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Verrückt nach dir

Rosita Hoppe


Wütend knallte Susanne den Hörer auf die Gabel. "Du Scheusal!", fluchte sie vor sich hin. "Das werde ich dir nie verzeihen. Wie kannst du mir das antun?"
Gerade hatte Susannes Mann Tom angerufen. Er würde heute später nach Hause kommen. Es sei noch ein Geschäftsessen angesetzt und die Ehepartner waren mit eingeladen. Sie solle sich etwas Nettes anziehen. Irgendwelche Geschäftspartner aus Frankfurt sollten ausgeführt werden. Das war zwar nichts Ungewöhnliches, aber doch nicht ausgerechnet heute!
Tom hatte ihren Hochzeitstag vergessen. Heute vor zwanzig Jahren hatten sie geheiratet. Tränen standen in Susannes Augen. Sie war sich ganz sicher. Tom liebte sie nicht mehr. Wie hätte er sonst "ihren" Tag vergessen können. Auch heute Morgen beim Frühstück hatte er nichts gesagt. Er war die ganze Zeit so abwesend gewesen. Daraufhin hatte Susanne auch geschwiegen. Sie wollte bis zum Abend warten. Als Überraschung hatte sie zwei Karten für ein Oldie-Konzert besorgt, das in einer Woche hier in der Nähe stattfand. Tom liebte Oldies. Bisher waren sie jedes Jahr in ein nettes Restaurant zum Essen gegangen, dann ins Theater oder ins Kino und anschließend hatten sie eine romantische Nacht verbracht.
"Soll er doch zum Teufel gehen mit seinen dämlichen Geschäftspartnern!", schnaubte Susanne. Sie glaubte zu Hause zu ersticken, rannte umher wie ein Tiger in seinem Käfig. Dann fiel ihr ein, dass sie schon lange wieder einmal joggen wollte. Ja, ein bisschen körperliche Anstrengung und frische Luft würden ihr sicher gut tun. Sie zog sich um und lief los. Auf der Straße stoppte sie kurz und überlegte, welchen Weg sie einschlagen sollte. Kurzerhand entschied sich Susanne durch den nahe gelegenen Wald zu laufen. Jetzt im Sommer war es im Schatten der Bäume am angenehmsten.
Eine ganze Weile schimpfte Susanne leise vor sich hin. Wut und Trauer wechselten sich ab. Sie war schon eine halbe Stunde unterwegs, als sie an einen kleinen Badesee am Rand des Waldes kam. Unbewusst hatte sie den Weg dorthin eingeschlagen. Als sie das jetzt bemerkte, standen ihr wieder die Tränen in den Augen.
Hier am See hatten Tom und sie sich kennen gelernt. Oft waren sie zum Schwimmen hergekommen. Abends nach der Arbeit, manchmal erst wenn es schon dunkel wurde. Romantische Abende waren das - hier hatten sie sich ewige Liebe geschworen.
Susanne setzte sich ans Ufer und wischte sich die Tränen aus den Augen. Sie überlegte, was sie tun sollte. Es Tom gleich heimzahlen, indem sie nicht mit zum Essen ging, oder die liebevolle Ehefrau spielen und ihn ihre Wut später spüren lassen.
Während sie nachdachte, erregten einige Leute am gegenüberliegenden Ufer ihre Aufmerksamkeit. Genau dort, wo die Liegewiese war, bauten drei Männer einen Pavillon auf und stellten Tisch und Stühle darunter.
"Da macht wohl jemand eine Party", dachte Susanne. "Na ja, dann geh ich halt heute Abend auch auf eine Party. Ein Geschäftsessen, wie lustig." Sie rappelte sich auf und machte sich auf den Heimweg.
Zu Hause ging sie gleich unter die Dusche. Tom war noch nicht da. "Na, auch gut", sagte sich Susanne, "dann kann ich mich erst einmal restaurieren." Sie war gerade fertig, als Tom nach Hause kam. "'n Abend, Liebling." Er gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. "Ich gehe noch schnell duschen, dann fahren wir."
"Dein Liebling kannst du dir an den Hut stecken!" maulte Susanne, als Tom im Bad verschwunden war.
Zwanzig Minuten später fuhren sie los. Susanne sprach nur das Nötigste mit Tom, sollte er doch merken, wie enttäuscht sie war.
"Hey, Tom, wo fährst du denn hin?" Susanne schreckte hoch, als Tom die Kreisstraße verließ und in einen Feldweg einbog. Dann sah sie, dass es der Weg zum Badesee war. Tom hielt an und grinste: "Komm aussteigen, wir sind da."
