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Katharina die Große

Von Karl-Heinz Ganser


"Herr Kruse, bitte in Kabine zwei!"
Nanu! Eine Neue in der Praxis dachte Max, als ihn die junge Frau mit den langen blonden Haaren in den Untersuchungsraum bat.
"Ich heiße Katharina Weise, studiere Medizin und vertrete hier Frau Solmann; die ist ein paar Tage krank."
Sie lächelte selbstbewusst und begrüßte ihn mit einem festen Händedruck.
Katharina? Max stutzte. Dann sagte er: "Angenehm. Maximilian Kruse, bin sechsundsechzig, ledig, hatte Herzinfarkt ..."
"Ja, ja, ich weiß das alles", unterbrach sie ihn lachend, "ich habe vorher Ihre Karte studiert."
Als sie seinen Puls fühlte, wunderte sie sich: "Haben Sie sich heute Morgen schon aufgeregt?"
"Aber, nein!" beteuerte er, "das liegt bestimmt nur an Ihren schönen und warmen Händen."
"Was Sie nicht sagen", murmelte sie und zog den Kabinenvorhang zu.
"So!" sagte sie dann, "nun legen Sie sich bitte hin, damit ich das EKG anschließen kann!"
Als sie mit den Anschlüssen hantierte und dabei mit ihrer Hand seine Stirn berührte, da musste er unwillkürlich die Augen schließen. Ihn überkam plötzlich wieder das seltsame Kribbeln im Kopf, so wie damals vor vielen Jahren als er in einem Zimmer des Krankenhauses aufwachte und jemand zu ihm sagte: "Herr Kruse, können Sie mich hören?"
Erschrocken riss er die Augen auf und wollte sich aufrichten, aber eine angenehm warme Hand drückte ihn sanft zurück in die Kissen.
"Sie müssen jetzt noch still liegen bleiben! Sie brauchen Ruhe!"
"Wo bin ich? Was ist passiert?" hechelte er und versuchte die Umgebung genauer wahrzunehmen.
Max sah vor sich eine große, liebenswert lächelnde Frau in einem weißen Kittel und er spürte, wie wohltuend es war, dass ihre Hand auf seiner Stirn lag.
Nach einer Weile sagte sie: "Katharina de Groß ist mein Name."
"Was? Katharina die Große heißen Sie?" fragte er erstaunt, und zum ersten Mal fielen ihm ihre hellblauen Augen auf. "Welch ein schöner Name. Wie die berühmte Kaiserin von Russland."
"Nein, nein! de Groß, heiße ich", lachte sie, "nicht die Große. Ich bin die Stationsärztin hier. Nach einer Weile fügte sie hinzu: "Es sieht sehr gut mit Ihnen aus und ich glaube ..."
"Frau Doktor ... was habe ich? Warum bin ich hier?" unterbrach er sie hastig.
"Sie hatten einen Herzanfall in Ihrem Auto und sind gegen einen Baum gerast."
"Wie bitte? Davon weiß ich doch gar nichts! rief er überrascht. "Und wer hat mich
gefunden?"
"Ich!"
"Was? Sie?"
"Ja, es war wohl ein Zufall, dass ich mit dem Rettungswagen hinter Ihnen war. In der Pappelallee ist Ihr Wagen plötzlich nach links ausgeschert und frontal gegen einen Baum geprallt."
Nachdenklich ergänzte sie: "Sie haben sehr viel Glück gehabt."
"Dann haben Sie mir ja das Leben gerettet", stammelte er und versuchte, sich zu erinnern.
Max wusste noch, dass er sehr nervös und unkonzentriert auf der Heimfahrt gewesen war. Schließlich hatte es mit dem Chef mächtig Ärger gegeben wegen der von ihm vergessenen Terminabsprache. An mehr konnte er sich aber nicht erinnern.
Und jetzt lag er im Krankenhaus und wünschte sich, dass die nette Ärztin noch lange an seinem Bett sitzen möge.
Ein paar verirrte Sonnenstrahlen drangen mit einmal in das vorhanglose Zimmer und tauchten für Sekunden die langen, blonden Haare der Frau in einen goldenen Schimmer. Wie herrlich, dass ich noch lebe, dachte er in diesem Augenblick, und das habe ich dieser Frau zu verdanken.
Da überkam ihm ein bis dahin nicht gekanntes Glücksgefühl und er rief ganz laut: "Katharina die Große hat mir das Leben gerettet!"
"Was haben Sie gerade gerufen? Ist Ihnen nicht gut?" Etwas hilflos starrte ihn die junge Frau an. "Soll ich den Doktor rufen?"
"Nein, nein, lassen Sie nur!" Er atmete erleichtert auf. "Es geht schon wieder. Ich war wohl gerade in der Vergangenheit. Entschuldigen Sie. Aber mit sechsundsechzig passiert das schon mal."
