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Julia hat einen Traum

Von Andrea Röttgen


Julia steht am Fenster und schaut ins Leere. Fast beiläufig bemerkt sie, dass große Regentropfen an die Fensterscheibe prasseln. Na super, denkt sie sich. Jetzt wird er nie anrufen, um mich zu fragen, ob wir uns verabreden können. Hat sie doch schon eine Stunde lang gespannt auf das Telefon gestarrt. Ist es kaputt? Werde mal die Steckverbindung überprüfen. Alles in Ordnung. Hmm.... nehme vielleicht mal den Hörer ab, um zu prüfen, ob überhaupt ein Freizeichen da ist. Geht auch. Warum ruft der Typ mich denn nicht an? Habe ich ihm auch die richtige Telefonnummer gegeben? Ich weiß genau, dass ich ihm den kleinen Zettel gegeben hab. Also, wenn ich noch an den Discobesuch von gestern Abend denke, wie ich aufgeregt zu meiner Freundin gelaufen bin und fast nach einem kleinen Stück Papier und einen Stift gebettelt habe, aber typisch Susi. Sie stellte mir erst mal wieder stundenlang völlig unsinnige Fragen. Wie heiß der Typ? Wie alt ist er? Was macht er beruflich? Ich beantwortete geduldig ihre Fragen, obwohl ich eine panische Angst hatte, er könnte schon wieder weg sein. So ein gutaussehender Typ wartet bestimmt nicht ewig darauf, dass eine kleine pummlige Frau, die sich übertrieben aufgedonnert und für jeden sichtbar diesen gewissen Ausdruck: "Ich suche einen Mann" im Gesicht hat. Susi wühlte hektisch in ihrer Tasche, die ein Fassungsvermögen von einer Zigarettenschachtel hat nach einem Stück Papier und einem Stift. Zwecklos! In ihrer Tasche befand sich mal gerade ein Autoschlüssel, ein Lippenstift und ein Kondom, den wie sagt sie immer so schön: "Man weiß ja nie". Klasse, sagte ich zu ihr. Und was ist, wenn ein Typ mal die Telefonnummer von uns haben will? Ich muss mich melden habe ja noch nicht mal eine Tasche mit. Wie bin ich eigentlich vorbereitet? Gar nicht. Super und jetzt? Mein Blick schweift fragend umher, bis ich die Bedienung mit ihrem Miniröckchen hinter den Tresen sah. Genau, die frage ich einfach das Püppchen mit der Modellfigur. Ich ganz cool zu ihr: "Hallo, kann ich mal einen Stift und auch ein Stück Papier haben?" Sie antwortete fast herablassend: "Jetzt nicht. Du siehst doch, dass ich hier zu tun habe." Ich glaube das nicht. Ist jetzt hier alles und jeder gegen mich? Plötzlich schiebt sie mir gelangweilt einen Bleistift und einen Zettel rüber. Natürlich musste sie mir noch in einem Befehlston die Worte zuschmeißen: "Den Bleistift will ich aber wieder haben" Ja Süße, ich bring dir deinen ach so geliebten Stift schon wieder. Hätte ich am liebsten gesagt, aber nein, was sage ich zu ihr? Klar, kein Thema bringe ihn sofort zurück. Versagerin. Aufgeregt renne ich zu Susi an den Tisch und schreibe schnell auf den mit Bierflecken getränkten Zettel meinen Namen und meine Telefonnummer. Ich zitterte und das Gefühl, dass er nicht mehr da ist, kreiste die ganze Zeit in meinem Kopf herum. Was mache ich dann bloß? Ich finde den doch hier in dieser Multiplexdisco nie wieder. Egal. Ein Versuch ist es wert. Ich schiebe meinen dicken Köper durch die Menschenmassen bis zu der Stelle, wo ich ihn zuletzt sah. Ich wusste es, keiner mehr da. Und nun? Traurig senkte ich meinen Kopf, um den Rückweg an Susis Tisch anzutreten. Wieder schiebe ich meine Fettmassen durch einen Alkoholnebel voller laut schreiender und tanzender Teenies. Eine Fingerspitze tippt auf meine linke Schulter. Ich drehte mich um und da stand er vor mir. Brad Pitt für Dicke. Er hat ein super süßes Gesicht und ist dick. Was soll's, das bin ich ja auch und was noch viel wichtiger ist. Ich habe ihn gefunden, oder hat er mich gefunden? Egal, endlich