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Wunder

Von Anne Chlosta


Die Treppe war hoch. Höher als er gedacht hatte. Die logische Konsequenz davon war, dass es lange dauerte, bis man unten angekommen war. Eine schmerzhafte Erfahrung. Das nächste Mal würde er sich an diese Stelle erinnern. An die Treppe und an den Schmerz. Dann könnte er sich darauf einstellen. "Verdammt, mein Stock!" Er war noch lange nicht zuhause und er brauchte dieses Teil. Wo war es? Beim Sturz verloren gegangen. Fluchend tastete er mit den Händen umher, wobei er feststellen musste, dass die hier engagierte Putzfrau nicht viel von ihrer Arbeit zu halten schien. Er lutschte gerade an seinem Daumen, nachdem er auf einen Nagel gestoßen war, als er das Lachen spürte. Sehen konnte er es nicht, aber es lag plötzlich in der Luft.
Ein feines, spöttisches und doch warmes Lachen. Die beste Art von Lachen: Warmer Spott. Es schien sich wie eine Decke über ihm auszubreiten, eine Decke, deren Behaglichkeit er genoss. Aber vorsichtig. Wie ein Reh auf einer hellen Lichtung spannte er seine Sinne an, um sich zu schützen. Zu oft hatten sich Wärme und Mitleid in Hass und Kälte verwandelt. Das musste ja nicht schon wieder sein. Lieber drei Mal zu oft hinhören als ein Mal zu wenig. Man wusste es nie. Das Leben war einfach... na, jetzt nicht. Philosophische Betrachtungen seiner Situation würde er auf später verschieben müssen, denn das Lachen kam näher.
Es näherte sich ihm, bis er es auf der Haut fühlen konnte. Seine linke Schulter begann zu prickeln, als eine weiche Hand sich auf sie legte, sie umfasste und ihn sanft herumdrehte. Dann rieselte das Prickeln langsam in seinen Arm und von da aus in alle Finger seiner linken Hand, in denen er nun das vertraute Holz seines Stocks spürte. "Ich glaube, den hast du gesucht." Eine Stimme. Aber nicht einfach irgendeine Stimme, wie sie jeden Tag an sein Ohr drangen. Diese war anders. Sie war... ja, wie war sie? Er versuchte sie zu schmecken. Ohne seine Augen musste er sich anders zurechtfinden. Seine Welt war beschränkt, aber zugleich so viel reicher als die der Sehenden. Die Menschen, ihre Gefühle und ihre Geräusche, schmeckten. Sie schmeckten anders und sie fühlten sich auch anders an als vorher. Manchmal kam er sich vor wie ein Tier, das jedes Mal aufs Neue seine Fühler ausstreckte, um vorsichtig die Umgebung zu erkunden.
Genauso war es auch jetzt. Im Dunkel fühlte er die Stimme; sie war nicht weit von ihm entfernt. Nah an seinem Ohr. Schön, doch fast ein wenig zu nah. Sie schmeckte nach Zimtsternen, nach Glühwein und rotem Samt. Eine Stimme wie ein angenehmer Traum. Unwillkürlich musste er an eine von diesen Nächten denken, in denen sich der Himmel wie eine dunkelblaue Seidendecke mit glitzernden Punkten über einem spannt. Eine dieser Nächte, in denen man anfängt, an Märchen und Wunder zu glauben.
Sein ganz persönliches Wunder flüsterte gerade durch eine Woge dichten schwarzen Haares, an die er sich zu erinnern glaubte: "Das ist doch dein Stock, oder nicht?" Er musste sich räuspern, bevor er ein heiseres "Ja" herausbringen konnte. Daraufhin fühlte er das Lächeln erneut. Es lief ihm wie ein warmer Schauer weich über den Rücken. "Was ist daran denn komisch?", fragte er, trotz der Wärme ein wenig verstimmt. So erheiternd war es nun auch wieder nicht, wenn ein hilfloser Blinder am Fuß einer steilen Treppe verzweifelt nach seinem Stock suchte. "Alles", perlte die Antwort glasklar auf ihn zu. "Alles?" " Ja sicher, die ganze Szene war schon fast slapstickartig." Bei jedem Anderen hätte das beleidigend geklungen, doch ohne die Fähigkeit, das Gesicht seines Gegenüber zu erkennen, nahm er den gutmütigen Spott viel intensiver war als es einem Sehenden je gelungen wäre. Er wusste sofort, dass der Andere nicht vorgehabt hatte, ihn zu beleidigen.