Katharina strich sich eine lange blonde Strähne aus ihrem Gesicht und schüttelte den Kopf. "Es muss wohl etwas sehr aufregendes gewesen sein. Die Werte sind so plötzlich in die Höhe gegangen", murmelte sie nachdenklich und betrachtete den Verlauf des Kardiogramms.
"Ja, das war es auch", sagte Max ganz leise. "Und wissen Sie, wo ich war? Bei Katharina der Großen!" Kopfschüttelnd fügte er hinzu: "Ach ja, die können Sie ja gar nicht kennen."
"Vielleicht kenne ich sie doch aus meinem früheren Leben", witzelte sie und musste laut Lachen..
"Lachen Sie nur. Ich meine auch nicht die Kaisern von Russland, sondern die großartigste Frau, die ich je in meinem Leben kennen gelernt habe", murmelte er vor sich hin.
"Lassen Sie mich doch mal aufstehen!" bat er sie, denn ihm kam da ein Gedanke.
Sie befreite ihn von den vielen Anschlüssen des Elektrokardiogramms.
Max kramte aus seiner Jackentasche ein ziemlich vergilbtes Foto heraus und gab es ihr.
Katharina betrachtete neugierig das Bild und meinte nach einer Weile etwas zweifelnd: "Die sieht aus wie meine Tante Katharina in jungen Jahren."
Sie sah ihn ungläubig an. "Woher haben Sie das Bild?"
"Von Katharina der Großen, die mir das Leben gerettet hat. Ich durfte damals ein Bild von ihr machen als ich im Krankenhaus lag", strahlte er sie an. Im nächsten Augenblick wurde er aber traurig. "Bevor ich nach dem Herzinfarkt entlassen wurde, war sie auf einmal weg. Einfach nicht mehr da und ich ... bitte lachen Sie jetzt nicht ... ich hatte mich doch so in sie verliebt."
"So, so, meine Tante Katharina hat Ihnen also das Leben gerettet!"
"Was sagen Sie da?" Max sah sie überrascht an. "Ihre Tante ist diese tolle Ärztin?"
"Ja, sie war schon eine gute Ärztin, bis ..." sagte sie mit trauriger Stimme und fügte hinzu, "bis alles herauskam."
"Wie bitte? Was ist herausgekommen?"
"Ich möchte nicht darüber sprechen. Wenn Sie sie in guter Erinnerung haben, dann ist das gut, und jetzt wollen wir weiter machen", sagte sie etwas ungehalten, "wir müssen ja noch die Ultraschalluntersuchung für den Doktor vorbereiten."
"Bitte Katharina, sagen Sie mir, was das heißen soll: ›herausgekommen‹ ich möchte das doch wissen!" bestürmte er sie ungeduldig.
Katharina sah ihn seltsam an und er merkte, dass es ihr nicht leicht fiel, darüber zu sprechen. "Na gut, Sie geben ja doch sonst keine Ruhe", sagte sie dann ganz ruhig.
"Tante Katharina war gar keine Ärztin ... sie hat ..."
"Was sagen Sie da?" Fassungslos starrte Max sie an.
"Ja ... sie hat ihre Bewerbungsunterlagen gefälscht ... sie wollte unbedingt Ärztin sein ... und das konnte nicht gut gehen."
"Das kann doch nicht wahr sein!" stieß er mühsam hervor. In seiner Brust krampfte sich etwas zusammen.
"Und was macht sie jetzt?" bohrte er aufgeregt weiter.
"Sie wohnt irgendwo in den Bergen, ganz für sich allein. Keinen fremden Menschen will sie mehr sehen."
"Aber mich will sie bestimmt sehen, ich bin ihr doch nicht fremd", widersprach Max, "und sie wird sich an meine Herzgeschichte erinnern und dann ..."
Katharina seufzte. "Dann würden Sie bei ihr wieder die alten Wunden aufreißen und das wäre nicht gut. Sie ist glücklich in ihrer Almhütte. Das ist jetzt ihre Welt."
Max überlegte, dann fragte er: "Besuchen Sie sie schon mal?"
"Ja, hin und wieder."
"Dann müssen Sie mir aber einen Gefallen tun!"
"Und welchen?"
"Ihr dieses Bild mitnehmen. Ja? Ich schreibe nur noch schnell etwas auf die Rückseite."
Max nahm seinen Füllfederhalter und seine Hand zitterte als er schrieb: ›Katharina die Große! Ich danke Ihnen für das geschenkte Leben. In Liebe Ihr Maximilian Kruse‹.



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Eingereicht am 26. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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