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Und nichts war wie es schien (2. Teil) - Karl -

Von Anja Posner


Er hätte gar nicht benennen können, was eigentlich in ihm vorging. In den vergangenen Monaten war er eitel geworden, dachte viel über verpasste Möglichkeiten nach, und er hatte einen Jahresvertrag in einem Fitnessstudio unterschrieben. Seine Frau hielt das, was ihn umtrieb, für eine Midlife-Krise, er hielt seine Frau für ignorant. Durch ihren Verdacht, es könnte sich bei ihm um etwas so Profanes wie eine Krise handeln, wurde das, was er fühlte, unbedeutend, und das machte ihn wütend.
Karl war in seinen besten Jahren. Seine graumelierten Schläfen passten bestens zu seinen maßgeschneiderten Anzügen und die Mimikfältchen umspielten seinen schönen Mund in attraktiver Weise. Seit es ihm wichtig geworden war, dass ihn die Frauen ansahen, sie hatten ihn immer angesehen, doch er hatte dem keine Beachtung geschenkt, hatte er begonnen, manchmal ein bisschen zu flirten. Es machte ihm Spaß, und manchmal bewirkte sein neues Ich ein regelrechtes Kribbeln in Karls ganzem Körper, trotzdem empfand er Leere in sich, und zwar an der Stelle, an der sich früher die einzelnen Module seines Lebens zu etwas verlässlich Guten zusammengefügt hatten. Jetzt war da ein schwarzes Loch, und Karl war abwechselnd gelangweilt, gleichgültig, dann wieder voller Tatendrang. Gerade neulich hatte er sich eine Mitgliedschaft bei Green Peace gekauft, und nun träumte er davon, ein Aktivist zu werden, zumindest morgens, auf dem Weg ins Büro, in seinem Jeep mit dem viel zu großen Motor. Dann phantasierte sich Karl hinein in das Leben eines Abenteurers und wachte erst wieder auf, wenn sie hinter ihm, an der inzwischen grünen Ampel zu hupen begonnen hatten.
In der Kanzlei kannte man Karl als integer, erwachsen und souverän. Alle dachten das von ihm, auch der Mann vom Zeitungsladen, der Tankstellenpächter, sein Zahnarzt, und sogar Karls Frau dachte das, auch wenn sie um Karls innere Zerrissenheit wusste. Schließlich kannte sie ihn auch anders. Nicht zerrissen. In Wirklichkeit gab es in Karls Leben nichts mehr, dessen er sich sicher war. Nur noch das war sicher. Ansonsten gab es Sehnsucht und Verwirrung, Aufbruchstimmung und der tiefe Wunsch nach innerem Frieden, der nicht mehr trügerisch sein sollte.
"Vielleicht solltest du mal für ein paar Wochen allein verreisen", hatte seine Frau ihm vorgeschlagen, als er von Woche zu Woche trübsinniger zu werden schien. Zunächst fand er den Vorschlag gut, wälzte Prospekte und schmiedete Pläne. Doch dann wurde ihm klar, dass er auch sich selbst mit in den Urlaub würde nehmen müssen und da verging ihm die Lust. Auf der Suche nach einer großen Tat, die er meinte, vollbringen zu müssen, um sich endlich wieder gut zu fühlen, belegte Karl einen Tauchkurs, verpasste sich selbst verschiedene Intimrasuren und begann, mit Bussen und Bahnen in die Kanzlei zu fahren. Er fühle sich lebendiger, wenn er die öffentlichen Verkehrsmittel nutze. So erklärte er es seiner Frau, die es nicht verstand, so vieles nicht mehr verstand. Dabei hatten sich die beiden wirklich immer gut verstanden. Achtzehn Jahre waren sie inzwischen verheiratet und waren die besten Kameraden, die sie sein konnten. Erotik gab es allerdings kaum noch zwischen ihnen, nur noch ganz selten, und dann war es ihnen hinterher immer irgendwie peinlich. Es war schwer zu erklären.