"Wie alt bist du?" Warum er es fragte, wusste er nicht, oder doch, eigentlich wusste er es schon. Bei jeder Stimme, die er hörte, bei jedem Lachen, das er fühlte, machte er sich eine Vorstellung von seinem Gesprächspartner. Instinktiv. Doch dieser Stimme war kein Gesicht zuzuordnen. Alles, was er hatte, waren Zimtsterne, Glühwein und roter Samt. Er wollte mehr. Daher die Frage.
In der Stille, die nun folgte, fühlte er lediglich die Bewegungen des Anderen, der sich neben ihn zu setzen schien und näher an ihn heranrückte. "Willst du nicht erst wissen, wie ich aussehe? Vielleicht errätst du es dann selbst, mein Alter." Unsicherheit flackerte wie eine schwache Kerzenflamme in der Dunkelheit auf. Jede falsche Antwort hätte sie in eine Feuerkugel verwandeln können. Aber das hatte er nicht vor. Seine Antwort waren seine Hände, die er langsam nach dem Unbekannten ausstreckte. Einen atemlosen Moment lang geschah gar nichts. Er stellte sich vor, wie dem Anderen jetzt wohl zumute sein könnte, mit den Händen eines Fremden vor dem Gesicht. Dabei fiel ihm auf, dass sein Retter das eigene Fremdsein mit seinem Lachen abgestreift hatte. Es war wie Asche von ihm abgefallen, damit ein Phönix aufsteigen konnte. Dieses schöne Wesen zögerte nun, seine feurige Seele in die Hände des Blinden zu legen, denn was nicht sehen kann, das kann auch ungewollt verletzen.
Schließlich spürte er einen leisen Seufzer und plötzlich war weiche Haut unter seinen Fingern. Weiche Haut und harte Haut. Bartstoppeln kratzten an seinen Fingerkuppen entlang. Doch auch sie fühlten sich auf eine gewisse Art und Weise weich an. Vorsichtig fuhr er mit seinen Fingern die Haut des Anderen entlang. Er wusste aus Erfahrung, dass es Leuten oft unangenehm war, wenn er anfing, ihre Gesichter zu sehen, auch wenn sie dem zugestimmt hatten. Das Abtasten war ein sehr großer Einbruch in das persönliche Gebiet jedes Einzelnen. Man ließ seine Maske fallen und senkte den Schutzschild. Er wusste, wovon er sprach. Im Kurs hatte er sich lange nackt gefühlt. Nackt und schutzlos. Irgendwann war das Gefühl vorbei gewesen. Ganz plötzlich. Man musste sich wohl erst daran gewöhnen. Der Andere fühlte sich jetzt wahrscheinlich so hilflos wie Adam ohne Eva. Er lächelte kurz bei dieser Vorstellung, jedenfalls zog er seine Mundwinkel leicht hoch zu der einst so sichtbaren Bewegung. Da zitterte es in der Luft. Die Spannung des Anderen war gewachsen und entlud sich im scharfen Ton der Frage: "Was ist an meinem Gesicht so komisch?" Die Haut zog sich zurück, sodass seine Finger einen Moment lang im Leeren schwebten. So lange, bis er antwortete: "Ein Lächeln kann doch auch bedeuten, dass etwas schön ist." " Danke." Das Wort schwebte leicht eine Feder durchs Dunkel auf ihn zu und bald war die sanfte Haut wieder da.
Er fühlte. Fühlte eine weiche Kieferpartie, einen vollen Mund mit zitternden Lippen. Fühlte eine ziemlich große Nase und weit auseinanderliegende Augen. Vorsichtig strich er über die Lider, die sich bei der Berührung leise schlossen. Die langen Wimpern flatterten nervös, wie ein Schmetterling auf Nektarsuche. Der Andere schien sich wieder zu spannen, sein ganzer Körper vibrierte plötzlich wie der eines Panthers vor dem todbringenden Sprung. Er nahm seine Hände weg. Weg von den Muskeln, der Kraft, bevor es zuviel werden konnte. Sein Gegenüber atmete erleichtert aus. "Danke", wehte es zum zweiten Mal herüber. "So schwer?" Es blieb still. Er konnte förmlich hören, wie die Gedanken des Anderen zu festen Körpern wurden. "Nein. Nicht unbedingt. Es war nur so... seltsam."
