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Neue Liebe, alte Freunde

Von Sandra Fasching


Samstagnacht heißt für Bernd, Ralf und Kurt Männerabend. Durchzechen, ein paar Bierchen reinziehen, Unsinn quatschen und dann als krönenden Abschluss noch eine Billardpartie, bei der der Verlierer eine Runde zahlt. Müde sein ist nicht erlaubt für hart gesottene Männer wie sie es sind. Wer da vor fünf Uhr morgens heim will, muss mit dem Ruf als Warmduscher klar kommen.
Die drei Musketiere unterhalten sich über die neuesten Modelle ihrer Lieblingsautos, diskutieren über Politik und verteufeln deren Vertreter, schimpfen über die Arbeitskollegen und Chefs und ziehen den Nachbarn von Kurt durch den Kakao, der immer einparkt wie eine Frau. Dann und wann fällt eine anzügliche Bemerkung über das großzügige Dekolleté der Kellnerin. Die derben Witze und plumpen Anmachen nimmt die Gute nicht mehr ernst.
Kurt schämt sich manchmal seiner Freunde wegen, besonders für Bernd. Seine derben Witze aus der unteren Schublade erzählt er ohne zu ermüden immer wieder, seine stämmige Statur gleicht der eines Zementsackes, ebenso sein Niveau. Ralf dagegen war eher der Eiskalte mit Pokerface. Gefühle hält er streng unter Verschluss. Seine Frau leidet fürchterlich darunter und die Kinder nähern sich ihm nur ungern. Bernd ist Single, schon seit Jahren. Kurt wundert das nicht.
Stundenlang besetzen sie drei Barhocker, wo sie den besten Überblick haben und "Frischfleisch", wie Bernd alles Weibliche nennt, beobachten können. Musik, überwiegend Hardrockiges gemischt mit den aktuellen Hits aus den Charts, dröhnt viel zu laut aus den Boxen, sodass eine Unterhaltung schwer zustande kommt.
Die Zeit verrinnt, die Anzahl der Biere steigt, Kurt brennt etwas auf der Zunge, das er gerne seinen Freunden erzählen möchte. "Ihr glaubt nicht, was …" wollte er schon loslegen, als Bernd einer gerade angekommenen Blondine wohlwollend hinterher pfeift und sich dabei den Hals verrenkt.
Kurt startet einen zweiten Versuch. "Soll ich euch was Schönes erzählen?" sagt er und wirft seine Zweifel über Bord. Schließlich sind sie schon seit der Sandkastenzeit Freunde und sollten es wissen, wenn er sich wie im 7. Himmel fühlte, ja, und sich gefälligst mit ihm freuen. "Fräulein, ein Bier bitte, aber flott", kommt von Bernd. Ralf verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. Mit Bernd fällt man auf, aber nicht gerade auf angenehme Weise.
Ein drittes Mal setzt Kurt an, um den beiden von Clarissa zu erzählen, dem zauberhaftesten Wesen, dem er seit langem begegnet ist. Der Gedanke an ihren betörenden Duft nach Honig und ihre großen blauen Augen mit den schönen langen Wimpern lassen ihn kurz, und für die beiden unmerklich, erschaudern. "Was tue ich eigentlich hier? Nicht einmal zu Wort lassen sie mich kommen", grübelt der frisch Verliebte.
Kurt holt noch einmal tief Luft und setzt diesmal lauter an: "Jungs, ich hab tolle Neuigkeiten!" Kurt hat sich nun doch Gehör verschafft und wartet ab. "Oha, hast im Lotto gewonnen oder was?", übertönt Bernd die Musik. "So, was kann das denn Aufregendes sein in deinem tristen Leben, hm?", meint Ralf, der Kühle. Freudestrahlend, sodass man das Kribbeln im Bauch, das Kurt durchfuhr bei dem Gedanken an Clarissa, fast spüren konnte, erklärte er: "Ich habe ein Zauberwesen kennen gelernt. Vorige Woche habe ich euch doch erzählt, dass ich ein Rendezvous mit einer Chatterin habe. Wisst ihr noch?" "Nö, hab ich nicht mitgekriegt" kontert Bernd. Wieder verdrehte der abgebrühte Ralf die Augen und denkt dabei an die zahlreichen Dates, die er schon mit internetten Damen hatte. Seine Frau hasst es nicht umsonst, wenn er stundenlang vor dem Computer hängt und dann plötzlich noch ins Büro muss.
Kurts Enthusiasmus sank minütlich, dennoch wollte er über Clarissa reden. Sie war ihm so nahe, ein neuer Impuls in seinem Leben und er würde platzen, müsste er für sich behalten, was er fühlt. "Also wir trafen uns und es traf uns wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Irgendwie wusste ich sofort, dass es meine Frau ist. Wenn ihr nur ihre Stimme hören könntet… wegschmelzen würdet ihr. Sie heißt Clarissa und lächelt, dass einem Hören und Sehen vergeht. Es ist wie wenn alle Fasern meines Körpers JA zu dieser Frau sagen würden…" schwärmt Kurt.
Verständnislos sehen seine Freunde Kurt an. Bernd ruft erneut nach der Bedienung und beharrt auf seinem Bier, sichtlich überfordert von Kurts Gefühlsausbruch. Ralf überlegt wie er Kurt von Wolke 7 herunterholen könnte, denn Schiffbrüche dieser Art will er ihm ersparen. "Jetzt krieg dich wieder ein, Alter, kennst sie ja noch gar nicht. Was weißt du denn schon von ihr?", meint er.
"Nein, so eine ist sie nicht. Wir haben uns ja schon einige Male getroffen. Es hat einfach Funken gesprüht zwischen uns. Clarissa sieht das genauso. Sie hat Witz, Charme und Esprit. Wir können stundenlang über Gott und die Welt plaudern und uns amüsieren über die kleinen Peinlichkeiten des Lebens. Wenn sie erzählt, dann mit einer Hingabe, dass einem ganz warm ums Herz wird. Wenn sie verlegen ist, spielt sie so süß mit ihren langen Haaren und errötet noch richtig. Wie ein Teenager. Morgen treffen wir uns wieder, zum gemeinsamen Frühstück. Ich kann es kaum erwarten, zähle die Stunden und überlege schon, welche Blume ich ihr auf den Frühstückstisch lege." "Warst du schon in der Kiste mir ihr?", wirft Bernd ein, damit er auch seinen Kommentar dazu beiträgt, dreht sich um und schreit: "Hey, wo bleibt mein Bier?"
Kurt atmet ein paar Mal tief durch, überlegt kurz, fasst in die Hosentasche, zieht ein paar Scheine heraus und knallt sie auf den Tisch. Dann steht er wortlos auf, wirft den Mantel über, den er über den Barhocker gehängt hatte und verlässt die jahrelange Stammkneipe und mit dem Einschnappen der Eingangstür zugleich auch seine Freunde - für immer.



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Eingereicht am 26. August 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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