An einem Dienstag dann, lernte Karl im Bus eine Frau kennen. Er lernte sie nicht wirklich kennen, eher war es an jenem Dienstag, als sie sich das erste Mal begegneten, er ihr einen Weg auf dem Plan erklärte und sie ihm so gut gefiel, dass sie ihm nicht mehr aus dem Sinn ging. Umso mehr freute er sich, als sie sich noch einmal und noch einmal trafen und sie ihm sagte, dass dies kein Zufall mehr sein könne und er sie darauf hin in eine Bar einlud und sie Wein tranken.
Ihr Name war Lene und von Lene ging eine solche Faszination aus, dass er spätestens seit dem Abend beim Wein nur noch an sie denken konnte. Er fühlte sich betört, ein wenig wie beschwipst, so lebendig wie nie zuvor, so schien es ihm, und er hatte Mühe, in seinem Herzen nach Reue zu suchen. Reue, die er nahezu nicht empfand, obwohl er seine Frau bereits hinterging, auch wenn er Lene, zumindest körperlich, nicht einmal nahe gekommen war.
Vorbei war die Zeit des sinnentleerten Dahinlebens. Karl spürte wieder, dass er lebte. Sein Körper wollte berührt werden und berühren und dabei schlug sein Herz stündlich Purzelbäume.
Als Lene Karl gestand, sie sei verheiratet, machte ihm das nicht einmal etwas aus. Erst wunderte er sich, dass es ihn nicht störte, dann erklärte er es sich so, dass er ja selbst auch verheiratet war und dies seiner Euphorie auch keinen Abbruch tat. Warum sollte er sich also daran stören, dass auch Lene in anderen festen Händen war? Hätte Karl länger darüber nachgedacht, dann wäre er vielleicht dahinter gekommen, dass es ihm gleichgültig war, weil es ihm in der Sache mit Lene nur um ihn selbst ging. Dann wäre ihm aufgefallen, dass er die ganze Zeit nur an sich dachte. Er fühlte sich lebendig, er begehrte sie, er würde sich, wenn er nicht aufpasste, in sie verlieben. Er, er, er. Hätte Lene gewusst, wie sehr Karl an sich und wie wenig er nur an sie dachte, dann hätte sie ihn nicht so gemocht, wie sie es offensichtlich tat. Denn sie verabredete sich immer wieder mit Karl, der Lene sehr verwöhnte und immer ein bisschen Angst hatte, von irgendwem ertappt zu werden bei etwas, das bis dahin faktisch noch kein Ehebruch war. Apropos Ehe, Karl erzählte Lene nicht, dass er verheiratet war. Er spürte, dass ihr seine Antwort sehr wichtig war. Als sie ihn danach fragte, bekam Karl eine solche Angst, er könnte Lene wieder verlieren, dass er sich entschied, zu lügen. In diesem Moment war ihm erst heiß geworden, dann wieder kalt. Er war sicher, dass sie die Lüge bemerkt hatte, doch so war es natürlich nicht. Sie glaubte Karl, weil sie ihm glauben wollte. Karl wiederum zahlte den Preis einer durchwachten Nacht, neben seiner Frau, deren Existenz er verschwiegen hatte. In dieser Nacht meldete sich Karls Gewissen, und zwar mit Macht, doch er steckte schon zu tief drin, als dass er wirklich raus gewollt hätte. Und das mit dem schlechten Gewissen gab sich im Laufe der Zeit, weil es das immer tut.
Bei der nächsten Verabredung mit Lene mietete Karl ein Hotelzimmer. Er hatte großes Lampenfieber, denn er hatte so viele Jahre nur seine Frau berührt und er hätte es gern so beibehalten. Nur er und seine Frau, nur sie beide. Andererseits. Lene war so süß und sexy, ihr Mund war der sündigste, den Karl je gesehen hatte. Er wünschte sich nichts mehr, als sie endlich anzufassen. Er wollte mit ihr verschmelzen, und als sie endlich ineinander verschmolzen, war es so unglaublich gut, noch so viel besser, als er es sich ausgemalt hatte, in den folgenden Wochen war er bereit, Haus und Hof dafür zu verraten. Vielleicht nicht für Lene, aber für das, was sie miteinander anstellten in den verschiedensten Hotelzimmern, dafür hätte Karl eine Menge verraten. Er dachte rund um die Uhr an sie, und wenn er sie länger als ein paar Tage nicht sah, wurde seine Sehnsucht so groß, dass es ihn schmerzte. In dieser Zeit beneidete er Lenes Mann manchmal sehr.