Das Gespräch wurde zu einem hauchdünnen Drahtseil, auf dem er balancierte ohne sehen zu können. Er musste sich auf seine Gefühle verlassen. "Seltsam?" Ein weiterer, unsicherer Schritt. " Das ist mir heute zum ersten Mal passiert." Sein Retter spürte die Frage, bevor er sie aussprechen konnte und fügte hinzu:" Dass mich jemand so wie du abgetastet hat. Fast wie bei einer Polizei -kontrolle." Ohne Netz wäre er jetzt nur ein kleines Bündel ungeordneter Formen gewesen, ein lebloser Sack unten im Staub. Die Polizei... der nicht unbedingt angenehme Vergleich hatte ihn zu Fall gebracht. Man sollte auch nicht anfangen, an Träume zu glauben, wenn man buchstäblich mit dem Hintern im Dreck saß. Da hüpfte ein nachzüglerisches Sätzchen durch die Stille auf ihn zu: "Nur viel schöner."
Er atmete so erleichtert auf, dass er sich fast verschluckt hätte. Und dennoch... dieses Sätzchen reichte nicht. Er musste noch einen Schritt wagen, um mehr über seinen unbekannten Gesprächspartner zu erfahren. Seine Neugier war größer als die Angst vor einem zweiten Sturz. " Wie alt bist du?" Er hätte schwören können, dass der Andere ihn prüfend ansah, aber sehen konnte er das natürlich nicht. "Rate doch mal!" Da wurde ihm alles zuviel. Der Andere, das Dunkel, der Sturz... er wusste ja noch nicht einmal, ob er blutete! Und jetzt sollte er sich auch noch den Kopf über das Alter eines Fremden zerbrechen! Mit einem Blinden konnte man das ja machen, kein Problem! Wahrscheinlich schnitt sein Gegenüber ihm gerade die schrecklichsten Grimassen, das machte schließlich Spaß. Was für ein Scheißleben! Und nach Hause musste er auch noch irgendwie kommen, am liebsten ohne in offene Kanalschächte zu stürzen. Er spürte, wie dicht hinter seinen Lidern Tränen zu brennen begannen. Na wunderbar, gleich würde er vor dem Grimassenschneider mit der samtenen Stimme anfangen zu weinen und vollends zum Trottel werden!
"He, was ist los? Hab ich was Falsches gesagt?" Er spürte einen leichten Druck auf seinem linken Arm, anscheinend saß der Andere wirklich neben ihm. Bemerkenswert! Er schaffte es irgendwie, die Tränen in den Augen zu behalten und meinte heiser: "Es ist mir scheißegal, wie alt du bist! Und außerdem hatte ich die Frage schon mal gestellt!" Kaum hatte er die seltsam trotzig klingenden Worte ausgesprochen, als ihm auffiel, wie sehr ihn die Antwort tatsächlich interessierte. Er wollte nur nicht zum Zirkusbären werden, zum ahnungslosen Blinden, dem man alles vormachen kann.
Die Luft zitterte: "Fünfundzwanzig." Das Wort ließ sich wie eine bunte Christbaumkugel sanft schaukelnd zwischen ihnen nieder und schillerte dort in allen Facetten. Es passte zu den Zimtsternen, dem Glühwein, dem roten Samt. Was für ein wunderschönes Alter, ging es ihm plötzlich auf, vielleicht das schönste Alter überhaupt. Und so passend zu seinem eigenen, trennten sie doch nur drei Jahre. Drei Jahre. Welch schicksalhafte Zahl. Vor drei Jahren war er blind geworden. Die Fliegerei für immer beendet. Sein Traum zerplatzt. Drei. Eine Scheißzahl.
Er war so in diese Gedanken vertieft, dass er die Frage beinahe verpasst hätte. Gerade noch konnte er sie am Kragen packen: "Und du?" Erst wusste er gar nicht, was er mit diesem Duo von Worten anfangen sollte, bis ihm ein Licht aufging. Sein Alter. Fast wäre ihm ein spöttisches: "Rate doch mal!" herausgerutscht, aber er konnte sich gerade noch beherrschen. "Achtundzwanzig", sagte, nein, hauchte er stattdessen in die warme Dunkelheit. Und fühlte das Lachen, noch bevor es wirklich an den Rand seines Universums dringen konnte. Die ersten Wellen eines kleinen Erdbebens bewegten sich langsam auf ihn zu, er war das Zentrum, der Stein im blauen Teich, den die Bögen des Lachens umschlangen.