"Du machst wohl Witze, hier ein Essen mit deinen Geschäftspartnern?"
Tom antwortete nicht. Er lächelte geheimnisvoll, nahm ihre Hand und zog sie aus dem Auto. "Manchmal ist sie wirklich begriffsstutzig", ging ihm durch den Kopf.
Susanne dachte an die Leute, die heute Nachmittag am See etwas aufgebaut hatten. Da würden sie doch sicherlich stören.
Tom legte den Arm um seine Frau und führte sie um die Baumgruppe, die den Blick auf den See und die Liegewiese versperrte. Plötzlich blieb Susanne wie angewurzelt stehen. Auf der ganzen Wiese brannten Fackeln, in der Mitte stand der Pavillon mit einem Tisch und zwei Stühlen darunter. Der Tisch war gedeckt wie im feinsten Restaurant. Mit langer weißer Tischdecke, bestem Porzellan, Weingläsern, einem silbernen Leuchter mit fünf brennenden Kerzen und einem Strauß roter Rosen.
"Tom....", Susanne war sprachlos.
"Alles Gute zum Hochzeitstag", flüsterte Tom ihr ins Ohr.
"Das glaub' ich einfach nicht...". Susanne ging langsam, mit leuchtenden Augen näher. Da erst entdeckte sie das Schild, das vom Himmel des Pavillons herabhing. "Ich liebe dich auf ewig" stand darauf. Susanne sah Tom an. "Ich liebe dich auch auf ewig. - Und ich dachte, du hast unseren Hochzeitstag vergessen."
"Den würde ich nie vergessen." Tom sah Susanne tief in die Augen und küsste sie leidenschaftlich. Dann schob er sie zum Tisch. "Lass uns erst einmal etwas essen."
In dem Moment kam ein Mann in schwarzem Anzug, mit Fliege zum Vorschein. Susanne hatte ihn zuvor nicht bemerkt. Jetzt sah sie auch, dass etwas entfernt eine Tafel mit vielen Schalen und Töpfen aufgebaut war Der Ober schenkte ihnen beiden Wein ein und servierte dann die Vorspeise, geeiste Melone mit Schinken. Danach gab es Schweinefilet mit Champignons in Sahnesauce. Dazu Spätzle und einen Salat. Zum Nachtisch Eis mit heißen Himbeeren und Sahne.
"Du bist verrückt." Susanne strahlte ihren Tom an.
"Ja, das bin ich. Verrückt nach dir."
Sie küssten sich über den Tisch hinweg.
Nach dem Essen zog Tom Susanne vom Stuhl und verkündete, mit ihr einen kleinen Spaziergang machen zu wollen. Arm in Arm schlenderten sie am See entlang. Nach einer Weile blieb Tom stehen und zog ein kleines Päckchen aus seiner Jackentasche. "Ich habe noch etwas für dich", meinte er und öffnete die Schachtel. Zum Vorschein kam ein goldener Ring mit einem kleinen Diamanten.
"Oh, Tom, ich weiß gar nicht was ich sagen soll." Susanne strahlte ihn an.
"Dann sag gar nichts und steck ihn dir einfach an."
Susanne war überwältigt und fiel Tom um den Hals. "Danke, danke, ich liebe dich." Dann fiel ihr etwas ein. "Dein Geschenk habe ich zu Hause gelassen."
"Das macht nichts, deine strahlenden Augen sind für mich das schönste Geschenk."
Sie hielten sich fest umschlungen. Langsam gingen sie zurück.
Der Tisch war inzwischen abgeräumt, jetzt standen ein Sektkübel mit einer Flasche gekühltem Champagner und zwei Gläser auf dem Tisch. Tom schenkte ein und gab Susanne ein Glas. "Du bist das größte Glück für mich, mein Schatz."
Susanne küsste Tom. "Ist der Ober noch in der Nähe?"
"Nein, der ist inzwischen abgefahren."
Susanne kicherte. "Dann hätte ich noch einen Wunsch."
"Und der wäre?"
Langsam fing Susanne an sich auszuziehen. Tom staunte nicht schlecht.
"Ich will mit dir schwimmen gehen."
"Jetzt?"
"Ja, jetzt und hier, - nackt. Und dann werde ich dich vernaschen. Auch jetzt und hier."
Tom nahm Susanne in die Arme und küsste sie hingebungsvoll. "Ist das ein Versprechen?"
Susanne nickte nur und fühlte sich wie im siebten Himmel.



Eingereicht am 15. Dezember 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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