Kurz vor Weihnachten dann, hatte Karl das Gefühl, eine Entscheidung treffen zu müssen. Zuhause ließ er sich nichts anmerken, doch er schmiedete Pläne für eine Flucht, nicht wirklich weg von seiner Frau, nicht wirklich hin zu Lene. Er war eher Fluchtpläne, weg von der Tristesse, hin zum Leben. Er hatte keine Ahnung, wie er es anstellen sollte, aber ihm war klar geworden, dass sich etwas an diesem Dreiecksverhältnis ändern musste.
Karl hatte sich in einen echten Schlamassel hinein manövriert. Und spätestens, wenn man an diesen Schlamassel denkt, kauft man ihm die Unbedarftheit ab. Ein gewohnheitsmäßiger Fremdgänger hätte die Sache mit so viel mehr Weitblick eingefädelt, dass er nicht so schnell in die Gefahr geraten wäre, aufzufliegen. Karl hatte diese Angst täglich. Durchaus berechtigt und in fast jeder Stunde seines Tages.
Als Silvester anstand, war das mit Lene schon ganz schön voran geschritten und Karl war kurz davor, sich die Haare zu raufen, so ratlos war er, wie sein Leben weitergehen sollte. Einerseits mochte er seine Frau keinesfalls verlieren, denn es wäre das größte Problem gewesen, ihre Freundschaft zu ersetzen. Andererseits befürchtete er, ohne Lenes Lebendigkeit morgens nicht mehr aufstehen zu wollen. Bevor er ihr begegnet war, hatte er an manchen Tagen allein schon das Atmen für eine Herausforderung gehalten. Das mit dem Atmen klappte inzwischen wieder, ohne dass sich Karl dazu durchringen musste. Dass er Lene so wenig greifbar fand, so unverbindlich und manchmal auch ein wenig dröge, das konnte er ignorieren, denn sie hatten ja diese großartige Körperlichkeit miteinander und er hatte seine Frau. Das Einzige, das daran wirklich schwierig war, war der Umstand, dass Lene und seine Frau nichts voneinander wussten und diese Dreierbeziehung ohne das Einverständnis der beiden Frauen so nicht mehr lange gut gehen konnte.
Dann schlug Lene auch noch ein gemeinsames Treffen in der Silvesternacht vor. Eigentlich hatte er sie fragen wollen, wie sie es sich vorstellte, von ihrem Mann davonzuschleichen, doch er war abgelenkt durch den Gedanken, wie er seiner Frau sein Fortgehen erklären sollte, und er vergaß zu fragen.
Am letzten Abend des Jahres gingen Karl und seine Frau mit Freunden ins Theater und begrüßten dann das neue Jahr in einem kleinen Restaurant in der Nähe. Mittlerweile war es eins und Karl hatte den Abend über hin und her überlegt, wie er das Restaurant verlassen konnte, ohne guten Grund, um dann mindestens eine Stunde weg zu sein. So lange würde es mindestens dauern, zum verabredeten Platz zu laufen, denn ein Taxi hätte sich nicht gelohnt, und wer weiß, ob überhaupt eines zu bekommen war um diese Zeit, und dann Lene zu erklären, dass er es nicht tun konnte. Er konnte seine Frau nicht verlassen. Er hatte so lange darüber nachgedacht, worauf er am ehesten würde verzichten können. War er bereit, Lenes Sexappeal gegen die Zugeknöpftheit seiner Frau einzutauschen? Jederzeit hätte er das gern getan, aber es hätte auch bedeutet, seine beste Freundin zu verlieren für einen Menschen, den er eigentlich kaum kannte. Erst war Karl nur ratlos gewesen. Doch als die Ratlosigkeit nicht aufhörte, die Verwirrung hinzu kam und sich diese Gefühle auch noch mit Verzweiflung mischten, da hatte sie Karl betrunken während der Weihnachtstage, mehrfach und nachhaltig, was ihm wiederum nicht mehr einbrachte als Katerstimmung und noch mehr Verzweiflung, Verwirrung und Ratlosigkeit.