"Achtundzwanzig?" Das Wort, vom Anderen ausgesprochen, färbte sich anders. Es wurde voller und dunkler. Klarer. Das Blau des Wassers schlug Wellen bis in sein tiefstes Inneres. Was so ein Sturz doch für einschneidende Folgen haben konnte! Sie schnitten bis in sein Herz, wo blaue Wellen eine längst vergessen geglaubte Saite in ihm zum Schwingen brachten. Blaue Wellen, rotes Herz; ein Aquarell. Spiel von Farben, wie sie es einst in der Schule hatten malen müssen. Damals war es allerdings ein Blumenstrauß gewesen und nicht die Stimme eines Fremden. Grün, gelb, orange, violett... diese Qual, da er um die Schönheit der Natur wusste, und auch um seine Unfähigkeit, sie darzustellen. Das gleiche Gefühl, die Qual von damals, sie überkam ihn nun aufs Neue. Er wollte in dieser einzigartigen Stimme ertrinken, wollte sich von ihr treiben lassen und nie mehr in die Wirklichkeit zurückkehren. Nie zuvor hatte ihn jemand nur mit seiner Stimme so verzaubern können. Es war immer etwas Sichtbares gewesen, schöne Augen, ein herzhaftes Lachen oder ein bestimmtes Zurückstreichen der Haare. Und nun? Da war nur diese Stimme, plötzlich in sein dunkles Universum eingetreten. Eine Stimme unter Tausenden. Aber er konnte sich nicht fallen lassen, konnte sich ihr nicht völlig hingeben. Denn so sehr er sich dies auch gewünscht hätte, war ihm doch klar, dass sie einem Menschen gehörte, den er nicht kannte. Dem Anderen. Einer Stimme konnte er sich hingeben, einem Fremden nicht.
"Ich hätte nicht gedacht, dass du schon so alt bist." Alt? Seit wann galt ein Achtundzwanzigjähriger als alt? Gut, er fühlte sich manchmal wie ein uralter Mann, eigentlich sogar viel zu oft, aber das konnte der Andere doch nicht wissen. Oder? " Wieso findest du achtundzwanzig alt?" Wieder bewegte sich ein feines Lächeln wellenförmig auf ihn zu, als sein Gegenüber antwortete: "Ich wollte damit nur sagen, dass du jünger aussiehst als du bist. Ich hätte dich auf höchstens fünfundzwanzig geschätzt." " Du bist nicht der Erste, der das sagt", musste er zugeben, " wahrscheinlich sehe ich in der Tat ziemlich jung aus." Ein Schleier von Betroffenheit drang in sein Bewusstsein; dem Anderen war klargeworden, dass er selber sich nicht im Spiegel sehen konnte.
Langsam rückte der Fremde näher und fragte mit einer unglaublich warmen Stimme: "Seit wann bist du blind?" Er schluckte. Auf diese Frage hatte er zwar schon seit den ersten Sätzen ihres Gesprächs gewartet, aber nun, da sie endlich gestellt wurde, war die Antwort schwieriger als gedacht. Die Erinnerung an die Zeit, als er sein Gesicht noch im Spiegel erkennen konnte, tat ihm mehr weh als er erwartet hätte. Trotzdem gab er sich einen Ruck: "Seit drei Jahren. Ich hatte einen Auto-Unfall." Warum er das noch hinzufügte, wusste er nicht. Normalerweise erzählte er dies nur Leuten, die er gut kannte, was man vom Anderen ja nun wirklich nicht behaupten konnte. "Ich bin Florian." Florian... er ließ den Namen auf der Zunge zergehen. Wunderbar. Ein Name, der zu Weihnachten passte, zu Glühwein, Zimtsternen und auch zu rotem Samt. Er hätte sich keinen besseren Namen für den Fremden mit der besonderen Stimme vorstellen können. " Und wer bist du?"
Unwillkürlich musste er grinsen, obwohl die Frage an sich nichts Lustiges hatte. Aber der Ton, in dem sie gestellt worden war, klang so kindlich neugierig, dass er sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte. Florian erinnerte ihn an seinen kleinen Neffen Marcel mit seinem unendlichen Wissensdurst. Warum der Himmel blau, das Gras grün und natürlich die Banane krumm sei, diese und tausend ähnliche Fragen hatte er beantworten müssen, seit Marcel einigermaßen sprechen konnte. Das lag acht Jahre zurück, inzwischen war der " Kleine" zwölf Jahre alt, dem kindlichen Alter längst entwachsen. Nur manchmal war noch ein leichtes Flackern der unschuldigen Neugier zu spüren, von pubertärem Verhalten fast ganz verdrängt.