kann ich ihm meinen Zettel in die Hand drücken. Er warf einen kurzen Blick darauf nickte und steckte ihn in seine rechte Hosentasche. Da stand ich nun und wusste überhaupt nicht, wie es jetzt weiter geht. Er unterhielt sich mit seinen Kumpels und ignorierte mich. Julia, sagte ich zu mir. Das ist so eine peinliche Situation. Mach was. Toll, und was? Da stand ich nun, wie eine aufgeblähte Quarktasche und bewegte leicht wippend meinen unförmigen Köper zu der Musik von Depeche Mode. Kann er mich denn nicht mal ansprechen? Plötzlich drehte er sich von seinen Kumpels ab und schenkte mir ein Lächeln. Ich schenkte ihm natürlich auch ein Lächeln mit aufgeblähten Wangen, die aussahen als würden sie gleich platzen und einen Mund, der sich über das ganze Gesicht zog. Super Julia, musst du es wieder so übertreiben? Ein leichtes Lächeln hätte es auch getan. Aber nein, ich muss ja wieder alles geben. Er beugte sich zu mir runter und schrie in mein linkes Ohr: "So, wir machen jetzt ne Fliege. Ist schon spät. Ich melde mich mal." Ich nickte und sagte bloß ein belangloses Tschüß. Klasse! Ich melde mich mal. Wann? Morgen? Übermorgen? Nächste Woche? In einem Monat? Wann? Traurig, aber doch mit einem Gefühl von Glück im Bauch (ich habe einen Mann kennen gelernt) gehe ich zurück an Susis Tisch. Wo warst du bloß so lange? Begrüßt sie mich erstaunt. Natürlich musste ich ihr als meine beste und einzige Freundin alles in Einzelheiten erzählen. Sie sagte aufbauend zu mir: "Vergiss den Typen, der meldet sich nie." Warum? Ach Julia, solche Männer haben doch an jedem Finger eine. Ach, und warum sollte ich denn nicht auch mal Glück haben? Sagte ich zu ihr. Sie warf mir einen niederschmetternden Blick zu, der alles sagte. Also, nur weil ich nicht den Idealmaßen entspreche heißt das doch nicht, dass mich nicht auch mal ein gut aussehender Typ ansprechen kann. Sie nickte ein paar Mal mit dem Kopf und lächelte. Es ist schon spät und ich bin müde lass uns nach Hause fahren. Susi kramte wieder in ihrer Tasche nach dem Autoschlüssel. Ich musste mich wegdrehen und sagte zu ihr: "Wie kann man sich nur so eine kleine Tasche kaufen?" Oh, da war sie aber sauer. Die hat sie doch von ihren letzten Freund zum Geburtstag bekommen. Na ja, hab jetzt eben andere Dinge im Kopf. Ich entschuldigte mich und sagte schnell, dass die Tasche zwar sehr klein ist aber super cool aussieht. Und schon war die Welt wieder in Ordnung. Sie setzte mich so gegen 1:30 Uhr bei mir zu Hause ab und ich musste ihr versprechen, dass ich mich sofort bei ihr melde, wenn er angerufen hat. Ich öffnete meine kleine 2 Zimmerwohnung und wusste sofort, dass ich nicht schlafen kann. Mist, soll ich mir noch einen Tee kochen oder rauche ich noch eine ganze Schachtel Zigaretten? Nein, ich weiß doch, dass ich noch irgendwo eine Depeche Mode CD hatte. Aufgeregt durchsuchte ich meine große CD Sammlung und fand sie nicht. Nein, ich weiß dass sie da ist; nur wo? Ich will sie, ich brauch sie, ich will jetzt die Musik hören! Eilig rannte ich ins Schlafzimmer, zog die Schublade von meinem Nachtschrank auf und da lag sie. Was macht die hier? Sie lag da schon ewig und wartete bloß darauf von mir wieder in den CD Player gelegt zu werden. Ich lauschte der Musik und muss dann wohl eingeschlafen sein. Schlafen kann man das wohl nicht nennen. Bin um 9:00 Uhr völlig verkrampft im Sessel wach geworden. Erst mal ein Kaffee und ab unter die Dusche, denn man weiß ja nie.
Vielleicht klingelt ja das Telefon.



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Eingereicht am 07. Juni 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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