Und dann, in einem Moment an diesem Silvesterabend, da hatte Karl mit seiner Frau getanzt. Sie hatte ihm den Nacken gestreichelt und sie hatten gemeinsam über einen Scherz gelacht, den jemand gemacht hatte. Es war ein Augenblick, ein Wimpernschlag und Karl wusste, dass er seine Frau um nichts in der Welt verlieren wollte. Es war ihm plötzlich klar geworden, in einem Moment, in dem er mal nicht an seine Zerrissenheit dachte.
Als Karl an die Garderobe ging, um seinen Mantel zu holen, war es kurz nach halb zwei. Zwei Uhr hatte er mit Lene verabredet. Lene. Er musste sie nur noch dieses eine Mal treffen und ihr sagen, dass er verheiratet war und er seine Frau unter keinen Umständen aufgeben wolle. Während er das dachte, während er seinen Mantel vom Haken nahm, er noch einmal nachdachte, ob seine Frau ihm den Spaziergang glaubte ohne Hintergedanken, während dieser Sekunden bekam Karl Angst. Er bekam Angst, Lene das alles sagen zu müssen, Angst, seine Frau würde doch noch dahinter kommen, Angst, er könnte schwach werden, wenn er Lene sehen würde, in ihrem hübschen Wintermantel und der bunten Wollmütze. Sie hatte so süße Grübchen, wenn sie lächelte, und ihre Nase war immer ganz rot, wenn sie aus der Kälte kam. Lene und er waren nicht oft zusammen draußen gewesen. Er war so gern mit ihr allein, und außerdem hatte er immer Angst, irgendjemand könnte sie zusammen sehen. Deshalb. Sein Mantel unter den Arm geklemmt, verließ Karl das Restaurant. Draußen schneite es. Seit dem frühen Abend nun schon. Über der Stadt lag eine geschlossene Schneedecke. Ein bisschen wehmütig war ihm zumute, und ein wenig vermisste er Lene und ihre Leichtigkeit jetzt schon. Aber er war auch erleichtert bei dem Gedanken, dem Versteckspiel nun ein Ende zu bereiten. Er wollte ihr sagen, dass auch er verheiratet war. Sie würde es verstehen, denn durch ihre Begegnung hatten sich Lenes Lebensumstände ja in gleicher Weise verkompliziert. Ganz sicher würde sie es verstehen.
Karl erklärte es Lene nicht an diesem Abend. Er erklärte es ihr nie. Er blieb es ihr einfach schuldig, und er lebte prima damit, denn ein paar Tage später war es ihm bereits gelungen, zu verdrängen, dass er gar nicht zu seiner Verabredung erschienen war. Wie ein kleiner Junge hatte er an der Ecke gestanden und sie beobachtet. Je länger er dort stand, desto unmöglicher wurde es ihm, zu ihr zu gehen und mit ihr zu reden. Vielleicht zwanzig Minuten stand er dort, wie erstarrt, unfähig, etwas zu tun. Er sah einfach nur zu ihr und duckte sich weg, wann immer sie in seine Richtung blickte. Dann ging er. Zurück ins Restaurant, zurück zu seiner Frau. Zurück in sein Leben.
Karl und seine Frau tanzten noch lange in jener Nacht. In den Morgenstunden liefen sie durch die verschneiten Straßen heim, wo sie ineinander verwoben einschliefen und erst wieder erwachten, als die Sonne schon wieder unterging.
Vielleicht hätte man Lene wissen lassen sollen, wie armselig Karl ausgesehen hatte, in der Silvesternacht, hinter der Ecke stehend, ratlos und frierend. Vielleicht hätte man ihr damit etwas von ihrer Traurigkeit ersparen können. Denn wer hat schon Grund zur Traurigkeit, wenn jemand geht, der einen nicht meinte?



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Eingereicht am 25. August 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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