"Ich bin Leon." Er stellte sich vor, dass Florian befriedigt nickte, aber diese Bewegung konnte er wieder einmal nur ahnen. Was er dagegen sehr deutlich fühlte, war der Körper des anderen, als dieser einen Moment später an ihm entlang glitt. Panik legte sich wie eine Stahlklammer um sein aufgescheuchtes Herz. Wollte Florian einfach gehen? Ihn verlassen? Sollte sein Name eine Art Abschiedsgeschenk, ein Schlusspunkt sein? Aber Florian blieb neben ihm stehen; keine Schritte waren mehr zu hören. "Möchtest du, dass ich dich nach Hause begleite? Der Sturz hat dich doch bestimmt mitgenommen, bei der Treppe! Ich könnte dir helfen. Wenn du willst, natürlich." Ob er wollte? Was für eine Frage. Natürlich wollte er und konnte doch nicht fassen, was gerade mit ihm geschah. "Gerne", stammelte er wie ein frisch verliebter Backfisch, " das wäre wirklich sehr lieb von dir." Um Himmels Willen, hatte er gerade allen Ernstes " lieb" gesagt? Wenn Florian ihn nur aus purem Mitleid begleiten wollte, und ansonsten seit Jahren eine feste Freundin hatte... diese Möglichkeit war ihm noch gar nicht in den Sinn gekommen. Wie konnte man nur so blöd sein! Nach fast dreizehnjähriger Erfahrung als praktizierender Schwuler sollte er sich inzwischen wirklich angewöhnt haben, jeden interessanten Mann erst einmal als Hetero einzustufen. Auf die Art ersparte man sich wenigstens falsche Hoffnungen und gebrochene Herzen. Normalerweise beherzigte er diese Weisheit ja auch, aber an diesem Treffen schien einfach nichts normal zu sein.
Trotz dieses Faux-pas spürte er den Hauch eines warmen Lächelns, der von Florian ausging, als dieser sagte: "Kein Problem, zu Menschen, die ich gern habe, bin ich immer lieb!" " Aber... du kennst mich doch erst seit zwanzig Minuten, wie kannst du mich da schon gern haben?" Er balancierte wieder hoch über einer fernen Schwärze, nicht wissend, ob Florian grundsätzlich mit Floskeln um sich warf oder ob er es wirklich ernst meinte. Fieberhaft versuchte er, die Antwort auf diese Frage mit seinen Sinnen zu erforschen, aber es war zwecklos: So weit er seine unsichtbaren Fühler auch ausstreckte, sich vorsichtig an Florian herantastete, es gelang ihm nicht dessen Absichten zu ergründen. Nicht zum ersten Mal schmerzte ihn der Verlust seiner Sehkraft so sehr, dass seine Lungen zu brennen schienen. Ein abgrundtiefes Gefühl der Verzweiflung überkam ihn. Doch die Rettung war näher als gedacht. Eine samtene Stimme raunte leise in sein Ohr: "Manchmal trifft man eben Leute, von denen man nicht alles wissen muss, um sie gern zu haben. Sagen wir einfach, dass ich dich ins Herz geschlossen habe, weil... weil du ein sehr interessanter Mann bist und ich nun mal ein Faible für solche Männer habe."
Eine kurze Stille senkte sich über sie, während Leon die Worte auf sich wirken ließ. Dann sagte Florian mit einem leisen Zögern in der Stimme: "Ich hoffe, du hast nichts dagegen?" Es dauerte ein wenig, bis Leon, zu dem der Sinn dessen, was er gerade gehört hatte, eben erst durchgedrungen war, wieder von seinem Höhenflug zurückkehrte. Immer noch mit einem federleichten Glücksgefühl in der Magengegend antwortete er schließlich: "Ganz im Gegenteil, mir geht's ja genauso!" Schutzschild und Maske adé, es reichte ihm. Er hatte genug von dem ewigen Versteckspiel und verstand gleichzeitig sich selbst nicht mehr. War er das noch, der seit drei Jahren so auf Unauffälligkeit, auf Abschottung vom Rest der Welt bedachte Leon, der sich ohne seine Augen wie ein halber Mensch vorgekommen war? Es schien so. Florians Stimme hatte ihn schon mehr fühlen lassen, als er je erwartet hätte, warum sollte er ihm dann keinen reinen Wein einschenken? Vielleicht gab es ja wirklich noch Wunder auf dieser Welt, und sie waren ihm nie aufgefallen. Dennoch schrak er zusammen, als eine warme Hand vorsichtig nach seiner eigenen griff, die er auf seinem Knie abgelegt und dort vergessen haben musste. Florians Berührung war wie ein elektrisierender Schlag, der alle Härchen auf seinem Handrücken zum Vibrieren brachte. "Komm, lass uns gehen."



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Eingereicht am 31. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.