimmeres gebracht. Der Wagen ist ja ok", beruhigte er sie. "Fährst du jetzt?", fragte sie. Pip überlegte. Benjina hatte sich so gefreut als ihr Vater zustimmte das Pip hier blieb. "Mal sehen." Pip ging raus. Martin und Simon waren auch da. Martin stand entspannt da und rauchte während Simon um sein Auto herumlief. "Wo sind die Schlüssel!", rief er aufgeregt. Pip warf sie ihm zu. "Alles okay", versicherte Pip ihm. Paul schlug ihm gegen den Hinterkopf. "Du hast sie nicht mehr alle", schimpfte er. "Hättest in Knast kommen können wenn sie dich erwischt hätten." "Ham sie aber nicht", widersprach Pip. "Alles ok Simon?", fragte Martin den so was nicht aufregte. Er blieb immer eher ruhig. Jakob hielt sich aus solchen Sachen raus. "Ja ich glaub schon", sagte Simon. Pip wartete geduldig. "Dann hol deine Sachen", forderte Paul. "Wieso? Ihr habt doch den Wagen", wehrte Pip ab. "Und was ist mit Moms Geld!?", rief er. "Das gebe ich ihr wieder. Das meiste hab ich noch", Pip holte es aus seiner Hosentasche. Paul zählte es sofort nach und sah dann zu Martin der mit den Schultern zuckte. "Mom ist es doch sowieso lieber wenn ich weg bin. Es geht die ganze Zeit nur darum wie scheiße ich bin und wie scheiße Dad war und das ich genauso wie er bin und wie scheiße wir doch beide sind und das ich eigentlich nur nerve, seit doch froh wenn ich weg bin." "Pip... wir finden dich nicht scheiße", fing Paul an. Martin kam, winkte ihn mit einer kleinen Handbewegung ab und ging mit Pip zu der Gartenmauer des Nachbarn. "Pippi das Ding ist nun mal. Du bist unser kleiner Bruder. Wir sind für dich verantwortlich. Eigentlich mögen wir dich auch, du kannst sehr nett sein und du kennst super Tricks und lustige Geschichten und ich sehe ja wie du mit meiner Kleinen umgehst und anscheinend hast du jetzt sogar eine Freundin. Das ist alles prima. Ich find dich so eigentlich klasse. Aber du baust am laufenden Stück Scheiße. Deine Noten sind nicht grade umwerfend und der Rektor möchte mit Mom Anfang des Schuljahres reden. Ich werd das machen und ich werd mir das anhören was er sagt und dann erwarte ich ein bisschen was von dir. Wir machen uns nur Sorgen um dich Kleiner. Ich hoffe ja, dass sie ein bisschen auf dich einwirkt. Ich weiß ja nicht, wie sie so drauf ist. Du machst uns nur Ärger und irgendwann nervt es wirklich", erklärte Martin. Pip runzelte die Stirn. "Ich glaube nicht das Mom mich irgendwie sympathisch findet", zweifelte Pip. "Mom? Mom ist eine verbitterte alte Hexe die niemanden sympathisch findet außer Jakob und Simon. Ich mag sie auch nicht, sie war nie eine besonders gute Mom und Heiko ist sie gar keine Mutter mehr obwohl er erst zwölf ist. Sie lässt uns das übernehmen, wir müssen jetzt eure Eltern sein, das ist unverantwortlich. Heiko wird auch mit zu Jakob gehen und Lina möchte nach den Feiertagen auch zu ihrem Freund fahren. Niemand ist gerne in Moms Nähe." Martin seufzte. "Streng dich ein bisschen an Pip. Weißt du was du machen willst?" "Nein. Na ja ich dachte mir... irgendwas mit Menschen." Pip zuckte mit den Schultern. "Vielleicht Arzt oder so." "Dafür musst du studieren Pip", bemerkte Martin. "Dann Krankenpfleger. Ich glaube das fände ich ganz cool. Ich hab ja noch Zeit. Vielleicht studier ich ja auch. Dann werd ich so ein Loser wie Jakob." Martin lachte. "Genieß die Ferien Pip und lass bloß nichts von dir hören."



Eingereicht am 27. Januar 2005.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.

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