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Eine Stunde voller Zweifel

Von Karl-Heinz Ganser


Gestern war ich gerade von einem dreimonatigen Praktikum aus Amerika zurückgekommen, da wollte mein Freund, wie wir es Sonntagmorgens immer gemacht hatten, eine Stunde um den Klosterberg laufen und anschließend etwas im Tal-Café trinken.
Ganz und gar verschwitzt kamen wir dort an.
"Setzen wir uns draußen?", japste Bernhard, als er sah, dass auf der Terrasse nur wenige Leute saßen.
"Du bist ja heute vielleicht in Form, hast du drüben trainiert?"
"Pst!" Ich unterbrach ihn und machte eine unauffällige Kopfbewegung zum Nebentisch. Zwei Frauen tuschelten dort miteinander.
Plötzlich hörte ich, wie die hagere Frau in dem grauen Jackenkleid raunte: "Hast du das auch von der Bettina von Berg gehört? Die soll sich mit einem Schwarzen eingelassen haben! Und das Schlimmste ist ..." Die Frau machte eine Pause und grinste. "Jetzt soll sie schwanger sein!"
Ich starrte Bernhard an. "Hast du das ... hast du das auch gehört?"
"Nö! Aber du wirst es mir bestimmt gleich sagen." Ohne aufzusehen, löffelte er genüsslich weiter an seinem Eis.
"Mensch, Bern!" Ich geriet ins Stottern. "Die hat doch tatsächlich behauptet ... nein, nein, ich glaub das nicht ... meine Freundin Bettina soll einen Schwarzen haben ..."
Ich stützte den Kopf in beide Hände und versuchte, ein Stöhnen zu unterdrücken.
"Junge, nimm das nicht so schwer! Wenn es stimmt, was die Tante geschwatzt hat, dann sei froh, dass es jetzt passiert ist. Jetzt kannst du noch ..."
"Hör auf! Hör sofort damit auf!", donnerte ich ihn entsetzt an.
"Mann! Mach doch nicht so ein Gesicht! Ich an deiner Stelle würde das gleich Morgen klären. Oder noch besser - ruf sie doch sofort an - hier haste mein Handy!"
"Nein! Ich muss erst darüber schlafen. Das ist für mich ..." Meine Stimme versagte.
"Da! Ja, nun schau mal, wer da kommt!" Bernhard zeigte zum Eingang.
"Das ist ja ... Ja, das ist ja Bettina!", stieß ich heiser hervor.
"Hallo, ihr beiden!" Bettina gab Bernhard die Hand. Mir hauchte sie einen sanften Kuss auf die Wange.
"Da staunst du, was?" Bettina legte ihre Hand auf meinen Arm und ihre grauen Augen strahlten.
"Ich habe jetzt zwei Stunden auf der Unfallstation frei, und da hab' ich mir gedacht, gehst du ein Eis essen. Heute Abend kommt meine Ablösung nämlich zwei Stunden später."
Bettina blickte erstaunt auf die zwei leeren Schnapsgläser und meinte augenzwinkernd: "Habt ihr einen gehoben?"
"Dazu hatten wir leider einen Grund! Frag deinen Schatz, was er hier eben ..." Bernhard stockte und rührte verlegen in der leeren Eisschale.
"Ihr macht es aber spannend! Darf ich denn erst ein Eis bestellen?" Bettina lachte und bestellte ein großes Maracuja-Eis mit Sahne.
Bernhard stand auf und nuschelte im Fortgehen: "Ich gehe jetzt, denn das ist eure Sache!"
"Was soll das? Was ist jetzt unsere Sache? Kannst du mir das gefälligst erklären?" Bettina sah mich fragend an.
"Ich habe vorhin ..." Ich konnte nicht weiter sprechen, denn der Kloß im Hals wurde immer größer.
"Was hast du vorhin?" Sie richtete sich jetzt kerzengrade auf.
"Bitte, Bettina!", flehte ich sie an, "lass uns darüber irgendwo anders reden. Ich ... ich kann jetzt nicht!"
"Du kannst! Verstanden! Entweder sagst du mir sofort, was du gehört hast, oder ich gehe!"
Ihr Blick war so durchdringend und fordernd, dass ich ihr schließlich sagte, was ich gehört hatte.
Eine ganze Weile schwieg sie. Ich versuchte krampfhaft, ihr verärgertes Gesicht zu deuten. Bestimmt überlegte sie, wie sie mir das Ende unserer Freundschaft möglichst schonend beibringen wollte.
Plötzlich blitzte es in ihren Augen
"Und jetzt, mein Lieber, müssen wir wohl einiges klarstellen! Ich habe den Eindruck, du bist so eifersüchtig, dass du die einfachsten Dinge plötzlich nicht mehr siehst. Was ist nur los mit dir?"
"Ich ... ich ... wollte das doch nicht glauben, was die Frau gesagt hat, aber ..."
"Aber du hast Zweifel, nicht wahr?", unterbrach Bettina mein Stottern.
Ich nickte nur und bekam einen Schweißausbruch.
Bettina schien angestrengt nachzudenken. Dann sprudelte es nur so aus ihr heraus: "Soll ich dir sagen, wie das Geschwätz wahrscheinlich entstanden ist? Vor einigen Monaten wurde auf meiner Station ein Schwarzafrikaner eingeliefert, der bei einem Unfall den rechten Arm verloren hatte. Es war schrecklich, wie er darunter litt. Er hatte öfter in einer Musikgruppe mit Klavier gespielt. Anfangs besuchten die Kollegen ihn regelmäßig. Aber dann blieben sie weg. Ein Klavierspieler mit einem Arm interessierte sie nicht mehr. Da musste ich ihm doch helfen? Oder? Hättest du das nicht auch getan? Ich hab' mein Schulenglisch herausgekramt und mit ihm geredet und geredet. Etliche Male bin ich mit ihm in der Mittagspause im Park gewesen."
Sie stockte und lächelte. "Moment mal! Jetzt hab ich es! Verschiedene Leute haben uns sicher beim Spazieren gehen gesehen und ..."
" ... und die haben sich dann ausgemalt, was wohl sein könnte. Und ich Trottel bin darauf hereingefallen", rief ich erleichtert aus.
Und mit einmal waren all die Zweifel und Ängste der letzten Stunde weg.



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Eingereicht am 24. August 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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